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Lexikon-Eintrag

Grauschimmelfäule Botrytis cinerea

Grauschimmelfäule

Taxonomie

Reich Pilze (Fungi)
Stamm Ascomycota (Ascomycota)
Klasse Leotiomycetes (Leotiomycetes)
Ordnung Helotiales (Helotiales)
Familie Sclerotiniaceae
Gattung Botrytis
Art Botrytis cinerea
Wissenschaftlicher Name Botrytis cinerea Pers.
Akzeptierter Name

Einleitung

Die **Grauschimmelfäule** (*Botrytis cinerea*) ist ein nekrotropher Schlauchpilz aus der Familie der Sclerotiniaceae, der als Generalist weltweit über 1.400 Pflanzenarten befällt.[1][2] Während der Pilz bei Kulturen wie Erdbeeren oder Tomaten als destruktiver Schaderreger auftritt, wird er im Weinbau unter bestimmten Witterungsbedingungen als Edelfäule zur Erzeugung hochwertiger Süßweine genutzt.[1] Seit der taxonomischen Vereinheitlichung umfasst der Artname auch das früher als *Botryotinia fuckeliana* bezeichnete sexuelle Stadium (Teleomorphe).[1][3]

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Zuletzt am 03.05.2026
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Fakten (kompakt)

- Das Genom des Referenzstamms B05.10 wurde sequenziert und umfasst 41,2 Megabasen, die auf 18 Chromosomen verteilt sind. - Die genetische Sequenz enthält etwa 10.701 proteinkodierende Gene bei einem GC-Gehalt von 42,75 %. - Taxonomisch wird die Art der Klasse Leotiomycetes und der Ordnung Helotiales zugeordnet, wobei die Gattung *Botrytis* insgesamt 32 Arten umfasst. - Die sexuelle Fortpflanzung wird durch die Paarungstyp-Loci MAT1 und MAT2 gesteuert, tritt in der Natur jedoch selten auf. - Zur Überwinterung und zum langfristigen Überleben im Boden bildet der Pilz bis zu 4 mm große Sklerotien aus. - Als spezifische Virulenzfaktoren sezerniert der Erreger neben Enzymen auch Oxalsäure, um Wirtszellen abzutöten. - Blütenorgane wie Narben und Staubbeutel dienen dem Pilz häufig als nährstoffreiche Eintrittspforten für die Infektion. - Umweltfaktoren wie UV-Exposition und Luftströmung können die Ausbreitung des Pathogens hemmen.[12]

