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Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen: Encarsia & Eretmocerus im Profi-Check
April 13, 2026 Patricia Titz

Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen: Encarsia & Eretmocerus im Profi-Check

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Die Weiße Fliege (Mottenschildlaus) gehört zu den gefürchtetsten Schädlingen im Unterglasanbau. Ob im gewerblichen Gartenbau oder im privaten Wintergarten – ein Befall mit Trialeurodes vaporariorum oder Bemisia tabaci führt ohne Gegenmaßnahmen rasch zu klebrigem Honigtau, Rußtaupilzen und massiven Ernteausfällen. Während chemische Insektizide aufgrund von Resistenzbildungen zunehmend an Wirkung verlieren, haben sich Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen als biologisches Standardverfahren etabliert. In modernen Betrieben wird dieses Verfahren heute auf nahezu 100 % der Anbauflächen für Tomaten eingesetzt [3]. Dieser Artikel beleuchtet die tiefgreifenden Mechanismen, die spezialisierten Arten und die präzisen Einsatzbedingungen, die für einen nachhaltigen Bekämpfungserfolg notwendig sind.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Spezialisierung: Encarsia formosa ist der Standard gegen die Gewächshausweißfliege; Eretmocerus eremicus ergänzt bei Hitze und gegen Bemisia.
  • Doppelwirkung: Schlupfwespen töten Schädlinge durch Parasitierung UND direktes Aussaugen (Host-Feeding) [3].
  • Erfolgsquote: In Regionen wie Nordrhein-Westfalen werden Tomaten unter Glas fast ausschließlich biologisch mit Encarsia geschützt [3].
  • Temperatur: Die Aktivität beginnt ab 15 °C, das Optimum liegt zwischen 20 °C und 28 °C [1].
  • Monitoring: Der Einsatz muss präventiv oder bei den ersten Sichtungen erfolgen, unterstützt durch Gelbtafeln.
Die Doppelwirkung der Schlupfwespe
Die Doppelwirkung der Schlupfwespe

Encarsia formosa: Der biologische Standard in der Tomatenproduktion

Die nur etwa 0,6 mm kleine Schlupfwespe Encarsia formosa ist der historisch und ökonomisch bedeutendste Nützling im Kampf gegen die Weiße Fliege. Ihre Erfolgsgeschichte begann bereits in den 1920er Jahren und wurde durch die systematische Forschung an Instituten wie dem JKI (Julius Kühn-Institut) massiv vorangetrieben [3].

Lebenszyklus und Wirtssuche

Encarsia formosa ist ein spezialisierter Endoparasitoid. Das Weibchen sucht aktiv nach den Larvenstadien (L1 bis L4) der Weißen Fliege. Sobald eine geeignete Larve gefunden wird, sticht die Schlupfwespe ihr Ei direkt in den Wirt. Ein bemerkenswertes Merkmal ist die parthenogenetische Fortpflanzung: In den Populationen treten fast ausschließlich Weibchen auf, was die Vermehrungsrate im Vergleich zu zweigeschlechtlichen Arten verdoppelt [4].

Die Entwicklung vom Ei bis zur fertigen Wespe findet vollständig im Inneren der Weißen-Fliege-Larve statt. Ein entscheidendes optisches Indiz für den Erfolg der Parasitierung ist die Verfärbung der Wirtspuppe: Bei Encarsia verfärben sich die parasitierten Larven der Gewächshausweißfliege nach etwa 10 bis 14 Tagen tiefschwarz [1]. Dies ermöglicht eine einfache Erfolgskontrolle durch den Anwender.

Host-Feeding: Der unterschätzte Mortalitätsfaktor

Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen wirken nicht nur durch die Eiablage. Ein signifikanter Teil der Schädlingspopulation wird durch das sogenannte "Host-Feeding" vernichtet. Hierbei sticht die Wespe die Larve der Weißen Fliege an, um die austretende Körperflüssigkeit (Hämolymphe) als Proteinquelle für die eigene Eiproduktion zu nutzen [3]. Die angestochene Larve stirbt dabei unmittelbar ab. In wissenschaftlichen Erhebungen wurde festgestellt, dass eine einzige Encarsia-Wespe während ihres Lebens bis zu 100 Larven parasitieren und weitere 30 bis 70 Larven durch Host-Feeding töten kann.

