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Lexikon-Eintrag

Zitterspinne Pholcus phalangioides

Zitterspinne
Ungefährlich Nützling Lästling Kann beißen Physische Gefahr

Taxonomie

Reich Tiere (Animalia)
Stamm Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung Webspinnen (Araneae)
Familie Pholcidae
Gattung Pholcus
Art Pholcus phalangioides
Wissenschaftlicher Name Pholcus phalangioides (Fuesslin, 1775)
Akzeptierter Name

Einleitung

*Pholcus phalangioides* ist eine Webspinne aus der Familie der Zitterspinnen (Pholcidae), die ursprünglich aus Westasien stammt und heute weltweit als synanthroper Kulturfolger in menschlichen Behausungen verbreitet ist.[1][2] Aufgrund ihrer extrem langen Beine wird die Art häufig mit Weberknechten verwechselt, unterscheidet sich jedoch anatomisch durch den deutlich zweigeteilten Körper.[1][3] Ökologisch tritt sie als Nützling auf, der Insekten und andere Spinnen erbeutet, und zeigt bei Störung ein charakteristisches, rasches Schwingen im Netz zur Feindabwehr.[1] Entgegen verbreiteter Mythen ist ihr Gift für den Menschen harmlos und führt zu keinen medizinisch relevanten Symptomen.[4]

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Fakten (kompakt)

- Die Familie Pholcidae ist sehr artenreich und umfasst etwa 2.055 Spezies in 97 Gattungen (Stand November 2025).[13] - Zu den historischen Synonymen der Art zählen *Aranea meticulosa* (Fourcroy, 1785) und *Pholcus nemastomoides* (C. L. Koch, 1837). - Ein Gelege besteht aus 25 bis 60 Eiern, die vom Weibchen in Seide gehüllt und etwa neun Tage lang bis zur Zerstreuung der Jungtiere bewacht werden. - Das Gift der Spinne dient dazu, die Beute zu immobilisieren und anschließend für den Verzehr zu verflüssigen. - Phylogenetisch bildet die Gattung *Pholcus* eine monophyletische Klade, die eng mit den Gattungen *Uthina*, *Calapnita* und *Panjange* verwandt ist. - Innerhalb der Systematik wird die Unterfamilie Pholcinae als Schwestergruppe der Smeringopinae eingeordnet. - Die Beine der Spinne sind transluzent und mit feinen Haaren besetzt. - Evolutionär gelten die langen Beine und unregelmäßigen Netze als abgeleitete Merkmale von radnetzbauenden Vorfahren, was die Navigation in engen Räumen erleichtert. - Die Familie Pholcidae unterteilt sich in fünf Unterfamilien, wobei die Ninetinae die basale Gruppe darstellen. - Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich explizit auch auf Neuseeland und zahlreiche Inseln weltweit.[13]