Name & Einordnung

Der wissenschaftliche Name der Art lautet *Botrytis cinerea* (Pers.), wobei der Name erstmals 1794 von dem niederländischen Mykologen Christiaan Hendrik Persoon in der Publikation *Neues Magazin für die Botanik* vorgeschlagen wurde.[1][2] Die formale taxonomische Validierung erfolgte 1832 durch Elias Magnus Fries im dritten Band des *Systema Mycologicum*.[1] Etymologisch leitet sich der Gattungsname *Botrytis* vom altgriechischen Wort *botrys* (βότρυς) ab, was „Traube“ bedeutet und auf die charakteristische traubenartige Anordnung der Konidien verweist.[1][4] Das Art-Epitheton *cinerea* entstammt dem Lateinischen (*cinereus*) für „aschgrau“ und beschreibt die typische Färbung der Sporenmassen auf infiziertem Gewebe.[1] Systematisch wird der Pilz der Familie Sclerotiniaceae innerhalb der Ordnung Helotiales zugeordnet.[2] Historisch wurde die geschlechtliche Form (Teleomorphe) als *Botryotinia fuckeliana* geführt, basierend auf dem Basionym *Peziza fuckeliana* von Heinrich Anton de Bary (1866) und der späteren Neukombination zu *Sclerotinia fuckeliana* durch Otto Fuckel (1870).[1][2] Nach der Einführung des „One Fungus, One Name“-Prinzips im Jahr 2011 wurde *Botrytis cinerea* als alleiniger Name für den Holomorphen festgelegt, da die anamorphische Bezeichnung in der Literatur weitaus dominanter ist.[1][3] Zu den relevanten Synonymen zählen neben *Botryotinia fuckeliana* auch Formen wie *Botrytis cinerea* f. *coffeae*.[1][5] Im deutschen Sprachraum ist der Organismus primär unter dem Trivialnamen Grauschimmelfäule bekannt.[6] Im weinbaulichen Kontext wird bei einem für die Süßweinherstellung günstigen Befallsverlauf auch von der Edelfäule gesprochen, analog zum französischen „pourriture noble“ oder dem englischen „noble rot“.[1][7]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Die Morphologie von *Botrytis cinerea* ist durch septierte, zylindrische Hyphen gekennzeichnet, die etwa 3–5 μm breit sind und zunächst hyalin erscheinen, in älteren Kulturen jedoch hellbraun bis olivfarben werden können. Dieses Myzel bildet bei der Sporulation den charakteristischen grauen bis braunen, pelzigen Belag auf infizierten Pflanzengeweben. Die asexuellen Fruchtkörper, sogenannte Konidiophoren, wachsen aufrecht, sind verzweigt und messen 0,5 bis 1 mm in der Länge bei einer Basisbreite von 10 bis 15 μm.[4] An den Spitzen dieser hyalinen bis gräulichen Träger bilden sich dichte Trauben von Konidien, deren Anordnung mikroskopisch an Weintrauben erinnert und namensgebend für die Gattung ist.[1] Die einzelligen Konidien sind eiförmig bis ellipsoid, glattwandig und messen typischerweise 10 bis 12 μm in der Länge sowie 8 bis 10 μm in der Breite. Als Überdauerungsorgane bildet der Pilz Sklerotien aus, die als harte, unregelmäßige und schwarze Strukturen mit einem Durchmesser von 1 bis 5 mm erscheinen. Diese Dauerformen sind im Inneren weiß, während die äußere Rinde durch Melanineinlagerung dunkel gefärbt ist, um vor Umwelteinflüssen zu schützen. Das in der Natur seltenere sexuelle Stadium (Teleomorphe), *Botryotinia fuckeliana*, bildet aus den Sklerotien gestielte, becherförmige Apothecien von 3 bis 10 mm Höhe aus. In diesen bräunlichen Fruchtkörpern befinden sich zylindrische Asci mit je acht hyalinen, länglichen Ascosporen der Größe 6–9 μm mal 5–6 μm.[4] Makroskopisch beginnt der Befall auf dem Wirt oft mit wässrigen Läsionen, die sich schnell braun verfärben und unter feuchten Bedingungen den typischen grauen Schimmelrasen entwickeln.[7] Zur Diagnose genügt oft eine 8- bis 10-fache Vergrößerung, um die verzweigten Konidiophoren und Sporenketten auf dem Gewebe zu erkennen. Da eine rein visuelle Unterscheidung zu verwandten Arten schwierig sein kann, ermöglichen molekularbiologische Methoden wie die quantitative PCR eine präzise Identifizierung der DNA in infizierten Geweben.[4]

