Wer schon einmal miterleben musste, wie eine vielversprechende Kartoffelernte oder ein mühsam gepflegtes Salatbeet durchlöchert und zerstört wurde, kennt ihn: den Drahtwurm. Die Larven der Schnellkäfer (Agriotes spp.) gehören zu den hartnäckigsten und gefürchtetsten Bodenschädlingen im heimischen Garten und in der Landwirtschaft. Da der Einsatz von chemischen Bodeninsektiziden im Haus- und Kleingartenbereich aus guten Gründen stark reglementiert oder verboten ist, rücken biologische Alternativen in den Fokus. Eine der faszinierendsten Methoden ist der Einsatz von entomopathogenen (insektenpathogenen) Nematoden. Doch der Drahtwurm ist ein wehrhafter Gegner. Wer hier einfach nur "Gießwasser mit Nützlingen" auf dem Beet verteilt, wird oft enttäuscht. Der erfolgreiche Einsatz von Nematoden gegen den Drahtwurm erfordert ein tiefes Verständnis für die Biologie des Schädlings, die Lebensbedingungen der Fadenwürmer und das exakte Timing der Ausbringung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Schädling: Drahtwürmer sind die Larven des Schnellkäfers und leben 4 bis 5 Jahre im Boden, bevor sie sich verpuppen [1].
- Die Nützlinge: Entomopathogene Nematoden (wie Steinernema- oder Heterorhabditis-Arten) dringen in die Larven ein und töten sie durch symbiotische Bakterien ab [2].
- Die Herausforderung: Der harte Chitinpanzer des Drahtwurms macht das Eindringen für Nematoden schwerer als bei weichen Engerlingen.
- Anwendungsbedingungen: Der Boden muss zwingend feucht sein (Nematoden brauchen einen Wasserfilm zur Fortbewegung) und die Bodentemperatur muss je nach Nematodenart über 10 °C bis 12 °C liegen [2][3].
- Lichtempfindlichkeit: Nematoden sind extrem UV-empfindlich und sollten nur abends oder bei bedecktem Himmel ausgebracht werden [3].

Warum der Drahtwurm ein so schwerer Gegner für Nematoden ist
Um zu verstehen, wie man Nematoden gegen den Drahtwurm einsetzt, muss man zunächst den Schädling selbst betrachten. Drahtwürmer sind keine Würmer im biologischen Sinne, sondern die Larven verschiedener Schnellkäfer-Arten. Sie zeichnen sich durch einen namensgebenden, drahtartig harten, gelb-bräunlichen Chitinpanzer aus. Ihre Entwicklung im Boden dauert außergewöhnlich lange: Ganze vier bis fünf Jahre fressen sie sich durch das Wurzelwerk von Pflanzen, bevor sie sich im Spätsommer verpuppen [1].
Dieser harte Chitinpanzer ist das erste große Hindernis für biologische Gegenspieler. Während Nematoden bei weichhäutigen Larven (wie den Engerlingen des Dickmaulrüsslers oder des Gartenlaubkäfers) relativ leicht über die Haut oder natürliche Körperöffnungen eindringen können, bietet der Drahtwurm eine stark gepanzerte Angriffsfläche. Die Nematoden müssen gezielt die Atemöffnungen (Stigmen), den Mund oder den After der Larve finden, um in das Innere zu gelangen [2].
Das zweite Hindernis ist das vertikale Wanderverhalten des Drahtwurms. Die Larven sind extrem feuchtigkeits- und temperaturempfindlich. Bei Trockenheit im Hochsommer oder bei Frost im Winter ziehen sie sich in tiefere Bodenschichten (oft bis zu 60 cm tief) zurück. In diesen Tiefen sind sie für Nematoden, die meist in den oberen 10 bis 15 Zentimetern des Bodens appliziert werden, unerreichbar. Ein Nematodeneinsatz ist daher nur dann sinnvoll, wenn sich die Drahtwürmer in der obersten Bodenschicht aufhalten – typischerweise im feuchten Frühjahr (April/Mai) oder im Frühherbst (September/Oktober).
