Für Kartoffelproduzenten gibt es bei der Ernte kaum einen frustrierenderen Anblick: Äußerlich makellos erscheinende Knollen, die bei genauerem Hinsehen von kreisrunden, tief in das Fleisch reichenden Löchern durchbohrt sind. Der Verursacher dieses Schadbildes ist der Drahtwurm, die im Boden lebende Larve des Schnellkäfers (Elateridae). Da in den letzten Jahren zahlreiche chemisch-synthetische Bodeninsektizide ihre Zulassung verloren haben, hat sich der Drahtwurm zu einem der wirtschaftlich bedeutendsten Kartoffelschädlinge entwickelt. Ein tieferes Verständnis seiner Biologie und ein konsequentes, mehrjähriges Flächenmanagement sind heute unerlässlich, um Ertrags- und Qualitätsverluste abzuwenden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Schadbild: 2 bis 4 mm große, kreisrunde Fraßlöcher in der Kartoffelknolle, oft mit braunen Exkrementen gefüllt.
- Entwicklung: Der Lebenszyklus der meisten schädlichen Agriotes-Arten dauert 3 bis 5 Jahre, was eine langfristige Planung der Fruchtfolge erfordert.
- Risikofaktor Wiesenumbruch: In den ersten drei Jahren nach dem Umbruch von mehrjährigen Kunstwiesen ist das Befallsrisiko für Kartoffeln am höchsten.
- Bekämpfung: Direkte chemische Bekämpfungsmittel (wie Fipronil) sind nicht mehr zugelassen. Der Fokus liegt auf biologischen Verfahren (z.B. Metarhizium brunneum) und kulturtechnischen Maßnahmen.

Schadbild und wirtschaftliche Bedeutung im Kartoffelanbau
Drahtwürmer sind extrem polyphag, fressen also an einer Vielzahl von Kulturpflanzen. Während sie bei Getreide oder Mais vor allem als Keimlingsschädlinge auftreten, liegt das Hauptproblem im Kartoffelanbau in der direkten Qualitätsminderung des Ernteguts. Die Larven fressen in die abreifenden Kartoffelknollen runde Löcher mit einem Durchmesser von 2 bis 4 Millimetern [1]. Diese Fraßgänge reichen oft tief in das Innere der Knolle und enthalten nicht selten braune Exkremente der Larven.
Die wirtschaftlichen Folgen sind gravierend: Bei befallenen Kartoffelposten werden empfindliche Preisabzüge vorgenommen. Überschreitet der Anteil beschädigter Knollen die branchenüblichen Toleranzgrenzen (oftmals bei ca. 7 %), kann die Übernahme durch den Handel komplett verweigert werden [5]. Zudem erleichtern die Verletzungen der Knollenhaut das Eindringen von Sekundärerregern. Besonders gefürchtet ist hier der Pilz Rhizoctonia solani, der die sogenannte Drycore-Bildung (Trockenfäule) fördert [1]. In der Praxis besteht zudem eine hohe Verwechslungsgefahr der Drahtwurmschäden mit Schneckenfraß oder primären Drycore-Symptomen, weshalb ein Aufschneiden der Knollen zur genauen Diagnose zwingend erforderlich ist.
Biologie und Lebenszyklus: Warum der Drahtwurm so hartnäckig ist
Um den Drahtwurm effektiv regulieren zu können, muss man seinen mehrjährigen und im Verborgenen ablaufenden Lebenszyklus verstehen. In Mitteleuropa existieren über 150 Schnellkäferarten, von denen jedoch nur etwa 15 bis 20 als pflanzenschädigend gelten [3]. Im Ackerbau dominieren Arten der Gattung Agriotes, insbesondere der Saatschnellkäfer (Agriotes lineatus), der Humusschnellkäfer (Agriotes obscurus) und der Salatschnellkäfer (Agriotes sputator) [2].
