Es ist ein Szenario, das bei vielen Menschen pure Panik auslöst: Man entdeckt eine Schabe an der Wand, nähert sich ihr vorsichtig mit einem Schuh oder Insektenspray – und plötzlich breitet das Insekt seine Flügel aus und fliegt direkt auf einen zu. Dieser Moment wirft unweigerlich die drängende Frage auf: Können Schaben fliegen? Die kurze Antwort lautet: Ja, einige Arten können es, aber längst nicht alle. Die Fähigkeit zum aktiven Flug hängt stark von der jeweiligen Schabenart, ihrem Geschlecht und den herrschenden Umweltbedingungen ab.
In der Systematik der Insekten gehören Schaben (Blattodea) zu den geflügelten Insekten (Pterygota). Evolutionär betrachtet besaßen ihre Vorfahren, die bereits vor über 300 Millionen Jahren im Karbon die Erde bevölkerten, voll funktionsfähige Flügel [1]. Im Laufe der Evolution haben sich viele Arten jedoch zu hochspezialisierten Bodenläufern entwickelt. Für ein Leben in engen, dunklen Spalten sind große, empfindliche Flügel oft eher hinderlich als nützlich. Dennoch haben einige Arten ihre Flugfähigkeit bis heute bewahrt. Um zu verstehen, ob Sie es mit einem fliegenden Schädling oder einem harmlosen Verirrten zu tun haben, müssen wir tief in die Anatomie und Biologie der verschiedenen Schabenarten eintauchen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die meisten Schädlinge fliegen nicht: Die in Mitteleuropa häufigste Schädlingsart, die Deutsche Schabe (Blattella germanica), besitzt zwar Flügel, kann aber nicht aktiv fliegen.
- Fliegende Doppelgänger: Wenn in Mitteleuropa eine Schabe durchs offene Fenster ins Licht fliegt, handelt es sich fast immer um die völlig harmlose Bernstein-Waldschabe (Ectobius vittiventris).
- Wärmeliebende Flieger: Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana) ist ein exzellenter Flieger, benötigt dafür aber sehr hohe Temperaturen (meist über 25-27 °C).
- Geschlechtsunterschiede: Bei einigen Arten (z. B. der Braunbandschabe) können nur die Männchen fliegen, während die Weibchen flugunfähig sind.

Anatomie des Schabenflugs: Warum Flügel nicht gleich Fliegen bedeutet
Um zu verstehen, warum manche Schaben fliegen und andere trotz vorhandener Flügel am Boden bleiben, muss man sich den anatomischen Aufbau dieser Insekten genauer ansehen. Schaben besitzen grundsätzlich zwei Paar Flügel, die am mittleren und hinteren Brustsegment (Thorax) ansetzen:
- Tegmina (Vorderflügel): Die vorderen Flügel sind bei Schaben ledrig und oft stark sklerotisiert (verhärtet). Sie dienen in erster Linie als Schutzschild für den weichen Hinterleib und die darunterliegenden, empfindlichen Hinterflügel. Beim Flug tragen sie nur wenig zum eigentlichen Auftrieb bei [1].
- Hinterflügel: Diese sind häutig, dünn, transparent und fächerförmig gefaltet. Sie sind die eigentlichen Flugorgane. Wenn eine Schabe abhebt, werden die Tegmina nach vorne und oben geklappt, um den häutigen Hinterflügeln Platz zur Entfaltung zu machen.
Das bloße Vorhandensein dieser Flügelpaare garantiert jedoch keinen Flug. Die Flugfähigkeit wird durch die Flugmuskulatur im Thorax bestimmt. Bei vielen synanthropen (dem Menschen folgenden) Schabenarten hat sich diese Muskulatur im Laufe der Evolution stark zurückgebildet. Der energetische Aufwand, eine massive Flugmuskulatur zu unterhalten, lohnt sich für Tiere nicht, die ihre Nahrung primär laufend am Boden oder in Spalten finden. Schaben sind anatomisch auf extremes Laufen (cursoriale Fortbewegung) optimiert. Sie können Geschwindigkeiten von bis zu 1,5 Metern pro Sekunde erreichen – was in Relation zu ihrer Körpergröße enorm ist [2]. Der Flug ist bei den flugfähigen Arten meist nur ein sekundärer Fluchtmechanismus oder dient der Überbrückung größerer Distanzen bei der Partnersuche.
Die heimischen Schädlinge: Geflügelt, aber flugunfähig
Wenn Sie in einer mitteleuropäischen Küche oder einem Badezimmer eine Schabe entdecken, handelt es sich in den allermeisten Fällen um eine von zwei Arten. Die gute Nachricht: Beide sind keine aktiven Flieger.