Name & Einordnung

Die Art *Pholcus phalangioides* wurde ursprünglich im Jahr 1775 von dem Schweizer Naturforscher Johann Kaspar Füssli unter dem Basionym *Aranea phalangioides* in dessen Werk über Schweizer Insekten wissenschaftlich beschrieben.[5][2] Der Gattungsname *Pholcus* leitet sich vom griechischen Wort *pholkos* ab, was „krumm“ oder „lahm“ bedeutet und vermutlich auf die charakteristisch langen, dünnen Beine der Spinne anspielt. Das Art-Epitheton *phalangioides* verweist auf die visuelle Ähnlichkeit zu den Weberknechten (Ordnung Opiliones, früher Phalangida), wobei das griechische Wort „phalanx“ ein Finger- oder Zehenglied bezeichnet.[1] Im Laufe der taxonomischen Geschichte wurden der Art mehrere jüngere Synonyme zugeordnet, darunter *Aranea meticulosa* (Fourcroy, 1785) und *Pholcus nemastomoides* (C. L. Koch, 1837). Systematisch wird die Spezies in die Familie der Zitterspinnen (Pholcidae) und dort in die Unterfamilie Pholcinae eingeordnet, wo sie eine monophyletische Gruppe mit verwandten Gattungen wie *Uthina* und *Calapnita* bildet.[1] Fossile Belege deuten auf einen Ursprung der Familie in der frühen Kreidezeit hin, wobei *Pholcus*-artige Formen in Bernsteinvorkommen des Eozäns aus dem Pariser Becken und dem Baltikum nachgewiesen wurden.[2] Im deutschen Sprachraum ist die Bezeichnung „Zitterspinne“ etabliert, was sich auf das defensive Verhalten bezieht, bei Bedrohung im Netz schnell zu schwingen oder zu „zittern“.[1][3] International, besonders im englischen Sprachraum, sind die Trivialnamen „long-bodied cellar spider“ sowie „daddy long-legs spider“ gebräuchlich, wobei letzterer Begriff auch für Weberknechte verwendet wird. Die Familie Pholcidae umfasst mittlerweile über 2.055 Arten in fast 100 Gattungen, wobei *P. phalangioides* als eine der bekanntesten synanthropen Vertreterinnen gilt.[5]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Pholcus phalangioides ist eine kleine pholcoide Spinne mit einem schlanken, länglichen Körperbau, wobei Weibchen eine Körperlänge von 7–8 mm und Männchen etwa 6 mm erreichen.[1][8] Die Grundfärbung ist blass gelblich-braun bis durchscheinend grau-braun, wobei der auffällig breite Cephalothorax (Prosoma) zentral einen prominenten grauen Fleck aufweist. Das zylindrische Opisthosoma (Hinterleib) ist etwa dreimal so lang wie breit und zeigt oft dunklere Musterungen in Form von gepaarten Flecken oder V-förmigen Zeichnungen. Auf dem Kopfbereich befinden sich acht Augen, die in drei Gruppen angeordnet sind: ein Paar kleiner, dunkler vorderer Mittelaugen flankiert von zwei seitlichen Triaden größerer, hellerer Augen. Die Cheliceren sind klein und robust gebaut, wobei sie bei Weibchen speziell für das Tragen der in Seide gehüllten Eiersäcke modifiziert sind. Charakteristisch sind die im Verhältnis zum Körper extrem langen und dünnen Beine, die transluzent erscheinen, sodass unter Vergrößerung interne Strukturen wie Blutzellen sichtbar sind. Die Beine bestehen aus sieben Segmenten, wobei die Tarsen besonders flexibel sind und ein enges Einrollen ermöglichen.[1] Ein deutlicher Sexualdimorphismus zeigt sich in der Beinlänge: Während weibliche Beine etwa 50 mm messen, erreichen die der Männchen Längen von bis zu 60 mm, was deren Mobilität bei der Paarungssuche erhöht.[8] Männchen besitzen zudem massiv vergrößerte, U-förmige Pedipalpen, die komplexe Strukturen wie Procursus, Embolus und Uncus zur Spermaübertragung tragen.[8][3] Weibchen verfügen hingegen über eine Epigyne, die als sklerotisierte, dreieckige Platte mit einem anterioren Haken über der Genitalöffnung ausgebildet ist. Juvenile Stadien durchlaufen mehrere Häutungen und ähneln den Adulten, wobei subadulte Männchen keulenförmig verdickte Pedipalpen entwickeln, bevor die sklerotisierten Kopulationsorgane nach der letzten Häutung vollständig ausgeformt sind.[3] Die Eigelege bestehen aus 20 bis 60 Eiern, die vom Weibchen in einen nur spärlich mit Seide umhüllten Ballen verpackt und permanent in den Cheliceren getragen werden.[2][3] Aufgrund der extremen Beinlänge ähnelt die Art oberflächlich den Weberknechten (Opiliones), unterscheidet sich jedoch durch die deutliche Zweiteilung des Körpers.[5]

