Wer im Sommer seinen Garten beobachtet, stößt oft auf ein bizarres Schauspiel: Ameisen laufen emsig an Pflanzenstängeln auf und ab, trommeln mit ihren Fühlern auf Blattläuse ein und scheinen diese fast schon liebevoll zu umsorgen. In der Naturbeobachtung stellt sich dann unweigerlich die Frage: Warum füttern Ameisen Blattläuse eigentlich? Oder ist es vielleicht genau umgekehrt? Diese Beziehung, in der Fachsprache als Trophobiose bezeichnet, ist eines der erfolgreichsten Bündnisse im Tierreich. Doch was oberflächlich wie eine harmonische Wohngemeinschaft aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein hochkomplexes System aus gegenseitiger Abhängigkeit, Schutzdiensten und knallharter Manipulation. In diesem Artikel erfahren Sie alles über die biologischen Hintergründe dieser Symbiose, warum Ameisen ihre „Melkkühe“ sogar gegen Marienkäfer verteidigen und wie Sie dieses Wissen nutzen können, um Ihren Garten gesund zu halten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gegenseitiger Nutzen: Ameisen erhalten zuckerhaltigen Honigtau als Energiequelle, während Blattläuse Schutz vor Fressfeinden genießen [4, 5].
- Schutzfunktion: Ameisen verteidigen Blattläuse aktiv gegen Marienkäfer, Schwebfliegenlarven und Florfliegen [3, 10].
- Hygiene: Durch das Abtränken des Honigtaus verhindern Ameisen die Bildung von Rußtaupilzen, die die Photosynthese der Pflanze stören würden [2, 8].
- Farming-Verhalten: Ameisen transportieren Blattläuse zu frischen Trieben und können sogar deren Flügelbildung unterdrücken, um sie ortsgebunden zu halten [5].
- Gartenmanagement: Eine effektive Blattlausbekämpfung erfordert oft, zuerst die Ameisenstraßen zu unterbrechen [5, 6].
Die Biologie hinter der Symbiose: Was ist Trophobiose?
Um zu verstehen, warum Ameisen Blattläuse „füttern“ oder pflegen, muss man die Ernährungsweise beider Insekten betrachten. Blattläuse (Aphidoidea) ernähren sich von Pflanzensaft, den sie mit ihren spezialisierten Mundwerkzeugen direkt aus den Leitungsbahnen (Phloem) der Pflanzen saugen [3]. Dieser Saft ist extrem reich an Kohlenhydraten (Zucker), enthält aber nur sehr wenig Stickstoffverbindungen (Aminosäuren), die die Laus für ihr Wachstum benötigt [6].
Um genügend Stickstoff zu erhalten, muss die Blattlaus enorme Mengen an Pflanzensaft aufnehmen. Der überschüssige Zucker kann nicht verwertet werden und wird am Hinterleib als klebriger, süßer Tropfen ausgeschieden – der sogenannte Honigtau [2, 5]. Genau hier kommen die Ameisen ins Spiel. Für Ameisenvölker stellt dieser Honigtau eine hocheffiziente und leicht verfügbare Energiequelle dar. In einem Prozess, den man als „Melken“ bezeichnet, stimulieren Ameisen die Läuse durch Betasten mit ihren Antennen, woraufhin diese bereitwillig einen Tropfen Honigtau abgeben [4].
Der Honigtau als „Währung“
Honigtau ist weit mehr als nur Abfall. Er enthält neben verschiedenen Zuckerarten wie Saccharose, Glucose und Fructose auch wertvolle Vitamine und Mineralstoffe [1, 3]. Für viele Ameisenarten deckt der Honigtau bis zu 90 % ihres Energiebedarfs. Da die Blattläuse den Honigtau kontinuierlich produzieren, fungieren sie für die Ameisen wie lebende Tankstellen im Garten [5].
