Fakten (kompakt)
- **Abwehrstrategien**: Die Raupen der Ritterfalter (*Papilionidae*) besitzen eine ausstülpbare Nackengabel (Osmeterium), die bei Bedrohung einen unangenehmen Geruch verströmt, um Fressfeinde abzuschrecken. - **Mimikry**: Zur Täuschung von Räubern imitieren manche Arten Schlangen, indem sie Augenflecken präsentieren und eine drohende Körperhaltung einnehmen, wie etwa bei der Schwärmergattung *Hemeroplanes*. - **Saisondimorphismus**: Die Spannerraupe *Nemoria arizonaria* passt ihr Aussehen der Jahreszeit an: Im Frühjahr ahmt sie die Kätzchen der Eiche nach, im Sommer hingegen deren Äste, gesteuert durch die jeweilige Nahrung. - **Fleischfresser**: Es existieren zoophage Raupen wie die hawaiianische Art *Hyposmocoma molluscivora*, die Schnecken jagt und diese mit Spinnfäden fesselt, bevor sie verzehrt werden. - **Symbiose**: Raupen der Bläulinge (*Lycaenidae*) leben oft in Gemeinschaft mit Ameisen, indem sie eine zuckerhaltige Flüssigkeit absondern; einige Arten wie der Lungenenzian-Ameisenbläuling leben sogar parasitär in Ameisennestern und fressen deren Brut. - **Fortbewegung**: Bei den Spannern (*Geometridae*) fehlen die ersten drei Bauchbeinpaare, was zu der charakteristischen „messenden“ Fortbewegung führt, während Schneckenspinner (*Limacodidae*) auf saugnapfartigen Sohlen kriechend vorankommen. - **Giftpotenzial**: Ein einziges Exemplar des Eichenprozessionsspinners im sechsten Larvenstadium trägt bis zu 600.000 giftige Setae, die über die letzten acht Rückensegmente verteilt sind. - **Persistenz**: Die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners bleiben in der Umwelt extrem lange aktiv und können aufgrund ihrer UV- und Hitzeresistenz noch nach bis zu 10 Jahren allergische Reaktionen auslösen. - **Seidenproduktion**: Der Spinnfaden tritt aus einer Öffnung an der Unterlippe (Labium) aus und erstarrt sofort beim Kontakt mit der Luft; die Spinndrüsen selbst sind umgewandelte Speicheldrüsen.[11] - **Bekämpfungsinnovation**: Als ökologische Alternative zu Bioziden wurden Barrieren aus unbehandelter Schafschurwolle entwickelt, deren physikalische Struktur die Wanderung von Prozessionsspinnern am Baumstamm stoppen soll.[9]
Die wissenschaftliche Bezeichnung der Ordnung lautet *Lepidoptera*, die 1758 von Linnaeus eingeführt wurde.[3] Der Name ist eine von Linnaeus geprägte Zusammensetzung aus den altgriechischen Wörtern λεπίς (*lepís*, „Schuppe“) und πτερόν (*pterón*, „Flügel“), was „Schuppenflügler“ bedeutet.[4] Das Larvenstadium dieser Insekten wird im Deutschen als Raupe bezeichnet.[5] Die deutsche Bezeichnung „Schmetterling“ ist erstmals für das Jahr 1501 belegt und leitet sich vom ostmitteldeutschen Wort *Schmetten* (Schmand, Rahm) ab, da die Tiere im Aberglauben als Hexen galten, die Milchprodukte stahlen. Dies spiegelt sich auch in historischen landschaftlichen Bezeichnungen wie *Milchdieb*, *Molkenstehler* oder *Schmandlecker* wider.[6] Regional existieren diverse weitere Trivialnamen, darunter *Müllermaler* in Bayern, *Sommervogel* in der Schweiz und Schlesien sowie *Fifalter* in Teilen der Schweiz.[7] Der Begriff *Falter* steht etymologisch nicht mit dem Falten der Flügel in Verbindung, sondern stammt vom germanischen *vīvalter* ab, das wahrscheinlich mit dem lateinischen *pāpilio* verwandt ist.[6] Bis zur allgemeinen Durchsetzung des Begriffs Schmetterling in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Tiere oft nach Rösel von Rosenhof (1749) als „Tagvögel“ oder „Nachtvögel“ klassifiziert.[6] Im antiken Griechenland wurde der Falter als *psuchḗ* (Seele) betrachtet, während für Nachtfalter der Begriff *phalaina* verwendet wurde.[2]