Beschreibung

*Botrytis cinerea* ist ein nekrotropher Schlauchpilz (*Ascomycota*) aus der Familie der Sclerotiniaceae, der weltweit als Erreger der Grauschimmelfäule an über 1.400 Pflanzenarten auftritt. Charakteristisch für diese Art ist ihre duale Lebensweise: Während sie meist als destruktives Pathogen Gewebe zerstört, ermöglicht sie unter spezifischen mikroklimatischen Bedingungen die Erzeugung von Edelfäuleweinen wie Sauternes oder Tokaji. Der wissenschaftliche Name, erstmals 1794 von Christiaan Hendrik Persoon vorgeschlagen, leitet sich vom griechischen *botrys* (Traube) und lateinischen *cinereus* (aschgrau) ab, was das typische Erscheinungsbild der Sporenstände beschreibt. Im natürlichen Lebensraum zeigt sich der Pilz als grauer, samtiger Rasen auf infizierten Pflanzenteilen, der sich besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit über 90 % rasant ausbreitet. Mikroskopisch ist die Art durch septierte, hyaline bis olivfarbene Hyphen und aufrechte, 0,5 bis 1 mm lange Konidiophoren gekennzeichnet. Diese Konidiophoren verzweigen sich am oberen Ende und tragen dichte Cluster einzelliger, eiförmiger Konidien, die für die asexuelle Massenvermehrung sorgen. Anstelle von Larvenstadien durchläuft der Pilz einen Zyklus aus Sporenkeimung, Hyphenwachstum und der Bildung von Überdauerungsorganen. Diese als Sklerotien bezeichneten Strukturen sind hart, schwarz und unregelmäßig geformt (1–5 mm) und ermöglichen durch ihre melanisierte Rinde ein Überleben im Boden von bis zu einem Jahr.[1] Obwohl die asexuelle Vermehrung dominiert, besitzt *B. cinerea* ein sexuelles Stadium (Teleomorphe) namens *Botryotinia fuckeliana*. Die sexuelle Reproduktion ist in der Natur selten und erfordert das Zusammentreffen kompatibler Paarungstypen (MAT1 und MAT2), woraufhin becherförmige Apothecien gebildet werden. Anatomisch ist der Pilz hochgradig angepasst, indem er zellwandabbauende Enzyme und Toxine wie Botrydial sekretiert, um Wirtszellen abzutöten und Nährstoffe aufzunehmen. Eine Besonderheit ist die Fähigkeit, saprophytisch auf totem organischem Material zu überdauern, wenn keine lebenden Wirte verfügbar sind. Das Genom des Referenzstamms B05.10 umfasst etwa 41,2 Megabasen auf 18 Chromosomen und weist eine hohe Plastizität auf, die Resistenzbildungen gegen Fungizide begünstigt.[1] Im Vergleich zu verwandten Arten innerhalb der Gattung *Botrytis* hebt sich *B. cinerea* durch seine extreme Polyphagie und die breite ökologische Toleranz in gemäßigten bis subtropischen Zonen ab.[1] Historisch wurde die Verbindung zwischen der anamorphen Form *B. cinerea* und der teleomorphen Form erst im 19. Jahrhundert durch Forscher wie Otto Fuckel und Heinrich Anton de Bary aufgeklärt. Taxonomisch gilt heute gemäß dem 'One Fungus, One Name'-Prinzip *Botrytis cinerea* als der gültige Name für den gesamten Holomorphen.[1]

Verhalten

*Botrytis cinerea* zeigt ein flexibles Infektionsverhalten, das von einer anfänglichen biotrophen Phase mit minimaler Gewebeschädigung in ein destruktives nekrotrophes Stadium übergeht.[1] Zur Kolonisierung sezerniert der Pilz zellwandabbauende Enzyme und Phytotoxine wie Botrydial, um Wirtszellen aktiv abzutöten und Nährstoffe freizusetzen. Eine spezifische Anpassung ist die Manipulation der pflanzlichen Immunität, indem der Erreger die Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) und den programmierten Zelltod im Wirt induziert, um nekrotische Läsionen auszuweiten. Gegenüber pflanzlichen Abwehrstoffen wie Saponinen setzt der Pilz aktive Toleranzmechanismen ein, darunter Efflux-Pumpen und enzymatische Entgiftung.[6] Auf molekularer Ebene findet eine bidirektionale Interaktion statt, bei der *B. cinerea* kleine RNA-Effektoren nutzt, um pflanzliche Immungene stummzuschalten.[6] Unter spezifischen mikroklimatischen Bedingungen mit wechselnder Feuchtigkeit modifiziert der Pilz sein Verhalten zur „Edelfäule“, wobei er Beerenhäute penetriert und eine Dehydratation ohne vollständige Fäulnis bewirkt.[7] Interaktionen zwischen Artgenossen erfolgen durch hyphale Anastomose, was den horizontalen Austausch von Mykoviren und genetischem Material innerhalb der Population ermöglicht.[6] Als Überlebensstrategie bildet der Organismus bei ungünstigen Bedingungen sklerotisierte Dauerformen, die durch Melanineinlagerung geschützt bis zu einem Jahr im Boden persistieren.[2]

