Wer nachts das Licht in der Küche einschaltet und ein flaches, braunes Insekt unter den Kühlschrank huschen sieht, stellt sich unweigerlich zwei Fragen: Warum sind sie hier? Und wovon ernähren sie sich? Die Antwort auf die Frage, was Schaben fressen und was sie anlockt, ist der Schlüssel zu ihrem evolutionären Erfolg – und gleichzeitig der wichtigste Hebel für ihre Bekämpfung. Schaben (Blattodea) existieren seit über 300 Millionen Jahren [1]. Ihre Überlebensstrategie basiert auf einer extremen Anpassungsfähigkeit an nahezu jede Nahrungsquelle und einer hochsensiblen Wahrnehmung für die idealen mikroklimatischen Bedingungen. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Biologie der Schaben ein, beleuchten ihre faszinierende Symbiose mit Bakterien, die ihnen das Verdauen von scheinbar Unverdaulichem ermöglicht, und erklären, warum selbst das sauberste Haus unter bestimmten Bedingungen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf diese Insekten ausüben kann.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Omnivore Überlebenskünstler: Synanthrope Schaben fressen nahezu alles organische Material, von stärkehaltigen Lebensmitteln über Fette bis hin zu Haaren, Leder, Buchleim und Nylon.
- Bakterielle Helfer: Endosymbiontische Bakterien (Blattabacterium) im Fettkörper der Schaben recyceln Stickstoff und ermöglichen das Überleben bei extrem proteinarmer Nahrung.
- Die stärksten Magneten: Wasser, hohe Luftfeuchtigkeit (oft >60 %) und Temperaturen zwischen 25 °C und 32 °C sind für die meisten Schadschaben attraktiver als Nahrung.
- Chemische Kommunikation: Aggregationspheromone (wie Buttersäure) und kutikuläre Kohlenwasserstoffe locken Schaben zueinander und signalisieren sichere Verstecke.
- Evolutionäre Anpassung: Einige Populationen der Deutschen Schabe haben eine genetische Aversion gegen D-Glukose entwickelt, was sie immun gegen herkömmliche zuckerbasierte Fraßköder macht.

Das Nahrungsspektrum: Was fressen Schaben wirklich?
Um zu verstehen, warum Schaben in menschlichen Behausungen so erfolgreich sind, muss man ihren Verdauungstrakt und ihre Ernährungsweise betrachten. Schaben sind omnivore Detritivoren (Alles- und Abfallfresser). In ihren natürlichen, tropischen Habitaten spielen sie eine essenzielle Rolle im Ökosystem, indem sie abgestorbenes Pflanzenmaterial, Pilze und tierische Überreste zersetzen [2]. Diese fehlende Spezialisierung ist ihr größter Vorteil im urbanen Raum.
Von Stärke bis Nylon: Die extreme Bandbreite
Synanthrope (dem Menschen folgende) Schaben bevorzugen weiche, wasserhaltige und stärke- sowie zuckerreiche Nahrungsmittel. Dazu gehören Brotkrümel, Mehl, süße Getränkereste und Fette. Doch wenn diese primären Nahrungsquellen versiegen, offenbart sich die wahre Widerstandsfähigkeit der Tiere. Die Amerikanische Schabe (Periplaneta americana) und die Braunbandschabe (Supella longipalpa) sind dafür bekannt, Materialien zu fressen, die für andere Tiere völlig wertlos sind. Ihr Nahrungsspektrum umfasst unter anderem:
- Papier und Kartonagen: Besonders der stärkehaltige Leim in Buchbindungen oder Tapetenkleister dient als Kohlenhydratquelle [3].
- Tierische Produkte: Leder, Wolle, Hautschuppen und Haare werden dank spezieller Enzyme im Verdauungstrakt zersetzt.
- Synthetische Stoffe: Bei extremem Nahrungsmangel wurde beobachtet, dass Braunbandschaben sogar Nylon anfressen [4].
- Exkremente und Aas: Schaben fressen Fäkalien (Koprophagie) sowie tote Artgenossen, was nicht nur der Nahrungsaufnahme dient, sondern auch der Aufnahme lebenswichtiger Mikroorganismen für ihre Darmflora [1].
