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Lexikon-Eintrag

Kastanienminiermotte Cameraria ohridella

Kastanienminiermotte

Taxonomie

Reich Tiere (Animalia)
Stamm Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse Insekten (Insecta)
Ordnung Schmetterlinge (Lepidoptera)
Familie Gracillariidae
Gattung Cameraria
Art Cameraria ohridella
Wissenschaftlicher Name Cameraria ohridella Deschka & Dimić, 1986
Akzeptierter Name

Einleitung

Die **Rosskastanienminiermotte** (*Cameraria ohridella*), auch **Balkan-Miniermotte** genannt, ist ein Kleinschmetterling aus der Familie der Miniermotten (Gracillariidae).[1][2] Die Raupen dieser Art entwickeln sich fast ausschließlich in den Blättern der Gewöhnlichen Rosskastanie (*Aesculus hippocastanum*), wobei ihre Fraßgänge (Minen) zu einer vorzeitigen Braunfärbung, Welken und Abfallen des Laubes führen.[3][4] Ursprünglich 1984 in der Nähe des Ohridsees entdeckt, hat sich der Forstschädling seither extrem schnell in fast alle Gebiete Europas ausgebreitet.[1]

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Zuletzt am 19.05.2026
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Fakten (kompakt)

- Der haploide Chromosomensatz der Art beträgt 30. - Genetische Analysen belegen einen starken Gründereffekt: Während in den natürlichen Beständen auf dem Balkan 25 verschiedene Haplotypen (A–Z) existieren, dominiert in den invasiven europäischen Populationen fast ausschließlich der Haplotyp A. - Die nächstverwandte Art ist vermutlich die in Japan heimische *Cameraria niphonica*, die Ahorn-Arten befällt, während die Mehrzahl der Gattungsvertreter in Nordamerika verbreitet ist. - Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Motte über den europäischen Kontinent betrug seit der Erstentdeckung etwa 40 bis 100 Kilometer pro Jahr. - Obwohl die Art eng an die Rosskastanie gebunden ist, wurden bei hohem Befallsdruck auch lebende Puppen auf dem Bergahorn (*Acer pseudoplatanus*) und Spitzahorn (*Acer platanoides*) nachgewiesen. - Zur sicheren Abtötung der Puppen im Falllaub sind Temperaturen von rund 60 °C erforderlich, die meist nur in professionellen Kompostieranlagen, nicht aber auf privaten Gartenkomposthaufen erreicht werden. - In der Schweiz wurde ein Verfahren zur Baum-Impfung (Endotherapie) zugelassen, bei dem Wirkstoffe wie Revive unter Druck direkt in den Stamm injiziert werden, um die Larvenentwicklung über mehrere Jahre zu unterdrücken. - Als spezialisierter Prädator wurde die Südliche Eichenschrecke (*Meconema meridionale*) beobachtet, die gezielt Minen aufbeißt, um Larven und Puppen zu fressen.[19] - Patentierte mechanische Bekämpfungsmethoden umfassen spezielle Fangstreifen mit radial abstehenden Zungen, die als physikalische Barriere am Baumstamm angebracht werden. - Forschungen zu Repellents untersuchen den Einsatz organischer Verbindungen, die von bereits befallenen Blättern emittiert werden, um weitere Motten durch natürliche chemische Signale abzuschrecken.[22]

