Fakten (kompakt)
- Die charakteristische Schärfe der Wurzel basiert auf dem Glucosinolat Sinigrin, das beim Reiben oder Zerkleinern chemisch zu Allyl-Isothiocyanat hydrolysiert. - Genetisch wird *Armoracia rusticana* als interspezifischer Hybrid angesehen, was zu einer hohen Sterilität und der Produktion von meist nicht lebensfähigem Pollen führt. - In den Vereinigten Staaten werden jährlich etwa 24 Millionen Pfund Wurzeln geerntet, die zu sechs Millionen Gallonen Sauce verarbeitet werden. - Der kommerzielle Anbau in den USA erstreckt sich über rund 3.000 Acres, wobei die Produktion schwerpunktmäßig in Illinois, Wisconsin, Kalifornien, New Jersey und Virginia stattfindet. - Neben der Wurzel sind auch die Blätter der Pflanze essbar und können als Salatbeigabe oder Küchenkraut genutzt werden. - Historische medizinische Anwendungen in der Antike umfassten die Behandlung von Rückenschmerzen und Menstruationsbeschwerden, während die Pflanze im Mittelalter gegen Skorbut und Rheumatismus eingesetzt wurde. - Für ein optimales Wachstum bevorzugt die Art Bodenverhältnisse mit einem pH-Wert zwischen 6,0 und 7,5. - Eine namentlich bekannte Zuchtsorte ist 'Maliner Kren', die sich durch besonders große, weiße Wurzeln auszeichnet. - Innerhalb der Familie der Kreuzblütler ist der Meerrettich eng mit *Sinapis alba* (Weißer Senf) und *Eutrema japonicum* (Wasabi) verwandt.[7]
Der heute anerkannte wissenschaftliche Name der Art lautet *Armoracia rusticana* G. Gaertn., B. Mey. & Scherb., wobei sie taxonomisch der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) zugeordnet wird. Ein historisch relevantes Synonym ist *Cochlearia armoracia* L., das die frühere Einordnung durch Carl von Linné widerspiegelt, bevor die moderne Abgrenzung innerhalb der Gattung *Armoracia* erfolgte. Der Gattungsname *Armoracia* entstammt keltischen Sprachen und bedeutet wahrscheinlich „am Meer“ oder verweist auf die antike Region Armorica (heutige Bretagne), was auf das Gedeihen in küstennahen Habitaten hindeutet. Auch der deutsche Trivialname „Meerrettich“ lässt sich wörtlich als „Meeres-Rettich“ verstehen und greift diese geographische Assoziation auf. In Österreich und Süddeutschland ist die Bezeichnung „Kren“ gebräuchlich, die etymologische Wurzeln mit slawischen Namen wie dem polnischen „Chrzan“, dem russischen „Hren“ oder dem rumänischen „Hrean“ teilt.[3] Im englischen Sprachraum entstand im späten 16. Jahrhundert der Begriff „horseradish“, wobei das Präfix „horse“ hier als archaisches Adjektiv für „grob“ oder „stark“ dient und keinen zoologischen Bezug zu Pferden hat.[2] Trotz der Namensbestandteile handelt es sich bei *Armoracia rusticana* nicht um einen echten Rettich der Gattung *Raphanus*, wenngleich beide derselben Pflanzenfamilie angehören. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Art liegt in Südosteuropa und Westasien, insbesondere in den Flussgebieten von Wolga und Don. Evolutionsbiologisch wird angenommen, dass der Meerrettich als interspezifische Hybride entstand, was zur häufig beobachteten Sterilität der Pflanzen und der Notwendigkeit vegetativer Vermehrung beiträgt.[3]
Meerrettich (*Armoracia rusticana*) ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 60 bis 120 cm erreicht und aufrechte Stängel aus einer basalen Rosette bildet. Die grundständigen Blätter sind groß, grob strukturiert und dunkelgrün; sie werden bis zu 50 cm lang sowie 15 cm breit und besitzen lange Blattstiele. Ihre Form ist eiförmig bis länglich mit grob gezähnten oder gelappten Rändern. Im Gegensatz dazu sind die am Stängel sitzenden Laubblätter deutlich kleiner, schmaler (lanzettlich bis länglich) und umfassen den Stängel oft direkt. Diese Stängelblätter erreichen Längen von 10 bis 30 cm und zeichnen sich durch eine kahle, glänzende Oberseite aus.