Ökologie

*Botrytis cinerea* agiert primär als nekrotropher Pathogen, der Wirtszellen zur Nährstoffgewinnung abtötet, kann jedoch bei fehlenden lebenden Wirten als Saprophyt auf totem organischem Material persistieren. Als Generalist besiedelt der Pilz ein breites Spektrum von über 1.400 Pflanzenarten, wobei er vorwiegend Dikotyledonen, aber auch Monokotyledonen, Gymnospermen und Bryophyten befällt.[2] Ökologisch bevorzugt der Erreger gemäßigte bis subtropische Regionen und benötigt für eine optimale Entwicklung hohe relative Luftfeuchtigkeit über 90 % sowie moderate Temperaturen zwischen 15 und 25 °C.[7][9] Die Verbreitung erfolgt hauptsächlich durch Wind über weite Distanzen sowie durch Regenspritzer im Nahbereich, während Insekten gelegentlich als Vektoren fungieren.[7][1] Um ungünstige Umweltbedingungen zu überbrücken, bildet der Pilz im Boden oder in Pflanzenresten Sklerotien, die bis zu einem Jahr lebensfähig bleiben.[2][10] Im mikrobiellen Nahrungsnetz konkurriert *B. cinerea* mit Antagonisten wie *Trichoderma harzianum*, welcher den Pathogen durch Nährstoffkonkurrenz und die Produktion antifungaler Verbindungen hemmt.[1] Bakterien wie *Bacillus subtilis* und *Bacillus velezensis* treten ebenfalls als natürliche Feinde auf, indem sie Lipopeptide sekretieren, die die Pilzmembranen zerstören.[7][6] Zudem wird die Populationsökologie durch über 90 verschiedene Mykoviren beeinflusst, wie etwa das *Botrytis cinerea* Hypovirus 1 (BcHV1), das eine Hypovirulenz induzieren und die Fitness des Pilzes signifikant reduzieren kann.[6][11] Eine spezifische ökologische Interaktion zeigt sich im Weinbau unter wechselnden Feuchte- und Trockenperioden, wo der Pilz die sogenannte Edelfäule an Trauben auslöst, ohne vollständige Fäulnis zu verursachen.[7] Darüber hinaus können hyperparasitäre Pilze wie *Purpureocillium lilacinum* eine hohe Pathogenität gegenüber *B. cinerea* aufweisen und dessen Wachstum begrenzen.[6]

