Wenn es in der Wohnung muffig riecht, aber keine schwarzen Flecken an den Wänden zu sehen sind, stellt sich oft die Frage: Wie hoch ist die tatsächliche Belastung? Die Schimmelpilzkonzentration in der Luft messen zu lassen, ist in solchen Fällen das wichtigste Instrument der Innenraumdiagnostik. Doch während einfache Baumarkt-Tests oft unzuverlässige Ergebnisse liefern, erfordert eine professionelle Messung tiefgehendes Fachwissen über Probenahmevolumina, Indikatorarten und den entscheidenden Vergleich mit der Außenluft. In diesem Leitfaden erfahren Sie, wie die Konzentration von Schimmelpilzsporen wissenschaftlich fundiert ermittelt wird und was die Ergebnisse für Ihre Gesundheit bedeuten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Aktive Probenahme: Professionelle Verfahren wie Impaktion oder Filtration sind dem passiven Absetzen (Sedimentation) weit überlegen [1].
- Außenluftreferenz: Ein Messergebnis im Innenraum ist ohne zeitgleiche Vergleichsmessung der Außenluft nicht bewertbar [3].
- KBE/m³: Die Konzentration wird meist in koloniebildenden Einheiten pro Kubikmeter Luft angegeben [1].
- Indikatororganismen: Bestimmte Arten wie Aspergillus versicolor weisen bereits bei geringen Konzentrationen auf einen Feuchteschaden hin [1].
- Grenzen der Messung: Schwere Schimmelpilzschäden (z. B. durch Stachybotrys) können trotz massiver Belastung niedrige Luftkonzentrationen aufweisen, da die Sporen schlecht flugfähig sind [1][2].

Methodik der Luftkeimsammlung: Impaktion vs. Filtration
Um die Schimmelpilzkonzentration in der Luft messen zu können, kommen primär zwei aktive Verfahren zum Einsatz, die in der DIN ISO 16000-17 und -18 standardisiert sind. Im Gegensatz zu passiven Methoden wird hier ein definiertes Luftvolumen aktiv durch ein Messgerät gesaugt.
Das Impaktionsverfahren (Direktsammlung)
Beim Impaktionsverfahren wird die Luft direkt auf einen Nährboden (meist Malzextrakt-Agar oder DG18-Agar) geleitet. Die in der Luft enthaltenen Sporen prallen aufgrund ihrer Trägheit auf die klebrige Oberfläche des Agars. Der Vorteil: Die Probenahme ist schnell (ca. 2–10 Minuten) und die Sporen können direkt im Labor bebrütet werden [1]. Ein kritischer Faktor ist hierbei der sogenannte „Sammelstress“: Durch den Aufprall können empfindliche Sporen ihre Keimfähigkeit verlieren, was zu unterschätzten Werten führen kann [1].
Das Filtrationsverfahren (Indirektsammlung)
Hierbei wird die Luft durch einen sterilen Filter (z. B. aus Gelatine oder Polycarbonat) gesaugt. Die Sporen bleiben im Filter hängen. Im Labor wird der Filter aufgelöst oder suspendiert und die Flüssigkeit auf verschiedene Nährböden verteilt. Dieses Verfahren ist besonders vorteilhaft, wenn sehr hohe Konzentrationen erwartet werden, da die Probe im Labor verdünnt werden kann, um ein Überwuchern der Petrischalen zu verhindern [1].
Warnung vor Sedimentationsplatten
Sogenannte „Stiftung Warentest“-Sieger oder Baumarkt-Kits nutzen oft das Sedimentationsverfahren (offene Petrischalen). Das Umweltbundesamt und das Robert Koch-Institut raten hiervon dringend ab [2][3]. Da nur schwere Sporen bei Windstille absinken, ist keine quantitative Aussage über die tatsächliche Schimmelpilzkonzentration in der Luft möglich. Ein negatives Ergebnis bietet hier eine gefährliche Scheinsicherheit.
Die Bedeutung der Außenluftreferenz und Hintergrundbelastung
Ein zentrales Problem beim Schimmelpilzkonzentration in der Luft messen ist die Allgegenwärtigkeit von Sporen. Schimmelpilze sind natürlicher Bestandteil der Außenluft. Je nach Jahreszeit und Witterung schwanken die Werte draußen zwischen weniger als 100 und über 10.000 KBE/m³ [3].
Um festzustellen, ob eine Innenraumquelle vorliegt, muss daher zwingend eine Referenzmessung im Freien erfolgen. Die Logik dahinter: Wenn im Innenraum deutlich mehr Sporen oder eine völlig andere Artenzusammensetzung als draußen gefunden werden, ist eine interne Quelle (z. B. versteckter Befall hinter einer Trockenbauwand) wahrscheinlich [1][3].
Interpretation nach dem LGA-Schema
Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (LGA) hat Richtwerte zur Interpretation entwickelt. Eine Innenraumquelle gilt als wahrscheinlich, wenn:
- Die Gesamtkonzentration im Innenraum die Außenluftkonzentration um mehr als 500 KBE/m³ übersteigt [1].
- Einzelne Arten (Indikatorpilze) im Innenraum massiv dominieren, während sie draußen kaum vorkommen.
- Die Konzentration typischer Außenluftpilze (wie Cladosporium) im Innenraum signifikant niedriger ist als draußen, aber gleichzeitig andere Arten (wie Penicillium) erhöht sind [1].

