Es ist ein Szenario, das fast jeder kennt: Sie betreten nachts das Badezimmer, schalten das Licht an, und plötzlich huscht etwas Kleines, Silbriges über die Fliesen. Silberfischchen (Lepisma saccharina) sind die heimlichen Mitbewohner in vielen deutschen Haushalten. Doch was suchen diese Urinsekten eigentlich in unseren Wohnungen? Die Antwort ist so simpel wie problematisch: Sie sind auf der Suche nach Nahrung. Anders als viele andere Schädlinge sind Silberfische jedoch wahre Überlebenskünstler mit einem erstaunlich vielfältigen Speiseplan. Um sie effektiv loszuwerden, müssen wir verstehen, was sie am Leben hält. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Ernährungsgewohnheiten dieser lichtscheuen Insekten ein, unterscheiden sie von ihren gefährlicheren Verwandten, den Papierfischchen, und zeigen Ihnen, wie Sie ihnen die Lebensgrundlage entziehen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Zucker & Stärke: Der wissenschaftliche Name saccharina verrät es – Silberfische lieben Kohlenhydrate wie Zucker, Kleister und Stärke.
- Schimmelpilze: In feuchten Räumen weiden sie mikroskopisch kleine Schimmelsporen ab, oft bevor der Schimmel für uns sichtbar ist.
- Papier & Textilien: Sie fressen an Tapeten, Bucheinbänden, Fotos und gestärkten Textilien (Loch- und Schabefraß).
- Protein: Auch Hautschuppen, Haare, tote Insekten und sogar die eigenen Artgenossen stehen auf dem Speiseplan.
- Hungervermögen: Ausgewachsene Tiere können bis zu 10 Monate ohne jegliche Nahrung überleben.
- Verwechslungsgefahr: Das verwandte Papierfischchen richtet deutlich massivere Schäden an Papier und Kartonagen an.
Der Heißhunger auf Kohlenhydrate: Warum sie "Zuckergast" heißen
Der Name des Silberfischchens ist Programm. Die wissenschaftliche Bezeichnung Lepisma saccharina leitet sich vom griechischen Wort für Zucker ab. Kohlenhydrate sind der wichtigste Energielieferant für diese flinken Insekten. In der freien Natur würden sie sich von pflanzlichen Überresten ernähren, doch in unseren Wohnungen finden sie ein wahres Schlaraffenland vor.
Versteckte Stärkequellen im Haushalt
Oft denken wir bei "Zucker" nur an die offene Zuckerdose in der Küche. Für das Silberfischchen ist der Begriff jedoch viel weiter gefasst. Stärke (Polysaccharide) wird von ihnen mit Vorliebe verzehrt. Diese findet sich an Orten, die wir Menschen gar nicht als Nahrungsquelle wahrnehmen:
- Tapetenkleister: Dies ist eine der häufigsten Nahrungsquellen. Wenn sich Tapeten lösen oder kleine Löcher aufweisen, haben sich oft Silberfische am stärkehaltigen Kleister sattgefressen.
- Buchbindungen: Der Leim in alten und neuen Büchern ist oft organischen Ursprungs und reich an Stärke oder tierischen Proteinen (Glutinleim).
- Gestärkte Textilien: Wäsche, die gestärkt wurde, zieht Silberfische magisch an.
- Lebensmittelvorräte: Offene Packungen von Mehl, Haferflocken, Grieß, Nudeln oder Keksbrösel am Boden sind ein gefundenes Fressen.
Die Tiere verfügen über körpereigene Cellulasen, also Enzyme, die es ihnen ermöglichen, Cellulose bis zu einem gewissen Grad zu verdauen. Dies unterscheidet sie von vielen anderen Insekten, die auf symbiotische Bakterien im Darm angewiesen sind [3].
Der unsichtbare Feind: Schimmelpilze als Grundnahrungsmittel
Ein Aspekt, der bei der Bekämpfung von Silberfischen oft übersehen wird, ist ihre Vorliebe für Schimmelpilze. Silberfische gelten als Indikator für zu hohe Luftfeuchtigkeit und Schimmelprobleme. Warum? Weil Schimmelpilze ganz oben auf ihrer Speisekarte stehen.
In Badezimmern, die oft eine hohe Luftfeuchtigkeit (über 80% r.F. ist optimal für die Entwicklung der Tiere [1]) aufweisen, bildet sich oft mikroskopisch kleiner Schimmelrasen auf Fugen, Tapeten oder in Ecken, lange bevor er für das menschliche Auge als schwarzer Fleck sichtbar wird. Silberfische "weiden" diesen Pilzrasen ab. In gewisser Weise halten sie den Schimmel kurz, was jedoch kein Grund ist, sie zu dulden, da sie auch Allergene verbreiten können.
Die Abhängigkeit von Feuchtigkeit ist zweifach begründet:
- Physiologie: Silberfische benötigen eine hohe Luftfeuchtigkeit, um nicht auszutrocknen, da ihre Cuticula (Außenhaut) relativ dünn ist.
