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Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit? Die Fakten
April 13, 2026 Philipp Silbernagel

Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit? Die Fakten

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In fast jedem Ratgeber für ein gesundes Raumklima werden sie als Wunderwaffe gepriesen: Zimmerpflanzen. Sie sollen die Luft reinigen, Schadstoffe filtern und sogar Schimmelpilze bekämpfen. Doch wer sich tiefer mit der Bauphysik und der Mikrobiologie von Innenräumen befasst, stößt schnell auf Widersprüche. Während die ästhetische Aufwertung durch Grünpflanzen unbestritten ist, warnen Experten des Umweltbundesamtes und des Robert Koch-Instituts in bestimmten Szenarien sogar ausdrücklich vor einer zu hohen Pflanzendichte. Die Frage lautet also: Sind Pflanzen gegen Schimmel ein hilfreiches Mittel oder ein gefährlicher Mythos, der das Problem durch zusätzliche Feuchtigkeit und organische Substrate erst recht befeuert?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Feuchtigkeitsquelle: Pflanzen erhöhen durch Transpiration die relative Luftfeuchtigkeit, was Schimmelwachstum begünstigen kann [1, 2].
  • Schimmel-Reservoir: Blumenerde ist ein natürliches Habitat für Pilze wie Aspergillus niger [3].
  • NASA-Mythos: Die reinigende Wirkung von Pflanzen ist im Wohnbereich kaum messbar, da die benötigte Pflanzenmenge unrealistisch hoch wäre.
  • Gesundheitsrisiko: Für immunsupprimierte Personen können Zimmerpflanzen eine ernsthafte Infektionsquelle darstellen [4].
  • Diagnostik: Vor Schimmeltests müssen Pflanzen oft entfernt werden, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen [5].
Pflanzen als Feuchtigkeitsquelle im Raum
Pflanzen als Feuchtigkeitsquelle im Raum

Die NASA-Studie: Warum "Luftreinigung" im Wohnzimmer oft ein Trugschluss ist

Der Ursprung des Glaubens an die schimmelbekämpfende Kraft von Pflanzen liegt oft in einer missverstandenen NASA-Studie aus dem Jahr 1989. Die Forscher untersuchten damals, ob Pflanzen in hermetisch abgeriegelten Raumstationen flüchtige organische Verbindungen (VOCs) aus der Luft filtern können. Tatsächlich zeigten Pflanzen wie der Efeu oder das Einblatt eine gewisse Kapazität, Schadstoffe über ihre Blätter und die Mikroorganismen im Wurzelbereich abzubauen.

Das Problem bei der Übertragung auf unsere Wohnungen: Ein durchschnittliches Wohnzimmer ist keine versiegelte Raumkapsel. Der natürliche Luftaustausch durch Fenster und Türen überlagert die Filterleistung der Pflanzen bei weitem. Um einen messbaren Effekt auf die Sporenkonzentration oder chemische Belastungen zu erzielen, müsste man pro Quadratmeter Wohnfläche etwa 10 bis 100 Pflanzen aufstellen. In einer normalen Wohnung würde dies jedoch zu einem massiven Anstieg der Luftfeuchtigkeit führen, was genau das Gegenteil bewirkt: Es schafft ideale Wachstumsbedingungen für Schimmelpilze an den Wänden [2, 6].

Der Transpirations-Effekt: Wie Pflanzen die relative Luftfeuchtigkeit in kritische Bereiche treiben

Schimmelpilze benötigen zum Wachstum vor allem eines: Feuchtigkeit. Laut dem Umweltbundesamt (UBA) genügt eine relative Luftfeuchte von 70 % bis 80 % an der Materialoberfläche, damit Sporen auskeimen können [1]. Hier setzt das größte Risiko von Zimmerpflanzen an. Pflanzen nehmen Wasser über die Wurzeln auf und geben bis zu 99 % davon über die Blätter wieder an die Umgebungsluft ab – ein Vorgang, der als Transpiration bezeichnet wird.

