Fakten (kompakt)
- Die invasive Form der Hausratte besitzt einen Karyotyp mit 38 Chromosomen (2n=38), während asiatische Formen wie *Rattus tanezumi* 42 Chromosomen aufweisen. - Innerhalb des *Rattus rattus*-Artenkomplexes werden taxonomisch mittlerweile vier bis sechs eigenständige Spezies unterschieden. - Die innerartliche Kommunikation erfolgt unter anderem durch Vokalisierungen im Ultraschallbereich. - Zur Markierung von Reviergrenzen setzen die Tiere spezifische Duftdrüsen ein. - Weibliche Tiere erreichen die Geschlechtsreife bereits im Alter von etwa drei Monaten. - Auf Inselökosystemen trägt die Art durch das Fressen von Vögeln, Eiern und Wirbellosen direkt zum Aussterben endemischer Spezies bei. - Das übertragbare Krankheitsspektrum umfasst neben der Pest auch Leptospirose, Salmonellose und murines Fleckfieber. - Moderne Bekämpfungsmaßnahmen basieren auf integriertem Schädlingsmanagement, das den Einsatz von Rodentiziden und Fallen mit Habitatveränderungen kombiniert.[9]
Der wissenschaftliche Name der Art lautet *Rattus rattus* (Linnaeus, 1758), wobei sie taxonomisch zur Gattung *Rattus* innerhalb der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zählt.[1][2] Die Erstbeschreibung erfolgte durch Carl Linnaeus in seinem Werk *Systema Naturae* ursprünglich unter dem Protonym *Mus rattus*. Erst im Jahr 1803 wurde die Art durch Fischer de Waldheim in die neu aufgestellte Gattung *Rattus* überführt, was die taxonomische Abgrenzung von der Gattung *Mus* markierte. Zu den relevanten historischen Synonymen gehören *Mus alexandrinus* (Geoffroy, 1803) und *Musculus frugivorus* (Rafinesque, 1814), die später als Synonyme oder Formen von *Rattus rattus* klassifiziert wurden.[1] Traditionell wurden verschiedene Unterarten wie *R. r. rattus*, *R. r. alexandrinus* und *R. r. frugivorus* anhand von Fellfarbe und Morphologie unterschieden, doch neuere Revisionen betrachten diese oft als Farbvarianten innerhalb eines breiteren Artenkomplexes. Dieser *Rattus rattus*-Komplex umfasst mehrere genetisch unterscheidbare Linien, wobei die weltweit verbreitete invasive Form typischerweise einen Karyotyp von 38 Chromosomen (2n=38) aufweist, im Gegensatz zu asiatischen Formen wie *Rattus tanezumi* (2n=42).[1] Im deutschsprachigen Raum ist die Bezeichnung Hausratte der etablierte Trivialname.[2] International sind englische Bezeichnungen wie „black rat“, „roof rat“ (Dachratte) oder „ship rat“ (Schiffsratte) geläufig, die auf ihre Lebensweise und Verbreitungsgeschichte hindeuten. Phylogenetisch gehört die Art zur Tribus Rattini in der Unterfamilie Murinae und trennte sich molekularbiologischen Schätzungen zufolge vor etwa 1,94 Millionen Jahren von der Wanderratte (*Rattus norvegicus*).[1]
Die Hausratte (*Rattus rattus*) ist ein mittelgroßes, schlankes Nagetier mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 16 bis 22 cm und einem Gewicht zwischen 150 und 250 g. Ein charakteristisches Bestimmungsmerkmal ist der lange, schuppige Schwanz, der mit 19 bis 25 cm typischerweise die Länge von Kopf und Körper übertrifft. Das Fell ist weich und glänzend, wobei die Grundfärbung von schwarz oder dunkelgrau auf dem Rücken bis zu bräunlich-grau variiert und bauchseits oft in helleres Grau, Braun oder Fahlgelb übergeht.[1][2] Historisch wurden verschiedene Farbvarianten unterschieden, wie die schieferschwarze Nominatform *R. r. rattus* oder die graubraune Form *R. r. alexandrinus* mit weißer Unterseite, die heute oft als Farbmorphen betrachtet werden.