Wirkungsweise: Wie Nematoden den Drahtwurm im Boden bekämpfen
Entomopathogene Nematoden sind mikroskopisch kleine Fadenwürmer (meist zwischen 0,3 und 1 Millimeter lang), die im Boden leben und sich aktiv auf die Suche nach Wirtsinsekten machen [2]. Für die Bekämpfung von Bodeninsekten werden vor allem Arten der Gattungen Steinernema (z. B. Steinernema feltiae, Steinernema carpocapsae) und Heterorhabditis (z. B. Heterorhabditis bacteriophora) eingesetzt.
Der Tötungsmechanismus ist ein faszinierendes Beispiel für Symbiose in der Natur: Die Nematoden selbst töten den Drahtwurm nicht direkt. Sie fungieren vielmehr als "Taxi" für hochspezialisierte Bakterien, die sie in ihrem Darmtrakt tragen. Sobald ein Nematode eine Drahtwurmlarve gefunden hat und durch eine Körperöffnung eingedrungen ist, gibt er diese Bakterien in die Blutbahn (Hämolymphe) des Insekts ab [2].
Diese Bakterien vermehren sich explosionsartig und produzieren Toxine, die das Immunsystem des Drahtwurms ausschalten und ihn innerhalb von 24 bis 72 Stunden abtöten. Gleichzeitig zersetzen die Bakterien das Gewebe der Larve in eine nährstoffreiche "Suppe", die den Nematoden als Nahrung dient. Im Inneren des toten Drahtwurms vermehren sich die Nematoden nun über mehrere Generationen. Wenn die Nahrungsressource erschöpft ist, verlassen Tausende neuer, infektiöser Dauerlarven den Kadaver und machen sich im Bodenfeuchtigkeitsfilm auf die Suche nach neuen Opfern [4].
Wichtiger Hinweis zur Erwartungshaltung
Aufgrund der Widerstandsfähigkeit des Drahtwurms erreichen Nematoden hier selten die extrem hohen Wirkungsgrade (oft über 80-90 %), die man bei der Bekämpfung von Trauermücken oder Dickmaulrüsslern erzielt. Ein realistisches Ziel beim Drahtwurm ist die Dezimierung der Population auf ein Maß, das den wirtschaftlichen oder optischen Schaden an den Kulturen (wie Kartoffeln) auf ein Minimum reduziert. Eine 100%ige Ausrottung ist im Freiland kaum möglich.

Die essenziellen Umweltbedingungen für den Nematodeneinsatz
Nematoden sind lebende Organismen. Wenn sie per Post in einem Tonpulver oder Gel geliefert werden, befinden sie sich in einem Ruhestadium. Sobald sie in Wasser aufgelöst und ausgebracht werden, sind sie den Umweltbedingungen im Garten schutzlos ausgeliefert. Die Einhaltung der folgenden Parameter entscheidet über Erfolg oder Misserfolg der Behandlung.
1. Die absolute Notwendigkeit von Bodenfeuchtigkeit
Nematoden können sich im Boden nicht "graben" wie ein Regenwurm. Sie schwimmen. Um sich fortzubewegen und Wirtsinsekten aufzuspüren, benötigen sie zwingend einen feinen Wasserfilm in den Bodenporen [5]. Ist der Boden zu trocken, erstarren die Nematoden und sterben rasch ab. Ist der Boden hingegen komplett wassergesättigt (Staunässe), fehlt der Sauerstoff, und die Nematoden ersticken.
Die Regel lautet: Die zu behandelnde Fläche muss vor der Ausbringung gut durchdringend gewässert werden. Nach der Ausbringung muss der Boden für mindestens zwei bis vier Wochen konstant feucht (aber nicht nass) gehalten werden [2]. Dies ist der Zeitraum, in dem die Nematoden aktiv jagen und sich in den Wirtslarven vermehren.
2. Das kritische Temperaturfenster
Die Aktivität der Nematoden ist stark temperaturabhängig. Verschiedene Arten haben unterschiedliche Temperaturansprüche:
- Heterorhabditis bacteriophora: Benötigt eine Bodentemperatur von mindestens 12 °C, um aktiv jagen zu können [2]. Fällt die Temperatur darunter, fallen die Tiere in eine Kältestarre.
- Steinernema feltiae: Ist etwas kältetoleranter und wird bereits ab ca. 8 °C bis 10 °C aktiv [3]. Studien zeigen jedoch, dass die höchste Infektionsrate und Mortalität der Schädlinge bei Temperaturen zwischen 15 °C und 25 °C erreicht wird [4].
