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Können Erdflöhe fliegen? Alles über Flugverhalten & Schutz
April 23, 2026 Patricia Titz

Können Erdflöhe fliegen? Alles über Flugverhalten & Schutz

Wer schon einmal Radieschen, Rucola oder Kohl in seinem Garten angebaut hat, kennt das frustrierende Bild: Die zarten Keimblätter sind plötzlich übersät mit winzigen, runden Löchern, als hätte jemand mit einer winzigen Schrotflinte darauf geschossen. Nähert man sich den Pflanzen, springen winzige, oft metallisch glänzende Käfer blitzschnell davon. Dieses Verhalten hat ihnen den Namen "Erdflöhe" eingebracht. Doch der Name führt in die Irre, denn es handelt sich keineswegs um Flöhe, sondern um Käfer. Und das wirft bei vielen Gärtnern und Landwirten eine entscheidende Frage auf, besonders wenn es um die Abwehr geht: Können Erdflöhe fliegen? Die kurze Antwort lautet: Ja, sie können. Doch die Details ihres Flugverhaltens, wann sie fliegen und wie sie dabei ihre Wirtspflanzen aufspüren, sind faszinierend und entscheidend für eine erfolgreiche Schädlingsbekämpfung.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Flugfähigkeit: Erdflöhe (Phyllotreta spp.) sind voll entwickelte Käfer und besitzen unter ihren harten Deckflügeln funktionstüchtige Hautflügel. Sie können definitiv fliegen.
  • Springen vs. Fliegen: Das Springen dient als reiner Fluchtreflex bei unmittelbarer Gefahr. Das Fliegen wird für längere Strecken, die Migration im Frühjahr und die Partnersuche genutzt.
  • Temperaturabhängigkeit: Erdflöhe benötigen Wärme zum Fliegen. Unter 15 °C sind sie träge, ihre Hauptflugzeit liegt an warmen, trockenen Tagen.
  • Orientierung: Sie finden ihre Wirtspflanzen (Kreuzblütler) im Flug durch das Erschnüffeln von Senfölglykosiden (wie Allylisothiocyanat) und artspezifischen Aggregationspheromonen.
  • Schutzmaßnahmen: Da sie fliegen können, müssen Kulturschutznetze (Maschenweite max. 0,8 mm) lückenlos im Boden verankert werden, um einen Zuflug von oben und der Seite zu verhindern.
Anatomie des Erdflohs mit Sprungbeinen und Flügeln.
Anatomie des Erdflohs mit Sprungbeinen und Flügeln.

Die Anatomie des Erdflohs: Flügel unter dem Panzer

Um zu verstehen, wie sich Erdflöhe fortbewegen, müssen wir einen kurzen Blick auf ihre biologische Einordnung werfen. Erdflöhe gehören zur Familie der Blattkäfer (Chrysomelidae) und dort zur Unterfamilie der Flohkäfer (Alticinae). In Mitteleuropa sind vor allem Arten der Gattung Phyllotreta von Bedeutung, wie der Große Gelbstreifige Kohlerdfloh (Phyllotreta nemorum) oder der Schwarze Kohlerdfloh (Phyllotreta atra) [1].

Wie alle Käfer besitzen Erdflöhe einen stark chitinisierten Körperpanzer. Ihr vorderes Flügelpaar ist zu harten Deckflügeln (Elytren) umgebildet. Diese Deckflügel dienen dem Schutz des Hinterleibs und der darunterliegenden, empfindlichen Strukturen. Wenn ein Erdfloh auf einem Blatt sitzt, sieht man nur diese harte Schale. Doch darunter verborgen liegt das zweite Flügelpaar: die häutigen, transparenten Alae. Diese Hautflügel sind deutlich größer als die Deckflügel und werden in Ruhestellung aufwendig zusammengefaltet. Will der Erdfloh fliegen, öffnet er die harten Deckflügel nach oben und klappt die Hautflügel aus. Er ist anatomisch also perfekt für den Flugflug ausgestattet.

💡 Wusstest du schon?

Die charakteristischen, stark verdickten Hinterbeine der Erdflöhe beherbergen eine enorme Muskulatur und ein spezielles Sprunggelenk, das Energie wie eine Feder speichert. Dies ermöglicht ihnen Sprünge, die das Hundertfache ihrer eigenen Körperlänge betragen können [1].