[1] Der Kopf zeichnet sich durch eine spitze Schnauze sowie große, hervorstehende dunkle Augen aus, die an schlechte Lichtverhältnisse angepasst sind. Die Ohren sind auffällig groß, dünnhäutig und abgerundet, was das Hörvermögen unterstützt und sie optisch deutlich vom Kopf abhebt.[1][2] Skelettale Anpassungen wie ein schmaler Schädel und eine flexible Wirbelsäule ermöglichen zusammen mit der starken Gliedmaßenmuskulatur eine agile, kletternde Fortbewegung. Ein Sexualdimorphismus ist nur schwach ausgeprägt, wobei Männchen durchschnittlich weniger als 10 bis 15 Prozent schwerer und größer sind als Weibchen. Die Jungtiere kommen als Nesthocker nackt und blind zur Welt, wobei sich die Augen erst nach etwa 15 Tagen öffnen.[2] Zur Abgrenzung von der Wanderratte (*Rattus norvegicus*) dienen vor allem die Proportionen des Körpers. Während der Schwanz der Hausratte länger als der Rumpf ist, bleibt er bei der Wanderratte kürzer als der Körper.[1] Zudem wirkt *Rattus rattus* insgesamt schlanker und besitzt im Verhältnis zum Kopf größere Ohren und Augen als die robustere Verwandte.[1][2]
Rattus rattus gilt weltweit als bedeutender Schädling, der durch den Verzehr und die Kontamination von Agrarprodukten wie Reis, Mais und Früchten massive ökonomische Verluste verursacht, die zwischen 1930 und 2022 auf mindestens 3,6 Milliarden US-Dollar geschätzt wurden.[1] Aufgrund des stetigen Nagebedürfnisses verursachen die Tiere strukturelle Schäden an Gebäuden, indem sie Holzbalken, Isoliermaterialien und elektrische Leitungen durchnagen, was Kurzschlüsse und Brandgefahren zur Folge hat. Medizinisch fungiert die Hausratte als Reservoir für zahlreiche zoonotische Erreger wie Yersinia pestis (Pest), Leptospira-Bakterien und Hantaviren, die über Urin, Kot oder Ektoparasiten wie den Rattenfloh (Xenopsylla cheopis) übertragen werden.[1][3] In Ökosystemen, insbesondere auf Inseln, bedroht sie die Biodiversität durch Prädation von Vogeleiern und Konkurrenz mit einheimischen Arten massiv, was bereits zum Aussterben diverser Spezies führte.[1] Typische Befallsanzeichen sind Nagespuren, Schmierspuren an Wänden sowie Kot, der zudem als Vektor für Krankheiten wie Leptospirose dient.[3] Das moderne Management basiert auf Integrierter Schädlingsbekämpfung (IPM), die hygienische Maßnahmen mit baulicher Exklusion und Bestandsreduktion verknüpft.[1] Zur baulichen Prävention gehören das Abdichten von Gebäudehüllen und der Einsatz mechanischer Barrieren, wie glatte Metallschilde an Rohren, um die Kletterwege der arborealen Nager zu blockieren.[3][2] Hygienemaßnahmen zielen auf die Entfernung von Nahrungsquellen und Nistmöglichkeiten ab, um die Tragfähigkeit des Habitats zu senken.[1] Zur direkten Bekämpfung haben sich Schlagfallen in Rasteranordnung sowie der Einsatz von Antikoagulanzien wie Brodifacoum oder Diphacinon bewährt, wobei teilweise Kombinationsköder genutzt werden, die sowohl den Fress- als auch den Nagetrieb ansprechen.[1][2] Da in einigen Populationen Resistenzen gegen Antikoagulanzien beobachtet wurden, gewinnen alternative Methoden an Bedeutung.[1] Biologische Ansätze umfassen die Förderung natürlicher Prädatoren wie Schleiereulen (Tyto alba) oder den Einsatz von Fertilitätshemmern wie Levonorgestrel zur Reduktion der Reproduktionsrate.[1][5] Um eine weltweite Ausbreitung zu verhindern, gelten im Seehandel strenge Biosicherheitsstandards, einschließlich Schiffsinspektionen und Rattenblechen an Vertäuungsleinen.[3]