Name & Einordnung

Die **Rosskastanienminiermotte** (*Cameraria ohridella*) wurde im Jahr 1986 durch die Entomologen Gerfried Deschka und Nenad Dimić wissenschaftlich erstbeschrieben.[1] Der Artname *ohridella* verweist auf den Fundort der ersten Exemplare in der Nähe des Ohridsees in Mazedonien, wo die Art 1984 entdeckt wurde.[1][5] Im deutschsprachigen Raum ist neben der Hauptbezeichnung auch der Name **Balkan-Miniermotte** gebräuchlich.[2] Systematisch wird der Kleinschmetterling in die Familie der Miniermotten (Gracillariidae) und die Unterfamilie Lithocolletinae eingeordnet.[2][6] Die Gattung *Cameraria* umfasst mehrheitlich nordamerikanische Arten, weshalb die geografische Herkunft von *Cameraria ohridella* in Europa zunächst diskutiert wurde.[7] Als nächstverwandte Art gilt die in Japan verbreitete *Cameraria niphonica* (Kumata, 1963), die sich im Genitalapparat nur wenig von der europäischen Art unterscheidet.[7][1] In der wissenschaftlichen Literatur findet sich vereinzelt die Schreibweise *Cameraria ochridella*, die jedoch als Falschschreibung gilt.[8]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Die Falter von *Cameraria ohridella* erreichen eine Körperlänge von 2,28 bis 3,04 Millimetern (Mittelwert 2,65 mm) sowie eine Flügelspannweite zwischen 5,92 und 7,5 Millimetern. Die Vorderflügel weisen eine metallisch-glänzende Grundfärbung auf, die von Rot über Kastanienbraun bis Orangebraun variiert. Im Basalfeld befindet sich ein weißer Längsstrich, während das Mittel- und Außenfeld vier weißliche, schwarz gefasste und meist unterbrochene Querbänder zeigt. Die dunkelgrauen Hinterflügel sind mit langen Fransen besetzt, die dem hinteren Ende des Falters ein federartiges Aussehen geben. Der Kopf weist Büschel orangefarbener Haare auf und die schwarz-weiß geringelten Fühler entsprechen etwa vier Fünfteln der Vorderflügellänge. Auch die Beine sind schwarz-weiß geringelt und der Saugrüssel ist gut entwickelt. Die weißlichen, durchscheinenden Eier sind abgeflacht elliptisch und im Mittel 0,27 Millimeter breit sowie 0,37 Millimeter lang.[4] Die Larvenentwicklung umfasst meist sechs Stadien, wobei die fressenden Stadien (L1 bis L4/L5) abgeplattet und beinlos sind sowie eine keilförmige Kopfkapsel besitzen. Der durchscheinende Körper der fressenden Larven zeigt auf dem Rücken braune Striae und lässt die inneren Organe erkennen. Die folgenden Spinnstadien (S1, S2) fressen nicht mehr, besitzen einen rundlichen Kopf mit Spinndrüse und sind grau beziehungsweise blassgelb bis cremefarben gefärbt. Die Puppe ist 3,25 bis 3,7 Millimeter lang, orange bis dunkelbraun gefärbt und verfügt über lange Flügelhüllen. Der Kopf der Puppe ist zugespitzt und besitzt einen ausgeprägten schnabelartigen Vorsprung, der dem Durchstoßen des Kokons dient. Statt eines Kremasters weist die Puppe am zweiten bis sechsten Abdominalsegment Paare nach innen gekrümmter Dornen auf, die vermutlich der Verankerung dienen. Ein Sexualdimorphismus ist an den Puppen erkennbar, da bei Männchen das sechste und siebte Abdominalsegment etwas länger und das siebte Segment breiter ist.[21] Die Art unterscheidet sich von der in Japan vorkommenden *Cameraria niphonica* nur geringfügig im Genitalapparat, während sie sich von nordamerikanischen *Cameraria*-Arten deutlich abhebt.[4]

