Schimmelpilze sind ein allgegenwärtiger Bestandteil unserer Umwelt. Während sie in der Natur eine essenzielle Rolle im Stoffwechselkreislauf spielen, können sie in Innenräumen zu einer ernsthaften gesundheitlichen Belastung werden. Für Allergiker stellt die Konzentration von Sporen in der Atemluft oft ein unsichtbares, aber massives Problem dar. Eine Schimmelpilz-Allergie ist dabei weitaus komplexer als eine einfache Pollenallergie, da sie nicht nur saisonal auftritt und durch verschiedene Wirkmechanismen – von der allergischen Reaktion bis zur toxischen Irritation – begleitet wird [1][6].
Das Wichtigste auf einen Blick
- Häufigkeit: Etwa 5 % der deutschen Bevölkerung zeigen eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze [1].
- Symptome: Reichen von Fließschnupfen und Asthma bis hin zu schweren Erkrankungen wie ABPA oder EAA [6].
- Diagnose: Erfolgt primär über Anamnese, Prick-Tests und die Bestimmung von spezifischem IgE im Blut [1][6].
- Behandlung: Die wichtigste Maßnahme ist die Expositionskarenz (Sanierung der Quelle). Medikamentös helfen Antihistaminika und Steroide [4][6].
- Besonderheit: Schimmelpilzsporen sind mit 2–30 µm extrem klein und damit lungengängig [1].

Pathophysiologie: Wie die Schimmelpilz-Allergie entsteht
Eine Schimmelpilz-Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems auf Proteine, die in den Sporen oder Myzelbruchstücken der Pilze enthalten sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Allergenen sind Schimmelpilzsporen ubiquitär, also überall vorhanden. Die gesundheitliche Relevanz im Innenraum ergibt sich meist erst dann, wenn die Konzentration die natürliche Hintergrundbelastung der Außenluft deutlich übersteigt [6].
Typ-I-Allergie (Soforttyp)
Die häufigste Form ist die Typ-I-Allergie, die durch IgE-Antikörper vermittelt wird. Beim Kontakt mit dem Allergen schüttet der Körper Histamin aus, was innerhalb von Minuten zu Symptomen wie Juckreiz, Bindehautrötung oder Atemnot führt. Schätzungen gehen davon aus, dass 1–5 % der Bevölkerung an einer manifesten Typ-I-Allergie gegen Schimmelpilze leiden [1]. Besonders problematisch sind Arten wie Alternaria alternata und Cladosporium herbarum, die oft hohe Sporenkonzentrationen in der Luft erreichen [6].
Typ-III und Typ-IV-Reaktionen
Seltener, aber klinisch schwerwiegender sind Reaktionen vom Typ III (Immunkomplex-vermittelt) und Typ IV (zellvermittelt). Diese führen zur sogenannten Exogen-Allergischen Alveolitis (EAA), einer Entzündung der Lungenbläschen. Hier treten die Symptome erst 4 bis 12 Stunden nach der Exposition auf und äußern sich oft durch Fieber, Husten und schwere Abgeschlagenheit [1][6].
Spezifische Krankheitsbilder und Symptome
Die Symptome einer Schimmelpilz-Allergie sind oft unspezifisch und werden leicht mit einer Erkältung oder einer Pollenallergie verwechselt. Dennoch gibt es klare klinische Entitäten, die direkt mit Schimmelpilzen assoziiert sind.
Allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA)
Die ABPA ist eine komplexe immunologische Reaktion, die meist bei Patienten mit Asthma bronchiale oder Mukoviszidose auftritt. Hierbei besiedelt der Pilz Aspergillus fumigatus die Bronchien und löst eine dauerhafte allergische Entzündung aus. Zu den Kriterien gehören ein Gesamt-IgE von über 1000 ng/ml sowie der Nachweis spezifischer IgG- und IgE-Antikörper gegen Aspergillus [6].
Mucous Membrane Irritation (MMI)
Neben echten Allergien lösen Schimmelpilze oft Reizwirkungen an den Schleimhäuten aus. Dies wird durch flüchtige organische Verbindungen (MVOC) oder Zellwandbestandteile wie Glukane verursacht. Symptome sind brennende Augen, Kratzen im Hals und trockener Husten. Diese Beschwerden treten oft schon bei Konzentrationen auf, die unter der Schwelle für eine allergische Reaktion liegen [1][6].

