In vielen Ratgebern liest man, dass Zimmerpflanzen wahre Wunderwaffen gegen Schimmel seien. Sie sollen die Luft reinigen, Sporen filtern und das Raumklima verbessern. Doch wer sich tiefer mit der Bauphysik und Mikrobiologie beschäftigt, stößt schnell auf einen Widerspruch: Experten raten bei Schimmelverdacht oft dazu, Pflanzen als Erstes aus dem Raum zu entfernen. Was stimmt also? Ist die „grüne Lunge" ein natürlicher Luftreiniger oder eine versteckte Sporenschleuder? In diesem Artikel untersuchen wir das Thema „Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit" auf Basis wissenschaftlicher Leitfäden des Umweltbundesamtes (UBA), des Robert Koch-Instituts (RKI) und bautechnischer Merkblätter.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Feuchtigkeitsquelle: Pflanzen erhöhen durch Transpiration die relative Luftfeuchtigkeit, was Schimmelwachstum begünstigen kann [3].
- Nährboden: Blumenerde ist ein natürliches Reservoir für Schimmelpilze wie Aspergillus niger [1].
- NASA-Mythos: Die luftreinigende Wirkung von Pflanzen bezieht sich meist auf chemische Gase (VOCs), nicht auf die aktive Bekämpfung von Schimmelbefall.
- Risikogruppen: Für immungeschwächte Personen können Pflanzen in Innenräumen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen [4].
- Management: Hydrokulturen und korrektes Gießverhalten mindern das Risiko, eliminieren es aber nicht vollständig.

Die grüne Lunge als Feuchtequelle: Transpiration und Raumklima
Der wohl hartnäckigste Mythos ist, dass Pflanzen Schimmel verhindern, indem sie die Luft „regulieren". Physikalisch betrachtet bewirken Pflanzen jedoch oft das Gegenteil. Das WTA-Merkblatt E-6-3 weist explizit darauf hin, dass eine hohe Feuchteabgabe, beispielsweise durch viele Pflanzen oder offene Aquarien, zu den primären Ursachen für eine zu hohe Feuchtebelastung in der Innenraumluft zählt [3].
Pflanzen nehmen Wasser über die Wurzeln auf und geben einen Großteil davon über die Blätter wieder an die Umgebung ab (Transpiration). In einem Raum mit vielen großblättrigen Pflanzen kann dies die relative Luftfeuchtigkeit signifikant über die kritische Marke von 60 % bis 70 % heben. Laut dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg ist erhöhte Feuchtigkeit jedoch die wichtigste Voraussetzung für das Wachstum von Schimmelpilzen [2]. Wenn diese feuchte Luft auf kalte Außenwände oder Wärmebrücken trifft, kondensiert sie – und der ideale Nährboden für Schimmel entsteht.
Achtung: Die 70%-Grenze
Bereits eine dauerhafte relative Luftfeuchte von über 70 % an einer Materialoberfläche reicht für viele Schimmelpilzarten aus, um zu wachsen – auch ohne dass die Wand sichtbar nass ist [1]. Pflanzenliebhaber sollten daher unbedingt ein Hygrometer nutzen, um die Feuchtelast zu kontrollieren.
Aspergillus niger und Co.: Das Ökosystem im Blumentopf
Ein Schimmelpilzbefall muss nicht immer an der Wand beginnen. Oft ist die Pflanze selbst der Ausgangspunkt. Das Robert Koch-Institut stellt fest, dass Aspergillus niger, eine Schimmelpilzart mit hoher gesundheitlicher Relevanz, relativ oft in der Erde von Zimmerpflanzen nachgewiesen wird [4].
Blumenerde besteht aus organischem Material (Torf, Kompost, Holzfasern), das unter feuchten Bedingungen den perfekten Nährboden bietet. Das Umweltbundesamt rät daher in seinem Leitfaden dazu, bei einem gezielten Verdacht auf Schimmelbelastung oder vor einer professionellen Raumluftmessung sämtliche Zimmerpflanzen zu entfernen, da die Erde eine natürliche Quelle für Schimmelpilze darstellt [1].
Dabei ist zu unterscheiden:
- Oberflächlicher Schimmel: Oft bildet sich ein weißer Flaum auf der Erde. Dies ist meist ein Zeichen für zu hohe Feuchtigkeit oder minderwertiges Substrat.
- Verdeckter Befall: Die Sporen können sich im Inneren des Topfes vermehren und bei jeder Luftbewegung oder beim Gießen in die Raumluft abgegeben werden.

Der NASA-Mythos: Warum Labordaten nicht auf Wohnzimmer übertragbar sind
Befürworter von Pflanzen gegen Schimmel zitieren oft die berühmte NASA-Studie aus den 1980er Jahren. Es stimmt, dass bestimmte Pflanzen wie der Bogenhanf oder das Einblatt in der Lage sind, flüchtige organische Verbindungen (VOCs) wie Benzol oder Formaldehyd aus der Luft zu filtern. Doch diese Studie wurde unter Laborbedingungen in hermetisch abgeriegelten Kammern durchgeführt.
In einer normalen Wohnung ist der Luftaustausch durch Fenster und Türen um ein Vielfaches höher als die Filterleistung einer Pflanze. Zudem filtert eine Pflanze keine Schimmelpilzsporen in relevanten Mengen aus der Luft. Im Gegenteil: Die durch die Pflanze erhöhte Luftfeuchtigkeit fördert das Wachstum neuer Sporen an den Wänden weitaus stärker, als die Pflanze jemals filtern könnte. Das RKI betont, dass Innenraummessungen von Schimmelpilzen oft durch solche „Hintergrundquellen" wie Zimmerpflanzen verfälscht werden, was eine medizinische Bewertung erschwert [4].

