Wer an einen Maulwurf denkt, hat meist das Bild eines völlig blinden Tieres vor Augen, das hilflos im Tageslicht umherirrt. Doch die Wissenschaft zeichnet ein weitaus komplexeres Bild. Die Augen des Maulwurfs (Talpa europaea) sind zwar winzig und oft im dichten Fell verborgen, aber sie sind keineswegs funktionslos. In der ewigen Finsternis des Untergrunds haben sich diese Sinnesorgane zu hochspezialisierten Lichtmessern entwickelt, die weit mehr steuern als nur den einfachen Sehvorgang. Tauchen wir ein in die verborgene Welt der Untergrund-Jäger und entdecken wir, warum der Maulwurf trotz seiner rudimentären Augen ein Meister der zeitlichen Orientierung ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Nicht völlig blind: Maulwürfe besitzen funktionsfähige Augen, die Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen können [1, 11].
- Biologische Uhr: Die Augen dienen primär als Lichtmesser zur Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus und saisonaler Aktivitäten [5, 8].
- Schutzmechanismus: Eine spezielle Hautfalte schützt die Augen beim Graben vor Schmutz und Verletzungen [7].
- Kompensation: Der Tastsinn (Eimersche Organe) und der Geruchssinn ersetzen die Sehkraft fast vollständig [12, 13].
- Neuronale Besonderheit: Trotz reduzierter Sehzentren im Gehirn ist das Zentrum für die innere Uhr (SCN) voll entwickelt [3].
Anatomie der Reduktion: Wie Maulwurf-Augen wirklich aufgebaut sind
Die Augen des Europäischen Maulwurfs sind etwa stecknadelkopfgroß und liegen tief im Fell eingebettet. Im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren sind sie beim Maulwurf oft von einer feinen Hautschicht oder zumindest von dichtem Haar überdeckt [1]. Dies ist eine evolutionäre Anpassung an das Leben in engen Erdgängen, wo Staub und Reibung herkömmliche Augen schnell schädigen würden.
Der Schutzmechanismus: Die Hautfalte
Interessanterweise können Maulwürfe ihre Augen durch eine Hautfalte verschließen [7]. Dies verhindert, dass beim kraftvollen Graben – bei dem der Maulwurf Erdmassen bis zum 20-fachen seines Körpergewichts bewegt [8] – Partikel in die Augen gelangen. Das Fell selbst hat keinen „Strich“, was bedeutet, dass es sich in jede Richtung biegen lässt. Dies ermöglicht dem Tier nicht nur das problemlose Rückwärtslaufen in den Gängen, sondern schützt die Augen auch bei Rückwärtsbewegungen vor aufgewirbeltem Dreck [7].
Obwohl die Augen rudimentär erscheinen, sind sie für die Terminierung des Fortpflanzungsverhaltens essenziell. Sie messen die Tageslänge, um den Beginn der Paarungszeit im Frühjahr festzulegen [5].
Die neuronale Ebene: Blindheit ist eine Frage der Definition
Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Sehzentren im Gehirn des Maulwurfs (die visuellen Kerne im Thalamus und Mittelhirn) stark unterentwickelt sind [3]. Dies ist aus evolutionärer Sicht logisch, da die Verarbeitung komplexer Bilder im Untergrund keine Überlebensvorteile bietet. Doch hier endet die Geschichte nicht.
Der voll entwickelte SCN
Überraschenderweise stellten Forscher wie Kudo et al. (1991) fest, dass der Nucleus suprachiasmaticus (SCN) – das Hauptzentrum für die circadiane Rhythmik – sowie die retinohypothalamischen Projektionen völlig normal entwickelt sind [3]. Das bedeutet: Der Maulwurf kann zwar keine scharfen Bilder sehen, aber sein Gehirn ist perfekt darauf ausgelegt, Lichtsignale zu empfangen und zu verarbeiten, um seine innere Uhr zu synchronisieren.

Licht als Zeitgeber: Warum der Maulwurf Augen braucht
In kontrollierten Experimenten wurde untersucht, wie Maulwürfe auf Lichtzyklen reagieren. Bertolucci et al. (1999) fanden heraus, dass Maulwürfe unter konstanten Dunkelbedingungen eine völlig ungeordnete Aktivität zeigen [4]. Sobald jedoch ein künstlicher Tag-Nacht-Zyklus eingeführt wurde, wurde ihre Aktivität plötzlich geordnet und folgte einem klaren diurnalen Muster [4].
Dies beweist, dass die Augen als Sensoren für sogenannte „Zeitgeber“ fungieren. Ohne diese Lichtsignale würde der Maulwurf den Kontakt zur Außenwelt verlieren, was fatale Folgen für seine saisonale Planung hätte. Besonders im Frühjahr und Herbst, wenn die Aktivität der Maulwürfe am höchsten ist [2], ist diese zeitliche Orientierung überlebenswichtig.