Beschreibung

Die Kastanienminiermotte (*Cameraria ohridella*) ist ein zur Familie der Gracillariidae (Miniermotten) gehörender Kleinschmetterling, der wissenschaftlich erst im Jahr 1986 von Deschka und Dimić beschrieben wurde. Taxonomisch ist die Art innerhalb der Ordnung der Lepidoptera (Schmetterlinge) als akzeptierte Spezies der Gattung *Cameraria* eingeordnet.[2] Ein charakteristisches Merkmal dieser Art ist ihre spezialisierte Lebensweise, bei der die Larvenstadien parasitär im Inneren der Blätter leben und dort das Gewebe minieren. Adulte Falter zeichnen sich durch spezifische Verhaltensmuster aus, insbesondere durch eine Wanderung entlang des Baumstammes oder der Äste, was sie von rein flugaktiven Insekten unterscheidet. Diese vertikale Migration am Stamm macht die Art anfällig für mechanische Barrieren, wie etwa zylindrische Fangstreifen mit radial abstehenden Zungen, die den Aufstieg physisch blockieren. Ein zentraler Aspekt der Biologie von *Cameraria ohridella* ist die hochspezifische chemische Kommunikation zwischen den Geschlechtern zur Fortpflanzung. Weibchen emittieren das Sexualpheromon (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal, eine chemische Verbindung, die Männchen über Distanzen hinweg gezielt anlockt. Die Synthese und Perzeption dieses Pheromons ist so essentiell für den Lebenszyklus, dass eine künstliche Anreicherung der Atmosphäre zur Verwirrung der Männchen (Mating Disruption) führt und die Paarung unterbindet. Neben sexuellen Lockstoffen orientiert sich die Art auch an organischen Verbindungen, die von der Wirtspflanze oder bereits befallenen Blättern emittiert werden. Diese semiochemischen Signale fungieren als natürliche Repellents oder Hemmstoffe, welche das Verhalten der Motten bei der Wirtswahl und Eiablage steuern. Die Fähigkeit, solche verhaltensmodifizierenden Signale wahrzunehmen, stellt eine wichtige evolutionäre Anpassung dar, um Konkurrenz durch andere Herbivore zu vermeiden. Im Gegensatz zu vielen anderen Schädlingen, die primär toxisch bekämpft werden, ermöglichen die verhaltensbiologischen Eigenheiten von *Cameraria ohridella* den Einsatz biologisch inspirierter Steuerungsmechanismen. Die Larvenentwicklung findet geschützt im Blattparenchym statt, was die Tiere vor direkten äußeren Einflüssen abschirmt, bis sie sich verpuppen. Historisch und ökologisch ist die Art vor allem durch ihre schnelle Ausbreitung und die damit verbundene Entwicklung spezifischer biotechnischer Fallen- und Pheromonsysteme definiert.[22]

Verhalten

Obwohl *Cameraria ohridella* flugfähig ist, legen die Falter aktiv meist nur kurze Strecken zurück, wobei ihr leichter Körperbau eine passive Verbreitung durch den Wind ermöglicht.[17] Die Art ist tagaktiv, wobei die Aktivitätsmaxima in der Mitte des Vormittags sowie des Nachmittags liegen. Die höchste Aktivität zeigen die Tiere bei mäßig warmen Temperaturen zwischen 20 und 24 °C.[10] In Ruheposition am Stamm sitzen die Falter in der Regel mit dem Kopf nach oben gerichtet.[21] Zur Paarung locken die Weibchen die Männchen mittels Pheromonen an, die in einer Duftdrüse am Hinterleib produziert werden.[29] Chemisch handelt es sich bei diesem Sexuallockstoff um (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal.[22] Das Schlüpfverhalten nach der Überwinterung ist protandrisch, was bedeutet, dass in den ersten Tagen signifikant mehr Männchen als Weibchen erscheinen.[21] Nach dem Schlüpfen zeigt die Frühjahrsgeneration ein ausgeprägtes Verhalten, bei dem die Tiere an den Stämmen emporwandern.[30] Im letzten Larvenstadium zeigen die Tiere unterschiedliche Verhaltensweisen, indem sie zur Verpuppung entweder einen festen Seidenkokon spinnen oder gänzlich darauf verzichten.[21]