Wissenschaftlicher Exkurs: Die Rolle der Endosymbionten
Wie überleben Schaben monatelang von Papier oder Tapetenkleister, die praktisch keine Proteine (und damit keinen Stickstoff) enthalten? Die Antwort liegt in einer über 140 Millionen Jahre alten Symbiose. Im Fettkörper der Schaben leben endosymbiontische Bakterien der Gattung Blattabacterium. Diese Bakterien sind in der Lage, die stickstoffhaltigen Abfallprodukte der Schabe (wie Harnsäure) zu recyceln und daraus essenzielle Aminosäuren zu synthetisieren [2]. Dieses interne "Recycling-Kraftwerk" macht Schaben weitgehend unabhängig von proteinreicher Nahrung und erklärt, warum sie in scheinbar nahrungsfreien Umgebungen wie sauberen Büros oder Archiven überleben können.

Artspezifische Vorlieben: Nicht jede Schabe frisst dasselbe
Obwohl alle Schadschaben Allesfresser sind, gibt es feine, aber entscheidende Unterschiede in ihren Präferenzen, die für die Lokalisierung und Bekämpfung eines Befalls von größter Bedeutung sind.
Die Deutsche Schabe (Blattella germanica)
Die weltweit häufigste Schadschabe hat eine starke Präferenz für menschliche Nahrungsmittel. Sie benötigt zwingend freien Zugang zu Wasser. Ohne Wasser stirbt sie innerhalb weniger Tage, während sie ohne feste Nahrung bis zu einem Monat überleben kann. Daher findet man sie fast ausschließlich in Küchen, Bäckereien, Krankenhäusern und Sanitärbereichen, wo sie sich von Lebensmittelresten, Fettablagerungen hinter Herden und organischem Abfall ernährt [5].
Die Braunbandschabe (Supella longipalpa)
Im Gegensatz zur Deutschen Schabe benötigt die Braunbandschabe deutlich weniger Feuchtigkeit. Sie bevorzugt warme, trockene Habitate. Ihr Nahrungsspektrum ist stark auf stärkehaltige Materialien ausgerichtet. Man findet sie oft in Wohn- und Schlafzimmern, hinter Bilderrahmen, in Büchern oder in elektrischen Geräten, wo sie Briefmarkenleim, Tapetenkleister und Buchbindungen frisst [4].
Die Australische Schabe (Periplaneta australasiae)
Diese Art zeigt eine deutliche Abweichung vom typischen Schaben-Speiseplan: Sie hat eine ausgeprägte Vorliebe für pflanzliches Material. In Gewächshäusern, botanischen Gärten oder Wintergärten frisst sie bevorzugt an zarten Blättern, Sämlingen und Wurzeln von Zierpflanzen. Zwar verschmäht sie auch stärkehaltige Stoffe nicht, tritt aber seltener als reiner Küchenschädling auf [6].
Waldschaben (Ectobius spp.) – Die harmlosen Verwandten
Es ist wichtig, die synanthropen Schädlinge von den heimischen Waldschaben (z. B. Bernstein-Waldschabe, Ectobius vittiventris) zu unterscheiden. Waldschaben ernähren sich ausschließlich von sich zersetzendem Pflanzenmaterial, Pilzen und Detritus am Waldboden. Sie haben keinerlei Affinität zu menschlichen Nahrungsmitteln. Verirren sie sich in eine Wohnung, finden sie dort keine geeignete Nahrung und sterben meist innerhalb von ein bis zwei Tagen an Nahrungsmangel und Austrocknung [7].

Was lockt Schaben an? Die unsichtbaren Magneten
Nahrung ist nur ein Teil der Gleichung. Oft wundern sich Bewohner von extrem sauberen Wohnungen, warum sie dennoch Schaben haben. Die Antwort liegt in den physikalischen und chemischen Reizen, die auf Schaben wie ein Magnet wirken.
1. Wasser und Mikroklima (Der stärkste Lockstoff)
Für die meisten Schabenarten ist Feuchtigkeit der limitierende Faktor für ihr Überleben. Die Orientalische Schabe (Blatta orientalis) benötigt beispielsweise zwingend eine relative Luftfeuchtigkeit von über 60 % [8]. Tropfende Siphons unter Spülbecken, Kondenswasser an Kaltwasserrohren, feuchte Wischlappen oder stehendes Wasser in Blumentöpfen sind stärkere Lockstoffe als ein offenes Stück Brot. Gepaart mit Wärme (bevorzugt 25 °C bis 32 °C) entsteht das perfekte Mikroklima. Deshalb werden Motoren von Kühlschränken, Kaffeemaschinen oder Spülmaschinen so häufig besiedelt: Sie bieten Wärme und oft auch Kondensfeuchtigkeit.