Die Deutsche Schabe (Blattella germanica)
Die Deutsche Schabe ist der weltweit bedeutendste Hygieneschädling unter den Schaben [3]. Sie wird 13 bis 16 Millimeter lang und ist an den zwei markanten, dunklen Längsstreifen auf ihrem Halsschild (Pronotum) zu erkennen. Sowohl Männchen als auch Weibchen besitzen voll ausgebildete Flügel, die den gesamten Hinterleib bedecken [2].
Trotz dieser perfekten optischen Ausstattung kann die Deutsche Schabe nicht fliegen [4]. Ihre Flugmuskulatur ist degeneriert. Wenn eine Deutsche Schabe von einer erhöhten Position (z. B. einem Küchenschrank) aufgeschreckt wird, kann sie ihre Flügel ausbreiten, um den Fall zu bremsen. Dies ist jedoch lediglich ein unkontrollierter Gleitflug (Fallschirm-Effekt) und kein aktiver, gesteuerter Flug nach oben oder geradeaus. Sie verlässt sich bei Gefahr ausschließlich auf ihre enorme Laufgeschwindigkeit und ihre Fähigkeit, dank spezieller Haftpolster (Arolien) an den Füßen selbst glatte, vertikale Flächen wie Fliesen oder Glas emporzuklettern [1].
Die Orientalische Schabe (Blatta orientalis)
Die Orientalische Schabe, oft auch als Gemeine Küchenschabe bezeichnet, ist mit 20 bis 30 Millimetern deutlich größer, dunkler (fast schwarz) und wirkt schwerfälliger. Bei dieser Art zeigt sich ein starker Geschlechtsdimorphismus (optische Unterschiede zwischen den Geschlechtern):
- Männchen: Besitzen Flügel, die etwa drei Viertel des Hinterleibs bedecken.
- Weibchen: Besitzen nur stark verkürzte Flügelstummel, die den Hinterleib kaum bedecken [2].
Für beide Geschlechter gilt jedoch: Sie sind absolut flugunfähig. Die Orientalische Schabe ist zudem ein schlechter Kletterer und hält sich fast ausschließlich in Bodennähe, in Kellern, Abwasserkanälen oder feuchten Schächten auf [1].
Achtung: Verwechslungsgefahr beim Gleitflug
Wenn eine Deutsche Schabe von der Decke oder einem Schrank fällt und dabei die Flügel spreizt, sieht das für den Laien oft wie ein gezielter Angriff aus. Die Schabe steuert Sie jedoch nicht an; sie gleitet lediglich unkontrolliert zu Boden. Ein echter Schabenflug zeichnet sich durch ein hörbares Surren und eine aktive Aufwärts- oder Vorwärtsbewegung aus.

Wenn der Schädling abhebt: Fliegende Haus- und Vorratsschaben
Während die häufigsten Schädlinge am Boden bleiben, gibt es durchaus synanthrope Schabenarten, die den Luftraum erobern können. Diese Arten treten in Mitteleuropa seltener auf, sind aber in wärmeren Regionen oder in spezifischen, beheizten Umgebungen (wie Gewächshäusern, Zoos oder Bäckereien) ein Problem.
Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana)
Mit einer Körperlänge von 35 bis 44 Millimetern ist die Amerikanische Schabe ein wahrer Riese unter den Hausschädlingen. Sie ist rotbraun gefärbt und trägt eine charakteristische gelbliche Binde am Hinterrand des Halsschildes. Bei dieser Art überragen die Flügel bei beiden Geschlechtern den Hinterleib [2].
Die Amerikanische Schabe ist ein exzellenter Flieger. Allerdings ist ihr Flugverhalten extrem temperaturabhängig. In kühleren Umgebungen zieht sie es vor zu laufen. Erst wenn die Umgebungstemperatur auf über 25 bis 27 °C steigt (was in den Tropen, aber auch in Heizungskellern oder unterirdischen Fernwärmesystemen der Fall ist), wird die Flugmuskulatur ausreichend durchblutet und erwärmt, um einen aktiven Flug zu ermöglichen [1]. In den Südstaaten der USA oder in Südeuropa ist es ein bekanntes Phänomen, dass diese Schaben an warmen, schwülen Sommerabenden aktiv um Straßenlaternen fliegen oder durch offene Fenster in Wohnungen stürzen.
