Der Wegfall zahlreicher chemisch-synthetischer Bodeninsektizide hat den Drahtwurm (die Larve des Schnellkäfers, Agriotes spp.) zu einem der gefürchtetsten Schädlinge im modernen Acker- und Gemüsebau gemacht [1]. Besonders in Kartoffel-, Karotten- und Zwiebelkulturen führen die Fraßgänge der Larven zu massiven Qualitätsverlusten und oft zur Unverkäuflichkeit der gesamten Ernte [2]. Auf der Suche nach biologischen und kulturtechnischen Alternativen rückt ein Thema massiv in den Fokus: Gründüngung gegen Drahtwürmer. Doch Gründüngung ist ein zweischneidiges Schwert. Während die falsche Zwischenfrucht den Boden in ein regelrechtes Brutparadies für Schnellkäfer verwandelt, kann die gezielte Auswahl und Verarbeitung bestimmter Pflanzenarten die Drahtwurmpopulation aktiv dezimieren.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gefahr durch Kleegras: Mehrjährige Kunstwiesen und Kleegrasmischungen ziehen Schnellkäfer zur Eiablage an und maximieren das Drahtwurmrisiko für Folgekulturen.
- Biofumigation als Waffe: Kreuzblütler (Brassicaceae) wie Gelbsenf und Ölrettich setzen bei der Zerkleinerung toxische Senfölglykoside frei, die Drahtwürmer abtöten oder vertreiben.
- Die Einarbeitung entscheidet: Biofumigation funktioniert nur, wenn die Pflanzen fein gehäckselt und sofort luftdicht in den feuchten Boden eingearbeitet werden.
- Neutrale Vorfrüchte: Leguminosen wie Ackerbohnen oder Eiweißerbsen gelten als ungünstige Wirtspflanzen und senken den Befallsdruck.

Warum die falsche Gründüngung das Drahtwurm-Problem eskalieren lässt
Bevor wir uns den lösungsorientierten Pflanzen widmen, muss der größte Fehler in der Fruchtfolgegestaltung verstanden werden. Schnellkäferweibchen haben eine stark eingeschränkte Flugfähigkeit und bewegen sich meist krabbelnd fort. Für die Eiablage (Mai bis Juli) suchen sie gezielt dichte, feuchte und ungestörte Pflanzenbestände auf [3]. Das Mikroklima in solchen Beständen schützt die empfindlichen Eier und Junglarven vor dem Austrocknen.
Kleegras und mehrjährige Wiesen sind aus Sicht der Bodenfruchtbarkeit hervorragend, aus Sicht der Drahtwurmprävention jedoch katastrophal. Das Risiko für Drahtwurmschäden ist in den ersten drei Jahren nach einem Wiesenumbruch am höchsten [2]. Wer also eine Gründüngungsmischung mit hohem Gras- oder Kleeanteil wählt und diese über den Sommer stehen lässt, lädt den Schädling förmlich ein. Da die Larvenentwicklung je nach Art (z.B. Agriotes lineatus, A. obscurus) drei bis fünf Jahre dauert [1], rächt sich eine falsche Gründüngung oft erst Jahre später in der Hauptkultur.
Biofumigation: Kreuzblütler als biologische Waffe
Die effektivste Form der Gründüngung gegen Drahtwürmer ist die sogenannte Biofumigation. Diese Methode nutzt die natürlichen Abwehrstoffe bestimmter Pflanzen, um bodenbürtige Schädlinge und Krankheitserreger zu dezimieren [3].
Pflanzen aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) produzieren sekundäre Pflanzenstoffe, die Glucosinolate (Senfölglykoside). Solange die Pflanze intakt ist, sind diese Stoffe harmlos und getrennt von dem Enzym Myrosinase in den Pflanzenzellen gespeichert. Werden die Pflanzenzellen jedoch mechanisch zerstört (durch Häckseln oder Mulchen), kommen Glucosinolate und Myrosinase in Kontakt. Unter Zugabe von Wasser (Bodenfeuchtigkeit) findet eine chemische Reaktion statt, bei der flüchtige, toxische Isothiocyanate (Senföle) entstehen. Diese Gase haben eine stark repellente (abschreckende) und toxische Wirkung auf Drahtwürmer [3].
Die besten Pflanzenarten für die Biofumigation
Nicht jeder Kreuzblütler eignet sich gleich gut. Für eine erfolgreiche Biofumigation gegen Drahtwürmer haben sich in der Praxis und Forschung vor allem zwei Arten bewährt:
- Gelbsenf (Sinapis alba): Wächst extrem schnell, unterdrückt Unkraut (was eierlegende Käfer fernhält) und bildet eine hohe Biomasse. Er enthält hohe Konzentrationen an Glucosinolaten. Gelbsenf gilt als eine der günstigsten Vorfrüchte vor Kartoffeln [2].
- Ölrettich (Raphanus sativus var. oleiformis): Bildet eine tiefe Pfahlwurzel, die Bodenverdichtungen aufbricht. Auch er ist reich an Senfölglykosiden. Spezielle Nematoden-resistente Sorten bieten hier einen doppelten Nutzen.