2. Thigmotaxis: Der Drang nach Enge
Schaben sind stark thigmotaktisch. Das bedeutet, sie suchen aktiv nach physischem Kontakt mit ihrer Umgebung. Ein Versteck ist für eine Schabe nur dann attraktiv, wenn sie gleichzeitig mit dem Rücken (Pronotum) und dem Bauch (Sternite) eine Oberfläche berührt [2]. Risse in Fugen, abgelöste Tapeten, der Spalt zwischen Küchenschrank und Wand oder die Wellpappe von Kartons ziehen Schaben magisch an, da diese engen Räume Schutz vor Fressfeinden und Austrocknung bieten.
3. Chemische Kommunikation: Pheromone
Schaben locken sich gegenseitig an. Sie produzieren sogenannte Aggregationspheromone, die über den Kot, Speichel und kutikuläre Kohlenwasserstoffe (Wachsschicht auf dem Panzer) abgegeben werden. Bei der Deutschen Schabe spielen flüchtige Fettsäuren wie Buttersäure eine zentrale Rolle [2]. Diese Duftstoffe signalisieren Artgenossen: "Hier ist ein sicheres, feuchtes Versteck mit Nahrungszugang." Das ist der Grund, warum Schaben in dichten Clustern (Aggregationen) leben. Selbst wenn ein Versteck gereinigt wird, können verbleibende Pheromonspuren (oft als pfefferartige schwarze Punkte sichtbar) neue Schaben anlocken.
Zusätzlich nutzen sie Sexualpheromone über größere Distanzen. Weibliche Amerikanische Schaben geben Periplanon-B ab, während Deutsche Schaben Blattellaquinon nutzen, um Männchen zielsicher durch dunkle Räume zu navigieren [1].
Glukose-Aversion: Wenn Schaben den Köder verweigern
Ein faszinierendes Phänomen im Bereich der Schabennahrung und -anlockung ist die rasante evolutionäre Anpassung der Deutschen Schabe an Fraßköder. In den 1990er Jahren stellten Schädlingsbekämpfer fest, dass hochwirksame Gelköder plötzlich ignoriert wurden. Die Ursache war keine Resistenz gegen das Insektizid selbst, sondern eine Verhaltensresistenz gegen das Lockmittel.
Die Industrie nutzte D-Glukose (Traubenzucker) als universellen Lockstoff. Durch den starken Selektionsdruck überlebten jedoch nur jene Schaben, die eine seltene genetische Mutation besaßen: Bei diesen Tieren löste D-Glukose nicht die Geschmacksrezeptoren für "süß/nahrhaft" aus, sondern stimulierte die Rezeptoren für "bitter/toxisch" [1]. Die Schaben schmeckten den Zucker als extrem bitter und verweigerten die Nahrungsaufnahme. Diese sogenannte Glukose-Aversion zwang die Industrie, die Ködermatrizes auf andere Zuckerarten wie Fruktose umzustellen. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie flexibel und anpassungsfähig das Ernährungsverhalten dieser Insekten ist.
Prävention: Wie entzieht man Schaben die Lebensgrundlage?
Das Wissen darüber, was Schaben fressen und was sie anlockt, bildet das Fundament für das Integrated Pest Management (IPM). Da Schaben fast alles fressen können, reicht es nicht aus, nur die offensichtlichen Lebensmittel wegzuräumen. Die Prävention muss ganzheitlich erfolgen:
- Wasserquellen eliminieren: Reparieren Sie tropfende Rohre, trocknen Sie Spülbecken über Nacht aus und leeren Sie die Auffangschalen von Kühlschränken und Kaffeemaschinen. Wasserentzug ist effektiver als Nahrungsentzug.
- Mikro-Nahrungsquellen beseitigen: Reinigen Sie regelmäßig die Bereiche unter und hinter Küchengeräten. Fettspritzer an den Seitenwänden des Herdes reichen einer Schabenpopulation wochenlang als Nahrung.
- Verpackungen prüfen: Da Schaben Wellpappe lieben (Thigmotaxis) und den Leim fressen, sollten Lebensmittel in luftdichten Hartplastik- oder Glasbehältern gelagert werden. Kartons aus Supermärkten sollten sofort entsorgt werden, da sie oft als Einschleppungsvehikel für Ootheken (Eikapseln) dienen [3].
