Der wissenschaftliche Name *Gastropoda* wurde 1795 von dem französischen Naturforscher Georges Cuvier eingeführt, der die Gruppe ursprünglich als „les Gastéropodes“ bezeichnete.[2] Die Bezeichnung leitet sich aus den griechischen Wörtern *gastḗr* (Magen) und *poús* (Fuß) ab, was auf die charakteristische Position des Magens über dem zur Fortbewegung dienenden Fuß anspielt.[2][1] Die heute gültige latinisierte Form *Gastropoda* etablierte André Marie Constant Duméril im Jahr 1805, wodurch der Begriff in die binäre Nomenklatur integriert wurde. Im deutschen Sprachraum wird die Klasse als Schnecken bezeichnet, ein Trivialname, der sowohl gehäusetragende Arten als auch Nacktschnecken umfasst. Historisch ordnete Carl von Linné (1758) diese Tiere noch unter der Ordnung Testacea innerhalb der Klasse *Vermes* ein, wobei der Fokus primär auf dem Vorhandensein einer Schale lag. Lange Zeit folgte die Systematik der Einteilung von Johannes Thiele (1929–1935) in die drei Unterklassen Prosobranchia (Vorderkiemer), *Opisthobranchia* (Hinterkiemer) und *Pulmonata* (Lungenschnecken).[2] Neuere phylogenetische Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Gruppe der Prosobranchia paraphyletisch ist, was zu einer umfassenden Revision führte.[1] Die aktuelle Klassifikation nach Bouchet et al. (2017) unterteilt die *Gastropoda* nun in sechs Hauptlinien, darunter *Caenogastropoda*, *Heterobranchia* und *Vetigastropoda*.[3] Diese taxonomische Neuordnung basiert auf integrativen Analysen von morphologischen und molekularen Daten und wird in modernen Datenbanken geführt.[3][2]
Die Klasse *Gastropoda* zeichnet sich durch einen weichen Körper aus, der typischerweise von einer einzelnen, oft spiralig gewundenen Schale (Univalve) aus Calciumcarbonat und einem organischen Periostracum geschützt wird.[1][2] Ein definierendes Merkmal des Bauplans ist die Torsion, eine entwicklungsbedingte Drehung der Eingeweidemasse um bis zu 180 Grad gegen den Uhrzeigersinn relativ zu Kopf und Fuß, wodurch eine Asymmetrie entsteht.[1] Die Körpergröße variiert extrem, von winzigen Arten wie *Acmella nana* mit nur 0,5 mm Gehäusebreite bis hin zum Riesen-Seehasen *Aplysia vaccaria*, der eine Länge von 99 cm erreichen kann.[6][2] Der gut entwickelte Kopf trägt gepaarte Tentakel, an deren Spitzen oder Basis sich häufig Augen befinden, und dient als sensorisches Zentrum.[1] Charakteristisch für die Nahrungsaufnahme ist die Radula, ein chitinoses Band mit Reihen mikroskopischer Zähne, das zum Raspeln oder bei Gattungen wie *Conus* als Harpunenapparat dient.[4] Der Mantel scheidet die Schalensubstanz ab und bildet eine Höhle für Atmungsorgane wie Kiemen oder lungenartige Strukturen.[1] Bei vielen Arten verschließt ein horniges oder kalkhaltiges Operculum die Gehäusemündung zum Schutz vor Räubern und Austrocknung, während Nacktschnecken die Schale sekundär reduziert oder verloren haben.[2][1] Die Fortbewegung erfolgt primär über einen breiten, ventralen Muskelfuß, der Schleim absondert, um Reibung zu mindern und Haftung zu ermöglichen. Die Entwicklung mariner Formen umfasst oft ein planktonisches Veliger-Larvenstadium mit einem bewimperten Velum zur Schwimmbewegung und Nahrungsaufnahme, das auf ein Trochophora-Stadium folgt.[2] Die Fortpflanzung ist überwiegend ovipar, wobei Eier in gallertartigen Schnüren oder festen Kapseln abgelegt werden, die teilweise Nähreier zur Versorgung der Embryonen enthalten.[7] Während einige Gruppen getrenntgeschlechtlich sind, treten die meisten *Gastropoda* als Zwitter auf, die über männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane verfügen. Von anderen Mollusken unterscheiden sie sich durch das univalve Gehäuse und das Fehlen einer Scharnierverbindung oder von Armen.[1]