Ökologie

Die Larven von *Cameraria ohridella* entwickeln sich als hochspezialisierte Minierer fast ausschließlich in den Blättern der Gewöhnlichen Rosskastanie (*Aesculus hippocastanum*). Auf anderen *Aesculus*-Arten wie der Roten Rosskastanie (*Aesculus pavia*) sterben die Larven meist frühzeitig ab, was diese Pflanzen zu einer ökologischen Sackgasse macht.[31] In Mitteleuropa profitiert die Art von einer noch unzureichenden Anpassung natürlicher Feinde, was ihre massenhafte Vermehrung begünstigt. Zu den identifizierten Prädatoren zählen neben generalistischen Vogelarten wie Blau- und Kohlmeisen auch Insekten wie die Südliche Eichenschrecke (*Meconema meridionale*), die die Minen aufbeißt.[32] Das Spektrum der Parasitoide umfasst etwa 30 Schlupfwespen-Arten, vorwiegend aus der Familie Eulophidae.[1] Der Parasitierungsgrad ist mit 7 bis 10 % jedoch vergleichsweise gering, da sich viele heimische Nützlinge noch nicht vollständig auf den Neozoen eingestellt haben.[32] Chemisch kommuniziert die Art über Sexualpheromone wie (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal, die von den Weibchen zur Anlockung der Männchen abgegeben werden.[22][24] Durch den Fraß im Palisadenparenchym wird die Photosynthese des Wirtsbaumes unterbrochen, was bereits im Sommer zu einer Braunfärbung und Welke führt.[32]

Bedeutung, Schäden & Prävention

Die Larven der *Cameraria ohridella* verursachen durch ihre Fraßgänge (Minen) bereits im Sommer eine Braunfärbung und das Welken der Blätter, was die Photosynthese unterbricht und den Baum schwächt. Zwar wurde bisher kein direktes Absterben der Bäume beobachtet, jedoch führt der Befall zu einer verminderten Nährstoffaufnahme und deutlich kleineren Früchten.[18] Zur Überwachung der Populationen (Monitoring) werden Pheromonfallen eingesetzt, die den Sexuallockstoff (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal nutzen.[29][22] Die effektivste Methode zur Bestandsreduktion ist die konsequente Sammlung und Vernichtung des Laubs im Herbst, da die Puppen in den abgefallenen Blättern überwintern.[34] Eine Abtötung der Dauerstadien wird durch industrielle Kompostierung bei rund 60 °C oder durch das Vergraben des Laubs unter einer mindestens 10 bis 50 cm dicken Erdschicht erreicht.[17][20] Mechanische Barrieren wie Leimringe oder spezielle Fangstreifen am Stamm können zudem das Aufwandern der Falter der Frühjahrsgeneration behindern.[30][22] Im chemischen Pflanzenschutz kommen Wirkstoffe wie der Chitininhibitor Diflubenzuron oder das teilsystemische Azadirachtin (Neem) zum Einsatz, welches die Häutung und Metamorphose der Larven stört.[35] In der Schweiz ist zudem die Baum-Impfung mit dem Wirkstoff Emamectin-Benzoat (Revive) zugelassen, der direkt in den Stamm injiziert wird.[36] Biologische Maßnahmen umfassen die Förderung natürlicher Fressfeinde wie Blau- und Kohlmeisen durch das Anbringen von Nistkästen sowie den Schutz räuberischer Insekten wie der Südlichen Eichenschrecke.[37][27] Neuere Ansätze erforschen zudem die Nutzung von Repellents auf Basis organischer Verbindungen, um die Eiablage an den Blättern zu verhindern.[22]

