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Lexikon-Eintrag

Mehlmilbe Acarus siro

Mehlmilbe
Mittleres Risiko Allergen Kann beißen Physische Gefahr Kann stechen Nützling

Taxonomie

Reich Tiere (Animalia)
Stamm Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung Hornmilben (Sarcoptiformes)
Familie Acaridae
Gattung Acarus
Art Acarus siro
Wissenschaftlicher Name Acarus siro Linnaeus, 1758
Akzeptierter Name

Einleitung

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) ist eine weltweit verbreitete Art aus der Familie der Acaridae, die primär als wirtschaftlich bedeutender Vorratsschädling an Getreideprodukten, Trockenfrüchten und Käse auftritt. Historisch oft unter dem Synonym *Tyroglyphus farinae* beschrieben, besiedelt die Art bevorzugt kühle, feuchte Lagerstätten und verursacht durch Fraß sowie Kontamination mit Allergenen erhebliche Schäden. Abzugrenzen ist sie von morphologisch ähnlichen Vertretern wie *Tyrophagus*-Arten oder *Acarus farris* durch mikroskopische Merkmale der Beinborsten.[1] In der biologischen Schädlingsbekämpfung findet *Acarus siro* zudem Verwendung als Futterwirt für die Massenzucht von nützlichen Raubmilben.[2]

Name & Einordnung

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) wurde erstmals im Jahr 1758 von Carl von Linné in seinem Werk *Systema Naturae* wissenschaftlich beschrieben. Der Gattungsname *Acarus* leitet sich vom altgriechischen Wort *akari* ab, was „Milbe“ oder ein unteilbar kleines Lebewesen bedeutet. Das von Linné geprägte Art-Epitheton *siro* basiert auf historischen Aufzeichnungen, deren genaue etymologische Herleitung jedoch unklar bleibt. Im deutschen Sprachraum ist die Bezeichnung „Mehlmilbe“ etabliert, während international englische Trivialnamen wie „flour mite“ oder in Nordamerika „grain mite“ dominieren. Aufgrund des Vorkommens auf gereiftem Käse wird die Art in Europa gelegentlich auch als „cheese mite“ bezeichnet.[1] Historisch wurde die Spezies unter verschiedenen Synonymen geführt, darunter *Tyroglyphus farinae* (De Geer, 1778) und *Aleurobius farinae* (Koch, ca. 1836), wobei sich der Namensbestandteil „farinae“ auf Mehl und „tyro-“ auf Käse bezieht. Über zwei Jahrhunderte hinweg bestand taxonomische Unklarheit, da *Acarus siro* oft mit diesen Synonymen und verwandten Arten vermengt wurde. Erst eine umfassende Revision der Gattung durch D.A. Griffiths im Jahr 1964 klärte die Systematik und etablierte *Acarus siro* als eigenständigen Artkomplex, der sich morphologisch von ähnlichen Taxa wie *Acarus farris* unterscheidet. Die Art wird heute der Familie der Acaridae (Vorratsmilben) zugeordnet, die zahlreiche an Lagerbedingungen angepasste Spezies umfasst.[1]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) ist ein winziger Arthropode mit einer ovalen, weichhäutigen Körperform und einer gestreiften Kutikula, die feine unregelmäßige Punktierungen aufweist. Adulte Tiere erreichen eine Körperlänge von 0,3 bis 0,7 mm, wobei lebende Exemplare meist durchscheinend weiß bis blassgelb gefärbt sind. Der Körper ist intern in Propodosoma und Hysterosoma unterteilt, wobei auf dem Propodosoma ein charakteristischer, glockenförmiger Rückenschild mit spitzen vorderen Ecken sitzt. Einfache Augen fehlen gänzlich; stattdessen orientiert sich die Milbe mittels taktiler Borsten und flammenförmiger Grandjean-Organe, die als Feuchtigkeitsrezeptoren dienen. Die Mundwerkzeuge bestehen aus gepaarten Cheliceren, deren bezahnte Finger das Greifen und Zerkleinern von Nahrungspartikeln wie Getreidekeimen ermöglichen. Adulte verfügen über vier Beinpaare, die jeweils fünf Segmente besitzen und in einem Prätarsus mit einer gestielten Klaue enden. Ein ausgeprägter Sexualdimorphismus zeigt sich in der Größe, da Männchen mit durchschnittlich 0,44 mm kleiner sind als die bis zu 0,66 mm großen Weibchen. Zudem ist das erste Beinpaar der Männchen deutlich vergrößert und weist eine ventrale Apophyse am Femur auf, während der Tarsus IV Kopulationssaugnäpfe trägt. Zur mikroskopischen Artbestimmung dient die Beborstung der Beine, insbesondere das Solenidion ω1 am Tarsus I, das eine markante „Gänsehals“-Form besitzt. Dieses Merkmal sowie das Fehlen bestimmter Femur-Apophysen grenzen *Acarus siro* von verwechselbaren Arten wie den Käsemilben (*Tyrophagus* spp.) ab. Die Eier sind oval geformt und messen etwa 0,1 mm in der Länge. Aus ihnen schlüpfen Larven, die nur 0,1 bis 0,2 mm groß sind und im Gegensatz zu den Adulten nur drei Beinpaare besitzen. Unter Stressbedingungen kann sich ein dauerhaftes Hypopus-Stadium (Deutonymphe) entwickeln, das der Verbreitung dient und keine Mundwerkzeuge zur Nahrungsaufnahme besitzt. Tote Exemplare verfärben sich oft rotbraun, was bei starkem Befall als sichtbarer bräunlicher Staub in Lagergütern auffallen kann.[1]