Die Klasse *Gastropoda* bildet mit rund 85.000 bis 90.000 rezenten Arten die größte und diverseste Gruppe innerhalb der Weichtiere und umfasst Schnecken, Nacktschnecken sowie Napfschnecken. Ein definierendes Merkmal dieser Tiere ist die Torsion, ein Entwicklungsprozess im Larvenstadium, bei dem der Eingeweidesack um bis zu 180 Grad gegen den Uhrzeigersinn rotiert, wodurch die Mantelhöhle und der Anus über den Kopf verlagert werden.[1][2] Diese anatomische Asymmetrie unterscheidet sie fundamental von anderen Mollusken, auch wenn sie äußerlich oft bilateral symmetrisch erscheinen. Im natürlichen Lebensraum bewegen sich die meisten Arten auf einem breiten, muskulösen Fuß fort, der Schleim absondert, um die Reibung zu verringern und die Haftung auf Substraten zu ermöglichen.[2] Während der Körper typischerweise durch ein einzelnes, spiralig gewundenes Kalkgehäuse geschützt wird, ist dieses bei Nacktschnecken und vielen marinen Opisthobranchia sekundär reduziert oder vollständig zurückgebildet.[1][2] Eine zentrale Anpassung für die Nahrungsaufnahme ist die Radula, eine mit chitinösen Zähnchen besetzte Reibzunge, die je nach Ernährungsweise zum Abweiden von Algen oder – bei räuberischen Arten wie den Kegelschnecken – als Harpunenapparat zur Giftinjektion dient.[1][4] Die Atmungsorgane sind hochgradig an das Habitat angepasst: Marine Vertreter nutzen meist Kiemen (Ctenidien) in der Mantelhöhle, während landlebende Lungenschnecken (*Pulmonata*) eine vaskularisierte Lungenhöhle mit einem verschließbaren Atemloch (Pneumostom) entwickelt haben. Der Lebenszyklus vieler mariner Arten beinhaltet ein planktonisches Veliger-Larvenstadium, das sich durch ein bewimpertes Segel (Velum) zur Fortbewegung und Nahrungsaufnahme auszeichnet, bevor die Metamorphose zum benthischen Leben erfolgt.[2][1] Im Gegensatz dazu zeigen viele terrestrische und Süßwasserarten eine direkte Entwicklung, bei der vollständig entwickelte Jungtiere ohne freischwimmendes Larvenstadium aus den Eiern schlüpfen.[2] Geschlechtsunterschiede sind oft nicht visuell erkennbar, da ein Großteil der Gastropoden simultane oder sequenzielle Hermaphroditen sind, die sowohl männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane besitzen.[1][2] Das Paarungsverhalten kann komplex sein und beinhaltet bei einigen Landschnecken wie *Helix pomatia* den Einsatz von kalkhaltigen „Liebespfeilen“, um den Partner physiologisch zu stimulieren.[2] Im Feld erfolgt die Bestimmung primär über die Gehäusemorphologie und die Windungsrichtung, während unter dem Mikroskop die spezifische Anordnung der Radulazähne oft das entscheidende taxonomische Merkmal darstellt.[2][1] Historisch wurde der wissenschaftliche Name 1795 von Georges Cuvier eingeführt und leitet sich aus dem Griechischen für „Magen“ und „Fuß“ ab, was auf die ventrale Position des Fußes unter dem Eingeweidesack anspielt.[2] Fossilien belegen die Existenz der Klasse seit dem frühen Kambrium vor etwa 530 Millionen Jahren, wobei sie sich erfolgreich von marinen Ursprüngen in fast alle ökologischen Nischen inklusive Wüsten und Hochgebirge ausgebreitet haben.[2][1]