Die Braunbandschabe (Supella longipalpa)
Die Braunbandschabe (auch Möbelschabe genannt) ist mit 10 bis 15 Millimetern ähnlich groß wie die Deutsche Schabe, bevorzugt aber deutlich trockenere und wärmere Verstecke (z. B. hinter Bilderrahmen, in Fernsehern oder Computern). Hier zeigt sich ein interessantes flugbiologisches Phänomen:
- Männchen: Sind schlank, haben voll entwickelte Flügel, die den Hinterleib überragen, und fliegen aktiv, besonders wenn sie gestört werden oder auf der Suche nach Weibchen sind [1].
- Weibchen: Sind breiter gebaut, haben verkürzte Flügel und sind flugunfähig.

Der harmlose Doppelgänger: Warum Waldschaben das Licht anfliegen
Die mit Abstand häufigste Ursache für panische Anrufe bei Schädlingsbekämpfern im Spätsommer ist ein Insekt, das gar kein Schädling ist. Wenn in Deutschland, Österreich oder der Schweiz eine Schabe abends durch das geöffnete Fenster ins beleuchtete Wohnzimmer fliegt, handelt es sich zu 99 Prozent um eine Waldschabe (Ectobius spp.).
Die Bernstein-Waldschabe (Ectobius vittiventris)
Diese ursprünglich aus Südeuropa stammende Art hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv nördlich der Alpen ausgebreitet. Sie sieht der Deutschen Schabe zum Verwechseln ähnlich: Sie ist etwa 9 bis 15 Millimeter lang und hellbraun. Es gibt jedoch drei entscheidende Unterschiede, die Sie kennen müssen [2]:
- Der Halsschild: Der Bernstein-Waldschabe fehlen die zwei dunklen Längsstreifen auf dem Halsschild. Ihr Halsschild ist einheitlich bernsteinfarben mit leicht durchscheinenden Rändern.
- Das Flugverhalten: Beide Geschlechter der Bernstein-Waldschabe sind hervorragende Flieger. Sie nutzen den Flug aktiv zur Fortbewegung.
- Die Lichtaffinität: Während Schädlingsschaben streng nachtaktiv und lichtscheu (photonegativ) sind, sind Waldschaben tag- und dämmerungsaktiv. Sie werden von künstlichen Lichtquellen magisch angezogen.
Waldschaben ernähren sich ausschließlich von zersetzendem Pflanzenmaterial (Detritus) im Freiland. In einer menschlichen Wohnung finden sie keine Nahrung und sterben aufgrund der für sie zu geringen Luftfeuchtigkeit meist innerhalb weniger Tage ab. Sie übertragen keine Krankheiten und befallen keine Lebensmittel [1, 2]. Ein fliegender Schaben-Besuch am Abend ist also paradoxerweise das beste Zeichen dafür, dass Sie kein Schädlingsproblem haben!
Die Echte Waldschabe (Ectobius sylvestris)
Auch heimische Arten wie die Echte Waldschabe oder die Lappland-Waldschabe (Ectobius lapponicus) können fliegen. Bei diesen Arten sind es jedoch in der Regel nur die Männchen, die voll geflügelt und flugfähig sind, während die Weibchen oft verkürzte Flügel aufweisen und am Boden in der Laubstreu bleiben [1]. Auch sie verirren sich gelegentlich in Häuser in Waldnähe, sind aber völlig harmlos.
Praxis-Tipp: Der Lichttest
Wenn Sie eine Schabe im Raum haben, schalten Sie das Licht ein. Flitzt das Insekt in rasendem Tempo unter den nächsten Schrank oder in eine dunkle Ritze? Dann ist es wahrscheinlich eine flugunfähige Schädlingsschabe (z.B. Deutsche Schabe). Bleibt das Insekt ruhig sitzen, fliegt sogar auf die Lampe zu oder bewegt sich eher gemächlich? Dann handelt es sich fast sicher um eine harmlose Waldschabe.
Tropische Flieger und Exoten in der Terraristik
Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die globale Vielfalt. In den Tropen ist die Flugfähigkeit unter Schaben weitaus verbreiteter. Ein prominentes Beispiel ist die Grüne Bananenschabe (Panchlora nivea). Diese bis zu 24 Millimeter große, leuchtend hellgrüne Schabe lebt in der dichten Vegetation Mittel- und Südamerikas. Sowohl Männchen als auch Weibchen sind exzellente Flieger und werden nachts stark von Lichtquellen angezogen [1]. Gelegentlich werden sie mit Bananenstauden nach Europa eingeschleppt, können hier aber im Freiland nicht überleben.
In der Terraristik beliebte Arten wie die Madagaskar-Fauchschabe (Gromphadorhina portentosa) oder die Australische Riesenschabe (Macropanesthia rhinoceros) sind hingegen komplett flügellos. Ihre enorme Körpermasse (bis zu 20 Gramm) würde einen Flug ohnehin biomechanisch unmöglich machen [1]. Andere Futterinsekten wie die Argentinische Waldschabe (Blaptica dubia) weisen wieder den typischen Dimorphismus auf: Männchen haben Flügel (fliegen aber nur selten und ungeschickt), Weibchen haben nur Stummel.