Beschreibung

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) ist ein mikroskopisch kleiner, kosmopolitisch verbreiteter Vertreter der Familie Acaridae, der vor allem als Schädling in gelagerten Lebensmitteln wie Mehl, Getreide und Käse bekannt ist. Im natürlichen Lebensraum sowie in Vorratslagern bevorzugt die Art kühle, feuchte Bedingungen, wobei sie Temperaturen von 20–25 °C und eine relative Luftfeuchtigkeit von 75–85 % für eine optimale Entwicklung benötigt. Der Körper der Adulttiere ist weich, oval und von einer gestreiften Kutikula bedeckt, die meist durchscheinend weiß bis blassgelb erscheint, bei toten Exemplaren jedoch ins Rötlich-Braune nachdunkelt.[1] Da *A. siro* keine Augen besitzt, erfolgt die Orientierung über taktile und chemische Reize, wobei spezialisierte Grandjean-Organe als Hygrorezeptoren fungieren, um Feuchtigkeitsquellen aufzuspüren. Die Cheliceren sind kräftige Greifwerkzeuge mit gezahnten Fingern, die es der Milbe erlauben, den Keimling von Getreidekörnern zu durchstechen und Pilzmyzelien zu verzehren.[1] Der Lebenszyklus beginnt mit einer hexapoden Larve, die mit 0,1–0,2 mm deutlich kleiner ist als die Adulten und nur drei Beinpaare aufweist.[1][2] Nach einer aktiven Fressphase häutet sich die Larve zur Protonymphe und durchläuft anschließend weitere Stadien bis zum Adulttier. Eine entscheidende Überlebensstrategie ist die Fähigkeit der Deutonymphe, unter ungünstigen Bedingungen wie Nahrungsmangel oder Trockenheit ein Hypopus-Stadium auszubilden. Dieser Hypopus ist ein nicht fressendes, widerstandsfähiges Wanderstadium, das mittels Phoresie an Insekten haftet, um neue Habitate zu besiedeln. Ein deutlicher Sexualdimorphismus zeigt sich im Erwachsenenstadium: Männchen sind mit durchschnittlich 0,44 mm kleiner als die bis zu 0,66 mm großen Weibchen. Zudem besitzen Männchen ein verdicktes erstes Beinpaar mit einer ventralen Apophyse am Femur sowie Kopulationssaugnäpfe an den Tarsen des vierten Beinpaares.[1] Historisch wurde die Art 1758 von Carl von Linné beschrieben, jedoch lange Zeit taxonomisch mit Synonymen wie *Tyroglyphus farinae* vermengt, bis Revisionen im 20. Jahrhundert den Artkomplex klärten.[1] Von verwandten Arten wie *Tyrophagus* spp. unterscheidet sich *A. siro* unter dem Mikroskop durch spezifische Borstenstrukturen (Solenidien) an den Beinen.[1] Bei starkem Befall macht sich die Art weniger optisch als vielmehr durch einen charakteristischen minzigen Geruch und die Ansammlung von bräunlichem Milbenstaub bemerkbar.[1][2] In der angewandten Biologie wird *A. siro* zudem als Futterwirt für die Massenzucht von Raubmilben wie *Amblyseius* spp. genutzt, was ihre hohe Reproduktionsrate unterstreicht.[2]