Die Fortbewegung der Gastropoden erfolgt primär über einen muskulösen Fuß, wobei abgesonderter Pedalschleim die Reibung mindert und das Klettern an vertikalen Oberflächen ermöglicht, was bei über 30 Gattungen dokumentiert ist. Falls Individuen umkippen, nutzen viele beschalte Arten einen spezifischen Umdrehreflex; so stellt *Aporrhais occidentalis* durch den Einsatz des Propodiums oder tretende Bewegungen die aufrechte Position wieder her. Aktivitätsmuster unterliegen oft zirkadianen oder gezeitenabhängigen Rhythmen, wobei terrestrische Arten wie *Cepaea nemoralis* strikt nachtaktiv sind, um Austrocknung und Prädation zu vermeiden.[1] In ariden Lebensräumen verfallen Arten wie *Sphincterochila boissieri* in eine als Ästivation bezeichnete Ruhephase, in der sie sich zum Schutz vor jahrelanger Trockenheit in ihr Gehäuse zurückziehen.[2] Zur Verteidigung ziehen sich beschalte Gastropoden in ihr Gehäuse zurück und verschließen die Mündung oft mit einem Operculum, während schalenlose Nudibranchia wie *Phidiana crassicornis* Autotomie betreiben und Körperanhänge abwerfen, um Räuber abzulenken.[1][2] Seehasen der Gattung *Aplysia* stoßen aktiv Tinte und Opalin-Sekrete aus, welche die Chemosensoren von Räubern wie Langusten blockieren und deren Ortungsfähigkeit stören. Um den Wasserverlust zu minimieren, zeigen Gezeitenzonen-Bewohner wie *Littorina littorea* ein Aggregationsverhalten und drängen sich während der Ebbe in feuchten Mikrohabitaten zusammen. Die Partnersuche erfolgt häufig über das Verfolgen von Schleimspuren, die Pheromone enthalten, gefolgt von komplexen Balzritualen.[1] Bei *Helix pomatia* umfasst die Balz das Kreisen und Betasten mit Tentakeln sowie den Einsatz von Liebespfeilen, die hormonell die Empfängnisbereitschaft steigern.[1][2] Elterliche Fürsorge ist selten, kommt aber bei Süßwasserarten wie *Pyrgulopsis* vor, die ihre Eier zum Schutz vor Umweltstressoren unter dem Mantel brüten.[1] Räuberische Verhaltensanpassungen reichen vom Umschließen der Beute mit dem Fuß bei Mondschnecken (*Naticidae*) bis zum Harpunieren mittels giftiger Radulazähne bei Kegelschnecken.[2][4]
Gastropoden spielen als Herbivore und Destruenten eine zentrale Rolle im Nährstoffkreislauf verschiedener Ökosysteme.[1] In Wäldern verzehren terrestrische Arten Laubstreu, beschleunigen den Abbau organischer Substanz um bis zu 20 Prozent und reichern durch ihre sich auflösenden Schalen den Boden mit Calcium an.[1][2] Marine Herbivore wie *Turbo*-Arten weiden Makroalgen ab, verhindern deren Überwucherung auf Korallenriffen und fördern so die Ansiedlung von Korallen.[4] Als Primärkonsumenten bilden sie ein fundamentales Glied im Nahrungsnetz; so machen pelagische Pteropoden wie *Limacina helicina* in hohen Breitengraden bis zu 50 Prozent der Nahrung einiger Jungfische aus. Zu ihren natürlichen Feinden zählen Vögel wie Drosseln (*Turdus* spp.), die Gehäuse auf Steinen aufknacken, sowie Säugetiere wie Igel und marine Räuber wie Adlerrochen und Krabben. Zum Schutz nutzen Gastropoden passive Abwehr durch verdickte Schalen oder aktive Mechanismen wie chemische Sekrete bei Nacktschnecken und Tintenausstoß bei Seehasen (*Aplysia* spp.). Terrestrische Gastropoden sind physiologisch auf Feuchtigkeit angewiesen und besiedeln oft Mikrohabitate wie Laubstreu oder Baumstämme, um Wasserverlust zu minimieren.[1] In ariden Gebieten überdauern Arten durch Ästivation und Eingraben im Boden, während Tiefseearten wie *Alviniconcha* spp. an Hydrothermalquellen in Symbiose mit chemosynthetischen Bakterien leben. Invasive Arten wie die Neuseeländische Deckelschnecke (*Potamopyrgus antipodarum*) konkurrieren mit der heimischen Fauna um Ressourcen wie Periphyton und können die Gemeinschaftsstruktur signifikant verändern.[2] Eine spezialisierte ökologische Nische besetzen sacoglossane Meeresschnecken wie *Elysia*, die Algenchloroplasten sequestrieren, um Photosynthese zur Energiegewinnung zu betreiben.[1]