Diagnostik: Warum der Nachweis so schwierig ist
Die Diagnose einer Schimmelpilz-Allergie stellt Ärzte vor große Herausforderungen. Es gibt über 100.000 Schimmelpilzarten, aber nur für einen Bruchteil stehen standardisierte Testextrakte zur Verfügung [1][6].
Haut-Prick-Test und Blutuntersuchung
Der Prick-Test ist das Standardverfahren. Dabei werden Allergenlösungen auf die Haut aufgetragen. Ein positiver Test beweist jedoch nur eine Sensibilisierung, nicht zwingend eine klinisch relevante Allergie. Ergänzend wird im Blut das spezifische IgE (früher RAST, heute meist EAST-Test) bestimmt. Ein klinisch relevanter Befund liegt meist ab Klasse 3 vor [1].
Provokationstests
Wenn Haut- und Bluttests keine Klarheit bringen, kann ein Provokationstest (nasal oder bronchial) durchgeführt werden. Dabei wird das Allergen direkt auf die Schleimhaut aufgebracht, um die Reaktion unter kontrollierten Bedingungen zu beobachten. Dies ist das sicherste Verfahren, um den Zusammenhang zwischen einem Schimmelpilz und den Beschwerden zu belegen [6].
Experten-Tipp zur Diagnostik
Achten Sie darauf, dass bei Verdacht auf Innenraumschimmel nicht nur die typischen Außenluft-Arten (Alternaria, Cladosporium) getestet werden, sondern auch spezifische Innenraum-Indikatoren wie Aspergillus versicolor oder Penicillium chrysogenum [6].

Behandlung der Schimmelpilz-Allergie
Die Therapie stützt sich auf drei Säulen: Vermeidung, medikamentöse Linderung und kausale Behandlung.
1. Die Expositionskarenz (Allergenvermeidung)
Dies ist die wichtigste und effektivste Maßnahme. Solange die Quelle des Schimmels im Innenraum besteht, wird jede medikamentöse Therapie nur Symptome lindern, aber die Ursache nicht beheben. Bei nachgewiesenem Befall muss eine fachgerechte Sanierung erfolgen. Für Risikogruppen (Immunsupprimierte) hat die sofortige Karenz (Auszug oder Meiden der Räume) absolute Priorität [6].
2. Medikamentöse Therapie
Zur Linderung der akuten Beschwerden kommen folgende Medikamente zum Einsatz:
- Antihistaminika: Blockieren die Wirkung von Histamin und helfen gegen Schnupfen und Juckreiz.
- Glukokortikoide (Steroide): Wirken stark entzündungshemmend, meist als Nasenspray oder Inhalat bei Asthma.
- Antimykotika: Werden nur bei echten Infektionen (Mykosen) eingesetzt, nicht bei reinen Allergien [1].
3. Spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung)
Eine Hyposensibilisierung gegen Schimmelpilze ist möglich, aber schwieriger als bei Pollen. Aufgrund der mangelnden Standardisierung der Extrakte ist die Erfolgsquote variabler. Sie wird meist nur bei einer eindeutigen Allergie gegen Alternaria oder Cladosporium empfohlen [6].
Rechtliche Aspekte: Mietminderung bei Gesundheitsgefahr
Wenn Schimmelpilzbefall in der Wohnung die Gesundheit gefährdet, haben Mieter rechtliche Handhabe. Laut Mietminderungstabellen kann bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung (z.B. stationäre Krankenhausaufenthalte durch Lungenentzündungen) eine Mietminderung von bis zu 100 % gerechtfertigt sein (AG Charlottenburg, Az.: 203 C 607/06) [5]. Selbst bei mitschuldhaftem Verhalten des Mieters (falsches Lüften) kann bei baulichen Mängeln oft noch eine Minderung von 10 % durchgesetzt werden [5].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann man an einer Schimmelpilz-Allergie sterben?
Direkt an der Allergie (Typ I) nur im extrem seltenen Fall eines anaphylaktischen Schocks. Gefährlicher sind Folgeerkrankungen wie schweres Asthma oder invasive Infektionen bei immungeschwächten Personen [6].
Helfen Luftreiniger gegen die Allergie?
Luftreiniger mit HEPA-Filtern können die Sporenlast in der Luft kurzfristig senken, ersetzen aber niemals die Sanierung der Schimmelquelle [2][6].
Ist jeder Schimmelpilz allergieauslösend?
Grundsätzlich sind fast alle Schimmelpilze potenziell allergen. Besonders stark sporenbildende Pilze gelten jedoch als klinisch relevanter [1].
Wie lange dauert es, bis die Symptome nach einer Sanierung verschwinden?
Das ist individuell verschieden. Oft tritt eine Besserung sofort ein, es ist jedoch bekannt, dass Beschwerden bei sensibilisierten Personen noch Wochen nach einer erfolgreichen Sanierung persistieren können [6].
Fazit
Die Schimmelpilz-Allergie ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die eine präzise medizinische Abklärung erfordert. Da Schimmelpilzsporen lungengängig sind und vielfältige Entzündungsreaktionen auslösen können, sollte bei Verdacht auf einen Befall in Innenräumen nicht gezögert werden. Die wichtigste „Behandlung“ bleibt die Beseitigung der Ursache durch eine fachgerechte Sanierung. Wenn Sie unter chronischen Atemwegsbeschwerden leiden, die sich in bestimmten Räumen verschlimmern, suchen Sie zeitnah einen Allergologen oder Umweltmediziner auf.
Quellen
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg: Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2004.
- Umweltbundesamt (UBA): Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden, 2017.
- Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe: TRBA 460 – Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, 2016.
- WTA Merkblatt E-6-3: Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023.
- Mietminderungstabelle Schimmel: Rechtsprechungssammlung zu Feuchtigkeitsschäden.
- Robert Koch-Institut (RKI) / Deutsches Ärzteblatt: Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung und Bewertung, 2007/2024.

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