- Nahrungskette: Feuchtigkeit fördert das Wachstum von Schimmelpilzen, ihrer primären Proteinquelle in nasskalten Umgebungen.
Proteinreiche Kost: Von Hautschuppen bis Kannibalismus
Silberfische sind sogenannte Generalisten. Das bedeutet, sie sind nicht wählerisch, wenn ihre Lieblingsspeisen (Zucker/Stärke) nicht verfügbar sind. Um ihren Proteinbedarf zu decken, greifen sie auf Quellen zurück, die in jedem bewohnten Haushalt unvermeidbar sind.
Der "Staub" lebt
Der normale Hausstaub besteht zu einem großen Teil aus menschlichen Hautschuppen und Haaren. Für uns ist es Schmutz, für das Silberfischchen ist es ein proteinreiches Buffet. Dies erklärt, warum man die Tiere oft auch in Schlafzimmern findet, selbst wenn dort nie gegessen wird. Auch Haustierfutter (Trockenfutterreste), das oft sehr proteinhaltig ist, wird gerne angenommen [3].
Kannibalismus unter Silberfischen
Ein besonders interessantes, wenn auch makabres Detail der Silberfisch-Ernährung ist der Kannibalismus. Die Tiere fressen die abgestoßenen Häute (Exuvien) ihrer Artgenossen nach der Häutung. Da sich Silberfische ihr ganzes Leben lang häuten – auch im Erwachsenenstadium, was sie von vielen anderen Insekten unterscheidet –, ist dies eine stetige Nahrungsquelle. Zudem werden verletzte, kranke oder tote Artgenossen restlos vertilgt. Dies hat für den Hausbesitzer einen Nachteil: Man findet selten tote Silberfische herumliegen, was die Einschätzung der Befallsstärke erschwert [3].
Silberfischchen vs. Papierfischchen: Ein entscheidender Unterschied im Fraßbild
In den letzten Jahren hat sich in Deutschland und Europa eine neue Art etabliert, die oft mit dem gemeinen Silberfischchen verwechselt wird: das Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata). Die Unterscheidung ist extrem wichtig, da sich das Schadpotenzial und die Ernährungsschwerpunkte unterscheiden.
| Merkmal | Silberfischchen (L. saccharina) | Papierfischchen (C. longicaudata) |
|---|---|---|
| Hauptnahrung | Schimmel, Lebensmittelreste, Kleister | Papier, Karton, Pappe, Fotos |
| Feuchtigkeitsbedarf | Hoch (Bad, Küche, Keller) | Niedriger (trockene Wohnräume, Archive) |
| Schadbild | Oberflächlicher Schabefraß, Lochfraß an Textilien | Massiver Lochfraß an Papier, Zerstörung von Dokumenten |
Während das Silberfischchen eher an Tapeten klebt oder feuchte Ecken sucht, frisst das Papierfischchen, wie der Name sagt, aggressiv Papier. Es ist in der Lage, Zellulose noch effizienter zu verwerten. In Museen und Archiven gelten Papierfischchen mittlerweile als gefürchtete Materialschädlinge, die ganze Bestände vernichten können. Sie fressen nicht nur den Leim, sondern das Papier selbst, sowie Kartonagen und Fotos [2].
Hungerkünstler: Warum Aushungern selten funktioniert
Eine häufige Frage ist: "Kann ich die Silberfische einfach aushungern, indem ich extrem sauber putze?" Die theoretische Antwort ist Ja, die praktische leider Nein. Silberfische sind physiologische Wunderwerke, wenn es um das Überleben in kargen Zeiten geht.
Laut dem Experten U. Sellenschlo können ausgewachsene Geschlechtstiere bis zu 10 Monate ohne Nahrung überleben [1]. Diese enorme Hungerfähigkeit macht sie extrem widerstandsfähig. Selbst wenn Sie Ihre Wohnung klinisch rein halten, finden sie oft noch mikroskopische Nahrungsquellen (Hausstaubmilbenkot, Pilzsporen) oder zehren von ihren Reserven, bis bessere Zeiten anbrechen.
Zudem ist ihre Entwicklung temperaturabhängig. Bei kühleren Temperaturen verlangsamt sich ihr Stoffwechsel, was ihren Nahrungsbedarf weiter senkt, ohne dass sie sterben. Ein "Aushungern" ist daher als alleinige Bekämpfungsmethode meist zum Scheitern verurteilt.
Praktische Maßnahmen: Nahrung entziehen und Köder setzen
Auch wenn Aushungern allein schwer ist, ist der Entzug von Nahrungsmitteln ein essenzieller Baustein der Bekämpfung (Integrated Pest Management). Hier sind konkrete Schritte, die Sie unternehmen sollten:
1. Vorräte sichern
Füllen Sie alle trockenen Lebensmittel (Mehl, Zucker, Nudeln, Müsli) in fest verschließbare Glas- oder Hartplastikbehälter um. Tüten aus Papier oder dünnem Plastik stellen kein Hindernis dar.