Kompensation durch andere Sinne: Das Eimersche Organ
Da die Augen nur für die Lichtmessung taugen, muss der Maulwurf andere Wege finden, um seine Beute – primär Regenwürmer – aufzuspüren. Hier kommt die Nase ins Spiel, die mit den sogenannten Eimerschen Organen ausgestattet ist [13].
- Tastsinn: Die Nase besitzt über 5.000 dieser hochempfindlichen Tastorgane, die flächenhafte „Tastbilder“ aufnehmen können [13].
- Vibrationswahrnehmung: Maulwürfe spüren die kleinsten Erschütterungen, die ein Regenwurm im Boden verursacht [13].
- Geruchssinn: Beute wird durch einen extrem gut ausgeprägten Geruchssinn lokalisiert [7].
- Das „dritte Auge“: Sogar der Schwanz dient als Orientierungshilfe. Er ist mit Sinneshaaren ausgestattet und wird oft als „Blindenstab“ bezeichnet, der dem Tier hilft, sich beim Rückwärtslaufen zu orientieren [8].

Maulwurf-Aktivität und Licht: Erkenntnisse aus der Forschung
Die Forschung von MacDonald et al. (1996) zeigt, dass Maulwürfe in 8-Stunden-Intervallen aktiv sind [2]. Diese Rhythmik ist jedoch stark von saisonalen Faktoren abhängig. Im Sommer, wenn der Boden austrocknet und Regenwürmer in tiefere Schichten abwandern, wird das Aktivitätsmuster ungeordneter [2]. Hier zeigt sich die enge Kopplung zwischen Umweltbedingungen, Nahrungsverfügbarkeit und der durch die Augen gesteuerten inneren Uhr.
Praktischer Tipp für Gartenbesitzer
Da Maulwürfe Licht nur als Zeitgeber nutzen und sich ansonsten auf ihren Tastsinn verlassen, sind optische Abwehrmethoden (wie spiegelnde Gegenstände) meist wirkungslos. Effektiver sind Methoden, die den Geruchssinn oder die Vibrationsempfindlichkeit stören, wobei der Maulwurf in Deutschland unter Naturschutz steht und nicht bekämpft werden darf [1, 8].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist der Maulwurf komplett blind?
Nein, der Maulwurf ist nicht blind. Er kann Hell-Dunkel-Unterschiede wahrnehmen, was ihm hilft, Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten zu unterscheiden [1, 11].
Warum sind die Augen des Maulwurfs so klein?
Dies ist eine evolutionäre Anpassung an das Leben unter der Erde. Große Augen wären beim Graben anfällig für Verletzungen und Schmutz [1, 7].
Können Maulwürfe Farben sehen?
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege für Farbsehen beim Maulwurf. Ihre Augen sind primär auf die Wahrnehmung von Lichtintensität spezialisiert [3, 11].
Wie orientiert sich der Maulwurf, wenn er nicht gut sieht?
Er nutzt hochempfindliche Tastorgane an der Nase (Eimersche Organe), seinen Geruchssinn und Sinneshaare am ganzen Körper sowie am Schwanz [8, 13].
Schadet dem Maulwurf helles Sonnenlicht?
Maulwürfe meiden helles Licht, da sie an die Dunkelheit angepasst sind. Ihre Augen können jedoch durch Hautfalten geschützt werden, wenn sie kurzzeitig an die Oberfläche kommen [7].
Fazit
Das Sehvermögen des Maulwurfs ist ein faszinierendes Beispiel für evolutionäre Spezialisierung. Anstatt Energie in komplexe visuelle Systeme zu investieren, die im Erdreich nutzlos wären, hat die Natur die Augen des Maulwurfs zu präzisen Lichtmessern umgeformt. Sie sind der Anker, der das Tier mit den Rhythmen der Außenwelt verbindet. Gepaart mit einem unvorstellbar feinen Tastsinn und einer hocheffizienten Nase ist der Maulwurf alles andere als hilflos – er ist ein perfekt angepasster Jäger in einer Welt, die uns Menschen für immer verborgen bleibt.
Quellenverzeichnis
- Lund, M. (1976). CONTROL OF THE EUROPEAN MOLE, Talpa eruopaea. Proceedings of the 7th Vertebrate Pest Conference.
- MacDonald, D. W. et al. (1996). Spatial and temporal patterns in the activity of European moles. Oecologia, 109(1).
- Kudo, M. et al. (1991). Suprachiasmatic nucleus and retinohypothalamic projections in moles. Brain, Behavior and Evolution, 38(6).
- Bertolucci, C. et al. (1999). Daily and circadian rhythms of rest and activity of Talpa romana. Rendiconti Lincei.
- Johannesson-Groß, K. (1985). Der Maulwurf als Bewohner von Flußauen. Naturschutz in Nordhessen, Heft 8.
- Mühlbauer, S. & Witte, G. R. (1978). Beiträge zur Käfighaltung von Maulwürfen (Talpa europaea L.). Philippia.
- Plass, J. (2008). Der Eurasische Maulwurf - Talpa europaea. Naturkundliches Objekt des Monats, Biologiezentrum Linz.
- Naturschutzbund Österreich (2020). Tier des Jahres 2020: Europäischer Maulwurf. Natur & Land, 106. JG.
- Godfrey, G. K. (1955). A field study of the activity of the mole (Talpa europaea). Ecology.
- Edwards, G. R. et al. (1999). Factors influencing molehill distribution in grassland. Journal of Applied Ecology.
- Johannesson-Groß, K. (1983). Der optische Sinn des Maulwurfs (Talpa europaea L.). Verh. Dtsch. Zool. Ges.
- Mellanby, K. (1974). The mole. London (Collins).
- Halata, Z. (1972). Innervation der unbehaarten Nasenhaut des Maulwurfs. Z. Zellforsch.