Eretmocerus eremicus: Die Lösung für heiße Tage und Bemisia-Befall

Während Encarsia formosa bei moderaten Temperaturen dominiert, stößt sie bei extremer Hitze (über 30 °C) an ihre Grenzen. Hier kommt Eretmocerus eremicus ins Spiel. Diese Schlupfwespe ist ursprünglich in Wüstengebieten beheimatet und zeigt eine deutlich höhere Toleranz gegenüber hohen Temperaturen und niedriger Luftfeuchtigkeit [4].

Unterschiede in der Parasitierungsstrategie

Im Gegensatz zu Encarsia legt Eretmocerus sein Ei nicht in den Wirt, sondern unter die Larve der Weißen Fliege. Erst die schlüpfende Nützlingslarve dringt aktiv in den Schädling ein. Ein weiterer Vorteil von Eretmocerus ist die breitere Wirtsspezifität: Sie parasitiert sowohl die Gewächshausweißfliege (Trialeurodes vaporariorum) als auch die Tabakmottenschildlaus (Bemisia tabaci) gleichermaßen effektiv [4].

Die parasitierten Larven verfärben sich bei Eretmocerus nicht schwarz, sondern nehmen eine goldgelbe bis bräunliche Farbe an. In modernen IPM-Strategien (Integrated Pest Management) wird daher oft eine Mischung beider Arten ausgebracht, um über das gesamte Temperaturspektrum der Saison hinweg geschützt zu sein [3].

Wichtiger Hinweis: Bemisia-Erkennung

Wenn Sie feststellen, dass Encarsia formosa trotz optimaler Bedingungen kaum schwarze Puppen bildet, könnte ein Befall mit Bemisia tabaci vorliegen. Diese Art wird von Encarsia schlechter parasitiert. In diesem Fall ist der Wechsel auf Eretmocerus eremicus zwingend erforderlich [4].

Encarsia oder Eretmocerus?
Encarsia oder Eretmocerus?

Einsatzplanung: Von der Gradtag-Berechnung bis zur Ausbringung

Der Erfolg von Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen hängt maßgeblich vom Timing und der Umgebungssteuerung ab. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass die Entwicklungszeit der Nützlinge stark temperaturabhängig ist [1].

Optimale Umweltbedingungen

Für eine effektive Etablierung sollten folgende Parameter beachtet werden:

  • Temperatur: Mindestens 15 °C (Nacht) bis 28 °C (Tag). Bei Temperaturen unter 12 °C stellen die Wespen die Suche ein [1].
  • Licht: Schlupfwespen sind lichtaktiv. In dunklen Wintermonaten oder bei starker Schattierung sinkt die Parasitierungsleistung erheblich.
  • Luftfeuchtigkeit: Ideal sind 60 % bis 75 % rF. Zu trockene Luft (unter 40 %) verkürzt die Lebensdauer der adulten Wespen drastisch [1].

Ausbringungsmenge und Wiederholung

Die Dosierung richtet sich nach dem Befallsdruck. Im gewerblichen Anbau wird oft mit 1 bis 5 Wespen pro Quadratmeter gerechnet, wobei die Ausbringung im Abstand von 7 bis 14 Tagen wiederholt wird, bis eine Parasitierungsrate von über 80 % erreicht ist [3]. Die Nützlinge werden meist als Puppen auf Kartonkärtchen geliefert. Diese sollten im unteren Drittel der Pflanze im Schatten aufgehängt werden, da die Wespen von dort aus nach oben wandern [1].

Checkliste für den Nützlingseinsatz
Checkliste für den Nützlingseinsatz

Die "Offene Zucht": Banker-Plants als dauerhafte Nützlingsquelle

Ein fortschrittliches Verfahren, das im JKI-Statusbericht hervorgehoben wird, ist die sogenannte "Offene Zucht" [3]. Hierbei werden Banker-Plants (Nützlingspflanzen) eingesetzt, um eine dauerhafte Population von Schlupfwespen im Gewächshaus zu etablieren, noch bevor der eigentliche Schädling an der Hauptkultur auftritt.

Oft werden hierfür Getreidepflanzen genutzt, auf denen Getreideblattläuse leben. Diese Blattläuse dienen als Wirte für Schlupfwespen, befallen aber nicht die Tomaten- oder Gurkenpflanzen. Für die Weiße Fliege werden oft spezielle Wirtspflanzen wie Solanum nigrum verwendet, um Encarsia-Populationen stabil zu halten [3]. Dieses System bietet einen Puffer gegen plötzliche Schädlingsinvasionen und reduziert die Kosten für ständige Nachkäufe von Nützlingskarten.