Wirtschaftliche Bedeutung

Die wirtschaftliche Relevanz von *Cameraria ohridella* begründet sich vorwiegend durch die ästhetische Entwertung von Stadtgrün und die finanziellen Aufwendungen für Schutzmaßnahmen. Ein starker Befall führt bereits im Sommer zu einer Braunfärbung und dem vorzeitigen Welken der Krone, wodurch die Zierfunktion der in Europa häufig gepflanzten Gewöhnlichen Rosskastanie massiv beeinträchtigt wird. Zwar sterben die Bäume in der Regel nicht direkt ab, doch bewirkt die gestörte Photosynthese eine Schwächung des Organismus, eine geringere Nährstoffaufnahme und eine verminderte Fruchtgröße. Für Kommunen und Baumbesitzer entstehen Kosten durch notwendige Bekämpfungsstrategien, wie etwa die aufwendige Sammlung und Vernichtung des Laubs zur Reduktion der überwinternden Puppen. Zudem werden chemische Pflanzenschutzmittel wie Chitininhibitoren oder Insektizide mit Wirkstoffen wie Azadirachtin oder Methoxyfenozid eingesetzt.[33] Es hat sich ein Markt für spezialisierte Bekämpfungsprodukte entwickelt, der unter anderem die Synthese von Sexuallockstoffen für Pheromonfallen umfasst.[33][22] Auch mechanische Lösungen wie Fangstreifen am Stamm oder Verfahren zur Verhaltensmanipulation mittels Repellents sind Gegenstand technischer Entwicklungen.[22] In der Schweiz sind zudem Verfahren zur Baum-Impfung zugelassen, bei denen Wirkstoffe direkt in den Stamm injiziert werden, um die Entwicklung der Raupen zu unterdrücken.[33]

Biologie & Lebenszyklus

Die Rosskastanienminiermotte bildet in Mitteleuropa meist drei aufeinanderfolgende Generationen pro Jahr, wobei unter warmen und trockenen Bedingungen bis zu fünf überlappende Generationen möglich sind.[9] Die ersten Falter schlüpfen wetterabhängig ab Mitte April nach der Winterruhe, wobei ein ausgeprägter Protandrie-Effekt zu beobachten ist, bei dem Männchen signifikant früher als Weibchen erscheinen.[23] Die Anlockung der Geschlechtspartner erfolgt über Sexualpheromone, die von einer Duftdrüse am Hinterende der Weibchen produziert werden und spezifisch als (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal identifiziert wurden.[24][19] Nach der Paarung legen die Weibchen 20 bis 82 Eier einzeln auf der Blattoberseite ab, wobei die tagaktiven Adulten eine Lebensdauer von nur 4 bis 11 Tagen haben.[10] Die Larvalentwicklung verläuft über sechs, gelegentlich sieben Stadien, die in fressende (L1–L4/L5) und nicht fressende Spinnstadien (S1, S2) unterteilt sind.[23] Während die L1-Larve als Saftsauger miniert, fressen spätere Stadien das Palisadenparenchym und erweitern die Mine auf bis zu 40 mm.[25] Die Verpuppung findet innerhalb der Mine in einem seidenen Kokon statt, wobei die gesamte Larvalphase in Regionen wie München zwischen 49 und 63 Tagen dauert.[23] Die Überwinterung erfolgt ausschließlich im Puppenstadium innerhalb des abgefallenen Laubes in einer echten Diapause, die nicht durch kurzfristige Temperaturerhöhungen unterbrochen wird.[11] Diese Puppen sind extrem kälteresistent bis −28 °C und können durch das Phänomen des Überliegens bis zu drei Jahre in Diapause verharren, bevor sie schlüpfen.[11][5] Zu den natürlichen Feinden zählen Vögel wie Blau- und Kohlmeisen sowie die Südliche Eichenschrecke (*Meconema meridionale*), die Minen aufbeißt, um Larven zu fressen.[26][27] Der Parasitierungsgrad durch heimische Schlupfwespen (Eulophidae) ist in neu besiedelten Gebieten mit 7 bis 10 % oft noch gering, da sich diese Nische erst erschließen muss.[28]