Springen vs. Fliegen: Wann Erdflöhe welche Taktik nutzen

Wenn Erdflöhe fliegen können, warum sehen wir sie dann fast immer nur springen? Die Antwort liegt im Energieaufwand und im Zweck der jeweiligen Fortbewegungsart.

Das Springen: Der Notfall-Schleudersitz

Das Springen ist ein reiner Verteidigungsmechanismus. Nähert sich ein Fressfeind (oder die Hand des Gärtners), registriert der Erdfloh die Erschütterung oder den Schattenwurf. In Bruchteilen einer Sekunde löst er den Sprungmechanismus seiner Hinterbeine aus. Dieser Vorgang geht viel schneller, als erst die Deckflügel zu öffnen und die Hautflügel zu entfalten. Der Sprung katapultiert den Käfer unkontrolliert aus der Gefahrenzone. Es ist eine Fluchtreaktion, keine gezielte Reise.

Das Fliegen: Die gezielte Reise

Der Flug hingegen ist ein bewusster, gerichteter Vorgang. Fliegen kostet Insekten enorm viel Energie. Erdflöhe nutzen ihre Flügel daher nicht, um von einem Blatt zum nächsten zu hüpfen, sondern für strategische Distanzen. Dies geschieht vor allem in drei Szenarien:

  1. Der Frühlingsflug: Nach der Überwinterung in Hecken, Gehölzen oder der Streuschicht müssen die Käfer im Frühjahr neue Nahrungsquellen finden [1]. Diese Distanzen von Waldrändern zu landwirtschaftlichen Feldern oder Gärten legen sie fliegend zurück.
  2. Feldwechsel: Wenn eine Wirtspflanze abstirbt, abgeerntet wird oder die Population zu dicht wird, fliegen die Käfer auf, um neue, unbesiedelte Felder zu suchen.
  3. Partnersuche und Aggregation: Erdflöhe fliegen aktiv Duftstoffquellen an, um sich zur Paarung und zur gemeinsamen Nahrungsaufnahme zu sammeln.

Navigation im Flug: Wie Erdflöhe ihre Wirtspflanzen finden

Dass Erdflöhe exzellente Flieger sind, zeigt sich an ihrer Fähigkeit, Wirtspflanzen über weite Strecken zielsicher anzufliegen. Sie fliegen nicht blind umher, sondern folgen einer unsichtbaren Duftspur in der Luft.

Erdflöhe sind auf Kreuzblütler (Brassicaceae) spezialisiert. Diese Pflanzen (wie Kohl, Raps, Senf, Rucola) produzieren als Abwehrmechanismus gegen Fraßfeinde sogenannte Glucosinolate. Wenn die Pflanze verletzt wird, spaltet ein Enzym diese Stoffe auf, und es entstehen flüchtige Isothiocyanate (Senföle), wie beispielsweise Allylisothiocyanat (AITC) [2]. Während diese scharfen Senföle die meisten Insekten abschrecken, haben sich Erdflöhe im Laufe der Evolution daran angepasst. Mehr noch: Sie nutzen den Geruch von AITC im Flug als Wegweiser zu ihrer Leibspeise.

Der Pheromon-Lockruf aus der Luft

Wissenschaftliche Feldversuche haben eindrucksvoll bewiesen, wie gezielt Erdflöhe fliegen können. Forscher untersuchten das Verhalten des Gestreiften Erdflohs (Phyllotreta striolata). Sie fanden heraus, dass männliche Erdflöhe, sobald sie eine gute Futterpflanze gefunden haben und fressen, spezifische Aggregationspheromone (wie das Sesquiterpen (6R,7S)-himachala-9,11-dien) in die Luft abgeben [2].

In Kombination mit dem Pflanzenduft (AITC) entsteht ein unwiderstehlicher Cocktail. In Feldexperimenten wurden Fallen in 50 Zentimetern Höhe aufgestellt und mit diesen synthetischen Pheromonen bestückt. Das Ergebnis: Die fliegenden Erdflöhe wurden in großen Mengen aus der Umgebung angelockt und flogen zielsicher in die hoch hängenden Fallen [2]. Dies beweist nicht nur, dass sie fliegen, sondern auch, dass sie problemlos Flughöhen von einem halben Meter und mehr erreichen, um Duftquellen zu lokalisieren.