Beschreibung

Pholcus phalangioides ist eine ursprünglich aus Westasien stammende, heute weltweit verbreitete synanthrope Art, die sich durch ihren extrem schlanken Körperbau und überproportional lange Beine auszeichnet.[1][2] Historisch wurde sie 1775 von Johann Kaspar Füssli als Aranea phalangioides erstbeschrieben, wobei das Epitheton auf die morphologische Ähnlichkeit zu Weberknechten (Opiliones) anspielt.[5][3] Im natürlichen Lebensraum, der ursprünglich Höhlenumgebungen entsprach (Troglophilie), sowie in menschlichen Behausungen hängt die Spinne meist bauchoben in unregelmäßigen, dreidimensionalen Raumnetzen. Ein markantes anatomisches Merkmal sind die extrem flexiblen Tarsen der siebengliedrigen Beine, die ein festes Einrollen ermöglichen und essenziell für die komplexe Handhabung von Beute mittels Seide sind.[1][3] Unter dem Mikroskop lassen sich durch die fast transparente Kutikula der Beine physiologische Prozesse wie die Zirkulation von Blutzellen beobachten.[1] Trotz des Vorhandenseins von acht Augen, die in zwei seitlichen Triaden und einem mittleren Paar angeordnet sind, ist der Sehsinn schwach ausgeprägt, weshalb die Orientierung primär über taktile Reize und Vibrationen erfolgt.[3] Die Cheliceren sind klein, dienen jedoch nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern fungieren bei Weibchen als spezialisierte Halteapparate für den Eikon, der permanent mitgetragen wird.[7][3] Der Lebenszyklus beginnt mit dem Schlupf der Prä-Nymphen nach etwa 17 Tagen Inkubationszeit; diese verbleiben zunächst unter dem Schutz der Mutter im Netz. Erst nach der ersten Häutung zu Juvenilen, etwa neun Tage nach dem Schlupf, beginnt die eigenständige Nahrungsaufnahme und spätere Ausbreitung.[3] Ein ausgeprägter Sexualdimorphismus zeigt sich im Adultstadium: Während Weibchen mit 7–8 mm Körperlänge massiger sind, besitzen die kleineren Männchen (ca. 6 mm) deutlich längere Beine von bis zu 60 mm, was ihre Mobilität bei der Partnersuche erhöht.[2][8] Die männlichen Pedipalpen sind zu massiven, U-förmigen Kopulationsorganen umgebildet, die komplexe Strukturen wie Procursus und Embolus zur präzisen Spermienübertragung aufweisen.[3] Im Gegensatz zu vielen anderen Spinnenarten können adulte Tiere unter günstigen Bedingungen bis zu drei Jahre alt werden, wobei Weibchen meist langlebiger sind.[1] Eine besondere Verhaltensanpassung ist das namensgebende „Zittern“: Bei Bedrohung schwingt die Spinne ihren Körper rasch im Netz, um für Prädatoren wie Springspinnen als unscharfer Umriss schwerer angreifbar zu sein.[3][2] Physiologisch ist die Art bemerkenswert tolerant gegenüber urbanen Bedingungen und nutzt ihre Netze effizient als passive Filter, was sie sogar für das Biomonitoring von Schwermetallen geeignet macht.[3] Im Vergleich zu verwandten Arten der Gattung Pholcus zeigt P. phalangioides eine besonders starke Anpassung an Gebäude, was ihr Überleben in kühleren Klimazonen außerhalb ihres subtropischen Ursprungs sichert.[3]

