Der wissenschaftliche Name *Columba livia* wurde 1789 von dem deutschen Naturforscher Johann Friedrich Gmelin validiert.[3][2] Etymologisch leitet sich der Gattungsname *Columba* vom lateinischen Wort für Taube ab, was ursprünglich auf das Eintauchverhalten der Vögel hindeutete, während das Artepitheton *livia* eine mittelalterliche Form von *livida* (bläulich-grau) darstellt und die typische Gefiederfärbung beschreibt.[2] Systematisch gehört die Art zur Ordnung der Columbiformes und der Familie der Columbidae.[3] Phylogenetische Studien zeigen, dass sich *Columba livia* vor etwa 4 bis 5 Millionen Jahren von nah verwandten Arten wie der Guineataube (*Columba guinea*) abspaltete und eine basale Position innerhalb der Gattung einnimmt.[2] Es werden derzeit neun genetisch bestätigte Unterarten anerkannt, darunter *C. l. gymnocyclus* in Westafrika und *C. l. dakhlae* in ägyptischen Oasen, wobei historische Klassifikationen bis zu 13 Subspezies listeten.[2] Die Art gilt als wilder Vorfahre aller Haustaubenrassen, wobei genomische Analysen aufgrund der erst vor ca. 5.000 Jahren in Mesopotamien begonnenen Domestikation nur minimale genetische Unterschiede zwischen Wild- und Haustauben zeigen.[2] Im deutschsprachigen Schädlingsmanagement wird die im urbanen Raum lebende Form spezifisch als „Verwilderte Haustaube“ bezeichnet und als Hygieneschädling eingeordnet.[1]
Die Verwilderte Haustaube (*Columba livia*) ist ein mittelgroßer Vogel mit einem kompakten Körperbau, der eine Gesamtlänge von 32 bis 37 cm und eine Flügelspannweite von 63 bis 70 cm erreicht.[2] Das Körpergewicht variiert stark je nach Population und Ernährungszustand zwischen 238 und 500 g.[1][2] Ein Sexualdimorphismus ist kaum ausgeprägt, wobei Männchen tendenziell etwas größer und schwerer als Weibchen sind. Der Kopf ist dunkel blaugrau gefärbt und trägt einen schlanken, leicht gebogenen Schnabel, an dessen Basis sich die auffällige, weiche Wachshaut (Cere) befindet, welche die Nasenlöcher umschließt. Charakteristisch für adulte Tiere ist der metallische Glanz im Hals- und Brustbereich, der je nach Lichteinfall grünlich bis rötlich-violett schimmert. Diese Irideszenz entsteht durch Strukturfarben in den Federästen, die durch Interferenzerscheinungen an Keratschichten erzeugt werden. Die Wildform zeigt eine blaugraue Grundfärbung auf Rücken und Flügeln, einen weißen Bürzel sowie hellgraue Unterseiten. Auf den Flügeln befinden sich zwei markante schwarze Binden, die im sitzenden Zustand deutlich als Querstreifen erkennbar sind.[2] Bei städtischen Populationen ist die Färbung extrem variabel und reicht von weiß über scheckig bis hin zu vollständig schwarzen Varianten. Die kurzen Beine sind rötlich gefärbt und sowohl für das trippelnde Laufen am Boden als auch für das Sitzen auf schmalen Fels- oder Gebäudevorsprüngen geeignet.[1][2] Jungvögel unterscheiden sich von Adulten durch ein insgesamt bräunlicheres Gefieder, blassere Flügeldecken und das Fehlen des metallischen Halsglanzes. Ihr Hals wirkt durch das Jugendgefieder oft geschuppt, ein Merkmal, das erst nach der Jugendmauser im Alter von etwa sechs Monaten verschwindet.[2] Die frisch geschlüpften Jungtiere sind nackt und federlos.[1][2] Die Eier sind weiß und weisen ein Eigewicht von etwa 17 bis 22 g auf.[1]
Die Verwilderte Haustaube (*Columba livia*) wird aufgrund ihrer engen Bindung an menschliche Siedlungen primär als Hygieneschädling eingeordnet. Ein einzelnes Tier produziert jährlich etwa 2,5 bis 3,0 kg Trockengewicht an Kot, was zu massiven Verschmutzungen an Fassaden und öffentlichen Plätzen führt. Bauschäden entstehen nicht nur durch chemische Korrosion, sondern auch mechanisch, da Weibchen zur Deckung ihres Kalkbedarfs Mörtel aus Fugen fressen, was zur Lockerung von Mauerwerk führt.[1] In den USA verursachen die Tiere durch Reinigungskosten, Gebäudeschäden und Haftungsansprüche jährliche Schäden von über einer Milliarde Dollar.[3] Als Vektor für Pathogene wie Salmonellen, Ornithose, Q-Fieber, Aspergillose und Kryptokokken birgt die Art gesundheitliche Risiken für empfindliche Personen.[1] Ansammlungen von Taubenkot können zudem den Pilz *Histoplasma capsulatum* beherbergen, dessen Sporen beim Einatmen die Lungenkrankheit Histoplasmose auslösen können.[3] Laut Robert Koch Institute (RKI) ist die Taube jedoch für das hochaggressive Influenzavirus H5N1 (Vogelgrippe) nicht empfänglich. Weitere Beeinträchtigungen ergeben sich durch Lärmbelästigung (Gurren) sowie das Anlocken von Sekundärschädlingen und Parasiten. Präventivmaßnahmen setzen auf bauliche Barrieren wie Spikes oder Netze, um das Nisten an Gebäudenischen und Simsen physikalisch zu verhindern.[1] Im Populationsmanagement kommen zunehmend chemische Methoden wie OvoControl zum Einsatz, ein Köder, der bei Brutpaaren Sterilität induziert, ohne die Tiere zu töten.[3] Neben konventionellen Bekämpfungsmethoden wie Fallenfang oder dem Einsatz von Aviziden werden auch betäubende Köder auf Basis von Cypermethrin und Urethanen entwickelt, um eine einfachere Entfernung der Tiere zu ermöglichen.[2]