Bedeutung, Schäden & Prävention

*Botrytis cinerea* gilt primär als destruktiver Schaderreger, der weltweit jährliche Ernteverluste zwischen 10 und 100 Milliarden US-Dollar verursacht, spielt jedoch im Weinbau als Erzeuger der Edelfäule eine ökonomisch wertvolle Sonderrolle.[1][7] Das Wirtsspektrum umfasst über 500 Pflanzenarten, wobei dikotyle Kulturen wie Weinreben, Erdbeeren und Tomaten besonders betroffen sind.[4] Typische Schadbilder zeigen sich als wässrige Läsionen, die rasch in eine Weichfäule übergehen und bei hoher Luftfeuchtigkeit den charakteristischen grauen Pilzrasen ausbilden.[7] Obwohl der Pilz hauptsächlich Pflanzen befällt, kann er beim Menschen allergische Reaktionen wie die "Winzerlunge" auslösen und selten opportunistische Infektionen bei immungeschwächten Personen verursachen.[2][1] Zur Früherkennung und Risikoprognose werden volumetrische Sporenfallen eingesetzt, die die Konzentration luftgetragener Konidien messen und mit Wetterdaten korrelieren.[7] Präventive Maßnahmen konzentrieren sich auf die Reduktion der Feuchtigkeit durch Laubarbeiten zur Verbesserung der Luftzirkulation sowie die konsequente Entfernung infizierter Pflanzenreste, um Überdauerungsformen wie Sklerotien zu beseitigen.[6][2] Physikalische Bekämpfungsansätze in Gewächshäusern nutzen UV-C-Bestrahlung, um Sporen auf Oberflächen effektiv abzutöten.[7] Im Bereich der biologischen Kontrolle kommen Antagonisten wie *Trichoderma harzianum* oder *Bacillus subtilis* zum Einsatz, die durch Nährstoffkonkurrenz oder die Produktion antimikrobieller Lipopeptide wirken.[1][6] Neuere biotechnologische Entwicklungen beinhalten Formulierungen auf Basis von *Purpureocillium lilacinum* oder bakteriellen Metaboliten wie DHIS zur spezifischen Hemmung des Erregers.[6] Die chemische Bekämpfung erfolgt mittels Fungiziden wie Iprodion oder Fenhexamid, wird jedoch durch die weit verbreitete Resistenzentwicklung (Multi-Drug Resistance) massiv erschwert.[1][7] Regulatorische Eingriffe, wie das EU-Verbot des Wirkstoffs Mancozeb im Jahr 2021 aufgrund toxikologischer Bedenken, forcieren zunehmend den Einsatz integrierter Pflanzenschutzstrategien (IPM).[6][2]

Wirtschaftliche Bedeutung

Als weltweit zweitwichtigster pilzlicher Krankheitserreger verursacht *Botrytis cinerea* jährliche Ernteverluste, die global auf 10 bis 100 Milliarden US-Dollar geschätzt werden. Besonders betroffen sind der Weinbau, die Beerenproduktion sowie der Anbau von Gemüse und Zierpflanzen, wobei der Pilz etwa 8 % des weltweiten Fungizidmarktes beansprucht. Im Weinbau können Infektionen in feuchten Jahren zu Ertragseinbußen von 10 bis 50 % führen, was durch direkte Fäulnis und Qualitätsminderungen bedingt ist.[1] Spezifische Daten aus der Erdbeerproduktion in Florida belegen einen Produktionsrückgang von 36 % im Zeitraum von 2007 bis 2016, was einem jährlichen Schaden von 250 Millionen US-Dollar entspricht.[7] In unbewirtschafteten Erdbeerfeldern können die Verluste ohne Schutzmaßnahmen 50 % übersteigen. Neben den direkten Schäden auf dem Feld entstehen signifikante Kosten durch Nachernteverluste während der Lagerung und des Transports, insbesondere bei Schnittblumen wie Rosen und Weichfrüchten.[1] Trotz der überwiegend destruktiven Wirkung besitzt der Pilz im Weinbau eine ökonomisch positive Nische als „Edelfäule“ (*pourriture noble*). Unter spezifischen mikroklimatischen Bedingungen ermöglicht die kontrollierte Infektion die Produktion hochpreisiger Süßweine wie Sauternes und Tokajer, indem der Zuckergehalt in den Beeren konzentriert wird.[7] Die anhaltende wirtschaftliche Relevanz treibt zudem die Entwicklung neuer Schutzstrategien voran, wie patentierte biologische Formulierungen für Tafeltrauben zeigen.[6]

