Wer Schlupfwespen zur biologischen Schädlingsbekämpfung einsetzt, sieht meist nur kleine Kärtchen oder winzige dunkle Punkte, die kaum größer als ein Staubkorn sind. Doch sobald die Nützlinge schlüpfen, stellt sich eine entscheidende Frage für den Erfolg der Maßnahme: Können Schlupfwespen fliegen, um ihre Wirte zu erreichen, oder sind sie auf mühsames Krabbeln angewiesen? Die Antwort ist komplexer als ein einfaches Ja oder Nein, denn sie verbindet evolutionäre Anpassungen, physikalische Grenzen der Aerodynamik und ein faszinierendes Verhalten, das Wissenschaftler als „Phoresie“ bezeichnen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Flügel vorhanden: Die meisten Arten (wie Trichogramma) besitzen Flügel, nutzen diese aber nur eingeschränkt [11].
- Flugkapazität: Aufgrund ihrer geringen Größe (0,3–0,4 mm) ist ihre Fähigkeit zum aktiven Eigenflug sehr limitiert [4].
- Hitch-Hiking: Viele Arten nutzen „Phoresie“ und fliegen als blinde Passagiere auf ihren Wirten mit [4].
- Temperaturabhängigkeit: Flug- und Krabbelaktivität beginnen meist erst ab ca. 15 °C [1].
- Reichweite: Im Nahbereich (ca. 20 m²) sind sie sehr effektiv, für größere Distanzen nutzen sie Wind oder Wirte [12].

Anatomie der Flügel: Warum Schlupfwespen keine Langstreckenflieger sind
Betrachtet man eine Schlupfwespe der Gattung Trichogramma unter dem Mikroskop, erkennt man trotz ihrer minimalen Körpergröße von nur etwa 0,3 bis 0,4 Millimetern deutlich zwei Flügelpaare. Die Vorderflügel sind verhältnismäßig breit und kurz, während die Hinterflügel schmal und oft gefranst sind [11]. Trotz dieser Ausstattung ähneln sie im Flugbild eher kleinen Fliegen als klassischen Wespen, da ihnen die typische Wespentaille oft fehlt [11].
Die physikalische Herausforderung für Insekten dieser Größe liegt in der Viskosität der Luft. Für eine winzige Trichogramma evanescens fühlt sich Luft nicht gasförmig, sondern eher wie eine zähe Flüssigkeit an. Dies führt dazu, dass aktiver Eigenflug extrem energieaufwendig ist. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese Nützlinge daher eine sehr geringe Kapazität für aktive Langstreckenflüge besitzen [4]. Stattdessen bewegen sie sich im Nahbereich oft hüpfend oder krabbelnd fort [2].
Phoresie: Das faszinierende „Hitch-Hiking“ der Schlupfwespen
Da die aktive Flugleistung begrenzt ist, haben Schlupfwespen eine geniale Strategie entwickelt, um weite Distanzen zu überbrücken und punktgenau zu den Eiern ihrer Wirte zu gelangen: die Phoresie. Dabei klettern die weiblichen Wespen auf erwachsene Schmetterlinge oder Motten und lassen sich von ihnen transportieren [4].
Besonders gut erforscht ist dieses Verhalten bei Trichogramma brassicae. Die Wespen reagieren auf spezifische chemische Signale – sogenannte Anti-Aphrodisiaka. Wenn sich beispielsweise Kohlweißlinge paaren, überträgt das Männchen einen Duftstoff auf das Weibchen, um es für andere Männchen unattraktiv zu machen. Die Schlupfwespe „erlauscht“ diesen chemischen Botenstoff (Eavesdropping), klammert sich an das Schmetterlingsweibchen und wartet geduldig, bis dieses seine Eier ablegt [4]. In dem Moment, in dem der Wirt die Eier platziert, steigt die Wespe ab und parasitiert diese sofort. Dieser „Anhalter-Flug“ ermöglicht es der Wespe, Distanzen zu überwinden, die sie aus eigener Kraft niemals bewältigen könnte.

Einflussfaktoren auf die Flugaktivität: Temperatur und Licht
Ob eine Schlupfwespe abhebt oder krabbelt, hängt maßgeblich von den Umweltbedingungen ab. Als wechselwarme Tiere sind sie auf externe Wärme angewiesen. Die Aktivitätsschwelle liegt für viele Arten bei etwa 15 °C [1]. Unterhalb dieser Temperatur verharren sie in einer Art Kältestarre oder bewegen sich nur sehr langsam krabbelnd fort.
Optimale Bedingungen für die Mobilität liegen zwischen 20 °C und 30 °C bei einer Luftfeuchtigkeit von 60 bis 70 % [11]. Interessanterweise spielt auch das Licht eine entscheidende Rolle. Studien an Trichogramma evanescens im Vorratsschutz haben gezeigt, dass Kunstlicht die Parasitierungsleistung und damit indirekt auch die Suchmobilität fördert [11]. Während sie in absoluter Dunkelheit (z. B. nachts in Lagerräumen) oft inaktiv sind, nutzen sie helle Phasen für die Wirtssuche, wobei sie sich am Boden eher krabbelnd und an Wänden oder Pflanzenoberflächen durch kurze Flugeinheiten fortbewegen [2].
Wichtiger Hinweis für die Anwendung
Öffnen Sie die Verpackung der Schlupfwespen erst direkt am Einsatzort. Da einige Tiere bereits geschlüpft sein könnten, würden diese beim vorzeitigen Öffnen unkontrolliert davonfliegen oder wegkrabbeln, bevor sie die Zielpflanzen erreichen [1].