Ein einzelnes Ameisenvolk kann pro Saison mehrere Kilogramm Honigtau sammeln. Ohne die Ameisen würde der klebrige Saft die Blätter der Pflanze überziehen und die Ansiedlung von schädlichen Pilzen begünstigen [2].
Warum Ameisen Blattläuse wie Bodyguards beschützen
Die Ameisen „bezahlen“ für den Honigtau mit einer Dienstleistung, die für das Überleben der Blattläuse entscheidend ist: Schutz. Blattläuse sind weichhäutige, langsame Insekten mit kaum nennenswerten Verteidigungsmechanismen gegen Fressfeinde [3, 5]. Ohne Ameisen wären sie eine leichte Beute für eine Vielzahl von Räubern.
Abwehr von Marienkäfern und anderen Räubern
Marienkäfer (Coccinellidae) gelten als die Erzfeinde der Blattläuse. Eine einzige Marienkäferlarve kann während ihrer Entwicklung hunderte Läuse vertilgen [5, 6]. Ameisen patrouillieren jedoch ständig in der Nähe ihrer Läusekolonien. Sobald sich ein Marienkäfer oder eine Schwebfliegenlarve nähert, greifen die Ameisen aggressiv an. Sie beißen den Eindringling oder besprühen ihn mit Ameisensäure, bis dieser die Flucht ergreift [3, 10].
Studien zeigen, dass Blattlauskolonien, die von Ameisen bewacht werden, deutlich schneller wachsen und eine geringere Sterblichkeit aufweisen als unbewachte Kolonien [3, 4]. Die Ameisen gehen dabei so weit, dass sie sogar die Eier von Nützlingen wie Florfliegen zerstören, um eine spätere Bedrohung im Keim zu ersticken [6].
Schutz vor Parasitoiden
Neben großen Räubern gibt es winzige Feinde: Schlupfwespen (Aphidiidae). Diese legen ihre Eier direkt in den Körper der Blattlaus. Die daraus schlüpfende Larve frisst die Laus von innen auf, bis nur noch eine leere Hülle, eine sogenannte „Blattlausmumie“, übrig bleibt [5, 6]. Ameisen können diese winzigen Wespen oft rechtzeitig vertreiben und so den Befall der Kolonie reduzieren [3].
Die dunkle Seite der Symbiose: Manipulation und Kontrolle
Obwohl die Beziehung oft als klassischer Mutualismus (beidseitiger Vorteil) beschrieben wird, gibt es Anzeichen dafür, dass Ameisen ihre Partner auch manipulieren. Es ist im Interesse der Ameisen, dass die Blattläuse an Ort und Stelle bleiben und nicht wegfliegen oder zu anderen Pflanzen abwandern.
- Flügelstutzen: Es wurde beobachtet, dass Ameisen die Flügel von geflügelten Blattläusen abbeißen, um deren Abwanderung zu verhindern [5].
- Chemische Beruhigung: Ameisen sondern über ihre Füße chemische Substanzen ab, die die Blattläuse ruhiger und weniger beweglich machen. Diese Pheromone wirken fast wie ein Beruhigungsmittel, das die Läuse an die Ameisenstraße bindet [1, 4].
- Unterdrückung der Flügelbildung: Durch die ständige Anwesenheit der Ameisen und die hohe Stickstoffversorgung der Pflanze (oft durch Düngung gefördert) produzieren die Läuse weniger geflügelte Nachkommen, was die Kolonie stabil hält [6, 7].

Hygienemanagement: Ameisen als Müllabfuhr
Ein oft übersehener Aspekt ist die Hygiene innerhalb der Blattlauskolonie. Wenn Honigtau nicht abtransportiert wird, sammeln sich die klebrigen Tropfen auf den Blättern und auf den Läusen selbst an. Dies hat zwei fatale Folgen:
- Verkleben: Die Blattläuse können in ihren eigenen Ausscheidungen verkleben und sterben [5].
- Rußtaupilze: Auf dem zuckerhaltigen Belag siedeln sich schnell Rußtaupilze an. Diese bilden einen schwarzen Belag, der das Sonnenlicht blockiert und so die Photosynthese der Pflanze massiv beeinträchtigt [2, 8].
