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Drahtwürmer in Kartoffeln: Schadbild, Vorbeugung & Bekämpfung
April 14, 2026 Patricia Titz

Drahtwürmer in Kartoffeln: Schadbild, Vorbeugung & Bekämpfung

Für Kartoffelbauern ist es ein gefürchtetes Bild bei der Ernte: Äußerlich makellos wirkende Knollen weisen plötzlich kleine, kreisrunde Löcher auf, die tief ins Innere der Kartoffel reichen. Der Verursacher ist meist der Drahtwurm, die im Boden lebende Larve des Schnellkäfers (Agriotes spp.). Da die Fraßgänge die Knollen für den Speisekartoffelmarkt oft völlig wertlos machen und Eintrittspforten für Fäulniserreger bilden, drohen massive finanzielle Einbußen. Weil wirksame chemische Bodeninsektizide in den letzten Jahren fast vollständig vom Markt verschwunden sind, stehen Landwirte vor einer enormen Herausforderung. Dieser Artikel beleuchtet tiefgreifend, wie Drahtwürmer in Kartoffeln agieren, welche spezifischen Risikofaktoren den Befall fördern und mit welchen ackerbaulichen sowie biologischen Strategien sich die Ernte heute noch schützen lässt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Schadbild: 2 bis 4 mm große, kreisrunde Löcher und tiefe Fraßgänge in der Kartoffelknolle, oft gefüllt mit braunen Exkrementen.
  • Lebenszyklus: Die Larvenentwicklung dauert 3 bis 5 Jahre. Es gibt zwei Hauptfraßphasen: im Frühjahr und im Spätsommer (Abreife der Kartoffel).
  • Hauptrisiko Wiesenumbruch: In den ersten drei Jahren nach dem Umbruch von mehrjährigen Kunst- oder Dauerwiesen ist das Befallsrisiko für Kartoffeln extrem hoch (> 50 %).
  • Verwechslungsgefahr: Drahtwurmschäden werden oft mit Drycore (verursacht durch Rhizoctonia solani) oder Schneckenfraß verwechselt.
  • Bekämpfung: Chemische Standardlösungen fehlen. Der Fokus liegt auf Fruchtfolge, flacher Stoppelbearbeitung im Spätsommer, früher Ernte und dem Einsatz entomopathogener Pilze (z. B. Metarhizium brunneum).
Vergleich von Drahtwurm- und Schneckenfraß an Kartoffeln.
Vergleich von Drahtwurm- und Schneckenfraß an Kartoffeln.

Schadbild und wirtschaftliche Bedeutung im Kartoffelanbau

Drahtwürmer (Larven der Familie Elateridae) besitzen einen goldbraunen bis gelben, stark chitinisierten Körper, werden bis zu 3 cm lang und weisen drei Beinpaare am Vorderkörper auf [1]. Während sie in Getreide oft unbemerkt bleiben oder nur leichten Ausfall verursachen, ist ihr Schadpotenzial in Kartoffeln verheerend. Sie fressen sich in die abreifenden Kartoffelknollen ein und hinterlassen runde Löcher mit einem Durchmesser von 2 bis 4 Millimetern. Die Fraßgänge reichen tief in das Gewebe und enthalten häufig braune Exkremente der Larven [1].

Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Schadens ist enorm. Bei befallenen Kartoffelposten werden im Handel strikte Preisabzüge vorgenommen. Überschreitet der Befall bestimmte Toleranzgrenzen (die je nach Land und Abnehmer variieren, oft bei wenigen Prozent liegen), kann die Übernahme der gesamten Ernte verweigert werden [1]. Zudem erleichtern die Verletzungen der Knollenhaut das Eindringen von Sekundärpathogenen. Besonders der Pilz Rhizoctonia solani nutzt diese Wunden, was zur Bildung von sogenanntem Drycore (Trockenkern) führt [1].

Achtung: Verwechslungsgefahr bei der Diagnose

Von außen lassen sich Schadstellen nicht immer eindeutig dem Drahtwurm zuordnen. Schneckenfraß oder isolierte Drycore-Schäden sehen oft ähnlich aus. Ein sicheres Diagnosemittel ist das Aufschneiden der Kartoffel: Findet sich ein tiefer, röhrenförmiger Gang, war es der Drahtwurm. Schnecken verursachen eher flächige, unregelmäßige Aushöhlungen von außen [1].

