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Drahtwürmer Kartoffeln essbar? Alles zu Fraßlöchern & Verzehr
April 14, 2026 Patricia Titz

Drahtwürmer Kartoffeln essbar? Alles zu Fraßlöchern & Verzehr

Wer eigene Kartoffeln im Garten anbaut oder seine Knollen direkt ab Hof beim Bauern kauft, kennt das frustrierende Bild oft nur zu gut: Die Kartoffel sieht von außen eigentlich makellos aus, weist aber plötzlich kleine, kreisrunde Löcher auf. Schneidet man die Knolle auf, ziehen sich dunkle, unappetitliche Gänge tief durch das Fruchtfleisch. Der Übeltäter ist schnell identifiziert: Der Drahtwurm. Doch was bedeutet das für die Ernte? Steht man nun vor der Frage, ob man die mühsam gezogenen Drahtwürmer Kartoffeln essbar machen kann, oder ob die gesamte Charge auf den Kompost wandern muss? Die gute Nachricht vorweg: Ein Drahtwurmbefall macht die Kartoffel nicht per se giftig. Dennoch gibt es bei der Zubereitung und Lagerung entscheidende Dinge zu beachten, um gesundheitliche Risiken durch Sekundärinfektionen auszuschließen und den Geschmack nicht zu verderben.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Grundsätzlich essbar: Kartoffeln mit Drahtwurmfraß sind nicht giftig und können nach großzügigem Ausschneiden der Fraßgänge bedenkenlos verzehrt werden.
  • Gefahr durch Pilze: Die Fraßlöcher dienen als Eintrittspforte für Fäulniserreger und Pilze (z.B. Rhizoctonia solani). Faulige Knollen müssen entsorgt werden.
  • Solanin-Bildung: Rund um die Verletzung bildet die Kartoffel Abwehrstoffe (Solanin). Daher muss das Gewebe um den Gang weiträumig weggeschnitten werden.
  • Keine Lagerfähigkeit: Befallene Kartoffeln faulen schnell und stecken gesunde Knollen an. Sie sollten sofort verbraucht werden.
Anatomie eines Drahtwurmschadens in einer Kartoffel.
Anatomie eines Drahtwurmschadens in einer Kartoffel.

Das Schadbild: Wie erkenne ich Drahtwurmfraß an der Kartoffel?

Um zu beurteilen, ob eine Kartoffel noch zu retten ist, muss man das Schadbild genau verstehen. Drahtwürmer – die Larven verschiedener Schnellkäfer-Arten (Agriotes spp.) – fressen sich in die abreifenden Kartoffelknollen ein [1]. Das typische Schadbild zeigt sich in Form von kreisrunden Löchern mit einem Durchmesser von etwa 2 bis 4 Millimetern [1].

Diese Löcher sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Der eigentliche Schaden liegt im Inneren der Knolle. Die Fraßgänge reichen oft tief in das Gewebe hinein und durchziehen die Kartoffel kreuz und quer. Ein besonders unappetitliches Detail: In diesen Gängen finden sich häufig braune Exkremente der Larven [1]. Manchmal, besonders wenn die Kartoffeln frisch aus der Erde kommen, sitzt der goldgelbe, harte Drahtwurm sogar noch im Fraßgang [4].

Sind Drahtwürmer-Kartoffeln essbar? Die gesundheitliche Perspektive

Die drängendste Frage in der Küche lautet: Ist das gesundheitsschädlich? Die klare Antwort lautet: Nein, der Drahtwurm selbst überträgt keine für den Menschen gefährlichen Gifte in die Kartoffel. Wenn Sie versehentlich ein Stück Kartoffel essen, das von einem Drahtwurm angefressen wurde, droht Ihnen keine Vergiftung. Selbst wenn Sie den Wurm (was extrem unwahrscheinlich und lediglich ein kulinarischer Albtraum ist) mitkochen und verzehren würden, bestünde keine toxische Gefahr.

