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Rote Vogelmilbe Dermanyssus gallinae

Rote Vogelmilbe
Mittleres Risiko Krankheitsüberträger Allergen Kann beißen Physische Gefahr Kann stechen

Taxonomische Klassifikation

Reich Tiere (Animalia)
Stamm Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse Spinnentiere (Arachnida)
Ordnung Raubmilben (Mesostigmata)
Familie Dermanyssidae
Gattung Dermanyssus
Art Dermanyssus gallinae
Wissenschaftlicher Name: Dermanyssus gallinae (De Geer, 1778)
Akzeptierter Name
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Einleitung

Die Rote Vogelmilbe (*Dermanyssus gallinae*) ist ein hämatophager Ektoparasit aus der Familie der Dermanyssidae innerhalb der Ordnung Mesostigmata.[1][2] Als weltweit bedeutender Schädling in der Geflügelwirtschaft befällt die Milbe primär Vögel, parasitiert opportunistisch jedoch auch Säugetiere und den Menschen, was als Gamasoidose bezeichnet wird.[2][3] Historisch unter anderem als *Acarus gallinae* beschrieben, lässt sich die Art morphologisch durch ihre stilettartigen Cheliceren von verwandten Gattungen wie *Ornithonyssus* abgrenzen.[1]

Name & Einordnung

Der wissenschaftliche Name der Art lautet *Dermanyssus gallinae* (De Geer, 1778).[2][1] Die Erstbeschreibung erfolgte durch Charles De Geer im Jahr 1778 unter dem Basionym *Acarus gallinae* in seinem Werk *Mémoires pour servir à l'histoire des insectes*, basierend auf schwedischen Funden. Ursprünglich wurde die Milbe der weit gefassten Gattung *Acarus* zugeordnet, bis Antoine Dugès 1834 die Gattung *Dermanyssus* für blutsaugende Vogelmilben etablierte. Dugès führte die Art zunächst unter dem Namen *Dermanyssus avium*, bevor Carl Ludwig Koch 1836 die Validität des ursprünglichen Epithetons *gallinae* wiederherstellte.[2] Zu den relevanten Synonymen zählt *Dermanyssus hominis*, eine historische Bezeichnung für auf Menschen gefundene Exemplare, die später taxonomisch mit *D. gallinae* synonymisiert wurde. Gelegentlich finden sich in älterer Literatur Falschschreibungen wie *Dermatyssus gallinae*.[2] Heute fungiert *D. gallinae* als Typusart der Gattung *Dermanyssus* innerhalb der Familie Dermanyssidae.[2][1] Morphologisch wird die Gattung von verwandten Gruppen wie *Ornithonyssus* (Macronyssidae) durch ihre stilettartigen Cheliceren unterschieden, die speziell an das Durchstechen von Vogelhaut angepasst sind.[2] Im deutschsprachigen Raum ist der Trivialname „Rote Vogelmilbe“ etabliert, während international englische Bezeichnungen wie „poultry red mite“ oder „chicken mite“ verwendet werden.[2][1]

Aussehen & Bestimmungsmerkmale

Adulte Exemplare von *Dermanyssus gallinae* sind 0,6 bis 1 mm lang und besitzen einen ovalen, dorsoventral abgeflachten Körper, der das Eindringen in schmale Spalten erleichtert.[2][1] Die Grundfärbung ist bei nüchternen Tieren blass oder grau-weiß, wechselt jedoch nach der Blutaufnahme zu einem rötlich-braunen bis dunkelroten Farbton.[2] Das Idiosoma wird teilweise von einem einzelnen Rückenschild (Dorsalschild) bedeckt, das sich nach hinten verjüngt und in einer abgestumpften Kante endet. Ein entscheidendes Bestimmungsmerkmal des Gnathosomas sind die langen, stilettartigen Cheliceren, die zum Durchstechen der Vogelhaut angepasst sind. Im Gegensatz dazu besitzen verwechselbare Arten der Gattung *Ornithonyssus* robustere, scherenförmige Cheliceren mit deutlichen Fingern. Auf der Ventralseite befindet sich die Analöffnung auf einem separaten Analschild, das so breit ist wie die Genitoventralplatte und drei Borsten (Setae) trägt. Die vier Beinpaare sind lang und am Tarsus mit Ambulacra ausgestattet, die die Haftung auf dem Wirt unterstützen. Es besteht ein ausgeprägter Sexualdimorphismus: Weibchen sind größer, haben einen abgerundeten hinteren Rand des Dorsalschilds und stilettartige zweite Chelicerenglieder. Männchen hingegen sind kompakter, weisen ein verschmolzenes Holoventralschild auf und besitzen auffällig verdickte Tarsen am zweiten Beinpaar. Diese modifizierten Beine dienen als Spermatodactyl-Struktur für die Spermienübertragung während der Paarung.[1] Die Larven sind hexapod (sechsbeinig), deutlich kleiner, blasser und besitzen noch keine Genitalien.[1][4] Die darauffolgenden Nymphenstadien (Proto- und Deutonymphe) sind octopod (achtbeinig) und ähneln in ihrer abgeflachten Form den Adulten, weisen jedoch reduzierte Sklerotisierungen auf.[1] Weibchen legen Gelege von 4 bis 8 Eiern ab, die nicht am Wirt, sondern in Verstecken platziert werden.[2]