Der Lebenszyklus des Drahtwurms im Kartoffelacker

Um den Drahtwurm in Kartoffeln effektiv zu regulieren, muss man seinen mehrjährigen und stark witterungsabhängigen Lebenszyklus verstehen. In Mitteleuropa sind vor allem der Saatschnellkäfer (Agriotes lineatus), der Humusschnellkäfer (A. obscurus) und der Salatschnellkäfer (A. sputator) von Bedeutung [2].

Eiablage und Larvenentwicklung

Die erwachsenen Schnellkäfer fliegen von April bis Juli. Die Weibchen legen ihre Eier bevorzugt in dichte, feuchte Pflanzenbestände ab – klassischerweise in Wiesen, Weiden oder stark verunkrautete Äcker [2]. Aus den Eiern schlüpfen nach wenigen Wochen die Larven, die in den folgenden 3 bis 5 Jahren bis zu 15 Larvenstadien durchlaufen [1]. Erst im letzten Entwicklungsjahr richten sie den massivsten Schaden an, da ihr Nahrungsbedarf dann am höchsten ist.

Die zwei kritischen Fraßphasen

Drahtwürmer wandern vertikal im Bodenprofil. Bei Trockenheit im Hochsommer oder Kälte im Winter ziehen sie sich in tiefere Schichten (bis zu 60 cm) zurück, wo sie monatelang ohne Nahrung überdauern können [1]. Für den Kartoffelanbau ergeben sich daraus zwei hochgefährliche, oberflächennahe Fraßphasen:

  1. Frühjahr (März bis Mai): Sobald sich der Boden erwärmt und ausreichend feucht ist, kommen die Larven nach oben. Hier schädigen sie das Pflanzgut und die jungen Wurzeln der Kartoffelpflanze.
  2. Spätsommer/Herbst (September bis Oktober): Wenn nach der Sommertrockenheit die ersten ergiebigen Niederschläge fallen, steigen die Drahtwürmer wieder in den Wurzelhorizont auf. Dies ist die gefährlichste Phase für Kartoffeln, da die Larven nun direkt in die abreifenden, stärkereichen Knollen fressen [1].
Jahreszeitliche Wanderung von Drahtwürmern im Kartoffelacker.
Jahreszeitliche Wanderung von Drahtwürmern im Kartoffelacker.

Risikofaktoren: Wann ist der Kartoffelanbau besonders gefährdet?

Nicht jeder Acker ist gleichermaßen von Drahtwürmern bedroht. Die Flugfähigkeit der weiblichen Schnellkäfer ist stark eingeschränkt (oft nur wenige hundert Meter), weshalb Befallsgebiete, sogenannte "Drahtwurmlagen", über Jahre hinweg relativ konstant bleiben [1]. Folgende Faktoren treiben das Risiko für Kartoffeln in die Höhe:

1. Der Wiesenumbruch (Das Hauptrisiko)

Mehrjährige Kunstwiesen oder Dauergrünland bieten dem Schnellkäfer ideale Bedingungen für die Eiablage: Der Boden ist ungestört, feucht und dicht bewachsen. Werden solche Flächen umgebrochen und direkt oder im Folgejahr mit Kartoffeln bestellt, ist ein Totalschaden fast vorprogrammiert. Daten aus der Schweiz zeigen: Das Risiko für Drahtwurmschäden liegt bei über 50 %, wenn Kartoffeln direkt nach einem Wiesenumbruch folgen. Wartet man hingegen drei Jahre nach dem Umbruch mit dem Kartoffelanbau, sinkt das Risiko auf unter 8 % [1].

2. Bodenart und Feuchtigkeit

Drahtwürmer bevorzugen humus- und tonreiche, schwere Böden, die Feuchtigkeit gut halten. Auf leichten, sandigen und humusarmen Böden trocknen die Eier und Junglarven schnell aus, weshalb das Befallsrisiko hier deutlich geringer ist [1]. Zudem begünstigt eine künstliche Bewässerung im Kartoffelbau die Fraßaktivität der Larven auch im Hochsommer, da sie nicht in tiefere Schichten abwandern müssen [3].

Drahtwurm-Befallsrisiko bei Kartoffeln nach dem Wiesenumbruch.
Drahtwurm-Befallsrisiko bei Kartoffeln nach dem Wiesenumbruch.

Vorbeugende und kulturtechnische Maßnahmen

Da direkte Bekämpfungsmittel fehlen, ist der Kartoffelanbau auf ein striktes Management der Flächen angewiesen. Ziel ist es, die Population über die Jahre hinweg so stark zu dezimieren, dass sie unterhalb der wirtschaftlichen Schadschwelle bleibt.