Der Rumpf der Raupen besteht aus 14 Segmenten, die sich in den Kopf, drei Brustsegmente und zehn Hinterleibssegmente unterteilen. Der Kopf ist durch Chitineinlagerungen verhärtet und trägt meistens drei Paar Punktaugen (Stemmata) sowie beißend-kauende Mundwerkzeuge. An den drei Brustsegmenten befindet sich je ein Beinpaar, während die darauf folgenden Hinterleibssegmente meist vom dritten bis zum sechsten Segment sogenannte Bauchbeine tragen. Diese Bauchbeine sind keine eigentlichen Beine, sondern ungegliederte Hautausstülpungen, die am Ende Hakenkränze zum besseren Festklammern aufweisen. Am zehnten Hinterleibssegment befindet sich ein weiteres Paar kräftigerer Beine, die als Nachschieber bezeichnet werden. Abweichend davon fehlen beispielsweise bei den Spannern (*Geometridae*) die ersten drei Bauchbeinpaare, was zu einer kriechenden Fortbewegung führt. Bei den Imagines (erwachsenen Tieren) besteht der Körper aus Kopf, Brust (Thorax) und Hinterleib, wobei am Thorax zwei Flügelpaare und drei Beinpaare ansetzen. Die Flügel sind auf der Ober- und Unterseite mit abgeflachten, artspezifischen Schuppen bedeckt, die dachziegelartig angeordnet sind. Die Mundwerkzeuge der meisten adulten Falter sind zu einem Saugrüssel umgebildet, der in Ruhestellung unter dem Kopf eingerollt ist.[1] Spezifische Larven wie die des Eichenprozessionsspinners (*Thaumetopoea processionea*) entwickeln im sechsten Stadium dunkelbraune Felder auf dem Rücken. Diese Felder bestehen aus tausenden dicht stehenden, pfeilförmigen Setae (Brennhärchen).[11] Die Setae sind etwa 150 Mikrometer lang, besitzen Widerhaken und enthalten das Eiweißgift Thaumetopoein. Eine einzelne Raupe kann im letzten Larvenstadium 500.000 bis 600.000 dieser Setae besitzen, die auf die acht letzten Rückensegmente verteilt sind.[4]
Die Raupe repräsentiert das eigentliche Fress- und Wachstumsstadium im Lebenszyklus der *Lepidoptera*, wobei das Körpervolumen durch intensive Nahrungsaufnahme enorm zunimmt. Im Gegensatz zum späteren Falter (Imago), der meist einen Saugrüssel besitzt, ist der Kopf der Raupe durch Chitineinlagerungen verhärtet und mit kräftigen Mundwerkzeugen (Mandibeln) ausgestattet, die das Zerkleinern von pflanzlicher oder seltener tierischer Nahrung ermöglichen. Der Rumpf gliedert sich in drei Brustsegmente mit je einem Paar echter Beine und zehn Hinterleibssegmente, die meist funktionale Bauchfüße tragen. Diese Bauchfüße sind keine eigentlichen Gliedmaßen, sondern ungegliederte Hautausstülpungen, die am Ende Hakenkränze zum besseren Festklammern aufweisen. Zur Orientierung dienen der Raupe im Vergleich zu den Facettenaugen der Adulttiere lediglich zwei bis acht Paar einfache Punktaugen (Stemmata) sowie stummelförmige Fühler. Eine anatomische Besonderheit ist die auf der Unterlippe befindliche Öffnung der Spinndrüsen, durch die Seide produziert wird, welche an der Luft erstarrt und für den Nestbau oder die Verpuppung genutzt wird. Während der Entwicklung durchlaufen die Larven meist vier bis fünf Häutungen, da die feste Chitinhülle nicht mitwächst.