Temperaturabhängiges Flugverhalten von Erdflöhen im Überblick.
Temperaturabhängiges Flugverhalten von Erdflöhen im Überblick.

Wetter und Temperatur: Die Startbedingungen für den Erdfloh-Flug

Obwohl sie fliegen können, tun sie es nicht immer. Insekten sind wechselwarm (poikilotherm), ihre Körpertemperatur und damit ihre Aktivität hängt direkt von der Umgebungstemperatur ab. Die Flugmuskulatur der Erdflöhe benötigt eine gewisse Betriebstemperatur, um zu funktionieren.

Agrarwissenschaftliche Beobachtungen zeigen klare Grenzen auf: Bei Temperaturen unter 15 °C ist die Frasstätigkeit und vor allem die Flugaktivität der Erdflohkäfer stark gehemmt [1]. An kühlen, regnerischen Frühlingstagen bleiben sie meist am Boden oder versteckt in den Blattachseln. Steigt das Thermometer jedoch an, erwacht die Population. Besonders aktiv und flugfreudig sind sie bei trockenem und warmem Wetter. Ab Temperaturen von etwa 20 °C bis 25 °C erreichen sie ihr Aktivitätsmaximum. Interessanterweise kann extreme Hitze (über 27 °C) die Aktivität wieder hemmen, da die kleinen Käfer dann Gefahr laufen, auszutrocknen [1].

Für den Gärtner bedeutet das: Die größte Gefahr eines plötzlichen, massiven Zuflugs von Erdflöhen (der sogenannte "Einflug") besteht an den ersten richtig warmen, sonnigen und trockenen Tagen im April und Mai.

Richtige und falsche Anwendung von Kulturschutznetzen.
Richtige und falsche Anwendung von Kulturschutznetzen.

Flughöhe und Distanz: Was das für Kulturschutznetze bedeutet

Das Wissen um die Flugfähigkeit der Erdflöhe ist der Schlüssel zur erfolgreichen Abwehr. Wer glaubt, Erdflöhe würden nur über den Boden krabbeln oder kurze Sprünge machen, wird bei der Schädlingsbekämpfung scheitern.

Da Erdflöhe fliegen, können sie kleine Barrieren wie Schneckenzäune oder niedrige Beeteinfassungen mühelos überwinden. Wie die Pheromon-Fallen-Experimente gezeigt haben, fliegen sie problemlos auf 50 cm Höhe [2]. In der Luftströmung können sie sich zudem über weite Strecken (mehrere hundert Meter bis Kilometer) treiben lassen, um von ihren Überwinterungsplätzen (Hecken) zu den Raps- oder Gemüsefeldern zu gelangen [1, 3].

Achtung beim Einsatz von Kulturschutznetzen!

Weil Erdflöhe fliegen und gezielt Duftstoffen folgen, reicht es nicht aus, ein Netz nur lose über die Pflanzen zu legen. Die Käfer fliegen das Netz an, landen darauf und suchen krabbelnd nach einem Schlupfloch. Finden sie eine Lücke am Boden, schlüpfen sie hindurch. Daher gilt:

1. Maschenweite: Maximal 0,8 x 0,8 mm verwenden [1].
2. Verankerung: Das Netz muss rundherum lückenlos mit Erde eingegraben oder mit Sandsäcken beschwert werden.
3. Zeitpunkt: Das Netz muss vor dem ersten Flug (also vor dem Auflaufen der Saat oder direkt nach dem Pflanzen) angebracht werden. Sind die Käfer bereits eingeflogen, sperrt man sie unter dem Netz ein, wo sie sich bei idealem Mikroklima massenhaft vermehren.

Wirtschaftliche Bedeutung des Erdfloh-Flugs in der Landwirtschaft

In der professionellen Landwirtschaft, insbesondere beim Anbau von Sommerraps (Spring Oilseed Rape), ist der Flug der Erdflöhe ein gefürchtetes Ereignis. Da die Käfer aus den Überwinterungsquartieren gezielt in die jungen Rapsbestände einfliegen, kann der Befallsdruck innerhalb weniger warmer Tage extrem ansteigen.