Der 3- bis 5-jährige Entwicklungszyklus
Die adulten Schnellkäfer überwintern im Boden und beenden ihre Winterruhe ab Bodentemperaturen von ca. 10 °C. Der Hauptflug findet zwischen Mitte April und Ende Juni statt. Bemerkenswert ist, dass die Flugfähigkeit der Weibchen stark eingeschränkt ist; sie bewegen sich meist krabbelnd in einem engen Radius von wenigen hundert Metern fort [2]. Dies führt zur Bildung konstanter, lokaler "Drahtwurmlagen".
Die Weibchen legen ihre Eier bevorzugt in dichte, feuchte und ungestörte Pflanzenbestände ab – klassischerweise in Wiesen, Weiden oder stark verunkrautete Ackerflächen. Nach 4 bis 6 Wochen schlüpfen die winzigen, zunächst unpigmentierten Junglarven. In den darauffolgenden 3 bis 5 Jahren durchlaufen sie bis zu 15 Larvenstadien [1]. Erst im letzten Entwicklungsjahr verpuppen sie sich im Spätsommer, woraus im Herbst der neue Käfer schlüpft, der wiederum bis zum nächsten Frühjahr im Boden verbleibt.
Achtung: Neue Arten auf dem Vormarsch
Bedingt durch den Klimawandel breiten sich wärmeliebende Arten wie Agriotes sordidus zunehmend nach Norden aus. Diese ursprünglich mediterrane Art zeichnet sich durch einen deutlich kürzeren Lebenszyklus von nur 2 bis 3 Jahren aus und besitzt ein extrem hohes Schadpotenzial, insbesondere in Kartoffeln [4]. Da sich die Populationen hier schneller aufbauen, müssen Monitoring-Konzepte regional angepasst werden.
Aktivitätsphasen der Larven
Drahtwürmer wandern vertikal im Bodenprofil. Bei Trockenheit, Sommerhitze oder tiefen Wintertemperaturen ziehen sie sich in tiefere Bodenschichten zurück, wo sie monatelang ohne Nahrungsaufnahme überdauern können [6]. Schädlich an der Oberfläche werden sie in zwei Hauptaktivitätsphasen:
- Frühjahr (März bis Mai): Wenn sich der Boden erwärmt und ausreichend Feuchtigkeit vorhanden ist.
- Spätsommer/Herbst (September bis Oktober): Wenn die Böden nach Niederschlägen wieder feuchter werden. Diese Phase fällt fatalerweise genau mit der Abreife und Erntezeit der Kartoffeln zusammen [1].

Befallsprognose: Wissen, was im Boden lauert
Eine verlässliche Befallsprognose ist im Kartoffelanbau extrem schwierig, aber für die Anbauplanung essenziell. Es stehen grundsätzlich zwei Methoden zur Verfügung, die jedoch unterschiedliche Aussagen liefern:
1. Pheromonfallen (Käfer-Monitoring)
Mit artspezifischen Pheromonfallen lassen sich die männlichen Schnellkäfer während ihrer Flugzeit anlocken. Dies dient in erster Linie der Bestimmung des Artenspektrums auf einer Fläche (z.B. Erkennung von A. sordidus). Für eine direkte Schadensprognose in der Kultur sind sie jedoch ungeeignet, da die Eiablage der flugträgen Weibchen nicht zwingend am Fallenstandort stattfindet und der eigentliche Larvenschaden erst Jahre später auftritt [2].
2. Köderfallen (Larven-Monitoring)
Um das akute Risiko im Boden abzuschätzen, werden im Frühjahr oder Frühherbst (bei Bodentemperaturen > 15 °C) Köderfallen eingegraben. Dazu nutzt man Becher mit gequollenen Getreidekörnern oder halbierte Kartoffeln. Nach 7 bis 10 Tagen werden die angelockten Drahtwürmer ausgezählt. Findet sich durchschnittlich auch nur ein Drahtwurm pro Falle, gilt das Feld als stark befallen, und vom Kartoffelanbau wird dringend abgeraten [2]. Wichtig: Ein Nullfang bedeutet keine absolute Sicherheit, da die Larven bei ungünstiger Witterung in der Tiefe verbleiben und den Köder ignorieren.