Gastropoden erfüllen wichtige ökologische Funktionen als Destruenten und Herbivore, doch treten bestimmte Spezies als invasive Schädlinge auf.[1] Die Große Achatschnecke (*Lissachatina fulica*) beeinträchtigt als invasiver Organismus weltweit die Landwirtschaft und lokale Biodiversität massiv. Auch die Apfelschnecke (*Pomacea canaliculata*) verursacht nach ihrer Verbreitung durch den Aquakulturhandel erhebliche ökonomische Schäden an Nutzpflanzen.[2] In Süßwasserhabitaten konkurriert die Neuseeländische Deckelschnecke (*Potamopyrgus antipodarum*) erfolgreich mit heimischen Gastropoden um Nahrungsressourcen wie Periphyton.[1] Medizinische Relevanz besitzen Schnecken als obligate Zwischenwirte für pathogene Parasiten.[2] Ein prominentes Beispiel ist *Biomphalaria glabrata*, welche für die Übertragung der Schistosomiasis (Bilharziose) verantwortlich ist.[1] Im Bereich des Umweltmonitorings fungieren Gastropoden als sensible Bioindikatoren für Schadstoffe. Arten wie *Melanoides tuberculata* akkumulieren Schwermetalle wie Cadmium und Blei im Gewebe, wodurch Rückschlüsse auf die lokale Gewässerverschmutzung möglich sind.[2] Zudem reagieren marine Arten empfindlich auf Ozeanversauerung, da sinkende pH-Werte die Schalenbildung beeinträchtigen oder auflösen.[1] Die chemische Bekämpfung mittels Pestiziden in Agrarlandschaften führt bei Arten wie *Archachatina marginata* zu schweren Organschäden und direkter Mortalität. Biologische Regulative umfassen Prädatoren wie Drosseln (*Turdus* spp.), die Gehäuse an Steinen aufbrechen, sowie Igel (*Erinaceus europaeus*) und Hundertfüßer.[1][8] Aus rechtlicher Sicht unterliegen bedrohte Arten wie die Große Fechterschnecke (*Aliger gigas*) dem Schutz des CITES-Abkommens (Anhang II), um eine Überfischung zu verhindern.[4]
Einige Gastropoden verursachen als invasive Schädlinge erhebliche Probleme in der Landwirtschaft und Biodiversität, wobei die Große Achatschnecke (*Lissachatina fulica*) als prominentes Beispiel gilt. Der Handel in der Aquakultur förderte die weltweite Ausbreitung invasiver Arten wie der Apfelschnecke (*Pomacea canaliculata*) von Südamerika nach Asien und Afrika.[2] In städtischen Gebieten und Gärten profitieren Nacktschnecken wie *Deroceras*-Arten von künstlicher Bewässerung und treten als Kulturfolger auf.[1] Wirtschaftlich relevant ist zudem die Rolle pelagischer Pteropoden (*Limacina helicina*), die bis zu 50 % der Nahrung bestimmter Jungfische ausmachen und somit Fischereibestände stützen.[2] Bestimmte marine Arten werden als Ressource so stark genutzt, dass Schutzmaßnahmen nötig sind; so unterliegt die Große Fechterschnecke (*Aliger gigas*) wegen Übernutzung den Handelsbeschränkungen des CITES-Anhangs II.[4] Aufgrund ihrer Fähigkeit zur Bioakkumulation von Schwermetallen wie Cadmium und Blei dienen Schnecken wie *Melanoides tuberculata* als Bioindikatoren zur Überwachung von Umweltverschmutzung.[2] In der medizinischen Forschung fungieren Arten wie *Biomphalaria glabrata* als wichtige Modellorganismen zur Untersuchung der Übertragung von Schistosomiasis (Bilharziose). Eine untergeordnete positive Rolle spielen tropische Landschnecken als Bestäuber, indem sie Pollen auf ihren Körpern transportieren.[1]