Es ist der Stoff, aus dem urbane Alpträume gemacht sind: Man betritt nachts schlaftrunken das Badezimmer, schaltet das Licht ein und entdeckt eine große, dunkelbraune Kakerlake, die scheinbar direkt aus dem Abflussrohr oder der Toilettenschüssel gekrochen ist. Für viele Hausbesitzer und Mieter stellt sich in diesem Moment die panische Frage: Können Kakerlaken schwimmen und tatsächlich aus der Toilette kommen? Die beunruhigende, aber wissenschaftlich belegte Antwort lautet: Ja, das können sie. Dieses Phänomen ist kein moderner Mythos, sondern das Resultat faszinierender biologischer Anpassungen und spezifischer infrastruktureller Gegebenheiten in unseren Abwassersystemen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Exzellente Schwimmer: Bestimmte Schabenarten, insbesondere die Amerikanische Schabe, können sich im Wasser mit bis zu 10 cm pro Sekunde fortbewegen.
- Atemtechnik: Kakerlaken können ihre Atemöffnungen (Stigmen) verschließen und so bis zu 40 Minuten unter Wasser überleben.
- Der Weg durchs Rohr: Ein ausgetrockneter Siphon (Geruchsverschluss) ist eine offene Tür. Doch selbst durch wassergefüllte Siphons können große Arten hindurchtauchen.
- Wetter als Auslöser: Starke Regenfälle überfluten die Kanalisation und treiben die Insekten in die höher gelegenen, trockeneren Hausrohre.
- Gesundheitsrisiko: Schaben aus der Kanalisation sind mechanische Vektoren für gefährliche Krankheitserreger wie Salmonellen und E. coli.

Die Anatomie des Überlebens: Wie Kakerlaken schwimmen und tauchen
Um zu verstehen, wie ein terrestrisches Insekt den Weg durch ein wassergefülltes Abflussrohr meistert, muss man einen Blick auf die einzigartige Physiologie der Schaben werfen. Kakerlaken besitzen keine Lungen wie Säugetiere. Sie atmen durch ein Netzwerk von Röhren, die sogenannten Tracheen, welche die Luft direkt zu den Zellen transportieren. Die Öffnungen dieses Systems an der Körperoberfläche nennt man Stigmen.
Wenn eine Kakerlake ins Wasser gerät oder absichtlich taucht, greift ein lebensrettender Reflex: Sie verschließt ihre Stigmen hermetisch. Dadurch wird nicht nur das Eindringen von Wasser in den Körper verhindert, sondern auch der Sauerstoffbedarf drastisch gesenkt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Schaben auf diese Weise bis zu 40 Minuten unter Wasser überleben können, ohne zu ertrinken. Zudem fängt die wachsartige, wasserabweisende (hydrophobe) Beschichtung ihres Exoskeletts winzige Luftbläschen ein, die wie ein winziger Taucheranzug wirken und zusätzlichen Auftrieb sowie einen minimalen Sauerstoffvorrat bieten.
Laut dem Entomologen Dr. Reiner Pospischil sind viele Schabenarten "gute und ausdauernde Schwimmer" [1]. Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana) bewegt sich im Wasser mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit von bis zu 10 Zentimetern pro Sekunde fort [1]. Sie nutzen ihre kräftigen, mit Dornen besetzten Beine wie kleine Ruder, um sich an der Wasseroberfläche oder unter Wasser vorwärts zu schieben.
Welche Schabenarten kommen aus dem Abfluss?
Nicht jede Kakerlake, die in unseren Breitengraden vorkommt, wählt den Weg durch die Toilette. Die weit verbreitete Deutsche Schabe (Blattella germanica) bevorzugt zwar feucht-warme Umgebungen wie Küchen, ist aber selten in der Kanalisation zu finden und meidet tiefe Gewässer [2]. Die wahren "Toilettentaucher" gehören zur Familie der Blattidae.
1. Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana)
Diese Art ist der unangefochtene Spitzenreiter, wenn es um das Eindringen über Abwassersysteme geht. Mit einer Körperlänge von bis zu 44 mm ist sie die größte der nach Mitteleuropa eingeschleppten Schabenarten [3]. Sie bevorzugt warme, feuchte Umgebungen und etabliert stabile Populationen in unterirdischen Abwasserschächten und Fernwärmesystemen [1]. Von dort aus dringen sie nachts in die darüber liegenden Gebäude ein. Ihre Vorliebe für das Kanalsystem hat ihr im englischsprachigen Raum auch den Spitznamen "waterbug" (Wasserkäfer) eingebracht.
2. Die Orientalische Schabe (Blatta orientalis)
Auch bekannt als Gemeine Küchenschabe. Sie ist etwas kältetoleranter als ihre amerikanische Verwandte und besiedelt mit Vorliebe feuchte, kühle Bereiche wie Keller, Abflüsse und die städtische Kanalisation [1, 3]. Da sie im Vergleich zur Deutschen Schabe eine schlechtere Kletterin an glatten, trockenen Wänden ist, bleibt sie meist in Bodennähe und nutzt Rohrsysteme als primäre Fortbewegungswege [3]. Pospischil merkt an, dass diese Art nicht selten sogar in Hallenbädern gefunden wird, was ihre Affinität zu Wasser unterstreicht [1].
Achtung: Verwechslungsgefahr!
Wenn Sie eine Schabe im Badezimmer finden, achten Sie auf die Größe und Farbe. Ist sie sehr groß (3-4 cm) und rotbraun, handelt es sich meist um die Amerikanische Schabe. Ist sie fast schwarz und wirkt etwas gedrungen, ist es die Orientalische Schabe. Beide deuten stark auf ein Problem im Abwassersystem hin.

Der Weg aus der Kanalisation: Wie überwinden sie den Siphon?
Die städtische Kanalisation bietet Schaben ein ideales Habitat: Es ist dunkel, feucht, vor Fressfeinden geschützt und bietet ein unerschöpfliches Nahrungsangebot an organischen Abfällen. Doch wie gelangen sie von dort in ein Badezimmer im dritten Stock?
Das Haupthindernis zwischen der Kanalisation und Ihrem Badezimmer ist der Siphon (Geruchsverschluss). Dieses U-förmige Rohrstück unter Waschbecken, Duschen und in Toiletten ist permanent mit Wasser gefüllt. Es soll verhindern, dass üble Kanalgase in die Wohnung strömen. Für eine Kakerlake stellt dieser Wasserpfropfen folgende Szenarien dar:
- Der ausgetrocknete Siphon: Dies ist der häufigste Grund für das Auftreten von Schaben aus dem Abfluss. In Gäste-WCs, selten genutzten Duschen oder Bodenabflüssen in Heizungskellern verdunstet das Wasser im Siphon über Wochen hinweg. Ist das U-Rohr trocken, haben Schaben freie Bahn und können ungehindert aus der Kanalisation in den Raum spazieren.
- Der wassergefüllte Siphon: Selbst wenn der Siphon funktioniert, ist er für große Arten wie Periplaneta americana kein unüberwindbares Hindernis. Die Schabe klettert das Fallrohr hinauf, stößt auf das Wasser im Siphon, schließt ihre Stigmen und krabbelt (oder taucht) durch die kurze Wasserstrecke hindurch, bis sie auf der anderen Seite in der Toilettenschüssel oder im Waschbecken wieder auftaucht.