Pestizid-Interaktionen: Warum Chemie den Erfolg gefährdet

Ein häufiger Grund für das Scheitern von Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen ist die unbedachte Anwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Schlupfwespen reagieren extrem empfindlich auf Rückstände vieler Insektizide.

Lethale und sublethale Effekte

Wissenschaftliche Studien von Nozad-Bonab et al. (2021) zeigen, dass selbst moderne Wirkstoffe wie Chlorantraniliprole oder Spinosad die Fitness von Schlupfwespen massiv beeinträchtigen können [6]. Während die direkte Sterblichkeit oft moderat ist, sinkt die Fecundity (Fruchtbarkeit) und die Lebenserwartung der Wespen drastisch. Besonders kritisch sind Pyrethroide und Neonicotinoide, die eine lange Wartezeit erfordern, bevor Nützlinge wieder sicher eingesetzt werden können [6].

Vorsicht bei Schwefel: Im ökologischen Landbau wird Schwefel häufig gegen Mehltau eingesetzt. Schwefelbeläge auf den Blättern können die Suchaktivität von Encarsia formosa behindern und die Population schwächen [4].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Woran erkenne ich, dass die Schlupfwespen arbeiten?

Das sicherste Zeichen ist die Verfärbung der Weiße-Fliege-Larven. Bei Einsatz von Encarsia formosa werden die flachen Larven nach ca. 10-14 Tagen tiefschwarz. Bei Eretmocerus verfärben sie sich gold-bräunlich.

Kann ich Gelbtafeln zusammen mit Schlupfwespen verwenden?

Ja, aber mit Vorsicht. Gelbtafeln dienen primär dem Monitoring. Bei massivem Einsatz fangen sie leider auch einen Teil der Schlupfwespen weg. Hängen Sie die Tafeln daher nur kurzzeitig auf oder reduzieren Sie die Anzahl, sobald die Nützlinge etabliert sind.

Warum verschwinden die Schlupfwespen nach einiger Zeit wieder?

Schlupfwespen sind auf ihre Wirte angewiesen. Wenn keine Larven der Weißen Fliege mehr vorhanden sind, stirbt die Nützlingspopulation ab. Da Weiße Fliegen oft schubweise auftreten, muss bei neuem Befall meist neu ausgebracht werden.

Welche Temperatur ist für Encarsia formosa ideal?

Das Optimum liegt zwischen 20 °C und 25 °C. Unter 15 °C ist die Fortpflanzungsrate zu gering, um mit der Vermehrung der Weißen Fliege Schritt zu halten.

Fazit

Der Einsatz von Schlupfwespen gegen Weiße Fliegen ist ein Paradebeispiel für funktionierenden biologischen Pflanzenschutz. Die Kombination aus Parasitierung und Host-Feeding macht Encarsia formosa und Eretmocerus eremicus zu hocheffizienten Gegenspielern, die im professionellen Tomatenanbau bereits zum Standardrepertoire gehören [3]. Für den Erfolg entscheidend sind jedoch ein frühzeitiger Einsatz bei geringem Befallsdruck, die strikte Einhaltung der Temperaturvorgaben und der Verzicht auf nützlingsschädigende Chemikalien. Werden diese Faktoren berücksichtigt, bieten Schlupfwespen eine sicherere und umweltfreundlichere Lösung als jede chemische Spritzung.

Quellenverzeichnis

  1. re-natur GmbH: Fachinformation Trichogramma & Nützlingsbedingungen (OCR Seite 1).
  2. PAN Germany: Informationsblatt Lebensmittelmotten & Nützlingseinsatz.
  3. Julius Kühn-Institut (JKI): Statusbericht Biologischer Pflanzenschutz 2018 (S. 38-43, 88-101).
  4. Zunker et al. (2017): Entwicklung der Einsatzflächen mit biologischen Pflanzenschutzverfahren in Baden-Württemberg. Journal für Kulturpflanzen.
  5. Sigsgaard et al. (2017): Mass Release of Trichogramma in Organic Orchards. Insects Journal.
  6. Nozad-Bonab et al. (2021): Lethal and sublethal effects of synthetic and bio-insecticides on Trichogramma brassicae. PLoS ONE.

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