2. Fugen und Ritzen schließen
Da sich in Ritzen Staub, Haare und Hautschuppen sammeln, die beim normalen Saugen schwer zu erreichen sind, sollten Sie offene Fugen (z.B. zwischen Fußleiste und Boden oder gerissene Silikonfugen) verschließen. Dies entzieht den Tieren nicht nur Nahrung, sondern auch den Rückzugsort.
3. Gezielte Köderanwendung
Da wir nun wissen, was Silberfische lieben, können wir dies gegen sie verwenden. Handelsübliche Köderdosen basieren oft auf zuckerhaltigen Lockstoffen, die mit einem Insektizid versetzt sind.
- Zucker-Köder: Nutzen den Kohlenhydrat-Hunger.
- Protein-Köder: Neuere Forschungen zeigen, dass auch proteinbasierte Köder (z.B. Grillenpulver in Klebefallen) sehr effektiv sein können, besonders zur Überwachung (Monitoring) [4].
- Fraßgel: In der professionellen Schädlingsbekämpfung werden Fraßgele eingesetzt, die punktuell ausgebracht werden und sehr attraktiv für die Tiere sind.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Beißen Silberfische Menschen?
Nein. Die Mundwerkzeuge der Silberfische sind für das Schaben und Kauen von weichen Materialien ausgelegt, nicht aber, um menschliche Haut zu durchdringen. Sie übertragen auch keine Krankheiten durch Bisse. Sie gelten als Lästlinge, nicht als Gesundheitsgefährder im direkten Sinne.
Fressen Silberfische Kleidung?
Ja, unter Umständen. Besonders gefährdet sind Textilien aus Pflanzenfasern (Baumwolle, Leinen) oder Kunstseide, sowie gestärkte Wäsche. Synthetische Stoffe oder reine Wolle werden seltener befallen, es sei denn, sie sind mit organischen Resten (Schweiß, Hautschuppen, Flecken) verunreinigt. Das Schadbild zeigt sich oft als Lochfraß oder Schabefraß [3].
Können Silberfische durch den Abfluss kommen?
Es ist ein Mythos, dass sie im Abwasser leben und hochklettern. Sie leben in den Hohlräumen unter Wannen oder in Wänden und kommen nachts heraus, um im Waschbecken nach Wasser oder Nahrung (Seifenreste, Haare) zu suchen. Da sie an den glatten Keramikwänden oft nicht mehr hochkommen, finden wir sie morgens dort gefangen.
Hilft Lavendel gegen Silberfische?
Ätherische Öle wie Lavendel oder Zitrone können eine repellierende (abschreckende) Wirkung haben, töten die Tiere aber nicht und beseitigen nicht die Ursache (Nahrung/Feuchtigkeit). Bei starkem Hunger ignorieren die Tiere den Geruch oft.
Fressen Silberfische Holz?
Nein, Silberfische sind keine Holzschädlinge wie Termiten oder der Holzwurm. Sie können zwar an der Oberfläche von Holz schaben, wenn dort Pilze wachsen oder Klebereste vorhanden sind, aber sie zerstören nicht die Holzstruktur.
Fazit
Die Ernährung der Silberfische ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis und ihrer Bekämpfung. Diese Urinsekten sind faszinierende Überlebenskünstler, die sich auf Zucker, Stärke und Schimmel spezialisiert haben, aber im Notfall auch Monate ohne Nahrung auskommen oder Proteine verwerten.
Ein erfolgreiches Vorgehen gegen Silberfische basiert immer auf drei Säulen: Feuchtigkeit reduzieren (um Schimmel als Nahrungsquelle zu eliminieren), Hygiene verbessern (um Hautschuppen und Krümel zu entfernen) und gezielte Köder einsetzen. Achten Sie besonders darauf, ob es sich um klassische Silberfischchen oder die zerstörerischen Papierfischchen handelt, da letztere Ihre Bücher und Dokumente massiv gefährden können. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Vorräte zu sichern und die Luftfeuchtigkeit zu senken – so machen Sie Ihr Zuhause für die ungebetenen Gäste ungemütlich.
Quellen und Referenzen
- Sellenschlo, U.: Silberfischchen (Lepisma saccharina) – Steckbrief. In: Handbuch für den Schädlingsbekämpfer, Stand 11/2015.
- Biebl, S. & Querner, P.: Papierfischchen – Museumsschädlinge. Online-Publikation museumsschaedlinge.de, Stand 2026.
- Pospischil, R.: Papierfischchen sind Globalisierungsgewinner. In: DpS 12/2020, S. 12-14.
- Wagner, J. et al.: Pest comparison of three treatment methods for archive materials against the grey silverfish. In: Integrated Pest Management for Collections, Proceedings of 2021.
- Landsberger, B.: Invasive Archivschädlinge – Anforderungen an ein integriertes Schädlingsmanagement. In: Das Archivmagazin, Kohlhammer-Verlag, 2019.
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