Bedeutung, Schäden & Prävention

Dermanyssus gallinae gilt als bedeutender wirtschaftlicher Schädling in der Geflügelhaltung, der weltweit jährliche Verluste in dreistelliger Millionenhöhe verursacht, vor allem durch verringerte Eiproduktion und erhöhte Mortalität.[2] Der hämatophage Ektoparasit verursacht bei Hühnern durch nächtliches Blutsaugen Stress, Federpicken, Kannibalismus sowie schwere Anämien, wobei Legehennen pro Nacht über 3 % ihres Blutvolumens verlieren können.[1][3] Als Vektor kann die Milbe Pathogene wie Salmonella enterica, das Vogelgrippevirus und das Newcastle-Disease-Virus übertragen. Auch Menschen werden opportunistisch befallen (Gamasoidosis), was zu juckender Dermatitis führt, wobei das Risiko besonders für Geflügelhalter und Bewohner in der Nähe von Wildvogelnestern besteht.[2] Da sich die Milben tagsüber in Ritzen verbergen, erfolgt der Nachweis über visuelle Inspektionen oder Monitoring-Systeme wie Klebefallen und Wellpappfallen an Sitzstangen.[5][1] Präventive Maßnahmen umfassen strikte Biosicherheits-Protokolle wie Quarantäne für neue Tiere, gründliche Reinigung zwischen den Durchgängen (All-in-all-out) und bauliche Barrieren gegen Wildvögel.[1][4] Physikalische Bekämpfungsmethoden beinhalten die thermische Behandlung von Ställen bei über 45 °C sowie den Einsatz von Silikatstäuben (Kieselgur), die den Panzer der Milben austrocknen.[1][3] Biologische Ansätze nutzen natürliche Feinde wie die Raubmilbe Cheyletus eruditus oder entomopathogene Pilze wie Metarhizium anisopliae zur Populationskontrolle.[3][4] Chemische Akarizide wie Organophosphate und Pyrethroide werden eingesetzt, jedoch erschweren weit verbreitete Resistenzen die Wirksamkeit zunehmend.[1][5] Neuere Ansätze erforschen repellierende ätherische Öle oder physikalische Systeme auf Basis spezifischer LED-Wellenlängen zur milbenfeindlichen Lichtsteuerung.[2][5] Eine integrierte Schädlingsbekämpfung (IPM), die Monitoring mit chemischen und physikalischen Maßnahmen kombiniert, ist für eine nachhaltige Bestandsregulierung essenziell.[1]

Biologie & Lebenszyklus

Der Lebenszyklus von *Dermanyssus gallinae* gliedert sich in fünf Entwicklungsstadien: Ei, Larve, Protonymphe, Deutonymphe und Imago.[2][3] Während die sechsbeinige Larve keine Nahrung aufnimmt, sind die darauffolgenden achtbeinigen Nymphenstadien und die Adulten obligate Hämatophagen, die für ihre Entwicklung Blutmahlzeiten benötigen. Unter optimalen Bedingungen von 25 bis 30 °C und einer hohen Luftfeuchtigkeit von über 70 % vollzieht sich die gesamte Entwicklung vom Ei zum adulten Tier in nur 6 bis 7 Tagen. Bei kühleren Temperaturen um 15 °C verlangsamt sich dieser Prozess signifikant auf etwa 28 Tage. Die Fortpflanzung findet abseits des Wirts statt und erfolgt über eine traumatische Insemination, bei der Männchen Spermien mittels Cheliceren-Fortsätzen (Spermatodactyli) in Samentaschen der Weibchen übertragen. Die Art vermehrt sich durch arrhenotoke Parthenogenese, wobei sich aus unbefruchteten Eiern Männchen und aus befruchteten Eiern Weibchen entwickeln. Die Oviposition beginnt bei Temperaturen zwischen 20 und 35 °C bereits 24 Stunden nach der Blutaufnahme.[2] Weibchen legen Gelege von 3 bis 8 Eiern in Ritzen ab und können im Laufe ihres Lebens, das unter günstigen Bedingungen 2 bis 3 Monate dauert, bis zu 30 Eier produzieren.[2][3] *Dermanyssus gallinae* ist ein nächtlicher, temporärer Ektoparasit, der den Wirt nur für kurze Saugakte von 15 bis 60 Minuten aufsucht und sich tagsüber in Verstecken aufhält. Eine physiologische Anpassung an Wirtsabwesenheit ist die ausgeprägte Hungerresistenz; Adulte und Deutonymphen können in einer Diapause-ähnlichen Starre bei 10 bis 15 °C bis zu 10 Monate ohne Nahrung überleben. Das Nahrungsspektrum konzentriert sich primär auf Geflügel, umfasst jedoch opportunistisch auch über 30 Wildvogelarten sowie Säugetiere. Zu den natürlichen Feinden zählen Raubmilben wie *Cheyletus eruditus*, die Eier und mobile Stadien der Roten Vogelmilbe fressen. Zudem können entomopathogene Pilze wie *Metarhizium anisopliae* und *Beauveria bassiana* die Milben infizieren und abtöten.[2]