Die Rolle des Wetters: Warum Starkregen das Problem verschärft
Ein massiver Anstieg von Sichtungen in Toiletten und Abflüssen korreliert oft mit extremen Wetterereignissen. Bei starken Regenfällen füllen sich die unterirdischen Kanalsysteme rasend schnell mit Wasser. Um nicht weggespült zu werden oder zu ertrinken, flüchten die Millionen von Schaben, die dort leben, in höher gelegene, trockenere Bereiche. Die vertikalen Fallrohre, die zu den Wohnungen führen, sind in diesem Moment die perfekten Fluchtwege. Der hydrostatische Druck und der steigende Wasserspiegel zwingen die Insekten buchstäblich durch die Siphons in die Badezimmer der Anwohner.
Das Gesundheitsrisiko: Was bringen die "Kanal-Taucher" mit sich?
Dass eine Kakerlake aus der Toilette kommt, ist nicht nur ein psychologischer Schock, sondern ein handfestes Hygienerisiko. Im Gegensatz zu Waldschaben, die sich von harmlosem Pflanzenmaterial ernähren, leben synanthrope Schaben in der Kanalisation von Fäkalien, Aas und verrottendem Müll.
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Schaben als mechanische Vektoren für eine Vielzahl von Krankheitserregern fungieren. An ihrer Kutikula (dem Außenskelett) und in ihrem Verdauungstrakt transportieren sie Bakterien, Viren und Pilzsporen direkt aus dem Abwasser auf unsere Badezimmerarmaturen, Zahnbürsten und Handtücher. Zu den nachgewiesenen humanpathogenen Bakterien gehören unter anderem Salmonella spp., Escherichia coli, Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus [1].
Besonders besorgniserregend ist, dass Bakterien der Gattung Salmonella im Verdauungstrakt von Blatta orientalis bis zu sechs Wochen virulent bleiben können [1]. Wenn die Schabe nach ihrem Tauchgang durch die Toilette Kot im Badezimmer absetzt, werden diese Erreger in der häuslichen Umgebung verteilt. Zudem sind die Häutungsreste und der Kot der Tiere hochgradig allergen und gelten in städtischen Gebieten als einer der Hauptauslöser für Asthma [1, 4].

Prävention und Abwehr: So sichern Sie Ihre Rohre
Wenn Kakerlaken über das Abwassersystem eindringen, helfen herkömmliche Insektensprays in der Wohnung nur bedingt, da die Quelle des Übels unangetastet bleibt. Die Bekämpfung erfordert einen infrastrukturellen Ansatz (Integrated Pest Management - IPM) [5].
Praktische Tipps zur Abwehr von Kanal-Schaben
- Siphons feucht halten: Lassen Sie in ungenutzten Gästetoiletten, Badewannen oder Bodenabflüssen mindestens einmal pro Woche für einige Sekunden Wasser laufen. Dies erneuert die Wasserbarriere im Siphon.
- Rückstauklappen installieren: In stark gefährdeten Gebieten (z.B. Erdgeschosswohnungen in alten Stadtvierteln) kann die Installation von Rückstauverschlüssen in den Abflussrohren verhindern, dass Insekten (und Ratten) aus der Kanalisation aufsteigen können.
- Rohrdurchführungen abdichten: Schaben nutzen oft nicht das Innere des Rohrs, sondern den Spalt zwischen dem Rohr und dem Mauerwerk. Dichten Sie alle Rohrdurchbrüche unter Spülen und Waschbecken mit Silikon oder Bauschaum hermetisch ab [2].
- Abfluss-Siebe verwenden: Feinmaschige Metallsiebe über Dusch- und Badewannenabflüssen stellen eine physische Barriere dar, die Kakerlaken nicht durchdringen können.
- Toilettendeckel schließen: Eine einfache, aber effektive Maßnahme für die Nacht. Zwar hält ein normaler Deckel eine entschlossene Schabe nicht immer auf, er erschwert jedoch das Entkommen aus der Schüssel erheblich.