Verhalten

Pholcus phalangioides konstruiert unregelmäßige, dreidimensionale Raumnetze, die als Plattform für die aktive Jagd dienen und oft in geschützten Ecken angelegt werden.[1][2] Sobald Beutevibrationen wahrgenommen werden, wickelt die Spinne das Opfer aus sicherer Distanz mit ihren langen Beinen in Seide ein, bevor sie einen Giftbiss anbringt.[2] Das opportunistische Beutespektrum umfasst Insekten sowie andere Spinnen, wobei P. phalangioides auch in fremde Netze eindringt, um die Bewohner oder deren Eiersäcke zu fressen.[1][2] Ein charakteristisches Abwehrverhalten ist das „Zittern“ oder „Whirling“, bei dem der Körper in rasche Schwingungen versetzt wird, um die Konturen für visuell jagende Prädatoren wie Springspinnen zu verwischen. Bei physischem Kontakt oder Verstrickung kann die Spinne zudem eine Autotomie durchführen und Beine abwerfen, um zu entkommen, was jedoch die spätere Laufgeschwindigkeit beeinträchtigt. Die Kommunikation erfolgt primär über Vibrationssignale, die durch das Netz übertragen werden, da der Sehsinn der Art stark reduziert ist. Männchen zeigen ein komplexes Balzverhalten, das aus dem Betrommeln des weiblichen Netzes mit den Vorderbeinen sowie abdominalen Vibrationen besteht. Chemische Signale ergänzen die Orientierung, indem Männchen Pheromone auf den Sicherheitsfäden der Weibchen mittels spezialisierter Sensillen an den Beinen detektieren.[3] Innerartliche Interaktionen können aggressiv verlaufen und beinhalten Kämpfe zwischen Männchen sowie Kannibalismus, insbesondere bei Nahrungsknappheit.[1] Die Paarung ist mit durchschnittlich 72 Minuten ungewöhnlich lang und Weibchen verpaaren sich oft polyandrisch, was zu Spermienkonkurrenz führt.[8]

Ökologie

Ursprünglich als Troglophil an Höhlenlebensräume angepasst, besiedelt *Pholcus phalangioides* heute als erfolgreiche synanthrope Art bevorzugt warme, feuchte und lichtarme Mikrohabitate wie Keller, Garagen und ungestörte Gebäudewinkel.[1] Die Spinne präferiert stabile Temperaturbereiche zwischen 20 und 30 °C, wobei städtische Wärmeinsel-Effekte das Überleben und die Reproduktion in gemäßigten Klimazonen begünstigen.[3] Als Sekundärkonsument übernimmt *P. phalangioides* eine Rolle in der natürlichen Schädlingsbekämpfung, indem sie Insekten wie Fliegen, Mücken und Schaben erbeutet.[3][2] Das opportunistische Nahrungsspektrum umfasst auch andere Spinnen, darunter wehrhafte Arten der Gattung *Latrodectus* (Schwarze Witwen), sowie bei Nahrungsknappheit Artgenossen (Kannibalismus).[1][3] Trotz eines vergleichsweise schwachen Giftes überwältigt die Art ihre Beute effektiv durch schnelles Einwickeln mit Seide aus der Distanz.[9][2] Zu den natürlichen Feinden zählen vor allem Springspinnen (Salticidae) wie *Salticus scenicus*, die sich visuell orientieren, sowie Vögel und kleine Säugetiere.[3][7] Zur Verteidigung gegen optisch jagende Prädatoren versetzt sich *P. phalangioides* in ihren Netzen in rasche Schwingungen („Whirling“), wodurch ihre Konturen verschwimmen und ein Angriff erschwert wird.[2][4] In ressourcenreichen urbanen Umgebungen korreliert die Netzdichte positiv mit dem Beuteangebot, wobei bisher keine signifikante Verdrängung einheimischer Arten in den invasiven Verbreitungsgebieten dokumentiert wurde.[2]