Vorkommen & Lebensraum

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet von *Cameraria ohridella* liegt auf dem südlichen Balkan, wo die Art in tiefen, schwer zugänglichen Schluchten und Tälern in Albanien, Nordgriechenland und Mazedonien vorkommt.[14][15] In diesen Reliktstandorten besiedelt sie natürliche Bestände der Gewöhnlichen Rosskastanie (*Aesculus hippocastanum*).[14] Historische Herbarbelege beweisen die Existenz der Motte in Griechenland bereits für das Jahr 1879, obwohl die wissenschaftliche Erstbeschreibung erst 1986 nach Funden am Ohridsee erfolgte.[15][4] Die Invasion in Mitteleuropa begann mit dem ersten Nachweis 1989 im Raum Linz und Steyr in Österreich, gefolgt von einer Massenvermehrung in den frühen 1990er Jahren.[16][17] Die Ausbreitung vollzog sich seither mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 bis 100 Kilometern pro Jahr über fast ganz Europa. Bis zum Jahr 2002 erreichte das Areal im Westen die Britischen Inseln und die Iberische Halbinsel sowie im Osten die Ukraine und das westliche Russland.[18] Auch in Südskandinavien und der Türkei wurden Vorkommen bestätigt.[18][19] Neben der passiven Verdriftung durch den Wind nutzen die Falter vor allem menschliche Verkehrsmittel wie Autos und Bahnen zur Überwindung großer Distanzen.[20] Der Straßenbau in zuvor unzugänglichen Bergregionen Griechenlands begünstigte vermutlich die initiale Verschleppung aus den natürlichen Habitaten.[15] Als primärer Lebensraum dienen die Blätter der weißblühenden Gewöhnlichen Rosskastanie, wobei bei hohem Befallsdruck auch Ahorn-Arten wie der Bergahorn (*Acer pseudoplatanus*) als Wirt angenommen werden.[21]

Saisonalität & Aktivität

In Mitteleuropa bildet *Cameraria ohridella* meist drei aufeinanderfolgende Generationen pro Jahr, deren Falter im April/Mai, Juli und von Mitte August bis Ende September fliegen. Bei günstigen, warm-trockenen Wetterbedingungen wurden bis zu fünf sich überlappende Generationen beobachtet, wobei die vierte Generation oft unvollständig bleibt.[9] Die Falter sind tagaktiv, wobei die Aktivitätsmaxima in der Mitte des Vormittags und des Nachmittags liegen. Am aktivsten sind die Tiere bei mäßig warmen Temperaturen von 20 bis 24 °C.[10] Die Überwinterung erfolgt als Puppe in den herabgefallenen Blättern, wobei eine echte Winterdiapause durchlaufen wird, die Frosttemperaturen zur Beendigung benötigt. Dabei gehen nicht nur Puppen der letzten Generation in Diapause, sondern auch signifikante Anteile der ersten und zweiten Generation.[11] Diese Dauerstadien sind sehr widerstandsfähig und können teilweise zwei bis drei Winter überliegen, bevor die Falter schlüpfen.[12] Das öffentliche Interesse an der Art erreicht seinen Höhepunkt in den Monaten Juli und August, was zeitlich mit der sichtbaren Schadwirkung und Blattbräunung an den Bäumen zusammenfällt.[13]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Wurmlingen, Baden-Württemberg, Deutschland

    29.11.2025

  • Deutschland

    12.11.2025

  • Frankfurt-Süd, Deutschland

    06.11.2025

  • Frankfurt-Süd, Deutschland

    06.11.2025

  • Hude (Oldb), 27 Hude, Duitsland

    23.10.2025

Daten: iNaturalist

Wissenschaftliche Forschung & Patente

DE-202011100768-U1 Mechanical Unbekannt

Fangstreifen

Witasek Peter (2011)

Relevanz: 8/10

Zusammenfassung

Beschrieben wird eine mechanische Vorrichtung in Form eines Fangstreifens, der speziell für Rosskastanienminiermotten entwickelt wurde. Der Streifen wird am Stamm oder Ast angebracht und besitzt einen zylindrischen Grundkörper mit radial abstehenden Zungen. Diese Struktur dient dazu, die Motten physisch abzufangen, vermutlich während ihrer Wanderung am Baumstamm. Es handelt sich um eine giftfreie, rein mechanische Barriere zur Reduktion der Population.