Vorkommen und Aktuelle Sichtungen in Deutschland

  • Leuna, Saxony-Anhalt, Deutschland

    15.08.2025

  • Unteres Saaletal, Leuna, Sachsen-Anhalt, Deutschland

    02.09.2024

  • Schwarzwald-Baar-Kreis, DE-BW, Deutschland

    14.07.2024

  • Deutschland

    05.07.2024

  • Düchelsdorf

    30.06.2022

Daten: iNaturalist

Vorkommen & Lebensraum

Dermanyssus gallinae weist eine kosmopolitische Verbreitung auf und ist in Europa, Nordamerika, Asien sowie Afrika etabliert, mit zunehmenden Nachweisen in Südamerika und Australien.[2] In Europa gilt die Art als endemisch, wobei in kommerziellen Legehennenbetrieben Befallsraten zwischen 80 und 94 % dokumentiert wurden. Auch in asiatischen Produktionssystemen, etwa in China und Japan, sind fast die Hälfte der Betriebe betroffen.[1] Der bevorzugte Lebensraum umfasst warme und feuchte Mikrohabitate, wobei Temperaturen von 20 bis 30 °C und eine relative Luftfeuchtigkeit über 70 % die Entwicklung und Reproduktion begünstigen. Als temporärer Ektoparasit hält sich die Milbe tagsüber in dunklen Spalten, Ritzen, der Einstreu oder im Nistmaterial auf, da sie lichtscheu (photonegativ) ist. In diesen Verstecken bilden die Tiere dichte Cluster, die durch Thigmotaxis und spezifische Pheromone zusammengehalten werden. Neben landwirtschaftlichen Nutztierhaltungen besiedelt Dermanyssus gallinae auch natürliche Habitate wie die Nester von Wildvögeln, insbesondere von Tauben und Sperlingsvögeln. Im siedlungsnahen Bereich findet sich der Parasit häufig an Gebäuden in Nestern von Synanthropen wie Schwalben oder Stadttauben, von wo aus er gelegentlich in Wohnräume eindringt.[2] Genetische Untersuchungen zeigen, dass Populationen in Wildvogelnestern eine deutlich höhere genetische Diversität aufweisen als jene in Geflügelbetrieben, was auf genetische Flaschenhälse durch intensive Haltungspraktiken hindeutet.[1] Die Ausbreitung erfolgt primär passiv über kontaminierte Transportmittel und Ausrüstung oder durch Phoresie auf Vögeln und Nagetieren.[2] Dank ihrer Fähigkeit, bei kühlen Temperaturen bis zu zehn Monate ohne Nahrungsaufnahme zu überleben, kann die Milbe auch in unbelegten Habitaten lange persistieren.[3]