Bedeutung, Schäden & Prävention

Obwohl *Pholcus phalangioides* in Gebäuden oft als Lästling wahrgenommen wird, erfüllt die Art ökologisch eine nützliche Funktion als biologischer Schädlingsbekämpfer.[1] Sie erbeutet aktiv synanthrope Insekten wie Fliegen, Mücken und Schaben sowie andere Spinnen, wodurch sie zur natürlichen Regulation von Innenraumpopulationen beiträgt und den Bedarf an synthetischen Pestiziden senken kann.[3][10] Entgegen weitverbreiteter Mythen stellt die Zitterspinne keine medizinische Gefahr für den Menschen dar, da ihr Gift nur eine geringe Toxizität aufweist.[3][2] Bissunfälle sind extrem selten und verursachen lediglich leichte Symptome wie kurzes Brennen oder lokale Rötungen, ohne Risiko für Nekrosen oder systemische Effekte.[2][9] Materielle Schäden an der Bausubstanz verursacht die Art nicht; das Schadbild beschränkt sich auf die optische Beeinträchtigung durch unregelmäßige Raumnetze in Zimmerecken, Kellern und Deckenbereichen.[11][2] Zur Befallsanzeige dienen primär diese charakteristischen Gespinste, die oft kopfüber hängende Spinnen beherbergen.[1] Im Rahmen einer integrierten Schädlingsbekämpfung (IPM) wird auf den Einsatz chemischer Mittel meist verzichtet, da mechanische Methoden wie das Absaugen von Netzen und Tieren ausreichend und ungiftig sind.[7][12] Präventiv wirken Maßnahmen zur Reduktion der Luftfeuchtigkeit und das Abdichten von Zugängen, um das Eindringen von Beuteinsekten zu minimieren.[1] Jüngste Forschungen heben zudem das biomedizinische Potenzial hervor: Die Spinnenseide zeigt antibakterielle Wirkung gegen Erreger wie *Staphylococcus aureus* und fördert die Wundheilung.[3][1] Zudem wird die Dragline-Seide aufgrund ihrer Biokompatibilität und Zugfestigkeit zur Herstellung von Linsen für die biologische Bildgebung genutzt.[1]

Wirtschaftliche Bedeutung

Pholcus phalangioides gilt primär als synanthroper Nützling, da die Art keine strukturellen Schäden an Gebäuden verursacht und keine Gesundheitsrisiken für den Menschen darstellt.[1] Wirtschaftlich trägt die Spinne zum integrierten Schädlingsmanagement in Haushalten bei, indem sie Populationen von Hygiene- und Lästlingen wie Fliegen, Mücken und Schaben ohne den Einsatz von Chemikalien reduziert.[10] Durch das Erbeuten anderer Spinnen, einschließlich giftiger Arten wie *Latrodectus* (Witwenspinnen), kann sie indirekt Gesundheitsgefahren im Wohnumfeld mindern. Negative ökonomische Auswirkungen beschränken sich auf die ästhetische Belästigung durch Spinnweben in Wohnräumen und den damit verbundenen geringfügigen Reinigungsaufwand.[1] Ein wachsendes wirtschaftliches Potenzial liegt in der biomedizinischen Nutzung der Spinnenseide, die sich durch hohe Zugfestigkeit und Biokompatibilität auszeichnet. Forschungen zeigten 2017, dass die Seide die Wundheilung in Mausmodellen beschleunigen kann, was sie als Material für natürliche Wundauflagen qualifiziert. Zudem weisen Seidenextrakte antibakterielle Wirkungen gegen Pathogene wie *Staphylococcus aureus* und *Listeria monocytogenes* auf, was für die Entwicklung infektionsresistenter Beschichtungen relevant ist.[3] In der optischen Technologie wurde die Dragline-Seide von *P. phalangioides* bereits erfolgreich zur Herstellung biokompatibler Linsen für die Gewebemikroskopie verwendet.[1]