Fruchtfolgegestaltung

Auf gefährdeten Parzellen sollte in den ersten zwei bis drei Jahren nach einem Wiesenumbruch strikt auf Kartoffeln verzichtet werden [1]. Stattdessen sollten Kulturen angebaut werden, die eine intensive Bodenbearbeitung erfordern oder weniger anfällig sind. Günstige Vorfrüchte für Kartoffeln in Drahtwurmlagen sind Eiweißerbsen, Ackerbohnen oder Brassicaceen (z. B. Gelbsenf als Gründüngung) [1]. Kleegras als Fruchtfolgeglied sollte auf diesen Flächen vermieden werden [3].

Gezielte Bodenbearbeitung

Jede Bodenbearbeitung bringt Eier, Junglarven und Puppen an die Oberfläche, wo sie durch UV-Strahlung, Austrocknung oder Fressfeinde (Vögel, Laufkäfer) vernichtet werden. Am effektivsten ist eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August/September), idealerweise einige Tage nach einem Niederschlag, wenn die Drahtwürmer oberflächennah aktiv sind [1]. Bei extremer Hitze und Trockenheit ist diese Maßnahme jedoch wirkungslos, da die Larven dann zu tief im Boden sitzen [2].

Sortenwahl und Erntezeitpunkt

Ein sehr effektiver Hebel im Kartoffelbau ist das Ausweichen vor der herbstlichen Fraßphase. Der Anbau von frühen Kartoffelsorten ermöglicht eine rechtzeitige Ernte im Sommer, bevor die Drahtwürmer im September wieder in die oberen Bodenschichten aufsteigen [1]. Voraussetzung ist eine ausreichende Schalenfestigkeit. Ab Juli sollten Landwirte den Befall durch regelmäßige Probegrabungen überwachen, um den Erntetermin optimal abzustimmen.

Praxis-Tipp: Befallsprognose mit Köderfallen?

Oft wird empfohlen, halbierte Kartoffeln oder Getreide-Köder im Frühjahr einzugraben, um den Drahtwurmbesatz zu prüfen. Für den professionellen Kartoffelanbau gelten diese Köderfallen jedoch als zu wenig zuverlässig. Einerseits können schon geringe Populationen hohe Schäden anrichten, andererseits bleiben Knollen manchmal trotz vieler Drahtwürmer verschont, wenn die Bodenbedingungen (z.B. ausreichend alternative Feuchtigkeitsquellen) ein Eindringen in die Knolle nicht erzwingen [1]. Dennoch helfen sie, ein generelles Gefühl für das Vorhandensein des Schädlings auf einer Parzelle zu bekommen.

Direkte Bekämpfung: Status Quo und biologische Alternativen

Die direkte Bekämpfung von Drahtwürmern in Kartoffeln ist ein massives Problem. In der Vergangenheit wurden starke Insektizide (wie Fipronil oder Chlorpyrifos) eingesetzt. Versuche zeigten, dass Fipronil (ausgebracht in der Zwischenfrucht vor den Kartoffeln) den Schaden signifikant unter die 7%-Vermarktungsschwelle drücken konnte [5]. Allerdings sind diese Wirkstoffe in der EU und der Schweiz mittlerweile verboten. Aktuell zugelassene chemische Alternativen zeigen oft keine ausreichende Wirkung [5].

Kalkstickstoff und Niem-Produkte

Drahtwürmer bevorzugen tendenziell saure Böden. Das Aufkalken oder die Gabe von Kalkstickstoff (CaCN2) erhöht den pH-Wert leicht und hat in Laborversuchen eine repellente (abschreckende), aber keine toxische Wirkung auf ältere Drahtwürmer gezeigt [3]. In der Praxis bietet Kalkstickstoff allein jedoch keinen ausreichenden Schutz vor Knollenfraß [1]. Auch Versuche mit Niem-Produkten (Azadirachtin) brachten im Freiland keine signifikante Reduktion des Fraßschadens [3].

Entomopathogene Pilze (Metarhizium brunneum)

Die größte Hoffnung im Kartoffelbau ruht derzeit auf der biologischen Bekämpfung mittels insektenpathogener Pilze, insbesondere Stämmen von Metarhizium brunneum (früher M. anisopliae) und Beauveria bassiana. Diese Pilze kommen natürlich im Boden vor. Ihre Sporen haften an der Haut des Drahtwurms, keimen aus, durchwachsen das Insekt und töten es ab [2].