Biologie & Lebenszyklus

Der Pilz *Botrytis cinerea* ernährt sich als Nekrotroph, indem er Wirtszellen aktiv durch die Sekretion von zellwandabbauenden Enzymen und Phytotoxinen abtötet, um Nährstoffe zu gewinnen. Sein Wirtsspektrum ist außerordentlich breit und umfasst über 1.400 Pflanzenarten, wobei zweikeimblättrige Pflanzen (Dikotyledonen) bevorzugt befallen werden.[2] Bei fehlenden lebenden Wirten besitzt der Erreger die Fähigkeit, als Saprophyt auf totem organischem Material zu überdauern.[4] Der Lebenszyklus wird dominiert von der asexuellen Fortpflanzung durch Konidien, die in großer Zahl auf verzweigten Konidiophoren gebildet werden. Diese einzelligen, hyalinen bis leicht bräunlichen Sporen messen etwa 10 bis 12 μm in der Länge und bilden den charakteristischen grauen Sporenrasen.[2] Für die Keimung benötigen die Konidien eine hohe relative Luftfeuchtigkeit von über 90–93 % oder das Vorhandensein von freiem Wasser für 12 bis 24 Stunden.[7] Das Temperaturoptimum für Infektion und Myzelwachstum liegt zwischen 15 und 25 °C, während die Aktivität unter 0 °C und über 30 °C weitgehend zum Erliegen kommt.[9] Unter günstigen Bedingungen zeigt *B. cinerea* einen polyzyklischen Verlauf und kann innerhalb einer Vegetationsperiode mehrere Infektionszyklen durchlaufen.[7] Die sexuelle Fortpflanzung ist in der Natur selten und führt zur Bildung des Teleomorphs *Botryotinia fuckeliana*.[3] Dieser heterothallische Prozess erfolgt durch die Fusion kompatibler Paarungstypen während der Sklerotienentwicklung und resultiert in der Bildung von Apothecien mit Ascosporen.[1] Zur Überwinterung bildet der Pilz Sklerotien, harte, schwarze Dauerstrukturen von 1 bis 5 mm Durchmesser, die aus verdichtetem Myzel bestehen.[2] Diese Strukturen sind widerstandsfähig und können im Boden oder in Pflanzenresten bis zu 360 Tage lebensfähig bleiben.[7] Alternativ überdauert das Myzel in ruhenden Knospen oder nekrotischem Gewebe mehrjähriger Wirtspflanzen wie Weinreben.[2] Biologisch ist *B. cinerea* mit über 90 verschiedenen Mykoviren assoziiert, darunter das *Botrytis cinerea* Hypovirus 1 (BcHV1), welches die Virulenz des Pilzes herabsetzen kann.[6][10] Natürliche Gegenspieler wie das Bakterium *Bacillus subtilis* oder der Pilz *Purpureocillium lilacinum* können das Wachstum von *B. cinerea* hemmen und werden als biologische Kontrollmittel erforscht.[6]