Hydrokultur: Die vermeintliche Rettung vor dem Schimmel?
Oft wird empfohlen, auf Hydrokulturen (Blähton statt Erde) umzusteigen, um Schimmel zu vermeiden. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg listet jedoch auch Hydrokulturen als potenzielle Quellen für eine Schimmelpilzbelastung auf [2]. Zwar fehlt der organische Nährboden der Erde, doch im Wasserreservoir und an den porösen Oberflächen des Blähtons können sich bei mangelnder Hygiene Algen und Pilze ansiedeln. Besonders wenn abgestorbene Pflanzenteile (Blätter, Wurzelreste) in das Wasser gelangen, entsteht wieder ein Nährstoffangebot für Mikroorganismen.
Profi-Tipp: Richtiges Gießen
Vermeiden Sie Staunässe! Nutzen Sie Töpfe mit Abflusslöchern und gießen Sie erst, wenn die oberste Erdschicht angetrocknet ist. Eine Schicht aus Sand oder feinem Kies auf der Erde kann zudem die Sporenfreisetzung aus dem Substrat physikalisch reduzieren.
Risikofaktor Zimmerpflanze: Medizinische Perspektiven
Für gesunde Menschen ist die Sporenbelastung durch eine normale Anzahl an Zimmerpflanzen meist unbedenklich. Anders sieht es bei Risikogruppen aus. Das RKI warnt, dass Personen unter Immunsuppression (z. B. nach Transplantationen oder während einer Chemotherapie) Räume mit Schimmelbefall und damit auch potenzielle Quellen wie Zimmerpflanzen meiden sollten [4].
Schimmelpilzsporen können Allergien auslösen (Typ-I-Reaktionen wie Asthma oder Heuschnupfen) oder bei massiver Belastung zu einer exogen-allergischen Alveolitis (EAA) führen [4]. Da Pflanzen sowohl Feuchtigkeit produzieren als auch Sporen beherbergen, sind sie in der Umgebung von Allergikern kritisch zu betrachten. Der „Schimmelpilz-Leitfaden" des UBA empfiehlt bei gesundheitlichen Beschwerden ohne sichtbaren Befall ausdrücklich, auch die Standorte von Pflanzen als mögliche verdeckte Quellen zu prüfen [1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es Pflanzen, die aktiv Schimmelsporen fressen?
Nein, das ist ein Mythos. Keine Zimmerpflanze ernährt sich von Schimmelpilzsporen oder kann einen bestehenden Befall an der Wand stoppen.
Warum schimmelt die Erde meiner Pflanzen immer wieder?
Meist liegt es an zu häufigem Gießen, mangelndem Licht oder minderwertiger Erde mit hohem Humusanteil. Auch eine zu hohe Luftfeuchtigkeit im Raum begünstigt den Schimmel auf der Erdoberfläche.
Sind Kakteen besser geeignet, um Schimmel zu vermeiden?
Ja, da Sukkulenten und Kakteen deutlich weniger Wasser benötigen und somit weniger Feuchtigkeit durch Transpiration an den Raum abgeben. Zudem ist ihr Substrat oft mineralischer und weniger anfällig für Schimmel.
Muss ich bei Schimmel an der Wand alle Pflanzen wegwerfen?
Nicht zwingend, aber Sie sollten sie während der Sanierung in einen anderen Raum stellen, um eine Kreuzkontamination zu vermeiden und die Luftfeuchtigkeit im betroffenen Bereich zu senken.
Fazit
Die Antwort auf die Frage „Pflanzen gegen Schimmel: Mythos oder Wirklichkeit?" fällt eindeutig aus: Es ist überwiegend ein Mythos. Zwar können Pflanzen das Wohlbefinden steigern und bestimmte Schadstoffe filtern, doch im Kampf gegen Schimmel sind sie eher Teil des Problems als die Lösung. Sie erhöhen die Luftfeuchtigkeit und bieten in ihrer Erde einen natürlichen Lebensraum für Pilzsporen. Wer Schimmel effektiv vermeiden will, sollte auf konsequentes Stoßlüften, ausreichendes Heizen und eine Kontrolle der Luftfeuchtigkeit setzen, statt auf die Filterleistung von Zimmerpflanzen zu vertrauen. Wenn Sie bereits Schimmel im Haus haben, nutzen Sie einen professionellen Test, um die Ursache zu finden, und reduzieren Sie im Zweifelsfall den Bestand an Pflanzen in den betroffenen Räumen.
Quellenverzeichnis
- [1] Umweltbundesamt (2017): Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden.
- [2] Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2004): Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement.
- [3] WTA Merkblatt E-6-3 (2023): Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos.
- [4] Robert Koch-Institut (2007): Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen.
- [5] Silberkraft XXL Ratgeber: XXL Raumluft Schimmeltest für Zuhause - Anleitung und Hintergrundwissen.

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