In der Praxis gibt es bereits Produkte (z. B. Attracap), die auf diesem Pilz basieren und in einigen Ländern (wie der Schweiz) Notfallzulassungen für begrenzte Flächen im Kartoffelbau besitzen [1]. Die Herausforderung: Die Pilze wirken oft sehr artspezifisch und benötigen Wochen, um die Population zu dezimieren – Zeit, in der die Drahtwürmer die Kartoffeln bereits schädigen können [2].

Die "Attract-and-Kill" Methode

Um die Effizienz der Pilze zu steigern, wird intensiv an "Attract-and-Kill"-Verfahren geforscht. Dabei werden die Pilzsporen mit Lockstoffen (z. B. pflanzliche Duftstoffe oder künstliche CO2-Quellen wie Hefe-Alginat-Kapseln) kombiniert. Das CO2 imitiert die Atmung von Pflanzenwurzeln und lockt die Drahtwürmer gezielt zu den tödlichen Pilzsporen [2]. Diese Methode gilt als zukunftsweisend, um die Drahtwurmpopulation langfristig in der gesamten Fruchtfolge zu unterdrücken [5].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Woran erkenne ich Drahtwurmschäden an Kartoffeln?

Drahtwürmer fressen 2 bis 4 mm große, kreisrunde Löcher in die Kartoffelknollen. Schneidet man die Kartoffel auf, sieht man tiefe, röhrenförmige Fraßgänge, die oft mit braunen Exkrementen gefüllt sind. Dies unterscheidet sie von oberflächlichem Schneckenfraß.

Wann fressen Drahtwürmer am stärksten an Kartoffeln?

Es gibt zwei Hauptfraßphasen: Im Frühjahr (März bis Mai) an den Wurzeln und dem Pflanzgut, sowie im Spätsommer/Herbst (September bis Oktober). Die Herbstphase ist für Kartoffeln am gefährlichsten, da die Larven dann direkt in die abreifenden Knollen fressen.

Wie lange nach einem Wiesenumbruch darf ich Kartoffeln anbauen?

Nach dem Umbruch von mehrjährigen Wiesen oder Dauergrünland sollte man mindestens 3 Jahre warten, bevor Kartoffeln angebaut werden. In den ersten Jahren danach ist das Risiko für massive Drahtwurmschäden extrem hoch (über 50 %).

Kann man Drahtwürmer in Kartoffeln chemisch bekämpfen?

Aktuell stehen im regulären Anbau kaum noch wirksame chemische Insektizide zur Verfügung, da hochwirksame Mittel wie Fipronil verboten wurden. Die Bekämpfung stützt sich heute auf Fruchtfolge, Bodenbearbeitung und biologische Präparate (Pilze).

Helfen Kalkstickstoff oder Niem-Produkte gegen Drahtwürmer?

Kalkstickstoff hat zwar eine leicht abschreckende (repellente) Wirkung, reicht aber als alleinige Maßnahme nicht aus, um Kartoffeln vor Schäden zu schützen. Auch Niem-Produkte zeigten in Freilandversuchen keine ausreichende Reduktion des Knollenfraßes.

Fazit: Ein Umdenken im Kartoffelbau ist zwingend

Der Drahtwurm bleibt eine der größten Bedrohungen für die Qualität im Kartoffelanbau. Da die chemische Keule der Vergangenheit angehört, müssen Landwirte heute präventiv und strategisch handeln. Die Vermeidung von Kartoffeln direkt nach einem Wiesenumbruch, eine intelligente Fruchtfolge und die gezielte, flache Bodenbearbeitung im Spätsommer bilden das Fundament der Regulierung. Wer zusätzlich auf frühe Sorten setzt und die Ernte vor dem herbstlichen Fraßhöhepunkt einbringt, minimiert das Risiko erheblich. Für die Zukunft ruhen die Hoffnungen auf der Weiterentwicklung biologischer Verfahren wie der Attract-and-Kill-Methode mit insektenpathogenen Pilzen, um den Drahtwurm nachhaltig und umweltschonend in Schach zu halten.

Quellenangaben

  1. swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat, Agroscope, HAFL, Strickhof.
  2. Guyer, A., Baur, B., Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118 / 2020.
  3. Ritter, C., Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Info-Blatt 4/2011, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
  4. AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Schaderreger von A bis Z - Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.).
  5. Agroscope (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen. Agrarforschung Schweiz.

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