Dennoch ist die Knolle im Rohzustand an den Fraßstellen nicht mehr für den direkten Verzehr geeignet. Das liegt an zwei wesentlichen biologischen Reaktionen, die durch den Fraß ausgelöst werden:

1. Die Solanin-Abwehrreaktion der Kartoffel

Die Kartoffel ist ein lebender Organismus, der sich gegen Fressfeinde wehrt. Wird die Schale durchbrochen und das Gewebe verletzt, reagiert die Knolle an dieser Stelle mit der verstärkten Produktion von Glykoalkaloiden, insbesondere Solanin [4]. Solanin ist ein natürliches Gift der Nachtschattengewächse, das Insekten abwehren soll. Für den Menschen ist Solanin in höheren Dosen giftig und führt zu Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Kopfschmerzen. Das Gewebe direkt um den Fraßgang herum schmeckt daher oft bitter. Aus diesem Grund reicht es nicht, den Gang nur oberflächlich auszukratzen; das umliegende Gewebe muss großzügig entfernt werden.

2. Sekundärinfektionen durch Pilze und Bakterien

Das weitaus größere Problem beim Drahtwurmfraß ist die Zerstörung der schützenden Kartoffelschale. Die Fraßstellen bilden eine ideale Eintrittspforte für Krankheitserreger aus dem Boden [2]. Besonders gefürchtet ist der Pilz Rhizoctonia solani, der die sogenannte Drycore-Krankheit (Trockenfäule) auslöst. Verletzungen durch den Drahtwurm erleichtern diesem Pilz das Eindringen massiv [1].

Neben Pilzen dringen auch Fäulnisbakterien in die Gänge ein. Wenn die Kartoffel um den Fraßgang herum weich, matschig, schwarz oder übelriechend wird, hat eine bakterielle Nassfäule eingesetzt. In diesem Fall ist die Kartoffel nicht mehr essbar und muss komplett entsorgt werden. Fäulnisgifte (Mykotoxine) können sich im wässrigen Milieu der Kartoffel ausbreiten und werden auch durch Kochen nicht zerstört.

Achtung: Wann die Kartoffel auf den Kompost muss

Schneiden Sie die Kartoffel auf. Wenn das Gewebe um den Drahtwurmgang herum glasig, schmierig, tiefschwarz verfärbt ist oder muffig riecht, entsorgen Sie die gesamte Knolle. Der Fäulnisprozess hat dann bereits die Zellstruktur zerstört und gesundheitsschädliche Stoffe gebildet.

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Verarbeitung befallener Kartoffeln.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Verarbeitung befallener Kartoffeln.

Küchenpraxis: So verarbeiten Sie befallene Kartoffeln richtig

Wenn Sie eine Kiste Kartoffeln mit Drahtwurmschäden haben, ist Handarbeit gefragt. Industriell lassen sich diese Knollen nicht schälen, weshalb sie im Supermarkt aussortiert werden. In der heimischen Küche können Sie die Ernte jedoch mit der richtigen Technik retten.

  1. Waschen und Sichten: Waschen Sie die Kartoffeln gründlich. Nur so erkennen Sie alle 2-4 mm großen Einstichlöcher.
  2. Großzügig schälen: Schälen Sie die Kartoffel wie gewohnt. Oft werden dabei schon flache Fraßgänge freigelegt.
  3. Den Gang verfolgen: Nutzen Sie ein spitzes Gemüsemesser oder einen Sparschäler mit Ausstecher. Schneiden Sie den schwarzen Gang komplett heraus.
  4. Sicherheitsabstand einhalten: Schneiden Sie nicht nur den dunklen Gang weg, sondern nehmen Sie etwa 1 bis 2 Zentimeter des gesunden, hellen Fleisches drumherum mit weg. Dies entfernt eventuell gebildetes Solanin und unsichtbare Pilzsporen.
  5. Bei tiefen Gängen halbieren: Zieht sich der Gang quer durch die ganze Knolle, ist es oft einfacher, die Kartoffel direkt in der Mitte durchzuschneiden. So sehen Sie den Verlauf des Tunnels besser und können ihn von beiden Seiten herausschneiden.
  6. Strenge Qualitätskontrolle: Bleibt nach dem Ausschneiden nur noch ein unförmiges, kleines Stück Kartoffel übrig, oder entdecken Sie Fäulnis, werfen Sie das Stück weg. Der Aufwand lohnt sich hier nicht mehr.