Reichweite und Ausbreitung im Garten und Feld
Die Frage „Können Schlupfwespen fliegen?“ ist auch für die Platzierung der Ausbringungskarten essenziell. Da die aktive Flugweite gering ist, wird in der Landwirtschaft und im Gartenbau mit einer spezifischen Ausbringungsmenge gearbeitet. Im Innenraum oder Gewächshaus rechnet man üblicherweise mit einer Karte pro 50 m² [1].
Größere Arten wie die Mehlmottenschlupfwespe (Habrobracon hebetor), die etwa 3 bis 4 Millimeter groß wird, haben einen Aktionsradius von etwa 20 Quadratmetern [12]. Sie spüren ihre Wirte (Mottenlarven) primär über den Geruch ihrer Gespinste auf [12]. Obwohl sie Flügel besitzen, bewegen sie sich innerhalb von Getreideschüttungen eher grabend und krabbelnd fort – sie dringen dabei bis zu 30 Zentimeter tief in das Substrat ein [12].
Im Freiland, beispielsweise im Maisanbau gegen den Maiszünsler, werden Schlupfwespen heute oft mit Multikoptern (Drohnen) ausgebracht [3]. Dies ist notwendig, da die natürliche Ausbreitung durch Flug nicht ausreicht, um riesige Monokulturen flächendeckend zu besiedeln. Die Wespen verteilen sich nach dem Abwurf der Kapseln im Umkreis von wenigen Metern um den Landepunkt [6].
Flugunfähige Phasen und Arten
Es gibt Situationen, in denen Schlupfwespen definitiv nicht fliegen. Während ihrer Entwicklung vom Ei über die Larve bis zur Puppe befinden sie sich geschützt im Inneren des Wirtseies [1]. In dieser Zeit sind sie vollkommen immobil. Erst als fertiges Insekt verlassen sie das Wirtsei durch ein kreisrundes Loch [1].
Zudem gibt es innerhalb der Gattung Trichogramma Unterschiede in der Flugneigung. Während T. evanescens als relativ mobil gilt, zeigen andere Arten eine stärkere Tendenz zum Verbleib am Boden oder an der Pflanze, auf der sie geschlüpft sind. Dies ist oft eine Anpassung an den Lebensraum: In windigen Gebieten wäre ein aktiver Flug riskant, da die winzigen Insekten unkontrolliert verweht würden. Daher nutzen sie den Wind eher passiv für die Fernausbreitung, verlassen sich für die präzise Wirtssuche aber auf ihre Beine und ihren Geruchssinn [2].
Profi-Tipp: Die richtige Platzierung
Befestigen Sie Trichogramma-Karten direkt an den Stängeln oder Blättern der befallenen Pflanzen [1]. Da die Wespen keine weiten Strecken fliegen, ist ein direkter Kontakt zum Blattwerk der sicherste Weg, damit sie die Schädlingseier schnell finden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Schlupfwespen durch geschlossene Fenster fliegen?
Nein, Schlupfwespen können keine festen Barrieren wie Glas durchdringen. Sie sind jedoch so winzig, dass sie durch kleinste Ritzen oder Maschen von Fliegengittern krabbeln können [2].
Wie weit fliegen Schlupfwespen aktiv?
Die aktive Flugdistanz ist sehr gering und beschränkt sich meist auf wenige Meter innerhalb einer Pflanze oder zwischen benachbarten Pflanzen. Für weite Strecken nutzen sie Phoresie (Hitch-Hiking) oder den Wind [4].
Sind fliegende Schlupfwespen gefährlich für Menschen?
Nein, Schlupfwespen sind für Menschen und Haustiere völlig harmlos. Sie besitzen keinen Stachel, der menschliche Haut durchdringen könnte, und sind aufgrund ihrer Größe kaum wahrnehmbar [2].
Können Schlupfwespen bei Kälte fliegen?
Ihre Flug- und Bewegungsfähigkeit ist stark temperaturabhängig. Unter 15 °C findet kaum noch Aktivität statt; optimal sind Temperaturen über 20 °C [1].
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen: Ja, die meisten Schlupfwespen können fliegen, aber sie tun es selten über weite Strecken aus eigener Kraft. Ihre Flügel dienen eher der Navigation im Mikrokosmos einer Pflanze oder dem kurzen Wechsel zum nächsten Blatt. Für die Überwindung großer Distanzen haben sie weitaus effizientere Methoden wie das „Hitch-Hiking“ auf ihren Wirten oder die passive Verwehtung durch den Wind entwickelt. Für den Anwender bedeutet dies, dass eine strategische Platzierung der Nützlinge direkt am Befallsherd entscheidend ist, da man sich nicht auf eine großflächige aktive Flugausbreitung verlassen kann. Wenn Sie diese Mobilitätsgrenzen berücksichtigen, sind Schlupfwespen eine der effektivsten und sichersten Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung.
Quellenverzeichnis
- re-natur GmbH: Trichogramma – Schlupfwespen zur Bekämpfung von Schadschmetterlingen im Gewächshaus.
- PAN Germany: Lebensmittel-MOTTEN – Praktische Tipps für eine gesundheits- und umweltgerechte Vorgehensweise.
- Julius Kühn-Institut (JKI): Statusbericht Biologischer Pflanzenschutz 2018.
- Wageningen University: Hitch-hiking behavior of Trichogramma wasps on cabbage white butterflies and moths (Joop Woelke, 2008).
- Oekolandbau.de: Zwergwespe (Trichogramma evanescens) – Biologie und Verhalten.
- Oekolandbau.de: Mehlmottenschlupfwespe (Habrobracon hebetor) – Einsatzmöglichkeiten im Vorratsschutz.
- Journal für Kulturpflanzen: Entwicklung der Einsatzflächen mit biologischen Pflanzenschutzverfahren (Zunker et al., 2017).