Sollte das Problem regelmäßig auftreten, ist es unerlässlich, die Hausverwaltung oder die städtischen Wasserbetriebe zu informieren. Oftmals muss eine professionelle Schädlingsbekämpfung direkt im städtischen Kanalsystem oder in den Revisionsschächten des Gebäudes durchgeführt werden. Hierbei kommen spezielle Ködergele oder Insektizide zum Einsatz, die für den Einsatz in feuchten Umgebungen konzipiert sind [1, 5]. Es ist wichtig zu beachten, dass Schabenpopulationen Resistenzen gegen bestimmte Insektizide entwickeln können, weshalb professionelle Kammerjäger oft Wirkstoffe rotieren müssen, um eine Tilgung zu erreichen [4].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können alle Kakerlakenarten schwimmen?
Nein, nicht alle. Während die Deutsche Schabe Wasser eher meidet, sind Arten wie die Amerikanische und die Orientalische Schabe exzellente Schwimmer, die sich gezielt in feuchten Kanalsystemen aufhalten.
Wie lange kann eine Kakerlake unter Wasser überleben?
Kakerlaken können ihre Atemöffnungen (Stigmen) verschließen und so bis zu 40 Minuten unter Wasser überleben, ohne zu ertrinken. Dies reicht völlig aus, um durch einen Siphon zu tauchen.
Tötet das Spülen der Toilette die Kakerlake?
Nicht zwingend. Da sie lange die Luft anhalten können und sich gut an Rohrwänden festhalten, überleben viele Kakerlaken den Spülvorgang und können später wieder nach oben klettern.
Warum kommen Kakerlaken gerade bei Regen aus dem Abfluss?
Starker Regen überflutet die unterirdische Kanalisation. Um dem Ertrinken zu entgehen, flüchten die Schaben in die höher gelegenen, trockeneren Abflussrohre von Wohngebäuden.
Was tun, wenn eine Kakerlake in der Toilette ist?
Schließen Sie den Deckel und spülen Sie. Reinigen Sie anschließend die Toilette mit einem desinfizierenden Mittel, da die Tiere Krankheitserreger aus der Kanalisation mitbringen. Prüfen Sie zudem, ob alle Siphons im Haus Wasser führen.
Fazit
Die Vorstellung, dass Kakerlaken schwimmen und aus der Toilette auftauchen können, ist leider kein Mythos, sondern eine biologische Realität. Insbesondere die Amerikanische und die Orientalische Schabe haben sich perfekt an das Leben in unseren Abwassersystemen angepasst. Ihre Fähigkeit, die Luft anzuhalten und durch Wasserbarrieren zu tauchen, macht sie zu hartnäckigen Eindringlingen. Da sie aus der Kanalisation stammen, stellen sie ein ernstzunehmendes Hygienerisiko dar. Der beste Schutz besteht nicht im Einsatz von Insektensprays im Badezimmer, sondern in der konsequenten Wartung der sanitären Anlagen: Halten Sie Siphons stets mit Wasser gefüllt, dichten Sie Rohrdurchbrüche ab und ziehen Sie bei wiederholtem Befall professionelle Schädlingsbekämpfer hinzu, die das Problem an der Wurzel – im Kanalsystem – bekämpfen.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Pospischil, R. (2010). Schaben (Dictyoptera, Blattodea) – Ihre Bedeutung als Überträger von Krankheitserregern und als Verursacher von Allergien. Denisia 30, S. 171-190. Biologiezentrum Linz/Austria.
- Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES). Infoblatt: Allgemeines über Schaben. Oldenburg.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2019). Schaben Information. Regierungspräsidium Stuttgart.
- Fardisi, M., Gondhalekar, A. D., Ashbrook, A. R., & Scharf, M. E. (2019). Rapid evolutionary responses to insecticide resistance management interventions by the German cockroach (Blattella germanica L.). Scientific Reports, 9:8292.
- Ebrahimi, S., Firoozfar, F., Asgaian, T.-S., & Vatandoost, H. (2024). A Review on the Mechanism of Different Insecticide Resistance in German Cockroach (Blattella Germanica) in Worldwide. Biomed J Sci & Tech Res 55(5).
Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.