[1] In späteren Larvenstadien bilden sich bei bestimmten Arten, wie dem Eichenprozessionsspinner (*Thaumetopoea processionea*), spezifische Abwehrmechanismen aus, darunter pfeilförmige Gifthaare (Setae), die sich ab dem dritten Stadium entwickeln und vor Fressfeinden schützen.[11][1] Die Atmung des Organismus erfolgt über porenartige Öffnungen (Stigmen), die seitlich an den Brust- und Hinterleibssegmenten angelegt sind und das Tracheensystem mit Sauerstoff versorgen. Abweichungen vom klassischen Bauplan zeigen sich beispielsweise bei den Spannern (*Geometridae*), denen die vorderen Bauchfüße fehlen, was zu einer charakteristischen bogenförmigen Fortbewegung führt, oder bei den schneckenartigen Larven der *Limacodidae*. Einige Arten leben in Symbiose mit Ameisen oder zeigen komplexes Sozialverhalten in Gespinstnestern.[1]
Die Larven des Eichenprozessionsspinners (*Thaumetopoea processionea*) zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten, indem sie nachts in langen Prozessionen zu den Baumwipfeln ziehen, um an den Blättern zu fressen. In den frühen Morgenstunden kehren die Tiere in geschlossener Formation in ihre Nester zurück, die sich meist am Stamm oder in Astgabelungen befinden. Bei Nahrungsmangel oder Überpopulation verlassen die Raupen den Baum und begeben sich am Boden auf die Suche nach neuen Wirtsbäumen.[11] Dieser natürliche Bewegungsdrang führt zu Wanderungen entlang des Baumstammes, die durch mechanische Barrieren oder Trichtervorrichtungen unterbrochen werden können.[9] Zur Abwehr von Fressfeinden entwickeln die Larven ab dem dritten Stadium dichte Bürsten aus Gifthaaren (Setae) auf den Rückensegmenten. Diese Setae brechen bei leisester Berührung an Sollbruchstellen ab und werden aufgrund idealer Flugeigenschaften durch den Wind über mehrere hundert Meter vertragen.[11]
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (*Thaumetopoea processionea*) treten als Forstschädlinge auf, die sich von spezifischen Eichenarten wie der Zerreiche (*Quercus cerris*) und der Stieleiche (*Quercus robur*) ernähren. Sie profitieren als Gewinner des Klimawandels von milden Wintern und gleichmäßigen Frühjahrstemperaturen, welche die Massenvermehrung begünstigen. Ein synchroner Laubaustrieb mit dem Schlüpfen der Eilarven sowie geringe Niederschläge im Frühjahr sind für die Entwicklung der Populationen förderlich. Die Larven durchlaufen fünf bis sechs Stadien und bewegen sich nachts in Prozessionen zu den Baumwipfeln, um dort zu fressen. Tagsüber oder zur Häutung ziehen sie sich in Nester zurück, die oft in Astgabelungen oder am Stamm angelegt werden. Bei Nahrungsmangel oder Überpopulation verlassen die Tiere den Wirtsbaum und suchen am Boden nach neuen Nahrungsquellen. Natürliche Feinde fehlen häufig, weshalb es zu Massengradationen kommen kann. Das Verbreitungsgebiet dieser endemischen Art reicht von Kleinasien über Südeuropa bis nach England. Im Rahmen von Bekämpfungsmaßnahmen wird teilweise *Bacillus thuringiensis* eingesetzt, was jedoch kollaterale Schäden an anderen heimischen Schmetterlingspopulationen verursachen kann.[11]