3. UV-Strahlung: Der unsichtbare Feind
Nematoden besitzen keinen Schutz gegen ultraviolette Strahlung. Direktes Sonnenlicht tötet sie innerhalb kürzester Zeit ab [3]. Daher ist es ein fataler Fehler, Nematoden an einem sonnigen Vormittag auszubringen. Die Applikation muss zwingend in den späten Abendstunden, in der Dämmerung oder an einem stark bewölkten, regnerischen Tag erfolgen. Nach dem Ausgießen der Nematodenlösung sollte die Fläche sofort noch einmal leicht überbraust werden. Das spült die Fadenwürmer von den Blättern der Pflanzen hinunter in den schützenden Boden [2].

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Nematoden gegen Drahtwürmer richtig ausbringen
Die korrekte Ausbringungstechnik ist entscheidend, um die mikroskopisch kleinen Helfer unbeschadet an ihren Einsatzort zu bringen. Gehen Sie wie folgt vor:
- Vorbereitung der Fläche: Lockern Sie die Bodenoberfläche leicht auf, damit das Wasser gut eindringen kann. Wässern Sie das Beet am Vorabend oder einige Stunden vor der Behandlung ausgiebig.
- Anmischen der Stammlösung: Nematoden werden meist in einem Tonmineral-Pulver geliefert. Lösen Sie den gesamten Packungsinhalt in einem Eimer mit 2 bis 5 Litern handwarmem Wasser (ca. 15-20 °C, niemals eiskalt oder heiß!) auf [2]. Rühren Sie die Mischung gut durch und lassen Sie sie einige Minuten quellen.
- Verdünnen für die Gießkanne: Nehmen Sie nun einen Teil dieser Stammlösung und geben Sie ihn in Ihre Gießkanne. Füllen Sie die Kanne mit Wasser auf. Das genaue Mischungsverhältnis entnehmen Sie der Packungsbeilage (meist reicht eine Packung mit 10 Millionen Nematoden für ca. 20 Quadratmeter).
- Filter entfernen: Ganz wichtig: Entfernen Sie alle feinen Siebe und Filter aus der Gießkanne oder dem Sprühgerät. Die Öffnungen sollten mindestens 1 mm groß sein, da die Nematoden sonst im Filter hängen bleiben und zerquetscht werden [3].
- Ausbringen unter Rühren: Nematoden sind schwerer als Wasser und sinken schnell zu Boden. Rühren Sie die Lösung in der Gießkanne während des Ausbringens immer wieder auf, damit sich die Tiere gleichmäßig auf der Fläche verteilen [2].
- Einwaschen: Gießen Sie die behandelte Fläche sofort nach der Applikation mit klarem Wasser nach. So spülen Sie Nematoden, die auf Blättern oder an der Bodenoberfläche hängen geblieben sind, in die Poren des Bodens.
Pro-Tipp: Der Kartoffel-Trick zur Befallskontrolle
Bevor Sie teure Nematoden kaufen, sollten Sie prüfen, ob sich die Drahtwürmer aktuell in der obersten Bodenschicht befinden. Schneiden Sie rohe Kartoffeln in dicke Scheiben und graben Sie diese ca. 5 bis 10 cm tief in das Beet ein. Markieren Sie die Stellen mit einem Stöckchen. Graben Sie die Scheiben nach 3 bis 4 Tagen wieder aus. Sind Drahtwürmer in den Kartoffeln zu finden, ist der perfekte Zeitpunkt für den Nematodeneinsatz gekommen!
Kombinierte Strategien: Nematoden allein reichen oft nicht
Da der Drahtwurm, wie bereits erwähnt, durch seinen Chitinpanzer gut geschützt ist, sollte der Nematodeneinsatz immer als Teil einer integrierten Bekämpfungsstrategie gesehen werden. Folgende Maßnahmen ergänzen die biologische Bekämpfung ideal:
- Bodenbearbeitung: Regelmäßiges Hacken und Fräsen des Bodens, besonders im Frühjahr und Herbst, bringt die Larven und Puppen an die Oberfläche. Dort vertrocknen sie oder werden von Vögeln gefressen.
- Fruchtfolge anpassen: Drahtwürmer lieben die Wurzeln von Gräsern. Ein Umbruch von Wiesen oder altem Rasen führt im Folgejahr fast immer zu massivem Drahtwurmbefall bei Kartoffeln oder Erdbeeren [1]. Vermeiden Sie den Anbau von anfälligen Kulturen direkt nach einem Wiesenumbruch.