[3] Das Wurzelsystem wird von einer kräftigen, zylindrischen Pfahlwurzel mit cremeweißem Inneren dominiert, die typischerweise 20 bis 60 cm lang wird und am Kronenansatz einen Durchmesser von 2 bis 5 cm aufweist. Die Wurzel verjüngt sich nach unten und bildet verzweigte Rhizome, die der vegetativen Ausbreitung dienen. Der Blütenstand erscheint zwischen April und Juni als endständige, rispige Traube von 10 bis 40 cm Länge. Die darin enthaltenen kleinen, weißen Blüten haben einen Durchmesser von etwa 8 mm und bestehen aus vier Kronblättern, die doppelt so lang sind wie die Kelchblätter. Ein charakteristisches Bestimmungsmerkmal ist der scharfe, stechende Geruch, der erst bei Verletzung der Wurzel durch die enzymatische Freisetzung von Allylisothiocyanat entsteht. Zur Abgrenzung ist zu beachten, dass *Armoracia rusticana* trotz des Namens kein echter Rettich der Gattung *Raphanus* ist, obwohl beide zur Familie der Brassicaceae gehören. Vom oft verwechselten Wasabi (*Eutrema japonicum*) unterscheidet sich der Meerrettich zudem durch seinen terrestrischen Lebensraum, während Wasabi semi-aquatische Bedingungen bevorzugt.[1]
Obwohl *Armoracia rusticana* primär als Kulturpflanze dient, kann sie aufgrund ihrer aggressiven Ausbreitung über Rhizome invasiven Charakter annehmen, weshalb bauliche Maßnahmen wie tiefe Wurzelsperren zur Eindämmung empfohlen werden. In der Landwirtschaft wird die Pflanze häufig vom Meerrettich-Erdfloh (*Phyllotreta armoraciae*) befallen, dessen Fraßspuren charakteristische Löcher in den Blättern hinterlassen und die Photosynthese schwächen. Weiteres Schadpotenzial geht von der Kleinen Kohlfliege (*Delia radicum*) aus, deren Larven Tunnel in die Pfahlwurzel bohren und Missbildungen verursachen, sowie von der Mehligen Kohlblattlaus (*Brevicoryne brassicae*) als Vektor für Viruserkrankungen.[3][1] Zu den bedeutendsten Pilzerkrankungen zählen die Verticillium-Welke (*Verticillium dahliae*), die zu Gefäßverfärbungen führt, und der Weiße Rost (*Albugo candida*), der sich durch cremige Pusteln auf den Blattunterseiten zeigt. Wurzelgallennematoden (*Meloidogyne incognita*) können perlenartige Gallen bilden, die die Nährstoffaufnahme blockieren, während *Plasmodiophora brassicae* (Kohlhernie) besonders in sauren Böden Wurzelverdickungen hervorruft.[3][2] Als zentrale Präventionsmaßnahme gilt eine strikte Fruchtfolge von 3 bis 4 Jahren ohne Kreuzblütler, um Infektionszyklen zu unterbrechen, sowie die Verwendung von krankheitsfreiem Pflanzgut.[1] Im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes (IPM) werden Kulturschutznetze gegen die Eiablage von Insekten und Mischkulturen mit Zwiebeln oder Knoblauch zur Abwehr durch flüchtige Verbindungen eingesetzt.[3][1] Zur biologischen Stärkung wurden spezielle organische Düngemittel entwickelt, die Bakterienkulturen enthalten, um die Krankheitsresistenz der Pflanze zu erhöhen. Post-Harvest tritt häufig bakterielle Weichfäule (*Pectobacterium* spp.) auf, die Wurzeln in eine schleimige Masse verwandelt und durch strikte Hygiene sowie Vermeidung mechanischer Verletzungen bei der Ernte kontrolliert werden muss.[3][1] Medizinisch relevant sind die enthaltenen Isothiocyanate (AITC), die zwar starke antimikrobielle Wirkungen gegen Erreger wie *Escherichia coli* zeigen, bei direktem Kontakt jedoch Haut und Schleimhäute reizen können.[6][3] Übermäßiger Verzehr kann gastrointestinale Beschwerden auslösen und aufgrund goitrogener Glucosinolate bei empfindlichen Personen die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen. Seltene allergische Reaktionen sind bei Personen mit Sensibilität gegenüber der Familie der Brassicaceae möglich.[2]