Die so geretteten Kartoffelstücke eignen sich hervorragend für Gerichte, bei denen die Optik der Knolle keine Rolle spielt. Machen Sie daraus Kartoffelpüree, Bratkartoffeln, Kartoffelsuppe oder Rösti. Für Pellkartoffeln oder Salzkartoffeln, die im Ganzen serviert werden, sind sie optisch natürlich nicht mehr geeignet.

Schadbilder an Kartoffeln durch Drahtwurm, Schnecke und Drycore
Schadbilder an Kartoffeln durch Drahtwurm, Schnecke und Drycore

Lagerung: Warum Drahtwurm-Kartoffeln sofort auf den Teller müssen

Ein entscheidender Faktor im Umgang mit Drahtwurmschäden ist die Lagerfähigkeit. Kartoffeln mit Fraßlöchern sind absolut nicht lagerfähig.

Eine intakte Kartoffelschale schützt die Knolle vor dem Austrocknen und vor Krankheitserregern. Die Löcher des Drahtwurms wirken wie offene Wunden. Die Kartoffel "atmet" an diesen Stellen stärker, verliert Feuchtigkeit und schrumpelt. Schlimmer noch: Die bereits erwähnten Fäulnisbakterien haben im feuchten, kühlen Kartoffelkeller leichtes Spiel. Eine einzige faulende Kartoffel mit Drahtwurmschaden kann in einer Kiste schnell die umliegenden, völlig gesunden Kartoffeln anstecken (Nestfäule).

Die Regel lautet daher: Sortieren Sie Ihre Ernte direkt nach dem Einholen. Makellose Kartoffeln kommen ins Lager. Kartoffeln mit Drahtwurmlöchern werden separat gelegt und sollten innerhalb weniger Tage verbraucht werden.

Verwechslungsgefahr: Ist es wirklich der Drahtwurm?

Nicht jedes Loch in der Kartoffel stammt vom Drahtwurm. Bevor Sie die Knolle verarbeiten, sollten Sie sicherstellen, womit Sie es zu tun haben. Von außen können Schadstellen oft nicht eindeutig einem Schaderreger zugeordnet werden [1].

  • Schneckenfraß: Schnecken fressen ebenfalls Löcher in Kartoffeln. Diese sind jedoch meist unregelmäßiger, größer und höhlen die Kartoffel oft von einer Seite her kraterförmig aus, anstatt feine, tiefe Röhren zu graben [1].
  • Drycore (Rhizoctonia solani): Dieser Pilz kann auch ohne vorherigen Drahtwurmfraß kleine, eingesunkene, nekrotische Löcher verursachen, die auf den ersten Blick wie Fraßgänge aussehen [1]. Durch das Aufschneiden der Kartoffel lässt sich die Ursache meist besser bestimmen: Der Drahtwurm hinterlässt einen klaren Tunnel, oft mit Kotresten.
  • Erdraupen: Auch Erdraupen können an Knollen fressen, verursachen aber meist flächigere Fraßstellen am Rand und keine tiefen, millimeterdünnen Bohrgänge.

Warum der Handel Drahtwurm-Kartoffeln rigoros aussortiert

Wenn Sie Kartoffeln im Supermarkt kaufen, werden Sie (hoffentlich) nie einen Drahtwurmschaden finden. Das liegt an den extrem strengen Qualitätsvorgaben des Handels. Für den Landwirt bedeutet ein Drahtwurmbefall einen massiven wirtschaftlichen Schaden.

Gemäß den Übernahmebedingungen für Kartoffelernten (z.B. von swisspatat) werden bei befallenen Posten sofort Preisabzüge gemacht [1]. Bei starkem Befall wird die Übernahme der gesamten Ernte verweigert [1]. In der Praxis liegt die Toleranzgrenze für die Vermarktung oft bei einem Schwellenwert von lediglich 7 % beschädigten Knollen [3]. Liegt der Anteil höher, lässt sich die Ernte kaum mehr als Speisekartoffel verkaufen [3].