Saisonalität & Aktivität

Dermanyssus gallinae zeigt ein ausgeprägt nächtliches Wirtsuchverhalten und verbirgt sich tagsüber in Ritzen, Spalten oder der Einstreu, um Lichtexposition und Austrocknung zu vermeiden. Die Nahrungsaufnahme erfolgt in kurzen Phasen von 15 bis 60 Minuten, woraufhin sich die Parasiten wieder in ihre dunklen Verstecke zurückziehen.[2] Die Aktivität und Entwicklungsgeschwindigkeit sind stark temperaturabhängig, wobei das Optimum für den Lebenszyklus zwischen 25 und 30 °C bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von über 70 % liegt. Unter diesen Bedingungen kann die Entwicklung vom Ei zum Adultus in nur 6 bis 7 Tagen abgeschlossen werden, was in warmen Perioden zu einer raschen Generationenfolge führt.[4] Entsprechend treten Befallspitzen in Geflügelbeständen saisonal gehäuft in den Sommermonaten auf, wenn die klimatischen Bedingungen die Reproduktion beschleunigen.[1] Bei niedrigeren Temperaturen um 15 °C verlangsamt sich die Entwicklung signifikant auf etwa 28 Tage.[4] Die Milbe besitzt eine ausgeprägte Überlebensfähigkeit und kann in kühlen, feuchten Umgebungen (10–15 °C) bis zu zehn Monate ohne Wirt überdauern. In solchen Phasen der Wirtsabwesenheit oder bei saisonaler Kälte verfallen Adulte und Deutonymphen in einen diapause-ähnlichen Zustand, um Energie zu konservieren.[3] Das öffentliche Suchinteresse korreliert mit dieser biologischen Saisonalität und verzeichnet in den Monaten Juli und August deutliche Höchstwerte.[1]

Wissenschaftliche Forschung & Patente

KR-20190108928-A Mechanical Unbekannt

System zur Entfernung von Dermanyssus gallinae mittels LED-Steuerung

Pusan University OF Foreign Studies (2018)

Relevanz: 10/10

Zusammenfassung

Ein physikalisches Bekämpfungssystem, das LED-Licht im Wellenlängenbereich von 400 bis 500 nm nutzt. Durch zyklische Bestrahlung (10-20 Minuten pro Stunde) und Steuerung der Beleuchtungsstärke wird ein für die Milben ungünstiges Umfeld geschaffen. Das System nutzt Sensoren, um die Lichtverhältnisse automatisch anzupassen und den Schädling ohne Chemikalien zu kontrollieren.

KR-101904406-B1 Chemical Erteilt

Zusammensetzung zur Bekämpfung von Dermanyssus gallinae und Verfahren zu deren Verwendung

Stream Bio Company Ltd., Cho Kwon Seok (2018)

Relevanz: 9/10

Zusammenfassung

Eine natürliche Zusammensetzung basierend auf Extrakten von Phytolacca, Pulsatilla, Ginkgo und Helianthus sowie Neemöl, Schwefel und kolloidalem Silber. Diese Mischung wirkt nicht nur gegen Milben, sondern hat auch antibakterielle und deodorierende Eigenschaften. Sie zeichnet sich durch eine hohe Verdünnungsrate und Wirtschaftlichkeit aus.

KR-20200079667-A Chemical Unbekannt

Antiseptische Zusammensetzung gegen Dermanyssus gallinae

Biogenoci Company Ltd. (2018)

Relevanz: 8/10

Zusammenfassung

Das Patent beschreibt ein Bekämpfungsmittel, das Extrakte von Sophora flavescens (Schnurbaum) und Siloxane kombiniert. Diese Mischung soll effektiver sein als herkömmliche chemische Pestizide. Die Kombination zielt darauf ab, die Milben sowohl chemisch als auch physikalisch (durch das Siloxan) zu bekämpfen.

KR-101907113-B1 Chemical Erteilt

Insektizid für Dermanyssus gallinae

Caltecbio Company Ltd. (2018)

Relevanz: 8/10

Zusammenfassung

Ein Insektizid, das auf natürlichen Inhaltsstoffen wie Muschelkalk, Zypressenöl und Saatgut-Mikroorganismen basiert. Es ist so konzipiert, dass es für Menschen und Hühner harmlos ist, aber die Milbenpopulation signifikant reduziert. Der Ansatz verbindet physikalische und biochemische Wirkmechanismen.

CN-108651391-A Monitoring Unbekannt

Vorrichtung und Verfahren zur schnellen Zucht von Dermanyssus gallinae

University of China Agricultural (2018)

Relevanz: 6/10

Zusammenfassung

Das Patent beschreibt ein Gerät zur Zucht und zum Fangen von Milben für Forschungszwecke, nicht primär zur Bekämpfung im Stall. Es nutzt gefaltete Stoffstücke in Zylindern, um Verstecke zu simulieren. Dies ermöglicht Forschern, lebende Proben zu sammeln und die Vermehrungsdynamik zu studieren. Es ist relevant für das Verständnis der Biologie, aber keine direkte Bekämpfungsmethode.

Quellen & Referenzen

  1. https://www.sciencedirect.com/topics/agricultural-and-biological-sciences/dermanyssus-gallinae
  2. https://doi.org/10.1146/annurev-ento-011613-162101
  3. https://www.frontiersin.org/journals/veterinary-science/articles/10.3389/fvets.2020.565866/full
  4. https://parasitesandvectors.biomedcentral.com/articles/10.1186/1756-3305-5-104
  5. https://patents.google.com/patent/KR20190108928A/en