Indem Ameisen den Honigtau direkt an der Quelle aufnehmen, fungieren sie als hocheffiziente Reinigungskraft. Dies hält die Kolonie gesund und sorgt dafür, dass die Wirtspflanze länger überlebt, was wiederum die Nahrungsgrundlage für die Läuse sichert [2, 3].
Ein starker Ameisenverkehr an einer Pflanze ist fast immer ein Indikator für einen massiven Blattlausbefall. Wenn Sie Ameisen sehen, die in Reih und Glied einen Baumstamm hochlaufen, sollten Sie die Blattunterseiten und jungen Triebe kontrollieren [2].
Ameisen als „Viehzüchter“: Transport zu neuen Weiden
Ameisen verhalten sich oft wie menschliche Viehzüchter. Wenn eine Pflanze durch den Saugstress der Läuse geschwächt wird oder die Qualität des Pflanzensafts nachlässt, greifen Ameisen ein. Sie nehmen Blattläuse vorsichtig in ihre Mandibeln und transportieren sie zu frischen, saftigen Trieben derselben oder einer benachbarten Pflanze [5].
Einige Ameisenarten gehen sogar noch weiter: Sie nehmen Blattlauseier oder junge Läuse mit in ihren Ameisenbau, um sie dort sicher über den Winter zu bringen. Im Frühjahr werden die Läuse dann wieder auf die passenden Wirtspflanzen „ausgesetzt“ [2, 5]. Dieses Verhalten stellt sicher, dass die Ameisen jedes Jahr aufs Neue eine zuverlässige Honigtauquelle zur Verfügung haben.
Praktische Tipps: Was bedeutet das für die Blattlausbekämpfung?
Wenn Sie Blattläuse in Ihrem Garten bekämpfen möchten, müssen Sie die Ameisen in Ihre Strategie einbeziehen. Da Ameisen die natürlichen Feinde der Blattläuse vertreiben, funktionieren biologische Bekämpfungsmethoden (wie das Aussetzen von Marienkäferlarven) oft nur unzureichend, solange Ameisen die Kolonie bewachen [5, 6].
Strategie 1: Ameisenstraßen unterbrechen
Bei Obstbäumen und größeren Sträuchern ist der Einsatz von Leimgürteln (sticky bands) extrem effektiv. Der Leimgürtel wird um den Stamm gelegt und verhindert, dass Ameisen die Krone erreichen. Ohne den Schutz der Ameisen haben Marienkäfer, Florfliegen und Schlupfwespen leichtes Spiel und dezimieren die Blattlauspopulation oft innerhalb weniger Tage auf ein natürliches Maß [5, 10].
Strategie 2: Stickstoffdüngung reduzieren
Pflanzen, die übermäßig mit Stickstoff gedüngt werden, produzieren besonders weiches Gewebe und einen sehr zuckerreichen Saft. Dies lockt Blattläuse magisch an und führt zu einer explosionsartigen Vermehrung [6, 8]. Verwenden Sie stattdessen organische Langzeitdünger und vermeiden Sie mineralische Schnellzüchter.
Strategie 3: Nützlinge fördern
Schaffen Sie Lebensräume für die Feinde der Blattläuse. Blühende Pflanzen wie Klatschmohn, Kornblumen oder spezielle Blühmischungen locken Schwebfliegen und Schlupfwespen an [6]. Wenn die Ameisen durch Leimgürtel ferngehalten werden, können diese Nützlinge ihre volle Wirkung entfalten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Fressen Ameisen auch Blattläuse?
Ja, gelegentlich fressen Ameisen ihre „Melkkühe“, besonders wenn die Kolonie zu groß wird oder wenn das Ameisenvolk einen erhöhten Bedarf an Protein (Eiweiß) hat, zum Beispiel für die Aufzucht der Brut [5].