Raupen erfüllen eine wichtige ökologische Funktion, treten jedoch in der Land- und Forstwirtschaft zeitweise als bedeutende Schädlinge auf, die durch Kahlfraß ganze Baumbestände schwächen können.[13][12] Eine besondere medizinische Relevanz besitzen Arten wie der Eichenprozessionsspinner (*Thaumetopoea processionea*), deren Larven ab dem dritten Stadium mit Widerhaken besetzte Brennhaare (Setae) ausbilden. Diese mikroskopisch kleinen Härchen enthalten das Eiweißgift Thaumetopoein und können bei Kontakt oder Einatmen die sogenannte Raupendermatitis, Keratokonjunktivitis sowie Atemwegsreizungen auslösen.[11][4] Da die Setae über zehn Jahre in der Umwelt aktiv bleiben sowie hitze- und UV-resistent sind, stellen auch alte Gespinste eine langanhaltende Gefahrenquelle dar.[11] Zur Prävention in befallenen Gebieten gehören das Aufstellen von Warnhinweisen sowie Betretungsverbote für Parks und Wälder.[4] Das Monitoring und die physikalische Bekämpfung erfolgen unter anderem durch spezielle Fallensysteme am Baumstamm, die wandernde Raupen über Trichter in Sammelbehälter leiten. Als ökologische Alternative zu chemischen Barrieren werden Wanderungssperren aus unbehandelter Schafschurwolle eingesetzt, deren Struktur die Raupen mechanisch aufhält. Um die gefährliche Verdriftung der Brennhaare bei der Entfernung zu verhindern, kommen spezielle Sprühkleber zum Einsatz, die Nester und Raupen fixieren.[9] Die biologische Bekämpfung nutzt Präparate auf Basis von *Bacillus thuringiensis* (Bt) oder den Einsatz natürlicher Feinde wie Schlupfwespen, wobei der Einsatz von Bt aufgrund massiver Kollateralschäden an anderen Schmetterlingsarten kritisch abgewogen werden muss.[4][14] Professionelle Akteure entfernen Nester meist mechanisch unter Vollschutz, da eine bloße Abflämmung oft nicht ausreicht, um die hitzeresistenten Gifthaare zu neutralisieren.[4][11]
Die wirtschaftliche Bedeutung der Raupen ist ambivalent und reicht von der Nutzung als Rohstofflieferant bis hin zu massiven Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. Insbesondere die Larven des Seidenspinners (*Bombyx mori*) sind als Produzenten von Seide essenziell für die Textilindustrie, wobei die Kokons durch Heißwasser oder Dampf zur Garngewinnung weiterverarbeitet werden. Regional dienen Raupen zudem als proteinreiches Nahrungsmittel, etwa gekochte Seidenraupenpuppen in Ostasien oder die als „Mopane-Würmer“ bekannten Raupen von *Gonimbrasia belina* im südlichen Afrika. Demgegenüber stehen signifikante Ernteverluste durch Arten wie den Großen und Kleinen Kohlweißling (*Pieris brassicae*, *Pieris rapae*), die ganze Kohlfelder vernichten können.[1] In der Forstwirtschaft führen Massenvermehrungen von Schädlingen wie dem Eichenwickler (*Tortrix viridana*) oder dem Eichenprozessionsspinner (*Thaumetopoea processionea*) zu Kahlfraß, was die Bäume schwächt und anfällig für Sekundärschäden durch Trockenheit oder Mehltau macht.[1][2] Im häuslichen Bereich verursacht die Kleidermotte (*Tineola bisselliella*) ökonomische Schäden durch den Fraß an tierischen Materialien wie Wolle, Filz, Federn und Pelzen. Die Bekämpfung erfordert den Einsatz von Insektiziden, Pheromonfallen oder mechanischen Methoden, was erhebliche Kosten verursacht.[1] Beim Eichenprozessionsspinner entstehen zusätzliche wirtschaftliche Belastungen durch die notwendige Sperrung von Erholungsgebieten (z. B. Schwimmbäder, Parks) sowie Aufwände für Schutzausrüstung und die mechanische Entfernung der Nester.[12] Der Markt für Bekämpfungstechnologien spiegelt sich in Patenten für spezialisierte Fallen, Klebemittel zur Fixierung von Brennhaaren und ökologische Barrieren wider.[9]