- Kalkstickstoff: Eine Düngung mit Kalkstickstoff im zeitigen Frühjahr hat eine leicht ätzende Nebenwirkung auf Bodeninsekten und kann den Drahtwurmdruck senken. Achtung: Kalkstickstoff und Nematoden dürfen nicht gleichzeitig angewendet werden! Warten Sie nach der Düngung mindestens 4 bis 6 Wochen, bevor Sie Nematoden ausbringen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Nematoden meine Pflanzen oder Haustiere gefährden?
Nein. Entomopathogene Nematoden sind hochspezialisiert auf bestimmte Insektenlarven. Für Pflanzen, Menschen, Haustiere und auch für Regenwürmer sind sie und ihre symbiotischen Bakterien völlig ungefährlich.
Wie lange sind Nematoden nach der Lieferung haltbar?
Nematoden sind lebende Tiere und sollten idealerweise sofort nach Erhalt ausgebracht werden. Im Kühlschrank (bei ca. 4 bis 8 °C) können sie in der ungeöffneten Originalverpackung meist noch einige Tage bis maximal wenige Wochen gelagert werden. Das genaue Verfallsdatum steht auf der Packung.
Warum hat die Nematodenbehandlung bei mir nicht gewirkt?
Die häufigsten Fehlerquellen sind: Der Boden war zu trocken, die Bodentemperatur war zu niedrig, die Ausbringung erfolgte bei praller Sonne (UV-Schaden), oder die Drahtwürmer befanden sich zum Zeitpunkt der Behandlung in zu tiefen Bodenschichten.
Kann ich Nematoden zusammen mit Dünger ausbringen?
Es wird empfohlen, Nematoden nur in reinem Wasser auszubringen. Chemische Düngemittel, insbesondere stark salzhaltige oder ätzende Dünger, können die empfindliche Haut der Fadenwürmer schädigen. Halten Sie einen zeitlichen Abstand von mindestens zwei Wochen zu chemischen Düngungen ein.
Überwintern die Nematoden im Gartenboden?
Die meisten kommerziell erhältlichen Nematodenarten (wie Steinernema feltiae oder Heterorhabditis bacteriophora) überstehen mitteleuropäische Frostperioden im Boden nur sehr schlecht. Sie etablieren sich in der Regel nicht dauerhaft und müssen bei erneutem Befall im Folgejahr neu ausgebracht werden.
Fazit
Der Einsatz von Nematoden gegen den Drahtwurm ist eine umweltschonende und ökologisch sinnvolle Methode, um diesen hartnäckigen Bodenschädling in die Schranken zu weisen. Auch wenn der Drahtwurm durch seinen Chitinpanzer und sein Wanderverhalten schwerer zu bekämpfen ist als andere Larven, kann eine gezielte Applikation zum richtigen Zeitpunkt (Frühjahr oder Frühherbst) den Befallsdruck massiv senken. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der strikten Einhaltung der Umweltbedingungen: Ausreichende Bodenfeuchtigkeit, passende Bodentemperaturen und absoluter Schutz vor UV-Strahlung während der Ausbringung sind nicht verhandelbar. Werden diese Parameter beachtet und mit ackerbaulichen Maßnahmen wie einer angepassten Fruchtfolge kombiniert, lässt sich die Ernte von Kartoffeln, Möhren und Salaten auch ohne chemische Keule erfolgreich schützen.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Höhn, H. & Stäubli, A. (o.J.). Nematoden und Bodenschädlinge an Erdbeeren. Merkblatt 019. Agroscope Changins-Wädenswil ACW.
- Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. (o.J.). Biologischer Pflanzenschutz mit Nützlingen. Merkblatt 10.
- Koller, M. (2004). Trauermücken: Empfehlungen zur Regulierung. Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Bestellnummer 1335.
- Erbaş, Z. et al. (2014). Isolation and identification of entomopathogenic nematodes from the Eastern Black Sea region and their biocontrol potential against Melolontha melolontha larvae. Turkish Journal of Agriculture and Forestry, 38: 187-197.
- Matheis, M. et al. (2023). Anwendung von insektenpathogenen Nematoden gegen Drosophila suzukii. Mitteilungen Klosterneuburg 73: 21–29.