Verhalten

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) orientiert sich in ihrer Umgebung ohne Augen, sondern verlässt sich auf taktile und chemosensorische Reize, die über Borsten (Setae) am Körper und den Beinen wahrgenommen werden. Mithilfe der Grandjean-Organe, die als Hygrorezeptoren fungieren, kann die Milbe Feuchtigkeitsgradienten erkennen und gezielt feuchte Mikrohabitate aufsuchen, die für ihr Überleben essenziell sind. Der stromlinienförmige Körper mit einem propodosomalen Rückenschild erleichtert dabei die Fortbewegung und das Navigieren durch feine Substrate wie Mehl. Das Fressverhalten ist durch das Greifen und Durchstechen von Nahrungsquellen wie Pilzhyphen oder Getreidekeimen mittels der Cheliceren gekennzeichnet, wobei oft auch verflüssigte Inhalte aufgenommen werden. Im Fortpflanzungsverhalten nutzen Männchen ihr vergrößertes erstes Beinpaar, das über eine ventrale Apophyse verfügt, sowie spezielle Saugnäpfe am vierten Tarsus, um die Kopulation zu erleichtern. Die Tiere zeigen ein Aggregationsverhalten in geschützten Bereichen wie Spalten oder Nähten von Verpackungen, wo sich kleine Kolonien ungestört vermehren können. Unter ungünstigen Umweltbedingungen entwickelt sich ein widerstandsfähiges Hypopus-Stadium, das ein phoretisches Verhalten zeigt, indem es sich an Insekten wie Käfer oder Fliegen anheftet, um neue Nahrungsquellen zu erreichen.[1] In Interaktion mit anderen Arten dient *Acarus siro* als Beute für räuberische Milben wie *Cheyletus eruditus* oder *Amblyseius swirskii*, was in biologischen Bekämpfungssystemen genutzt wird.[2]

Ökologie

*Acarus siro* besiedelt primär vom Menschen geschaffene Lagerstätten für Lebensmittel wie Getreide, Käse und Trockenfrüchte, wobei die Art ursprünglich aus gemäßigten Klimazonen stammt. Die Milbe ist an kühle und feuchte Mikroklimata angepasst; optimale Entwicklungsbedingungen herrschen bei 20–25 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 75–85 %. Eine Substratfeuchte von über 13,4 % ist für das Überleben essenziell, da Populationen unterhalb dieses Grenzwertes aufgrund von Austrocknung absterben. Ökologisch fungiert die Mehlmilbe oft nicht als Primärkonsument von intaktem Mehl, sondern ernährt sich vorwiegend von Schimmelpilzen der Gattungen *Aspergillus*, *Penicillium* und *Eurotium*, die auf feuchten Substraten wachsen. Ergänzend werden Hefen sowie der Keim und das Endosperm von Getreidekörnern verzehrt, wobei die Milben durch ihre Fraßtätigkeit die weitere Ausbreitung von Pilzmyzelien begünstigen. Um ungünstige Umweltbedingungen oder Nahrungsmangel zu überdauern, bildet die Art ein widerstandsfähiges Hypopus-Stadium aus, das sich phoretisch an Insekten wie Käfern oder Fliegen anheftet und so die Besiedlung neuer Habitate ermöglicht. Im natürlichen Nahrungsnetz dient *Acarus siro* als Beute für räuberische Milbenarten, insbesondere *Cheyletus eruditus* und *Cheyletus malaccensis*, die in Lagerbeständen regulierend auf die Populationen einwirken können.[1] Aufgrund dieser trophischen Ebene wird die Art in biologischen Bekämpfungssystemen gezielt als Futterwirt (factitious host) für die Massenzucht von Nützlingen wie *Amblyseius swirskii* und *Amblyseius montdorensis* genutzt.[2]