Spezifische Indikatorarten: Wenn die Art wichtiger ist als die Zahl
Beim Schimmelpilzkonzentration in der Luft messen ist die reine Anzahl der koloniebildenden Einheiten (KBE) oft weniger aussagekräftig als die Identifizierung der Spezies. Es gibt Pilze, die in der Außenluft fast nie in nennenswerten Mengen vorkommen und daher als „Feuchteindikatoren“ gelten [1].
| Spezies / Gattung | Bedeutung bei Luftmessung |
|---|---|
| Aspergillus versicolor | Starker Hinweis auf chronische Feuchtigkeit in Baustoffen [1]. |
| Stachybotrys chartarum | Hochtoxisch, aber schwer zu messen, da Sporen klebrig und kaum flugfähig sind [1][2]. |
| Chaetomium spp. | Typischer Besiedler von wassergeschädigter Zellulose (Tapeten) [1]. |
| Penicillium chrysogenum | Häufiger Innenraumpilz; erhöhte Werte deuten oft auf versteckten Befall hin [1]. |

Gesamtsporenzahl vs. Kultivierung: Die unsichtbare Gefahr
Ein entscheidender Nachteil der Kultivierung (KBE-Bestimmung) ist, dass nur lebende, keimfähige Sporen erfasst werden. In Innenräumen können jedoch bis zu 90 % der Sporen abgestorben oder nicht mehr keimfähig sein [1]. Dennoch enthalten diese Sporen Allergene und Mykotoxine, die die Gesundheit belasten können [2].
Um dieses Defizit auszugleichen, wird oft die Gesamtsporenzählung (nach DIN ISO 16000-20) durchgeführt. Hierbei werden die Sporen auf einem Objektträger gesammelt und unter dem Mikroskop direkt gezählt – unabhängig davon, ob sie noch leben oder nicht. Dies ist besonders wichtig nach einer Sanierung mit Bioziden, um zu prüfen, ob die (nun toten) Sporen tatsächlich physisch aus der Luft entfernt wurden [1].
Profi-Tipp: Messbedingungen einhalten
Damit die Messung valide ist, sollten die Räume 8 bis 12 Stunden vor der Probenahme nicht gelüftet werden. Zudem sollte während der Messung keine unnötige Aktivität (Staubsaugen, Herumlaufen) stattfinden, um keine „künstlichen“ Sporenwolken aus dem Teppich aufzuwirbeln, es sei denn, eine Nutzungssimulation ist explizit gewünscht [1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ab welcher Konzentration ist Schimmel in der Luft gefährlich?
Es gibt keinen festen gesetzlichen Grenzwert. Die Bewertung erfolgt immer im Vergleich zur Außenluft. Eine Differenz von mehr als 500 KBE/m³ zum Außenbereich gilt als hygienisch auffällig und weist auf eine Innenraumquelle hin [1].
Warum riecht es nach Schimmel, aber die Messung ist negativ?
Das kann passieren, wenn der Befall hinter einer luftdichten Barriere liegt oder es sich um Arten wie Stachybotrys handelt, die ihre Sporen nicht leicht an die Luft abgeben. In solchen Fällen kann eine MVOC-Messung (mikrobielle Gase) sinnvoller sein [1][2].
Wie lange dauert es, die Schimmelpilzkonzentration messen zu lassen?
Die Probenahme vor Ort dauert meist 1–2 Stunden. Da die Pilze im Labor jedoch bebrütet werden müssen, liegt das Ergebnis meist erst nach 7 bis 14 Tagen vor [1].
Kann ich die Messung selbst durchführen?
Theoretisch ja, aber ohne kalibrierte Messgeräte und Fachwissen zur Artenbestimmung sind die Ergebnisse kaum verwertbar. Professionelle Gutachter garantieren eine rechtssichere Dokumentation [3].
Fazit
Die Schimmelpilzkonzentration in der Luft zu messen, ist ein hochkomplexes Verfahren, das weit über das bloße Zählen von Punkten auf einer Petrischale hinausgeht. Nur durch die Kombination von aktiver Luftkeimsammlung, mikroskopischer Analyse und dem Abgleich mit der Außenluft lassen sich verlässliche Aussagen über die Belastungssituation treffen. Wenn Sie gesundheitliche Beschwerden haben oder einen verdeckten Schaden vermuten, ist eine professionelle Messung nach DIN-Normen der einzige Weg, um Klarheit zu schaffen und eine gezielte Sanierung einzuleiten.
Quellenverzeichnis
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2004): Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement.
- Umweltbundesamt (2017): Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden.
- Robert Koch-Institut (2007): Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen.
- WTA Merkblatt E-6-3 (2023): Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos.

Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.