Fakten (kompakt)
- Der Pilz ist Teil der natürlichen menschlichen Mikrobiota und besiedelt Haut, Atemwege sowie den Magen-Darm-Trakt. - In der Biotechnologie findet der Organismus Anwendung in der Biokraftstoffproduktion, beim Mälzen und Brauen sowie in der Bioremediation von Schwermetallen und Xenobiotika. - Als Probiotikum wird *Geotrichum candidum* in der Aquakultur eingesetzt, um die Darmgesundheit von Fischen zu verbessern. - Während der Käsereifung metabolisiert die Art Milchsäure zu Ammoniak und generiert flüchtige Aromakomponenten wie Methanthiol und Aldehyde. - Aufgrund der polymorphen Wachstumsformen existieren historisch über 130 Synonyme für die Spezies, darunter *Trichosporon candidum* und *Oospora lactis*. - Frühere taxonomische Einordnungen assoziierten den Pilz wegen ähnlicher Arthrokonidien irrtümlich mit Basidiomyceten wie der Gattung *Trichosporon*. - Zu den spezifischen Risikofaktoren für eine invasive Geotrichose zählen hämatologische Malignome, Neutropenie, HIV, unkontrollierter Diabetes sowie schwere Verbrennungen oder Traumata. - Die Mortalitätsrate bei invasiven Infektionen kann, insbesondere bei onkologischen Patienten, 60 % übersteigen. - Therapeutisch kommen Antimykotika wie Voriconazol, Amphotericin B oder Flucytosin zum Einsatz, oft in Kombination mit chirurgischem Debridement.[8]
Der anerkannte wissenschaftliche Name lautet *Geotrichum candidum*, wobei die Erstbeschreibung auf den deutschen Naturforscher Johann Heinrich Friedrich Link im Jahr 1809 zurückgeht. Als Typusart der Gattung *Geotrichum* wurde der Pilz ursprünglich anhand von Wachstum auf verrottenden Blättern charakterisiert. Ein historisch besonders relevantes Synonym ist *Oidium lactis*, das 1850 von Georg Fresenius geprägt wurde, um das Vorkommen in Milchprodukten und die Rolle beim Milchverderb zu betonen.[1] Aufgrund dieser engen Assoziation ist der Organismus im deutschen Sprachraum als „Milchschimmel“ bekannt.[3] Wegen seines polymorphen Wachstums, das zwischen hefeartigen und schimmelartigen Formen wechselt, sammelten sich im Laufe der Zeit über 130 Synonyme an, darunter *Oospora lactis* und *Trichosporon candidum*. Nach dem Prinzip „ein Pilz, ein Name“ wird das sexuelle Stadium (Teleomorphe), ehemals *Galactomyces candidus*, heute taxonomisch unter *Geotrichum candidum* geführt. Frühere Klassifizierungen schwankten zwischen Schimmelpilzen und Hefen, wobei aufgrund morphologischer Ähnlichkeiten zu *Trichosporon* zeitweise sogar eine Zugehörigkeit zu den Basidiomycota vermutet wurde. Erst ultrastrukturelle Untersuchungen in den 1970er Jahren und spätere genetische Analysen bestätigten die Einordnung in die Abteilung Ascomycota innerhalb der Familie Dipodascaceae. Eine taxonomische Revision im Jahr 2024 vereinte schließlich verwandte Gattungen wie *Galactomyces* und *Dipodascus* unter der erweiterten Gattung *Geotrichum*.[1]
Geotrichum candidum bildet schnell wachsende Kolonien, die zunächst hefeartig erscheinen und mit zunehmendem Alter bei 25 °C eine pudrige oder wildlederartige Textur entwickeln. Die Kolonien sind typischerweise weiß bis cremefarben, flach und trocken, wobei die Rückseite keine Pigmentierung aufweist. Spärliche Luftmyzelien tragen zum charakteristischen baumwollartigen Erscheinungsbild der Kultur bei. Auf Standardmedien wie Sabouraud-Glucose-Agar erreichen die radialen Wachstumsraten durchschnittlich 5–7 mm pro Tag. Mikroskopisch sind die