Bedeutung, Schäden & Prävention

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) gilt als bedeutender Vorratsschädling, der weltweit massive ökonomische Verluste durch den Befall von Getreide, Mehl, Trockenfrüchten und Käse verursacht.[1][2] Typische Schadbilder umfassen Fraßschäden an Keimlingen und Endosperm, was die Keimfähigkeit reduziert und den Nährwert der Produkte senkt.[1] Ein starker Befall ist oft an einem charakteristischen süßlichen oder minzartigen Geruch erkennbar, der durch Stoffwechselprodukte entsteht und die Ware ungenießbar macht.[2] Zudem bildet sich bräunlicher „Milbenstaub“ aus Exkrementen und Häutungsresten, der Maschinen verstopfen kann. Medizinisch ist die Art relevant als Auslöser von Allergien wie dem „Bäckerekzem“ (Dermatitis), Asthma oder in seltenen Fällen der oralen Milben-Anaphylaxie („Pancake-Syndrom“) nach Verzehr kontaminierter Produkte.[1] Interessanterweise wird *Acarus siro* in der biologischen Schädlingsbekämpfung auch als Futterwirt für die Massenzucht von nützlichen Raubmilben wie *Amblyseius swirskii* genutzt. Präventive Maßnahmen basieren primär auf strikter Hygiene, wie der regelmäßigen Entfernung von Getreiderückständen und Staub in Lagerräumen, um Brutstätten zu eliminieren.[2] Da die Milbe feuchte Bedingungen bevorzugt, verhindert eine Lagerung bei einer relativen Luftfeuchtigkeit unter 60 % und Temperaturen unter 20 °C effektiv eine Massenvermehrung. Zur Früherkennung werden visuelle Inspektionen auf Bewegungen im Substrat sowie das Sieben von Proben eingesetzt, wobei bereits Dichten von 200 bis 1.000 Milben pro Kilogramm detektierbar sind. Physikalische Bekämpfungsmethoden umfassen das Einfrieren bei -18 °C oder Hitzebehandlungen bei 50–60 °C, welche alle Entwicklungsstadien abtöten. Chemisch kommen Begasungen mit Phosphin oder der Einsatz von Diatomeenerde (Kieselgur) zur Anwendung, wobei letztere durch Abrasion der Kutikula zur Austrocknung der Milben führt. Im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes (IPM) können räuberische Milben wie *Cheyletus eruditus* freigesetzt werden, die Populationen von *Acarus siro* um bis zu 90 % reduzieren. Internationale Quarantänebestimmungen und Inspektionsprotokolle sind zudem entscheidend, um die Verschleppung durch den globalen Handel zu minimieren.[1]