- Pheromonspuren vernichten: Wenn Sie Schabenkot (kleine schwarze Punkte) finden, muss dieser Bereich intensiv mit fettlösenden und desinfizierenden Mitteln gereinigt werden, um die Aggregationspheromone zu zerstören, die weitere Tiere anlocken würden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Schaben auch ohne Nahrung überleben?
Ja, Schaben sind extrem widerstandsfähig. Die Amerikanische Schabe kann bis zu drei Monate ohne feste Nahrung auskommen, solange sie Zugang zu Wasser hat. Ohne Wasser sterben die meisten Arten jedoch innerhalb weniger Tage bis Wochen.
Warum habe ich Schaben, obwohl meine Wohnung sehr sauber ist?
Schaben werden nicht nur von Schmutz angelockt, sondern primär von Wärme, Feuchtigkeit und sicheren Verstecken (Thigmotaxis). Zudem fressen sie auch Materialien wie Buchleim, Tapetenkleister oder Haare, die in jedem Haushalt vorhanden sind. Oft werden sie auch passiv über Lebensmittelkartons oder gebrauchte Elektrogeräte eingeschleppt.
Fressen Schaben auch Kleidung?
Ja, bei Nahrungsmangel fressen Schaben auch Textilien. Sie bevorzugen organische Stoffe wie Wolle oder Leder, aber Arten wie die Braunbandschabe wurden sogar dabei beobachtet, wie sie synthetische Stoffe wie Nylon anfressen.
Welche Gerüche locken Schaben an?
Schaben werden stark von gärenden, süßlichen und fettigen Gerüchen angelockt. Am stärksten reagieren sie jedoch auf die Aggregationspheromone (wie Buttersäure) ihrer eigenen Artgenossen, die ihnen sichere Verstecke signalisieren.
Fressen Waldschaben meine Lebensmittel?
Nein. Heimische Waldschaben (wie die Bernstein-Waldschabe) ernähren sich ausschließlich von zersetzendem Pflanzenmaterial im Freien. Sie gehen nicht an menschliche Vorräte und sterben in Wohnungen schnell ab.
Fazit
Die Frage "Was fressen Schaben?" lässt sich fast mit "Alles" beantworten. Ihre omnivore Lebensweise, gepaart mit der bakteriellen Symbiose in ihrem Fettkörper, macht sie zu Meistern des Überlebens. Doch ihr eigentlicher Schwachpunkt ist nicht die Nahrung, sondern ihr hoher Bedarf an Feuchtigkeit, Wärme und engen Verstecken. Wer versteht, dass ein tropfender Siphon oder ein warmer Kühlschrankmotor stärkere Lockstoffe sind als ein Krümel Brot, kann präventiv handeln. Sollten Sie dennoch einen Befall feststellen, ist schnelles Handeln gefragt. Da Schaben durch Pheromone stetig neue Artgenossen anlocken und sich rasant vermehren, ist die Hinzuziehung eines professionellen Schädlingsbekämpfers meist der einzige Weg, um die Population nachhaltig zu tilgen.
Quellen & Wissenschaftliche Referenzen
- Pospischil, R. (2010): Schaben (Dictyoptera, Blattodea) – Ihre Bedeutung als Überträger von Krankheitserregern und als Verursacher von Allergien. Denisia 30, Biologiezentrum Linz/Austria.
- Artenprofil Schaben (Blattodea) – Biologie, Verhalten & Ökologie. SEO-Fachtext (KI-generiert basierend auf entomologischen Daten).
- Artenprofil Amerikanische Schabe (Periplaneta americana) – Vorkommen & Schadwirkung. SEO-Fachtext.
- Artenprofil Braunbandschabe (Supella longipalpa) – Lebenszyklus & Prävention. SEO-Fachtext.
- Artenprofil Deutsche Schabe (Blattella germanica) – Saisonalität & Aktivität. SEO-Fachtext.
- Artenprofil Australische Schabe (Periplaneta australasiae) – Ökologie & Wirtschaftliche Bedeutung. SEO-Fachtext.
- Artenprofil Bernstein-Waldschabe (Ectobius vittiventris) – Bestimmungsmerkmale & Verhalten. SEO-Fachtext.
- Artenprofil Orientalische Schabe (Blatta orientalis) – Lebensraum & Biologie. SEO-Fachtext.
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