Der Grund dafür ist simpel: Der Endverbraucher akzeptiert keine löchrigen Kartoffeln. Zudem ist die industrielle Verarbeitung (z.B. zu Pommes Frites oder Chips) auf makellose Knollen angewiesen. Maschinen können die feinen schwarzen Gänge nicht erkennen und ausschneiden. Ein schwarzer Punkt in der fertigen Pommes Frites führt zu Reklamationen. Daher landen stark befallene Chargen oft in der Biogasanlage oder werden als Tierfutter verwertet – denn für Schweine oder Rinder sind die Drahtwürmer-Kartoffeln problemlos essbar.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Kann man Kartoffeln mit Drahtwurmfraß noch essen?

Ja, Kartoffeln mit Drahtwurmfraß sind essbar. Sie sind nicht giftig. Allerdings müssen die schwarzen Fraßgänge und das umliegende Gewebe vor der Zubereitung großzügig mit einem Messer herausgeschnitten werden.

Was passiert, wenn man aus Versehen einen Drahtwurm mitisst?

Gesundheitlich passiert nichts. Drahtwürmer sind ungiftig und übertragen keine für den Menschen gefährlichen Krankheiten. Es ist lediglich eine unappetitliche Vorstellung. Durch das Kochen werden die Larven ohnehin abgetötet.

Warum schmeckt die Kartoffel um das Fraßloch herum bitter?

Die Kartoffel wehrt sich gegen den Fraßfeind, indem sie an der verletzten Stelle vermehrt das Alkaloid Solanin bildet. Dieses schmeckt bitter und ist in größeren Mengen unbekömmlich. Daher sollte man das Gewebe um den Gang 1-2 cm weiträumig wegschneiden.

Kann ich Drahtwurm-Kartoffeln im Keller einlagern?

Nein. Durch die Fraßlöcher ist die schützende Schale zerstört. Fäulnisbakterien und Pilze dringen leicht ein, wodurch die Kartoffel schnell verfault und gesunde Knollen im Lager anstecken kann. Befallene Knollen sollten sofort verbraucht werden.

Darf ich stark befallene Kartoffeln an Tiere verfüttern?

Ja, in der Landwirtschaft werden stark befallene, nicht mehr vermarktbare Kartoffelchargen häufig als Tierfutter (z.B. für Schweine) verwendet. Solange die Kartoffeln nicht stark verfault oder verschimmelt sind, ist dies unbedenklich.

Fazit: Rettung ist möglich, aber mit Aufwand verbunden

Die Frage, ob Drahtwürmer-Kartoffeln essbar sind, lässt sich mit einem pragmatischen "Ja, aber..." beantworten. Wer die Mühe nicht scheut, die Knollen gründlich zu waschen, zu schälen und die Fraßgänge großzügig herauszuschneiden, kann einen Großteil seiner Ernte vor dem Kompost retten. Wichtig ist dabei absolute Konsequenz: Alles, was faulig riecht, weich ist oder stark verfärbt bleibt, muss aussortiert werden, um gesundheitliche Risiken durch Pilze und Bakterien zu vermeiden. Da befallene Kartoffeln nicht lagerfähig sind, sollten Sie diese direkt nach der Ernte zu leckerem Püree oder Bratkartoffeln verarbeiten – so hat der Drahtwurm am Ende doch nicht gewonnen.

Quellenverzeichnis

  1. swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Informationen zu Schadbild, Verwechslungsgefahr und Übernahmebedingungen.
  2. Agroscope (2020): Merkblatt Nr. 118 / 2020: Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Guyer, A., Baur, B., Grabenweger, G.
  3. Agrarforschung Schweiz (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen. Schwellenwerte für die Vermarktung.
  4. AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.). Biologie, Schadsymptome und Solanin-Zusammenhänge.

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