Wirtschaftliche Bedeutung

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) ist ein weltweit bedeutender Vorratsschädling, der massive Verluste in der Lagerhaltung von Mehl, Getreide, Käse und Trockenfrüchten verursacht.[1] Wirtschaftliche Schäden entstehen primär durch die Verunreinigung der Waren mit Kot, Häutungsresten und Allergenen, was oft die Entsorgung ganzer Bestände notwendig macht.[1][2] Da die Milben bevorzugt den Keimling und das Endosperm von Körnern fressen, sinkt der Nährwert durch den Verlust von Proteinen und Vitaminen, während gleichzeitig die Keimfähigkeit des Saatguts beeinträchtigt wird. Ein charakteristischer süßlicher oder minzartiger Geruch, verursacht durch Lipidsekrete, macht befallene Produkte ungenießbar und unverkäuflich. In Mühlenbetrieben können Ansammlungen von Milbenkörpern und Rückständen zudem Maschinen verstopfen und den Produktionsablauf stören. Die wirtschaftliche Schadensschwelle wird im Allgemeinen bei einer Dichte von 1.000 Milben pro Kilogramm Getreide erreicht, ab der die Qualitätsminderung signifikant wird.[1] In den USA tragen Vorratsschädlinge wie *A. siro* zu jährlichen Verlusten von etwa 2,5 Milliarden Dollar im Agrarsektor bei, bedingt durch Verderb und notwendige Bekämpfungsmaßnahmen.[2] Kontaminierte Lieferungen führen häufig zur Ablehnung im internationalen Export, da sie Qualitätsstandards verfehlen. Neben Materialverlusten entstehen Kosten im Gesundheitswesen, da die Art bei Bäckern und Lagerarbeitern allergische Reaktionen wie die sogenannte Bäckerkrätze oder Asthma auslöst.[1] Eine positive wirtschaftliche Nutzung findet die Art hingegen in der biologischen Schädlingsbekämpfung, wo sie als Futterwirt für die Massenzucht von Raubmilben wie *Amblyseius swirskii* dient.[2] Zusätzlich werden Extrakte von *A. siro* industriell zur Herstellung von Antigenen für die Diagnose und Desensibilisierungstherapie von Allergien verwendet.[2]

Biologie & Lebenszyklus

Die Fortpflanzung von *Acarus siro* erfolgt sexuell, wobei Weibchen nach der Paarung Spermien speichern und im Laufe ihres 42- bis 51-tägigen Lebens bis zu 800 Eier ablegen können. Die Eiablagerate ist temperaturabhängig und erreicht unter optimalen Bedingungen Spitzenwerte von 28 bis 29 Eiern pro Tag. Der Entwicklungszyklus verläuft über das Ei, die sechsbeinige Larve sowie die Stadien Protonymphe, Deutonymphe und Tritonymphe bis zum achtbeinigen Adulttier. Unter idealen Bedingungen bei 20–25 °C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 75–85 % dauert die Entwicklung vom Ei bis zur Imago lediglich 9–10 Tage. Bei kühleren Temperaturen verlangsamt sich dieser Prozess erheblich, sodass eine Generation bei 4 °C bis zu 78 Tage benötigen kann. Eine physiologische Besonderheit ist das fakultative Hypopus-Stadium, eine widerstandsfähige, nicht fressende Form der Deutonymphe, die bei Stressfaktoren wie Nahrungsmangel oder Trockenheit (unter 50 % Luftfeuchte) gebildet wird. Dieses Dauerstadium ermöglicht durch Phoresie an Insekten die Verbreitung in neue Lebensräume und das Überdauern ungünstiger Umweltbedingungen, bis sich die Verhältnisse bessern. Ernährungsphysiologisch sind Larven und Adulte auf feuchte, pilzbewachsene Substrate angewiesen, wobei sie primär den Getreidekeimling und das von Schimmelpilzen (*Aspergillus*, *Penicillium*) befallene Endosperm fressen. Intaktes Mehl wird seltener direkt als Hauptnahrungsquelle genutzt, da die Milben für ihre Entwicklung eine Substratfeuchte von über 13,4 % benötigen. Zu den natürlichen Feinden zählen räuberische Milben wie *Cheyletus eruditus* und *Cheyletus malaccensis*, die Populationen in Lagerstätten signifikant dezimieren können.[1] Aufgrund ihrer Eignung als Beutetier wird *Acarus siro* in der biologischen Schädlingsbekämpfung zudem gezielt als Futterwirt für die Massenzucht von Nützlingen wie *Amblyseius swirskii* eingesetzt.[2]