2. Schadet der Honigtau der Pflanze direkt?
Der Honigtau selbst ist nicht giftig, aber er verklebt die Spaltöffnungen der Blätter und dient als Nährboden für Rußtaupilze, welche die Photosynthese behindern und die Pflanze schwächen [2, 8].
3. Helfen Hausmittel wie Backpulver gegen Ameisen an Pflanzen?
Backpulver ist im Garten eher kritisch zu sehen, da es den pH-Wert des Bodens verändern kann. Effektiver ist es, die Ameisen durch Barrieren (Leim) fernzuhalten oder stark riechende Kräuter wie Minze oder Lavendel zu pflanzen, die Ameisen meiden.
4. Warum haben manche Blattläuse Flügel und andere nicht?
Geflügelte Formen entstehen meist bei Übervölkerung oder wenn die Pflanze abstirbt, um neue Wirtsplanzen zu besiedeln. Ameisen versuchen oft, diese Flügelbildung durch chemische Signale zu unterdrücken [3, 5].
5. Sind Ameisen also Schädlinge?
Nicht direkt. Ameisen sind nützliche Bodenlockerer und Jäger anderer Schädlinge. Problematisch werden sie im Garten vor allem durch die Förderung von Blattlauskolonien an Kulturpflanzen [2].

Fazit
Die Antwort auf die Frage „Warum füttern Ameisen Blattläuse?“ ist ein faszinierendes Beispiel für die Effizienz der Natur. Es handelt sich um eine strategische Partnerschaft: Die Ameise investiert Schutz und Pflege und erhält dafür eine hochkalorische Belohnung in Form von Honigtau. Für den Gärtner bedeutet dieses Wissen, dass eine erfolgreiche Bekämpfung von Blattläusen immer zweigleisig fahren muss. Wer nur die Läuse bekämpft, aber die Ameisen gewähren lässt, wird oft erleben, dass die Kolonien schnell wieder aufgebaut werden.
Nutzen Sie mechanische Barrieren wie Leimgürtel und fördern Sie die natürliche Artenvielfalt in Ihrem Garten. Wenn das Gleichgewicht zwischen Räubern und Beute stimmt und die Ameisen nicht mehr als Bodyguards fungieren können, regelt die Natur den Blattlausbefall meist von ganz allein. Beobachten Sie Ihren Garten genau – die Ameisenstraße ist Ihr bester Frühwarnsensor!
Quellenverzeichnis
- Van Emden, H. F. (2017): Integrated pest management of aphids. In: Aphids as Crop Pests, 2nd edition. CABI, pp. 533-544.
- Nova Scotia Department of Environment and Labour (2001): Garden Aphid Prevention & Control Fact Sheet.
- Sandhi, R. & Reddy, G. V. P. (2021): Biology, Ecology, and Management Strategies for Pea Aphid in Pulse Crops. Journal of Integrated Pest Management, 11(1).
- Van Den Berg, M. et al. (2016): The influence of odour, taste and nutrients on feeding behaviour and food preferences. Appl. Anim. Behav. Sci. 184, 41–50.
- University of California (2013): Pest Notes: Aphids. Publication 7404, Statewide Integrated Pest Management Program.
- Strickhof (2022): Blattläuse in vielen Freilandgemüsekulturen auf dem Vormarsch. Fachwissen Gemüsebau.
- Chen, J. (2024): Editorial: Aphids as plant pests: from biology to green control technology. Frontiers in Plant Science.
- Lu, W. N. & Kuo, M. H. (2008): Life table and heat tolerance of Acyrthosiphon pisum. Entomol. Sci. 11: 273–279.
- Nelson, E. H. & Rosenheim, J. A. (2006): Encounters between aphids and their predators. Entomol. Exp. Appl. 118: 211–219.
- Dreistadt, S. H. et al. (2004): Pests of Landscape Trees and Shrubs: An Integrated Pest Management Guide. Univ. Calif. Agric. Nat. Res. Publ. 3359.
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