Indirekte und kulturtechnische Regulierungsmaßnahmen
Da kurative (heilende) Eingriffe in den Bestand kaum noch möglich sind, bildet das präventive Flächenmanagement das Rückgrat der Drahtwurmbekämpfung.
Fruchtfolge und Wiesenumbruch
Das höchste Risiko für Drahtwurmschäden besteht in den ersten drei Jahren nach dem Umbruch von Wiesen oder mehrjährigem Kleegras. Analysen von über 300 Kartoffelparzellen in der Schweiz zeigten, dass das Risiko für Schäden bei über 50 % lag, wenn Kartoffeln direkt nach einem Wiesenumbruch folgten. Nach drei Jahren reiner Ackerfruchtfolge sank das Risiko auf unter 8 % [1]. Kartoffeln sollten daher frühestens im dritten, besser im vierten Jahr nach einem Grünlandumbruch angebaut werden.
Gezielte Bodenbearbeitung
Mechanische Bodenbearbeitung kann die Population dezimieren, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Eine flache Stoppelbearbeitung im Hoch- und Spätsommer (August/September), idealerweise kurz nach Niederschlägen, befördert empfindliche Entwicklungsstadien (Eier, Junglarven, Puppen) an die Bodenoberfläche. Dort trocknen sie aus oder werden von natürlichen Gegenspielern (Vögel, Laufkäfer) gefressen [2]. Bei extremer Trockenheit ist diese Maßnahme jedoch wirkungslos, da sich die Larven dann bereits in tieferen Schichten befinden.
Sortenwahl und Erntemanagement
Der Anbau von frühen Kartoffelsorten und eine zeitige Ernte vermindern das Schadensrisiko erheblich. Ziel ist es, die Knollen aus dem Boden zu holen, bevor die Drahtwürmer im September ihre zweite Hauptfraßphase beginnen. Ab Juli sollten gefährdete Bestände durch regelmäßige Probegrabungen überwacht werden [1].
Direkte Bekämpfung: Alternativen nach dem Wegfall der Chemie
In der Vergangenheit wurden Drahtwürmer oft mit Breitbandinsektiziden (z.B. auf Basis von Fipronil oder Chlorpyrifos) bekämpft. Versuche zeigten zwar, dass Fipronil (insbesondere bei Ausbringung im Herbst vor der Kartoffelpflanzung) den Schaden signifikant unter die 7%-Vermarktungsgrenze drücken konnte [5], jedoch sind diese Wirkstoffe aufgrund ihrer Umweltauswirkungen in Europa nicht mehr zugelassen. Die Forschung konzentriert sich daher auf biologische und alternative Präparate.
Insektenpathogene Pilze (Metarhizium spp.)
Der Einsatz von Pilzen, die Insekten befallen, gilt als vielversprechendster Ansatz. Präparate auf Basis von Metarhizium brunneum oder Metarhizium anisopliae (z.B. Attracap) werden bei der Pflanzung als Granulat in die Furche gestreut. Die Idee dahinter ist die "Attract-and-Kill"-Strategie: Das Granulat verströmt CO2 (ähnlich einer atmenden Pflanzenwurzel), lockt den Drahtwurm an und infiziert ihn bei Kontakt mit den Pilzsporen [2].
Die Praxis zeigt jedoch schwankende Erfolge. Die Wirksamkeit hängt stark von der Bodenfeuchtigkeit, der Temperatur und der spezifischen Drahtwurmart ab. In Labor- und Freilandversuchen zeigte der Stamm ART-2825 beispielsweise Wirkungsgrade von bis zu 65 % gegen A. ustulatus, während A. sputator deutlich weniger anfällig war [3]. Eine langfristige Etablierung des Pilzes im Boden über die gesamte Fruchtfolge hinweg wird derzeit als bester Weg erforscht [5].