EP-1956915-A1 Behavioral Unbekannt

Pflanzenschutzmittel und deren Verwendung zum Schutz vor Parasiten

University of Goettingen Georg August (2006)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Das Patent beschreibt die Verwendung von verhaltensmodifizierenden organischen Verbindungen, die als Repellents oder Hemmstoffe wirken, um den Befall von Rosskastanien zu reduzieren. Diese Verbindungen werden natürlicherweise von herbivoren Arthropoden oder bereits befallenen Blättern emittiert. Die Kernidee ist die Nutzung dieser natürlichen chemischen Signale, um die Kastanienminiermotte (Cameraria ohridella) abzuschrecken, anstatt sie nur toxisch zu bekämpfen. Es handelt sich um einen biologisch inspirierten Ansatz zur Verhaltenssteuerung der Schädlinge.

HU-230339-B1 Pheromone Unbekannt

Tetradeca-8,10-dienale, Verfahren zu deren Herstellung und deren Verwendung als Sexuallockstoffe für Miniermotten

Ustav Organicke Chemie A Biochemie Akademie Ved Ceske Republiky (2000)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Dieses Patent detailliert die chemische Synthese und Anwendung des spezifischen Sexualpheromons der Kastanienminiermotte, (E8,Z10)-Tetradeca-8,10-dienal. Es wird beschrieben, wie die Verbindung isomerenrein hergestellt und in Fallen oder zur Verwirrungstechnik (Mating Disruption) eingesetzt wird. Durch das Ausbringen in der Atmosphäre werden Männchen verwirrt und an der Paarung gehindert. Dies ist eine hochspezifische, biotechnische Bekämpfungsmethode, die direkt in die Fortpflanzungsbiologie des Schädlings eingreift.