Umweltfaktoren: Warum fliegen Schaben meistens nur im Sommer?
Selbst bei Arten, die anatomisch perfekt für den Flug ausgestattet sind (wie die Amerikanische Schabe), ist das Fliegen ein energieintensiver Prozess. Insekten sind wechselwarm (poikilotherm). Das bedeutet, ihre Körpertemperatur hängt von der Umgebung ab. Die Flugmuskulatur im Thorax benötigt eine bestimmte Betriebstemperatur, um mit der nötigen Frequenz kontrahieren zu können.
Aus diesem Grund beobachten wir fliegende Schaben (sowohl die schädlichen Amerikanischen Schaben im Süden als auch die harmlosen Waldschaben in Mitteleuropa) fast ausschließlich in den heißen Sommermonaten. Sinkt die Temperatur unter etwa 20 °C, wird die Muskulatur zu träge. Die Insekten verfallen dann wieder in ihr primäres Fortbewegungsmuster: das Laufen. Zudem spielt die Luftfeuchtigkeit eine Rolle; in extrem trockenen Umgebungen vermeiden Schaben den Flug, da der Luftstrom über die geöffneten Flügel und Stigmen (Atemöffnungen) zu einem massiven Wasserverlust führen würde.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Kakerlaken in Deutschland fliegen?
Die echten Schädlings-Kakerlaken in Deutschland (Deutsche und Orientalische Schabe) können nicht fliegen. Wenn in Deutschland eine Schabe fliegt, handelt es sich fast immer um die völlig harmlose, im Freiland lebende Bernstein-Waldschabe, die sich ins Haus verirrt hat.
Warum fliegen Schaben auf Menschen zu?
Schaben greifen Menschen nicht an. Wenn eine Waldschabe auf Sie zufliegt, wird sie meist von hellen Farben oder Lichtreflexionen auf Ihrer Kleidung angezogen. Wenn eine Deutsche Schabe von der Decke auf Sie fällt, ist das ein unkontrollierter Gleitflug aus Panik, kein gezielter Anflug.
Hat die Deutsche Schabe Flügel?
Ja, die Deutsche Schabe besitzt voll ausgebildete Flügel, die den gesamten Hinterleib bedecken. Dennoch ist ihre Flugmuskulatur zu schwach für einen aktiven Flug; sie kann bestenfalls von erhöhten Positionen zu Boden gleiten.
Wie unterscheide ich eine fliegende Waldschabe von einer Kakerlake?
Die fliegende Bernstein-Waldschabe hat einen einheitlich braunen Halsschild. Der Deutschen Schabe (die nicht fliegt) hat hingegen zwei markante, dunkle Längsstreifen auf dem Halsschild. Zudem flüchten Kakerlaken vor Licht, während Waldschaben das Licht suchen.
Können große Amerikanische Schaben fliegen?
Ja, die Amerikanische Schabe ist ein sehr guter Flieger. Sie nutzt diese Fähigkeit jedoch meist nur bei hohen Temperaturen (über 25 °C) und hoher Luftfeuchtigkeit, weshalb man sie in Mitteleuropa selten fliegen sieht.
Fazit
Die Frage "Können Schaben fliegen?" lässt sich nicht pauschal beantworten, da die Ordnung der Schaben eine enorme biologische Vielfalt aufweist. Für den Alltag in Mitteleuropa gilt jedoch eine beruhigende Faustregel: Die gefürchteten Hygieneschädlinge wie die Deutsche oder Orientalische Schabe sind an den Boden gebunden und flugunfähig. Wenn Ihnen an einem lauen Sommerabend eine Schabe entgegenfliegt, können Sie entspannt bleiben – es handelt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um eine nützliche, völlig harmlose Waldschabe, die sich lediglich zum Licht verirrt hat. Fangen Sie das Tier einfach mit einem Glas ein und setzen Sie es wieder in die Natur, wo es hingehört.
Quellenverzeichnis
- Pospischil, R. (2010). Schaben (Dictyoptera, Blattodea) – Ihre Bedeutung als Überträger von Krankheitserregern und als Verursacher von Allergien. Denisia 30, S. 171–190.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (2019). Schaben Information: Morphologie und Biologie. Regierungspräsidium Stuttgart.
- LAVES Niedersachsen. Infoblatt: Allgemeines über Schaben. Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.
- Insect Respect. Wissenswertes über das Insekt: Deutsche Schabe (Blattella germanica).
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