Kalkstickstoff und Niem-Produkte
In verschiedenen Projekten wurde die Wirkung von Kalkstickstoff (CaCN2) und Niem-Presskuchen untersucht. Beide Substanzen wirken nicht toxisch auf ältere Drahtwurmstadien, zeigen aber in hohen Konzentrationen eine repellente (abschreckende) Wirkung [3]. In der landwirtschaftlichen Praxis des Kartoffelanbaus reicht dieser Vergrämungseffekt jedoch meist nicht aus, um die Knollen bis zur Ernte zuverlässig vor Fraßschäden zu schützen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Woran erkenne ich Drahtwurmschäden an Kartoffeln?
Typisch sind 2 bis 4 mm große, kreisrunde Löcher in der Schale, die tief in die Knolle führen. Oft finden sich im Inneren der Fraßgänge braune Exkremente der Larven.
Wie lange lebt ein Drahtwurm im Boden?
Die Larven der meisten landwirtschaftlich relevanten Schnellkäferarten (Agriotes spp.) verbringen 3 bis 5 Jahre im Boden, bevor sie sich verpuppen. Eingeschleppte Arten wie A. sordidus benötigen nur 2 bis 3 Jahre.
Wann ist das Risiko für Drahtwurmbefall am höchsten?
Das Risiko ist in den ersten drei Jahren nach dem Umbruch von Wiesen, Weiden oder mehrjährigem Kleegras am höchsten, da die Käferweibchen dort bevorzugt ihre Eier ablegen.
Gibt es chemische Spritzmittel gegen Drahtwürmer in Kartoffeln?
Nein, hochwirksame chemisch-synthetische Bodeninsektizide (wie Fipronil oder Chlorpyrifos) haben in der EU und der Schweiz ihre Zulassung verloren. Die Bekämpfung stützt sich auf Fruchtfolge, Bodenbearbeitung und biologische Präparate.
Was ist die Attract-and-Kill Methode?
Hierbei wird ein Granulat ausgebracht, das CO2 ausstößt, um den Drahtwurm anzulocken (Attract). Bei Kontakt infiziert sich die Larve mit Sporen eines insektenpathogenen Pilzes wie Metarhizium brunneum und stirbt ab (Kill).
Fazit
Der Drahtwurm bleibt eine der größten Herausforderungen im modernen Kartoffelanbau. Da die "chemische Keule" der Vergangenheit angehört, ist ein Umdenken hin zu einem integrierten, vorausschauenden System zwingend erforderlich. Die Basis eines erfolgreichen Drahtwurm-Managements liegt in einer intelligenten Fruchtfolgeplanung, die Kartoffeln strikt von Wiesenumbrüchen trennt. Ergänzt durch gezielte Bodenbearbeitung im Spätsommer und den Einsatz früher Sorten lässt sich der Befallsdruck deutlich mindern. Biologische Verfahren wie der Einsatz von Metarhizium-Pilzen stecken teilweise noch in der Optimierungsphase, bieten aber für die Zukunft den vielversprechendsten Baustein für eine nachhaltige Regulierung dieses hartnäckigen Schädlings.
Quellenverzeichnis
- swisspatat (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat.
- Guyer, A., Baur, B. & Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118 / 2020.
- Ritter, C. & Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Info-Blatt 4/2011, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
- Lehmhus, J. & Niepold, F. (2013): New finds of the click beetle Agriotes sordidus (Illiger, 1807) and an overview on its current distribution in Germany. Journal für Kulturpflanzen, 65 (8).
- Bussereau, F. et al. (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen. Agrarforschung Schweiz.
- AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.). Fachinformation Pflanzengesundheit.