Vorkommen & Lebensraum

Botrytis cinerea ist weltweit verbreitet und besiedelt vorwiegend gemäßigte sowie subtropische Klimazonen, in denen moderate Temperaturen vorherrschen.[1][2] Der Pilz gilt als ubiquitär und findet sich sowohl in natürlichen Ökosystemen als auch intensiv in landwirtschaftlichen Kulturen und Gewächshäusern. Besonders günstige Lebensräume zeichnen sich durch eine hohe relative Luftfeuchtigkeit von über 90 % und Temperaturen zwischen 15 und 25 °C aus. Das Wirtsspektrum ist außergewöhnlich breit und umfasst weltweit über 1.400 Pflanzenarten, wobei dikotyle Pflanzen dominieren, aber auch Gymnospermen und Farne besiedelt werden.[1][2] In natürlichen Habitaten fungieren Wildkräuter und nicht-landwirtschaftliche Vegetation als bedeutende Reservoire, die dem Pathogen das Überdauern außerhalb der Anbausaison ermöglichen.[1] Als nekrotropher Generalist ist Botrytis cinerea nicht auf lebendes Gewebe beschränkt, sondern persistiert saprophytisch auf abgestorbenem organischem Material im Boden. Für die Überwinterung nutzt der Organismus Pflanzenreste oder den Boden, wo er in Form von widerstandsfähigen Sklerotien bis zu einem Jahr lebensfähig bleiben kann.[1][2] Dokumentierte Vorkommen und Resistenzberichte liegen aus über 50 Ländern vor, darunter Deutschland, Frankreich, China und die USA.[1] In Europa ist der Pilz flächendeckend anzutreffen, wobei spezifische Mikroklimata in Weinbauregionen wie Sauternes oder Tokaji die Entwicklung der Edelfäule begünstigen. Die lokale Ausbreitung erfolgt primär durch Regenspritzer, während Konidien durch den Wind über weite Distanzen verfrachtet werden.[1][7] Anthropogene Faktoren wie der internationale Handel mit infiziertem Pflanzenmaterial und Agrarprodukten tragen wesentlich zur globalen Verschleppung bei. Klimawandelbedingte Verschiebungen von Temperatur- und Niederschlagsmustern lassen eine zukünftige Ausweitung des Verbreitungsgebietes in Richtung der Pole erwarten.[1]

Saisonalität & Aktivität

Botrytis cinerea zeigt eine ausgeprägte Saisonalität, wobei Epidemien vorwiegend in kühlen, feuchten Perioden im Frühling und Herbst auftreten, wenn hohe Luftfeuchtigkeit (>90 %) und moderate Temperaturen vorherrschen.[1][2] Die metabolische Aktivität des Pilzes ist stark temperaturabhängig, mit einem Optimum für Wachstum und Infektion zwischen 15 und 25 °C, während die Entwicklung unter 0 °C stagniert und oberhalb von 30 °C stark abnimmt.[1][7] Als polyzyklischer Erreger durchläuft *Botrytis cinerea* innerhalb einer Vegetationsperiode mehrere Generationen, wodurch sich der Infektionsdruck bei anhaltend günstigen Bedingungen rasch aufbaut.[1] Die Überwinterung erfolgt primär durch widerstandsfähige Sklerotien im Boden oder in Pflanzenresten, die bis zu 360 Tage lebensfähig bleiben und die Persistenz über die Jahreszeiten sichern.[1][2] Zusätzlich kann das Myzel in infizierten, aber ruhenden Pflanzenteilen wie Knospen von mehrjährigen Wirten überdauern, um im Frühjahr als primäres Inokulum zu dienen.[1] Für die Keimung der Konidien sind kontinuierliche Nässeperioden von 12 bis 24 Stunden erforderlich, weshalb die Verbreitung eng an Niederschlagsmuster oder Tauereignisse gekoppelt ist.[7] In der Weinherstellung ist das spezifische Phänomen der Edelfäule an einen saisonalen Wechsel von feuchten Nächten und trockenen Tagen während der Reifephase gebunden.[1] Das öffentliche Suchinteresse spiegelt diese biologischen Aktivitätsphasen teilweise wider und zeigt Spitzenwerte im Februar sowie im Juli, was auf eine Relevanz bei Lagerkrankheiten beziehungsweise Sommerkulturen hindeutet.[8]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Deutschland

    13.01.2026

  • Cologne, North Rhine-Westphalia, Deutschland

    13.01.2026

  • Deutschland

    27.11.2025

  • Friedrichsmilde, Arendsee, Saxony-Anhalt, Deutschland

    21.10.2025

  • Deutschland

    18.10.2025

Daten: iNaturalist

Wissenschaftliche Forschung & Patente

CN-114097780-A Chemical Anmeldung

Verfahren zur Herstellung eines Bakterizids zur Hemmung von Botrytis cinerea und dessen Anwendung

University of Jilin (2021)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Es wird eine Methode beschrieben, bei der landwirtschaftliche Abfälle unter hohem Druck und Temperatur verflüssigt werden. Die resultierende Flüssigkeit wirkt als effektives Mittel gegen Botrytis cinerea. Dies stellt eine nachhaltige Methode dar, um Abfallprodukte in nützliche Pflanzenschutzmittel umzuwandeln.