Biologie & Lebenszyklus

Die Fortpflanzungsbiologie von *Pholcus phalangioides* beginnt mit einem komplexen Balzverhalten, bei dem das Männchen vibrierende Signale aussendet und das Netz sowie die Beine des Weibchens betrillert, um dessen prädatorische Reaktion zu unterdrücken.[2][3] Die Kopulation dauert durchschnittlich 72 Minuten, wobei das Männchen seine Pedipalpen abwechselnd in die weibliche Geschlechtsöffnung einführt, um Spermien zu übertragen.[3] Weibchen sind polyandrisch und paaren sich mit mehreren Männchen, was zu einer Spermienkonkurrenz führt, bei der nachfolgende Männchen versuchen, vorherige Ejakulate zu verdrängen.[2] Nach einer Prä-Ovipositionsphase von etwa zehn Tagen produziert das Weibchen einen Eikon, der 20 bis 60 Eier enthält und in nur wenige Seidenfäden gehüllt wird.[3][1] Das Weibchen betreibt intensive Brutpflege, indem es den Eiballen ständig in den Cheliceren trägt, bis die Jungtiere schlüpfen. Die Entwicklung verläuft hemimetabol über ein Pränymphenstadium, das etwa neun Tage unter mütterlichem Schutz verbleibt, gefolgt von der Häutung zum ersten Juvenilstadium.[3] Die gesamte Entwicklungsdauer vom Ei bis zum adulten Tier ist temperaturabhängig und beträgt unter Laborbedingungen bei 23–28 °C zwischen 100 und 140 Tagen. Adulte Tiere können ein Alter von bis zu drei Jahren erreichen, wobei Weibchen aufgrund ihrer Rolle bei der Reproduktion meist langlebiger sind als Männchen.[1] Die Ernährung ist karnivor und opportunistisch; das Beutespektrum umfasst Insekten wie Fliegen und Mücken sowie andere Spinnen, einschließlich wehrhafter Arten wie *Latrodectus*.[1][2] Bei Nahrungsknappheit tritt Kannibalismus auf, wobei auch Artgenossen oder eigene Nachkommen gefressen werden.[3] Die Verdauung erfolgt extern durch die Injektion von Enzymen wie Neprilysinen und Astacinen, die das Gewebe der Beute verflüssigen.[6] Physiologisch ist die Art an ein Temperaturoptimum von 20–30 °C angepasst und nutzt in gemäßigten Breiten beheizte Gebäude, um ganzjährig ohne Winterdiapause aktiv zu bleiben.[3] Zu den natürlichen Feinden zählen Springspinnen (Salticidae) wie *Salticus scenicus*, die *P. phalangioides* aktiv in deren Netzen jagen.[6] Als primäre Verteidigungsstrategie gegen solche Prädatoren zeigt die Zitterspinne das namensgebende „Whirling“, bei dem sie ihren Körper im Netz extrem schnell schwingt, um für den Angreifer unsichtbar zu werden. Ergänzend kann sie bei physischem Kontakt Beine abwerfen (Autotomie), um einer Ergreifung zu entgehen, was jedoch ihre spätere Laufgeschwindigkeit reduziert.[2]

Vorkommen & Lebensraum

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet von *Pholcus phalangioides* liegt in den subtropischen Regionen Westasiens, mit einem Schwerpunkt im Nahen Osten und angrenzenden afro-eurasischen Gebieten.[1][3] Von dort aus hat die Art durch den globalen Handel und menschliche Transportwege eine kosmopolitische Verbreitung erreicht und besiedelt heute vorwiegend die gemäßigten Zonen weltweit.[1] Die erste Dokumentation in Europa erfolgte bereits im Jahr 1775, was den Beginn der dokumentierten Ausbreitung über das native Areal hinaus markierte.[2] Bis zum frühen 20. Jahrhundert etablierten sich Populationen in Nord- und Südamerika sowie in Australien und Ozeanien.[1] Aktuelle Erhebungen bestätigen eine fortlaufende Expansion, unter anderem mit neuen Nachweisen in urbanen Gebieten des Balkans (Kosovo) und in Randzonen Südostasiens.[2][6] In ihrem natürlichen Habitat agiert die Spezies als Troglophil (Höhlenliebhaber) und bewohnt Felsspalten sowie Höhleneingänge, die Schutz vor Witterungsextremen bieten.[1][5] In den eingeschleppten Verbreitungsgebieten lebt *Pholcus phalangioides* fast ausschließlich synanthrop in menschlichen Bauwerken wie Kellern, Dachböden, Garagen und Lagerhallen.[1][7] Dort bevorzugt die Spinne warme, feuchte und dunkle Mikrohabitate mit Temperaturen zwischen 20 und 30 °C, die eine ganzjährige Aktivität und Reproduktion ermöglichen. Der städtische Wärmeinseleffekt begünstigt das Überleben in kühleren Klimazonen, indem er Temperaturschwankungen abpuffert und stabile Bedingungen schafft. In Mitteleuropa, einschließlich Deutschland und der Schweiz, zeigen genetische Untersuchungen, dass Populationen oft isoliert in einzelnen Gebäuden leben und nur geringen Austausch untereinander haben.[3] Innerhalb von Räumen werden die unregelmäßigen Deckennetze bevorzugt in ungestörten Ecken und Nischen angelegt, um Risiken durch Austrocknung und Störungen zu minimieren.[1][7] Die Art weist zudem eine Toleranz gegenüber urbanen Schadstoffen auf und kann in belasteten Stadtgebieten persistieren, ohne Populationsrückgänge zu verzeichnen.[3]