Studien zur wirtschaftlichen Schadensschwelle (Economic Injury Level) zeigen, wie kritisch dieser Zuflug ist. Wenn die Käfer einfliegen und die Keimblätter (Cotyledonen) der jungen Rapspflanzen anfressen, sinkt die Photosyntheseleistung drastisch. Forscher haben berechnet, dass bereits ein Blattflächenverlust von 11 % an den Keimlingen ausreicht, um wirtschaftliche Einbußen zu verursachen, die den Einsatz von Insektiziden rechtfertigen [3]. Da Erdflöhe in großen Schwärmen fliegen und durch Aggregationspheromone weitere Artgenossen anlocken [2], kann diese 11%-Schwelle bei warmem Wetter innerhalb von 24 bis 48 Stunden überschritten werden. Die Flugfähigkeit macht den Erdfloh also zu einem hochdynamischen und schwer berechenbaren Schädling.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Können Erdflöhe wirklich fliegen?

Ja, Erdflöhe sind voll entwickelte Käfer. Unter ihren harten, sichtbaren Deckflügeln besitzen sie zusammengefaltete, transparente Hautflügel, mit denen sie weite Strecken fliegen können, um neue Nahrungsquellen zu erschließen.

Warum springen Erdflöhe meistens, anstatt zu fliegen?

Das Springen ist ein blitzschneller Fluchtreflex, der bei Gefahr (z. B. Erschütterung oder Schatten) ausgelöst wird. Das Ausklappen der Flügel für den Flug dauert länger und kostet mehr Energie. Fliegen wird daher primär für die gezielte Migration und Partnersuche genutzt.

Wie hoch können Erdflöhe fliegen?

Erdflöhe fliegen meist in Bodennähe, um Wirtspflanzen aufzuspüren. Wissenschaftliche Versuche mit Pheromonfallen haben jedoch gezeigt, dass sie problemlos und gezielt Höhen von 50 cm und mehr anfliegen können.

Fliegen Erdflöhe auch bei Kälte oder Regen?

Nein. Erdflöhe sind wärmeliebend. Bei Temperaturen unter 15 °C sind sie kaum aktiv. Ihre Hauptflugzeit, in der sie massenhaft in Felder und Gärten einfliegen, liegt an warmen, sonnigen und trockenen Tagen im Frühjahr.

Wie schütze ich meine Pflanzen vor fliegenden Erdflöhen?

Der beste Schutz ist ein Kulturschutznetz mit einer Maschenweite von maximal 0,8 mm. Da die Käfer fliegen und krabbeln, muss das Netz vor dem Zuflug angebracht und an den Rändern lückenlos im Boden eingegraben werden.

Fazit

Die Frage "Können Erdflöhe fliegen?" lässt sich mit einem klaren Ja beantworten. Auch wenn ihr Name und ihr markantes Fluchtverhalten uns glauben machen, sie seien reine Springer, sind sie in Wahrheit ausdauernde und zielgerichtete Flieger. Geleitet von Pflanzendüften und Pheromonen nutzen sie warme Frühlingstage, um fliegend neue Lebensräume zu erobern. Für Gärtner und Landwirte bedeutet dieses Wissen: Halbe Maßnahmen reichen nicht. Wer seine Radieschen, seinen Kohl oder Raps schützen will, muss den Luftraum kontrollieren – am besten durch engmaschige, hermetisch abriegelnde Kulturschutznetze, bevor der große Frühlingsflug beginnt.

Quellenangaben

  1. Oelhafen, A. & Vogler, U. (2014). Erdflöhe an Kreuzblütlern (Phyllotreta spp.; Coleoptera: Chrysomelidae). Agroscope Merkblatt Nr. 7 / 2014.
  2. Beran, F., et al. (2016). The Aggregation Pheromone of Phyllotreta striolata (Coleoptera: Chrysomelidae) Revisited. Journal of Chemical Ecology, 42:748–755.
  3. Lundin, O. (2020). Economic Injury Levels for Flea Beetles (Phyllotreta spp.; Coleoptera: Chrysomelidae) in Spring Oilseed Rape. Journal of Economic Entomology, 113(2), 808–813.

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