Vorkommen & Lebensraum

Die Mehlmilbe (*Acarus siro*) ist eine kosmopolitische Art, deren ursprüngliches Verbreitungsgebiet in den gemäßigten Klimazonen Europas liegt. Heute erstreckt sich ihr Vorkommen weltweit über alle Kontinente, wobei sie in Regionen mit kühlem und feuchtem Klima wie Nordamerika, Europa und Teilen Asiens besonders häufig anzutreffen ist. In ariden Zonen wie Wüsten fehlt die Art weitgehend, da die dortige niedrige Luftfeuchtigkeit ein Überleben außerhalb kontrollierter Umgebungen verhindert. In tropischen Gebieten etabliert sie sich primär durch wiederholte Einschleppungen entlang internationaler Handelsrouten, ist dort jedoch seltener als in temperierten Zonen.[1] Die globale Ausbreitung wurde historisch maßgeblich durch den weltweiten Handel mit Getreide und anderen Agrarprodukten seit dem 18. Jahrhundert vorangetrieben.[1] Der vorherrschende Lebensraum von *A. siro* sind heute anthropogene Lagerstätten, in denen sie Vorratsgüter wie Mehl, Getreide, Tierfutter und getrocknete Lebensmittel besiedelt.[2][1] Innerhalb dieser Strukturen bevorzugt die Milbe geschützte Mikrohabitate wie Ritzen in Silos oder Nähte von Verpackungsmaterialien, in denen sich organischer Staub und Feuchtigkeit sammeln. Eine erfolgreiche Besiedlung setzt ein feuchtes Mikroklima voraus, da Populationen unterhalb einer Substratfeuchte von 13,4 % nicht dauerhaft persistieren können. Diese Feuchtigkeit ist essenziell für das Wachstum von Schimmelpilzen der Gattungen *Aspergillus* und *Penicillium*, welche der Milbe als primäre Nahrungsquelle dienen. In Europa ist die Art allgegenwärtig und tritt traditionell auch in Käsereifekellern auf, was ihr im englischen Sprachraum den Namen "cheese mite" einbrachte. Wildpopulationen kommen auch außerhalb von Gebäuden vor und unterscheiden sich teilweise durch eine blassgelbe bis rosafarbene Beinfärbung von den oft rötlich-braunen Labor- oder Lagerstämmen. Die lokale Ausbreitung erfolgt oft passiv über Luftzug oder phoretisch, indem sich das widerstandsfähige Hypopus-Stadium an Insekten wie Käfern oder Fliegen anheftet. Transportmaßnahmen unter Kühlkettenbedingungen (unter 10 °C) hemmen die weitere Verschleppung in noch nicht befallene Gebiete effektiv.[1]

Saisonalität & Aktivität

Die Aktivität und Populationsdynamik von *Acarus siro* wird maßgeblich durch abiotische Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit bestimmt, wobei das Optimum für die Entwicklung zwischen 20 und 25 °C bei einer relativen Luftfeuchte von 75 bis 85 Prozent liegt. Unter diesen günstigen Bedingungen ist der Lebenszyklus äußerst kurz und kann in 9 bis 10 Tagen abgeschlossen werden, was eine rasche Folge mehrerer Generationen (Multivoltinität) innerhalb eines Jahres ermöglicht. Die reproduktive Aktivität erreicht ihren Höhepunkt bei Temperaturen von 25 bis 28 °C, bei denen sich die Population innerhalb von etwa 2,8 Tagen verdoppeln kann. Bei kühleren Temperaturen unter 20 °C verlangsamt sich die Entwicklung signifikant, und unterhalb von 5 °C kommt sie fast zum Erliegen, wobei eine Generation bei 4 °C bis zu 78 Tage benötigen kann. Um ungünstige Umweltbedingungen wie Nahrungsmangel oder eine niedrige Luftfeuchtigkeit (unter 50 Prozent) zu überdauern, kann sich das Deutonymphen-Stadium in eine dauerhafte Ruheform, den Hypopus, umwandeln. Dieser nicht fressende, resistente Hypopus tritt in eine Diapause ein, die das Überleben über längere Zeiträume sichert und die Verbreitung durch Phoresie an Insekten ermöglicht, bis sich die Bedingungen bessern. In gemäßigten Klimazonen ist die Art besonders in kühlen, feuchten Lagerstätten präsent, wobei Kälteperioden die Vitalität einschränken, aber nicht zwangsläufig eliminieren.[1] Ergänzend zeigen aggregierte Suchanfragen in Deutschland ein erhöhtes öffentliches Interesse in den Monaten August und Dezember, was auf saisonale Wahrnehmungsspitzen hindeuten könnte.[3]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Deutschland

