Zimmerpflanzen gelten oft als die „grüne Lunge“ der Wohnung. In zahlreichen Ratgebern wird behauptet, sie könnten die Luft reinigen und sogar Schimmelpilze aktiv bekämpfen. Doch wer sich intensiv mit der Bauphysik und der Mikrobiologie von Innenräumen beschäftigt, stößt schnell auf eine gegenteilige Realität. In diesem Artikel untersuchen wir das Thema „Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit“ auf Basis wissenschaftlicher Leitfäden und technischer Merkblätter. Wir klären auf, warum Pflanzen in vielen Fällen das Schimmelrisiko sogar erhöhen und unter welchen Bedingungen sie für bestimmte Personengruppen zur echten Gefahr werden können.
\n\nDas Wichtigste auf einen Blick
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- Feuchtigkeitsquelle: Pflanzen geben durch Transpiration große Mengen Wasser an die Raumluft ab, was die relative Luftfeuchtigkeit erhöht [4]. \n
- Nährboden Blumenerde: Die organische Substanz in der Erde ist ein idealer Nährboden für Schimmelpilze wie Aspergillus niger [1]. \n
- Risiko für Kranke: Immunsupprimierte Personen sollten aufgrund der Infektionsgefahr (z. B. Aspergillose) auf Zimmerpflanzen verzichten [3]. \n
- Mythos Luftreinigung: Die Filterleistung von Pflanzen gegenüber Schimmelsporen ist im realen Wohnumfeld vernachlässigbar gering. \n
- Prävention: Hydrokulturen und konsequentes Lüften sind bei Pflanzenbesatz unerlässlich [2]. \n

Die Transpirations-Falle: Warum Zimmerpflanzen das Schimmelrisiko oft erhöhen
\nDer wohl hartnäckigste Mythos ist, dass Pflanzen Schimmel verhindern könnten. Physikalisch gesehen ist meist das Gegenteil der Fall. Schimmelpilze benötigen für ihr Wachstum vor allem eines: Feuchtigkeit. Laut dem WTA-Merkblatt E-6-3 ist eine hohe Feuchteabgabe, beispielsweise durch viele Pflanzen, eine der Hauptursachen für eine zu hohe Feuchtelast in der Innenraumluft [4].
\nPflanzen nehmen Wasser über die Wurzeln auf und geben bis zu 99 % davon über die Blätter wieder an die Umgebung ab (Transpiration). In einem Raum mit vielen großblättrigen Pflanzen kann die relative Luftfeuchtigkeit schnell über die kritische Marke von 70 % bis 80 % steigen. Ab diesem Bereich finden Schimmelpilze auf Bauteiloberflächen, insbesondere an kühlen Außenwänden oder in Raumecken, ideale Wachstumsbedingungen [2].
\nDie Rolle der Bauphysik
\nBesonders in energetisch sanierten, dichten Gebäuden führt der zusätzliche Feuchteeintrag durch Pflanzen ohne ein angepasstes Lüftungskonzept zu Problemen. Wenn die warme, feuchte Luft auf kalte Oberflächen trifft (Wärmebrücken), entsteht Kondensat. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass in unzureichend gedämmten Gebäuden im Winter die Raumluftfeuchte dauerhaft nicht überschritten werden sollte, um Schimmelbefall vorzubeugen [2]. Ein „Dschungel“ im Wohnzimmer kann hier das Zünglein an der Waage sein, das die Feuchtelast in den roten Bereich treibt.
\n\nWarnung für Pflanzenbesitzer
\nStellen Sie große Pflanzen niemals direkt vor eine kühle Außenwand. Dies behindert die Luftzirkulation (Konvektion) und fördert die Bildung von Schimmel hinter der Pflanze, ähnlich wie bei zu dicht an der Wand stehenden Möbeln [2].
\nBlumenerde als Myzel-Reservoir: Wenn der Topf zur Schimmelquelle wird
\nNicht nur die Feuchtigkeit der Luft ist ein Faktor, sondern auch die Pflanze selbst als Substrat. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (LGA) führt Topferde von Zimmerpflanzen explizit als potenzielle Quelle für eine Schimmelpilzbelastung im Innenraum auf [1].
\nIn der organischen Substanz der Blumenerde (Torf, Kompostanteile) finden Pilze reichlich Nahrung. Besonders häufig wird hier Aspergillus niger nachgewiesen. Dieser Pilz tritt laut LGA relativ oft im Hausstaub und eben in der Erde von Zimmerpflanzen auf [1]. Wenn die Erde dauerhaft zu feucht gehalten wird, bildet sich an der Oberfläche oft ein sichtbarer weißlicher oder gräulicher Belag – ein aktives Myzel, das kontinuierlich Sporen in die Raumluft abgibt.
\nVerschleppung durch Hausstaub
\nDiese Sporen sedimentieren als Teil des Hausstaubs auf Oberflächen im gesamten Raum. In einer feuchten Umgebung können diese „Anflugsporen“ dann zu einem aktiven Schaden an Wänden oder Textilien führen, sobald die Feuchtigkeitsbedingungen es zulassen [1]. Somit fungiert die Zimmerpflanze nicht als Filter, sondern als Sporen-Emittent.
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Luftreinigung vs. Sporenflug: Können Pflanzen Schimmelsporen filtern?