CN-113122552-A Biological Anmeldung

Gurken-Glutaredoxin-Gen CsGRX4 und dessen Anwendung auf die Anfälligkeit für Botrytis cinerea

University of Northwest A&F (2021)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Das Patent identifiziert ein Gen in Gurken (CsGRX4), dessen Überexpression die Pflanzen anfälliger für Grauschimmel macht. Dies ist relevant für die Züchtung, da Pflanzen mit niedrigerer Expression dieses Gens resistenter sein könnten. Es beschreibt eher den Mechanismus der Anfälligkeit als ein direktes Bekämpfungsmittel.

WO-2021258226-A1 Biological Anmeldung

Formulierung zur Bekämpfung von Botrytis cinerea, umfassend einen Bacillus subtilis Biokontrollorganismus und ein Adjuvans natürlichen Ursprungs

University of Autonoma DE Chile (2020)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Beschrieben wird eine biologische Formulierung speziell für Tafeltrauben, die das Bakterium Bacillus subtilis als Biokontrollmittel nutzt. In Kombination mit einem natürlichen Adjuvans dient das Mittel zur präventiven und kurativen Behandlung von Grauschimmel-Infektionen. Es bietet eine umweltfreundliche Alternative zu chemischen Fungiziden im Weinbau.

CN-109517848-A Biological Unbekannt

Herstellungsverfahren und Anwendung des Wirkstoffs DHIS gegen den Erreger Botrytis cinerea

University of Shenyang Agricultural (2018)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Es wird ein Verfahren zur Gewinnung von 3,5-Dihydroxy-4-isopropyl-stilben (DHIS) aus der Fermentationsflüssigkeit von Leuchtbakterien (Photorhabdus) vorgestellt. Dieser Wirkstoff zeigt eine hervorragende Wirksamkeit gegen Grauschimmel bei Gurken und Tomaten. Die Formulierung enthält Antioxidantien, um die Stabilität des Wirkstoffs an der Luft zu gewährleisten.

CN-106967613-A Biological Unbekannt

Purpureocillium lilacinum Stamm mit hoher Pathogenität gegenüber Botrytis cinerea und dessen Anwendung

Gardening Research Institute Henan Academy OF Agricultural Science, University of Huazhong Agricultural, Zhumadian Academy OF Agricultural Sciences (2017)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Ein spezifischer Stamm des Pilzes Purpureocillium lilacinum (pt362) wurde isoliert, der eine hohe Pathogenität gegenüber dem Grauschimmel-Erreger aufweist. Der Stamm zeichnet sich durch schnelles Wachstum und hohe Sporenproduktion aus. Er dient als Basis für ein biologisches Fungizid, das effizient, wenig toxisch und rückstandsarm ist.

Quellen & Referenzen

  1. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7695001/
  2. https://www.gbif.org/species/2583139
  3. https://imafungus.biomedcentral.com/articles/10.5598/imafungus.2014.05.01.10
  4. https://microbewiki.kenyon.edu/index.php/Botrytis_cinerea
  5. http://www.speciesfungorum.org/Names/SynSpecies.asp?RecordID=217312
  6. https://patents.google.com/patent/CN114097780A/en
  7. https://ives-openscience.eu/56445/
  8. Zeitreihen-Analyse: Suchinteresse (aggregiert)
  9. https://bsppjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x
  10. https://www.frontiersin.org/journals/plant-science/articles/10.3389/fpls.2023.1107888/full
  11. https://www.mdpi.com/1999-4915/16/10/1640
  12. Literaturzusammenfassung: Botrytis cinerea