    22.06.2025

Daten: iNaturalist

Wissenschaftliche Forschung & Patente

EP-2232986-A3 Biological Unbekannt

Milbenzusammensetzung, deren Zucht und Verfahren zur Anwendung der Zusammensetzung in biologischen Bekämpfungssystemen

Agrobio S L (2010)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Dieses Patent beschreibt eine biologische Zusammensetzung zur Schädlingsbekämpfung, die jedoch Acarus siro nicht als Ziel, sondern als Hilfsmittel nutzt. Die Kernidee ist die Zucht von Raubmilben (z.B. Amblyseius montdorensis) unter Verwendung von Acarus siro als Futterwirt (factitious host). Diese Methode ermöglicht eine stabile Massenzucht und Verteilung der Nützlinge für den Einsatz in kommerziellen Kulturen wie Tomaten. Acarus siro dient hier also als essentielle Nahrungsquelle, um die Population der Raubmilben aufrechtzuerhalten.

ES-2345593-A1 Biological Unbekannt

Zusammensetzung von Materialien, Verfahren zu deren Zucht und Verwendung einer solchen Zusammensetzung in biologischen Bekämpfungsprogrammen

Agrobio S L (2009)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Ähnlich wie im vorangegangenen Patent wird hier Acarus siro als Futterwirt für die Zucht der Raubmilbe Amblyseius swirskii eingesetzt. Das Patent beschreibt das Verfahren zur gemeinsamen Zucht und die daraus resultierende Zusammensetzung für biologische Kontrollprogramme. Die Innovation liegt in der Nutzung der Mehlmilbe als effektive Nahrungsquelle, um die Raubmilbenpopulation vor dem Ausbringen im Feld zu stärken. Es handelt sich um eine Anwendung zur Nützlingsförderung, nicht zur direkten Bekämpfung der Mehlmilbe selbst.

DE-4114980-A1 Chemical Unbekannt

Bekämpfung von allergieauslösenden Milben - insbesondere in Teppichen, Möbeln und Matratzen, umfassend die Sättigung des Lebensraums mit Mentholdampf

Wolf Joachim Dipl Ing (1991)

Relevanz: 8/10

Zusammenfassung

Dieses Patent beschreibt eine Methode zur direkten Bekämpfung von Milben, einschließlich Acarus siro, mittels Mentholdampf. Trägermaterialien werden mit Menthol imprägniert und in befallenen Bereichen wie Teppichen oder Matratzen platziert, um eine tödliche Konzentration in der Luft zu erreichen. Die Methode ist besonders effektiv gegen Hausstaub- und Vorratsmilben und bietet eine Alternative zu synthetischen Akariziden, da sie für Menschen und Haustiere weniger schädlich ist. Acarus siro wird spezifisch als einer der bekämpfbaren Zielorganismen genannt.

GB-1318560-A Biological Unbekannt

Milbenantigen, Verfahren zu seiner Herstellung und Verfahren zu seiner Verwendung in der Therapie

Mundipharma AG (1970)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Das Patent betrifft die medizinische Nutzung von Acarus siro zur Herstellung von Antigenen. Es wird ein Verfahren beschrieben, um Proteine aus der Milbe zu extrahieren, die dann zur Diagnose von Allergien oder zur Desensibilisierungstherapie verwendet werden. Obwohl es keine Methode zur Bekämpfung der Milbe im landwirtschaftlichen Sinne ist, ist es relevant für das Verständnis der biologischen Eigenschaften und der allergenen Wirkung von Acarus siro. Die Innovation liegt in der Aufreinigung spezifischer Antigene für pharmazeutische Zwecke.

Quellen & Referenzen

  1. https://www.cabidigitallibrary.org/doi/full/10.1079/cabicompendium.2522
  2. https://patents.google.com/patent/EP2232986A3/en