Saisonalität & Aktivität

In geeigneten Habitaten ist *Pholcus phalangioides* ganzjährig aktiv, wobei adulte Tiere unter stabilen Bedingungen bis zu drei Jahre leben können. Da die Art vorwiegend synanthrop in menschlichen Gebäuden lebt, profitiert sie von konstanten Innenraumtemperaturen, die sie vor der winterlichen Kälte in gemäßigten Zonen schützen.[1] Die bevorzugte Temperaturspanne für eine normale Entwicklung liegt zwischen 20 und 30 °C. In wärmeren urbanen Mikrohabitaten verläuft das Wachstum der Larven beschleunigt im Vergleich zu kühleren natürlichen Umgebungen.[3] Die Geschlechtsreife wird in der Regel nach etwa einem Jahr erreicht, wobei die Juvenilen über einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten mehrere Häutungsstadien durchlaufen.[2] Die Fortpflanzung ist nicht strikt saisonal gebunden; Weibchen können nach einer Paarung über mehrere Monate hinweg 2 bis 8 Eikokons produzieren. Die Spermatogenese bei Männchen erfolgt kontinuierlich während des gesamten Erwachsenenstadiums. Eine langfristige Speicherung von Spermien durch die Weibchen über mehr als eine Fortpflanzungssaison hinaus wurde bisher nicht nachgewiesen. Nach der Eiablage schlüpfen die Nymphen typischerweise nach 17 bis 24 Tagen. Ein klassischer saisonaler Massenflug (Ballooning) ist bei dieser Art selten, da die Ausbreitung oft passiv durch den Menschen erfolgt.[3] Ergänzend deutet das öffentliche Suchinteresse auf eine erhöhte Wahrnehmung der Art im Spätsommer (August und September) hin.[1]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Deutschland

    17.01.2026

  • Peterskirche, 69117 Heidelberg, Deutschland

    17.01.2026

  • Jena, Spittelplatz, 07743 Jena, Germany

    15.01.2026

  • Nordrhein-Westfalen, Deutschland

    15.01.2026

  • Deutschland

    14.01.2026

Daten: iNaturalist

Kurze Videos

Aus der Silberkraft Community, aufgenommen mit OpenInsect

Quellen & Referenzen

  1. https://animaldiversity.org/accounts/Pholcus_phalangioides/
  2. https://araneae.nmbe.ch/taxondata/Pholcus_phalangioides
  3. https://www.monaconatureencyclopedia.com/pholcus-phalangioides/?lang=en
  4. https://spiders.ucr.edu/daddy-long-legs
  5. https://wsc.nmbe.ch/species/26587/Pholcus_phalangioides
  6. https://www.zoores.ac.cn/article/doi/10.24272/j.issn.2095-8137.2025.325
  7. https://britishspiders.org.uk/system/files/library/090502.pdf
  8. http://www.pholcidae.de/PDFs/sexual_selection_review_2005.pdf
  9. https://phys.org/news/2019-08-dont-pholcid-daddy-long-legs-venom.html
  10. https://wspehsu.ucsf.edu/wp-content/uploads/2021/08/ipm_notes_healthsafetynotes-spiders.pdf
  11. https://pestasset.com/common-house-spiders-identification-and-behavior/
  12. https://britishspiders.org.uk/sites/default/files/2020-08/Daddy_long-legs_spider_printable_rev18.pdf
  13. Literaturzusammenfassung (mit Bibliographie, siehe Primärquellenliste)