\nOft wird die NASA-Studie aus den 80er Jahren zitiert, um zu belegen, dass Pflanzen Schadstoffe aus der Luft filtern. Dabei wird jedoch meist übersehen, dass sich diese Studie primär auf gasförmige Verbindungen (VOCs) in hermetisch abgeriegelten Testkammern bezog. Schimmelsporen sind jedoch Partikel mit einem Durchmesser von meist 2 bis 30 µm [2].
\nEs gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Zimmerpflanzen in einer normalen Wohnung die Konzentration von Schimmelsporen signifikant senken können. Im Gegenteil: Durch die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit schaffen sie oft erst die Bedingungen, unter denen vorhandene Sporen auskeimen können. Das Robert Koch-Institut (RKI) betont, dass Schimmelpilze ubiquitär (überall vorkommend) sind und die Zuordnung zu einer Quelle im Innenraum schwierig ist – Pflanzen sind dabei jedoch eine bekannte und vermeidbare Quelle [3].
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Risikogruppen im Fokus: Warum Pflanzen für Kranke zum Problem werden
\nFür gesunde Menschen ist die Sporenbelastung durch eine moderate Anzahl an Zimmerpflanzen meist unbedenklich. Anders sieht es bei Risikogruppen aus. Das RKI warnt in seiner Mitteilung zur Schimmelpilzbelastung ausdrücklich davor, dass Schimmelpilzinfektionen (Mykosen) opportunistische Infektionen sind, die eine verminderte Abwehrlage erfordern [3].
\nBesonders gefährdet sind:\n
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- Patienten nach Organtransplantationen oder Chemotherapien. \n
- Menschen mit HIV/AIDS. \n
- Personen mit Mukoviszidose oder schweren chronischen Lungenerkrankungen. \n
Profi-Tipp: Hydrokultur statt Erde
\nWenn Sie nicht auf Grün verzichten möchten, nutzen Sie Hydrokulturen. Da hier kein organisches Substrat (Erde) vorhanden ist, wird das Risiko einer Schimmelpilzbildung im Topf massiv reduziert. Dennoch bleibt das Problem der Luftfeuchtigkeit bestehen [2].
\nStrategien für Pflanzenliebhaber: So minimieren Sie das Risiko
\nWer Pflanzen liebt, muss nicht zwangsläufig Schimmel bekommen. Es kommt auf das richtige Management an. Laut Umweltbundesamt sollten in Innenräumen mit bereits erhöhter Luftfeuchtigkeit zusätzliche Feuchtequellen wie viele Zimmerpflanzen vermieden werden [2].
\nWenn Sie Pflanzen halten, beachten Sie folgende Regeln:\n
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- Hygrometer nutzen: Überwachen Sie die Luftfeuchtigkeit. Sie sollte im Winter idealerweise zwischen 40 % und 50 % liegen. Steigt sie durch die Pflanzen dauerhaft über 60 %, müssen Sie gegensteuern [2]. \n
- Richtig Gießen: Vermeiden Sie Staunässe. Gießen Sie erst, wenn die oberste Erdschicht angetrocknet ist. \n
- Lüften: Je mehr Pflanzen Sie haben, desto öfter müssen Sie stoßlüften, um die Feuchtigkeit abzutransportieren [2]. \n
- Erde kontrollieren: Tauschen Sie Erde mit Schimmelbelag sofort aus oder stellen Sie auf mineralische Substrate um. \n
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
\nKönnen bestimmte Pflanzen Schimmelsporen aus der Luft essen?
\nNein, das ist ein Mythos. Pflanzen besitzen keinen Mechanismus, um Schimmelsporen aktiv aus der Luft zu filtern oder zu verwerten. Ihre Wirkung auf das Raumklima ist primär die Erhöhung der Luftfeuchtigkeit.
\nIst weißer Belag auf der Blumenerde immer Schimmel?
\nNicht immer. Es kann sich auch um Kalk- oder Mineralsalzausblühungen durch hartes Gießwasser handeln. Schimmel ist meist flauschig oder pelzig, während Salzablagerungen eher hart und krümelig sind.
\nWelche Pflanzen geben am wenigsten Feuchtigkeit ab?
\nSukkulenten und Kakteen haben einen sehr geringen Wasserbedarf und transpirieren deutlich weniger als großblättrige Tropenpflanzen wie Farne oder Einblatt. Sie sind daher bei Schimmelgefahr die bessere Wahl.
\nWarum warnt das RKI vor Pflanzen bei Immunschwäche?
\nIn der Erde können sich gefährliche Pilze wie Aspergillus fumigatus vermehren. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem können die eingeatmeten Sporen schwere Lungeninfektionen auslösen.
\nFazit
\nDie Antwort auf die Frage „Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit?“ fällt eindeutig aus: Die Vorstellung, Pflanzen seien ein wirksames Mittel gegen Schimmel, ist ein gefährlicher Mythos. In der Realität sind sie oft eine zusätzliche Belastung für das Raumklima und eine potenzielle Quelle für Schimmelpilzsporen. Wer gesund wohnt und richtig lüftet, kann sich an seinem Zimmergarten erfreuen. Doch bei bestehenden Schimmelproblemen oder gesundheitlichen Risiken sollten Pflanzen kritisch hinterfragt und die Anzahl reduziert werden. Achten Sie auf eine kontrollierte Luftfeuchtigkeit und nutzen Sie im Zweifel Hydrokulturen, um das Risiko zu minimieren.
\n\nQuellenverzeichnis
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- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2004): Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement. \n
- Umweltbundesamt (2017): Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden. \n
- Robert Koch-Institut (2007): Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen. \n
- WTA-Merkblatt E-6-3 (2023): Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos. \n

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