vegetativen Hyphen hyalin, septiert und messen 2–4 µm in der Breite, wobei sie sich dichotom verzweigen. Ein bestimmendes Merkmal ist die Fragmentierung dieser Hyphen in Ketten von Arthrokonidien durch die Bildung von Doppelsepten (Schizolyse). Die resultierenden Arthrokonidien sind einzellig, tonnenförmig bis rechteckig und glattwandig. Sie messen typischerweise 6–12 µm in der Länge und 3–6 µm in der Breite. Der Pilz bildet keine echten Konidiophoren, Sporangien oder Blastokonidien aus. Das sexuelle Stadium (*Galactomyces candidus*) bildet subhyaline bis hyaline, subsphärische bis breit ellipsoide Asci aus, die meist durch Fusion von Gametangien entstehen. Jeder Ascus enthält typischerweise eine einzelne Ascospore, selten können zwei vorhanden sein. Die Ascosporen sind breit ellipsoid bis kugelig, messen 6–7 × 7–10 µm und besitzen eine stachelige Innenwand, ein unregelmäßiges Exosporium sowie oft eine hyaline Äquatorialfurche. Da morphologische Merkmale bei Arthrokonidien bildenden Pilzen überlappen können, erfolgt die sichere Abgrenzung zu verwandten Arten und Komplexen wie *Geotrichum pseudocandidum* mittels rRNA-Gensequenzierung (ITS/LSU) oder MALDI-TOF-Massenspektrometrie.[1]
*Geotrichum candidum* nimmt eine ambivalente ökologische und ökonomische Rolle ein, da er einerseits als essenzielle Reifungskultur für Weichkäse wie Camembert und Brie dient, andererseits jedoch als Erreger von Pflanzenkrankheiten und opportunistischen Infektionen auftritt.[1][2] Als landwirtschaftlicher Schädling verursacht der Pilz die sogenannte Sauerfäule (*sour rot*) an Zitrusfrüchten, Tomaten und Süßkartoffeln, die durch weiche, wässrige Läsionen und einen charakteristischen sauren Geruch gekennzeichnet ist.[2][4] Die Verbreitung erfolgt häufig durch Vektoren wie Fruchtfliegen oder durch mechanische Verletzungen bei der Ernte, wobei feuchte und sauerstoffarme Lagerbedingungen den Befall massiv begünstigen.[1] Medizinisch ist der Organismus als Erreger der Geotrichose relevant, einer opportunistischen Infektion, die bei immungeschwächten Patienten (z. B. bei Leukämie oder HIV) Lungenentzündungen, Hautläsionen oder lebensbedrohliche Fungämien mit hoher Mortalität auslösen kann.[2][1] In der Tiermedizin werden Infektionen wie Mastitis bei Rindern, dermale Mykosen bei Pferden oder intestinale Erkrankungen bei Hunden beobachtet.[1] Präventive Maßnahmen im Agrarbereich konzentrieren sich auf strikte Hygiene und Kulturpraktiken, wie das Ernten unter trockenen Bedingungen und die Sicherstellung guter Belüftung, um Feuchtigkeitsstau zu vermeiden.[2] Im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes zeigen biologische Ansätze Wirkung, etwa der Einsatz antagonistischer Bakterien wie *Pseudomonas lini* oder *Pantoea agglomerans*, die durch Nährstoffkonkurrenz das Pilzwachstum hemmen. Chemische Bekämpfungsstrategien in der Lagerhaltung umfassen beispielsweise die Begasung mit Isothiocyanaten, die effektiv gegen den Pilz auf Zitrusfrüchten wirken, ohne die Fruchtqualität zu beeinträchtigen.[3] Die therapeutische Bekämpfung humaner Infektionen erfolgt meist mit Antimykotika wie Voriconazol oder Amphotericin B, da eine intrinsische Resistenz gegen Echinocandine besteht. Neben der Lebensmitteltechnologie besitzt der Pilz zudem biotechnologisches Potenzial zur Bioremediation, da bestimmte Stämme in der Lage sind, synthetische Polymere wie Polycarbonate und Schwermetalle abzubauen.[1][2]