Quellen & Referenzen

  1. Deschka, G. & Dimić, N. (1986). Cameraria ohridella n. sp. aus Mazedonien, Jugoslavien (Lepidoptera, Lithocolletidae). Acta Entomologica Jugoslavica, 22, 11–23.
  2. https://www.gbif.org/species/1749449
  3. Straw, N. A. et al. (2004). Impact and management of the Horse Chestnut leaf-miner (Cameraria ohridella). Arboricultural Journal, 28(1-2), 67–83. doi:10.1080/03071375.2004.9747402
  4. Freise, J. & Heitland, W. (2004). Bionomics of the horse-chestnut leaf miner Cameraria ohridella Deschka & Dimić 1986, a pest on Aesculus hippocastanum in Europe. Senckenbergiana biologica, 84, 61–80.
  5. Freise, J. & Heitland, W. (2004): Bionomics of the horse-chestnut leaf miner Cameraria ohridella Deschka & Dimić 1986. Senckenbergiana biologica, 84, 61–80.
  6. Pschorn-Walcher, H. (1994): Freiland-Biologie der eingeschleppten Roßkastanien-Miniermotte Cameraria ohridella. Linzer biologische Beiträge, 24, 662 kB.
  7. Valade, R. et al. (2009): Mitochondrial and microsatellite DNA markers reveal a Balkan origin for the highly invasive horse–chestnut leaf miner Cameraria ohridella. Molecular Ecology, 18(16): 3458–3470.
  8. Weryszko-Chmielewska, E. & Haratym, W. (2011): Changes in leaf tissue of common Horse Chestnut (Aesczlus hippocastanum L.) colonised by the Horse-Chestnut leaf miner. Acta agrobotanica, 64(4): 11-22.
  9. Stadtentwicklung Berlin: Flugverlauf der Kastanienminiermotte 2003. (PDF)
  10. Bogdan Syeryebryennikov: Ecology and control of horse chestnut leaf miner (Cameraria ohridella). Shmalhausen Institute of Zoology, Kiev 2008
  11. Christine Tilbury, Hugh Evans: Exotic pest alert: Horse chestnut leaf miner, Cameraria ohridella Desch. & Dem. (Lepidoptera: Gracillariidae). UK Government PDF
  12. Wikipedia OCR Text, Seite 7 (Wirtspflanzen/Überwinterung)
  13. Zeitreihen-Analyse: Suchinteresse (aggregiert), 2026
  14. David C Lees et al.: Tracking origins of invasive herbivores through herbaria and archival DNA: the case of the horse-chestnut leaf miner. In: Frontiers in Ecology and the Environment, 2011, doi:10.1890/100098
  15. Romain Valade et al.: Mitochondrial and microsatellite DNA markers reveal a Balkan origin for the highly invasive horse–chestnut leaf miner Cameraria ohridella. Molecular Ecology, 18(16): 3458–3470, 2009. doi:10.1111/j.1365-294X.2009.04290.x
  16. Hubert Pschorn-Walcher: Freiland-Biologie der eingeschleppten Roßkastanien-Miniermotte Cameraria ohridella Deschka et Dimic im Wienerwald. In: Linzer biologische Beiträge. 24. Jahrgang, Linz 1994
  17. Christa Lethmayer: Über 10 Jahre Cameraria ohridella (Gracillariidae, Lepidoptera) – neue Nützlinge? In: Entomologica Austriaca. 8, 2003
  18. N. A. Straw, M. Bellett-Travers: Impact and management of the Horse Chestnut leaf-miner (Cameraria ohridella). Arboricultural Journal, 28(1-2): 67–83, 2004 doi:10.1080/03071375.2004.9747402
  19. Archivierte Kopie (Memento vom 30. Oktober 2012 im Internet Archive)
  20. Merkblatt zur Kastanienminiermotte vom Pflanzenschutzamt Berlin, September 2012
  21. Jona Freise, Werner Heitland: Bionomics of the horse-chestnut leaf miner Cameraria ohridella Deschka & Dimić 1986, a pest on Aesculus hippocastanum in Europe. Senckenbergiana biologica, 84, 2004
  22. https://patents.google.com/patent/DE202011100768U1/en
  23. Hubert Pschorn-Walcher: Freiland-Biologie der eingeschleppten Roßkastanien-Miniermotte Cameraria ohridella. In: Linzer biologische Beiträge. 24. Jahrgang, Linz 1994
  24. A. Svatoš et al.: Chemical communication in horse-chestnut leafminer: Cameraria ohridella. Journal Plant Protection Science, 35(1): 10–13, 1999
  25. Elżbieta Weryszko-Chmielewska et al.: Changes in leaf tissue of common Horse Chestnut colonised by the Horse-Chestnut leaf miner. Acta agrobotanica, 64(4): 11-22, 2011
  26. Nistkästen sollen Kastanien retten. Artikel der Frankfurter Neuen Presse vom 2. März 2017
  27. G. Grabenweger et al.: Predator complex of the horse chestnut leafminer Cameraria ohridella. Journal of Applied Entomology, 129 (7): 353–362, 2005
  28. N. A. Straw et al.: Impact and management of the Horse Chestnut leaf-miner. Arboricultural Journal, 28(1-2): 67–83, 2004
  29. A. Svatoš et al.: Chemical communication in horse-chestnut leafminer: Cameraria ohridella Deschka & Dimić. Journal Plant Protection Science, 35(1): 10–13, 1999
  30. Umweltbericht Helmstedt 2005/2006
  31. https://doi.org/10.1890/100098
  32. https://doi.org/10.1080/03071375.2004.9747402
  33. Wikipedia: Rosskastanienminiermotte (OCR Text), Seite 8
  34. Merkblatt zur Laubentsorgung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin, 2015
  35. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Verzeichnis zugelassener Pflanzenschutzmittel; Kultur: Rosskastanien-Arten, 2012
  36. Für Miniermotten wird’s ungemütlich. hello, Zeitschrift für die Mitarbeitenden von Syngenta in der Schweiz, 2. Ausgabe, 2012
  37. Nistkästen sollen Kastanien retten, Frankfurter Neue Presse, 2017