Wissenschaftlicher Fakt: Eine einzige große Zimmerpflanze kann je nach Art und Standort zwischen 100 und 500 ml Wasser pro Tag verdunsten [6]. Bei einer Gruppe von Pflanzen summiert sich dies schnell auf mehrere Liter pro Woche.

In bereits feuchten Wohnungen oder schlecht gedämmten Altbauten mit kalten Außenwänden kann dieser zusätzliche Feuchtigkeitseintrag das Zünglein an der Waage sein. Wenn die warme, feuchte Luft der Pflanzen auf eine kalte Wandoberfläche trifft, steigt dort die relative Feuchte lokal stark an (Taupunktunterschreitung), was Schimmelbildung provoziert [2]. Das WTA-Merkblatt betont daher, dass bei bestehenden Feuchteproblemen die Anzahl der Zimmerpflanzen reduziert werden sollte, um die Feuchtelast zu senken [6].

NASA-Mythos vs. Reales Wohnzimmer
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Aspergillus niger und die Blumenerde: Wenn das Substrat zur Keimschleuder wird

Nicht nur die Feuchtigkeit ist ein Faktor, sondern auch die Pflanze selbst als biologisches System. Blumenerde besteht zu einem großen Teil aus organischem Material – Torf, Kompost oder Holzfasern. Dies ist ein idealer Nährboden für Schimmelpilze. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg weist darauf hin, dass Aspergillus niger (der Schwarzschimmel) besonders häufig in der Erde von Zimmerpflanzen vorkommt [3].

Oft ist der Befall als weißlicher Flaum auf der Erdoberfläche sichtbar. Während dies für gesunde Menschen meist nur ein ästhetisches Problem darstellt, werden bei jedem Gießen oder durch Luftzüge Sporen in die Raumluft gewirbelt. In einem Schimmel-Selbsttest können diese Sporen zu massiven Fehlinterpretationen führen. Silberkraft empfiehlt daher ausdrücklich, Pflanzen 24 Stunden vor einer Probenahme aus den Testräumen zu entfernen, da sie als „natürliche Schimmelquellen“ die Hintergrundbelastung künstlich erhöhen [5].

Hydrokultur als Lösung?

Oft wird geraten, auf Hydrokulturen umzusteigen, um Schimmel in der Erde zu vermeiden. Zwar entfällt hier das organische Substrat, doch auch in Blähton und im stehenden Wasser des Reservoirs können sich Biofilme und Pilze bilden, wenn die Nährstofflösung verunreinigt wird oder abgestorbene Wurzelteile verrotten. Die Feuchtigkeitsabgabe an den Raum bleibt zudem identisch.

Schimmelgefahr für medizinische Risikogruppen
Schimmelgefahr für medizinische Risikogruppen

Medizinische Bedenken: Warum das Robert Koch-Institut zur Vorsicht rät

Die gesundheitliche Bewertung von Schimmel in Innenräumen ist komplex. Das Robert Koch-Institut (RKI) betont, dass Schimmelpilzexpositionen insbesondere für vulnerable Gruppen minimiert werden müssen [4]. Für Personen mit einer ausgeprägten Immunschwäche (z. B. nach einer Chemotherapie oder Organtransplantation) können Zimmerpflanzen sogar lebensgefährlich sein. Das Risiko einer invasiven Aspergillose – einer Infektion der Lunge durch eingeatmete Sporen – ist in Räumen mit Pflanzen deutlich erhöht.

Auch für Allergiker ist die Situation paradox: Während Pflanzen Schadstoffe filtern sollen, können sie selbst Allergene produzieren oder durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit das Wachstum von Hausstaubmilben fördern, die ebenfalls in feuchtem Milieu gedeihen [4]. Die Kommission für Innenraumlufthygiene rät daher dazu, in Schlafräumen von Allergikern und chronisch Kranken auf Pflanzen zu verzichten.

Warnung für Risikogruppen

Patienten mit Mukoviszidose oder schwerem Asthma sollten keine Zimmerpflanzen in ihren primären Aufenthaltsräumen dulden. Die Sporenlast aus der Blumenerde kann Exazerbationen (akute Verschlechterungen) auslösen [4, 7].

Gibt es echte "Anti-Schimmel-Pflanzen"?

Im Internet kursieren Listen von Pflanzen, die Schimmelsporen regelrecht "aufsaugen" sollen. Genannt werden oft:

  • Efeu (Hedera helix): Soll bis zu 78 % der Sporen aus der Luft entfernen.
  • Einblatt (Spathiphyllum): Gilt als Luftbefeuchter und Schadstofffilter.
  • Bogenhanf (Sansevieria): Produziert nachts Sauerstoff.

Die Wirklichkeit sieht nüchterner aus: Zwar können die Blattoberflächen Sporen passiv einfangen (wie jede andere Oberfläche auch), doch die Pflanze "jagt" keine Sporen. Der Effekt ist rein physikalisch und wird durch das Risiko der zusätzlichen Feuchtigkeit meist neutralisiert. Wenn Sie Pflanzen einsetzen möchten, wählen Sie Arten, die wenig Wasser benötigen (Sukkulenten), um die Transpirationsrate gering zu halten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Können Pflanzen Schimmel an der Wand verhindern?

Nein, im Gegenteil. Pflanzen erhöhen durch Verdunstung die Luftfeuchtigkeit, was das Schimmelrisiko an kalten Wänden eher steigert als senkt.

Ist weißer Belag auf der Blumenerde immer Schimmel?

Nicht immer, es können auch Kalk- oder Mineralsalze aus dem Gießwasser sein. Schimmel ist jedoch meist flaumig und weich, während Salzablagerungen hart und krümelig sind.

Welche Pflanzen sind bei Schimmelgefahr am sichersten?

Pflanzen mit geringem Wasserbedarf wie Kakteen oder Bogenhanf sind vorzuziehen, da sie weniger Feuchtigkeit an den Raum abgeben.

Muss ich meine Pflanzen bei einem Schimmelbefall wegwerfen?

Nicht zwingend, aber sie sollten gründlich gereinigt werden, da sich Sporen auf den Blättern absetzen können. Bei sichtbarem Schimmel in der Erde sollte diese ausgetauscht werden.

Fazit: Pflanzen sind Dekoration, kein Sanierungsmittel

Die Vorstellung, dass Pflanzen aktiv gegen Schimmel helfen, ist weitgehend ein Mythos. Zwar besitzen sie theoretische Filterkapazitäten, doch in der Praxis überwiegen die baubyologischen Nachteile durch erhöhte Luftfeuchtigkeit und potenzielle Keimquellen in der Erde. Wenn Sie ein Schimmelproblem haben, ist die Ursachenklärung (Lüftungsverhalten, Dämmung, Leckagen) gemäß den Leitfäden des Umweltbundesamtes der einzige wirksame Weg [1, 6]. Pflanzen sollten als ästhetische Bereicherung betrachtet werden, deren Anzahl jedoch strikt an die Fähigkeit des Raumes angepasst sein muss, die entstehende Feuchtigkeit durch Lüften abzuführen.

Haben Sie den Verdacht, dass Ihre grünen Mitbewohner oder ein verdeckter Schaden Ihre Gesundheit belasten? Nutzen Sie einen professionellen Schimmeltest, um Klarheit über die tatsächliche Sporenlast in Ihrer Raumluft zu gewinnen – und denken Sie daran, die Pflanzen vor dem Test kurzzeitig aus dem Raum zu entfernen!

Quellen:

    Umweltbundesamt (2017): Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden.
  1. WTA Merkblatt E-6-3 (2023): Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos.
  2. Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2004): Schimmelpilze in Innenräumen - Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement.
  3. Robert Koch-Institut (2007): Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen.
  4. Silberkraft XXL Raumluft Schimmeltest Ratgeber: Vorbereitung und Durchführung des Sedimentationsverfahrens.
  5. WTA Merkblatt 6-2 (2014): Simulation wärme- und feuchtetechnischer Prozesse.
  6. TRBA 460: Einstufung von Pilzen in Risikogruppen.

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