Die korrekte Einarbeitung: Der Schlüssel zum Erfolg
Der größte Fehler bei der Nutzung von Gelbsenf gegen Drahtwürmer ist die Annahme, dass das bloße Wachsen der Pflanze ausreicht. Biofumigation ist kein passiver Prozess, sondern eine aktive kulturtechnische Maßnahme. Wenn der Senf über den Winter einfach abfriert und auf dem Feld verrottet, verpufft die Wirkung vollständig in der Atmosphäre.
Um die toxischen Gase in den Boden zu den Drahtwürmern zu leiten, müssen folgende Schritte exakt eingehalten werden:
- Der richtige Zeitpunkt: Die höchste Konzentration an Glucosinolaten weist die Pflanze kurz vor bis während der Vollblüte auf. Dies ist der optimale Zeitpunkt für die Einarbeitung.
- Feinste Zerkleinerung: Die Pflanzen müssen mit einem Schlegelmulcher so fein wie möglich zerkleinert werden. Je mehr Pflanzenzellen zerstört werden, desto mehr Isothiocyanate können entstehen.
- Sofortige Einarbeitung: Das Häckselgut muss unmittelbar (am besten im selben Arbeitsgang oder wenige Minuten später) in die obersten 15-20 cm des Bodens eingearbeitet werden, z.B. mit einer Bodenfräse oder Scheibenegge.
- Bodenversiegelung: Das entstehende Gas ist flüchtig. Um zu verhindern, dass es in die Luft entweicht, muss der Boden sofort nach der Einarbeitung rückverfestigt (angewalzt) werden.
- Bodenfeuchtigkeit: Die chemische Reaktion benötigt Wasser. Eine Biofumigation in staubtrockenen Boden ist wirkungslos. Ideal ist die Einarbeitung vor einem leichten Regen oder bei ausreichender Bodenfeuchte.

Leguminosen als neutrale bis hemmende Vorfrüchte
Neben den aktiv bekämpfenden Kreuzblütlern spielt auch der Entzug von Nahrungs- und Eiablagegrundlagen eine Rolle. Drahtwürmer sind zwar extrem polyphag (sie fressen an fast allem), aber sie haben Präferenzen. Wenn eine Biofumigation betrieblich nicht umsetzbar ist, ist die Wahl der richtigen Vorfrucht essenziell.
Als günstige Vorfrüchte zur Reduktion des Drahtwurmrisikos gelten Eiweißerbsen und Ackerbohnen [2]. Diese Leguminosen bieten den Larven eine suboptimale Nahrungsquelle. Zudem bilden sie oft Bestände, die für die Eiablage der Schnellkäfer weniger attraktiv sind als dichte Grasmatten. Werden diese Kulturen als Zwischenfrucht oder Hauptkultur vor empfindlichen Gemüsekulturen oder Kartoffeln angebaut, lässt sich der Populationsdruck stabilisieren oder leicht senken.
Synergieeffekte: Gründüngung und mechanische Bodenbearbeitung
Die Gründüngung gegen Drahtwürmer entfaltet ihr volles Potenzial erst, wenn sie in ein intelligentes Flächenmanagement eingebettet ist. Drahtwürmer haben zwei Hauptaktivitätsphasen nahe der Bodenoberfläche: im Frühjahr und im Spätsommer (September/Oktober), wenn die Bodenfeuchtigkeit nach ergiebigen Niederschlägen wieder ansteigt [2].
Eine flache Stoppelbearbeitung im Spätsommer (August/September), kurz bevor die Gründüngung eingesät wird, ist hochgradig effektiv. Durch Scheibenegge, Hacke oder Fräse werden empfindliche Entwicklungsstadien (Eier, Junglarven und Puppen) an die Oberfläche befördert, wo sie durch Sonneneinstrahlung austrocknen oder von Vögeln gefressen werden [3]. Wird in diesen mechanisch „gereinigten“ Boden anschließend ein schnellwachsender Gelbsenf gesät, der später zur Biofumigation genutzt wird, greift man den Schädling von zwei Seiten gleichzeitig an.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Gründüngung hilft am besten gegen Drahtwürmer?
Am effektivsten sind Kreuzblütler wie Gelbsenf und Ölrettich. Sie eignen sich für die Biofumigation, bei der durch das Häckseln und Einarbeiten der Pflanzen toxische Senfölgase im Boden freigesetzt werden, die Drahtwürmer vertreiben oder abtöten.
Darf ich Kleegras als Gründüngung verwenden, wenn ich Drahtwürmer habe?
Nein, auf keinen Fall. Kleegras und mehrjährige Wiesen sind die bevorzugten Eiablageplätze für Schnellkäfer. Der Anbau von Kleegras führt fast unweigerlich zu einer massiven Vermehrung der Drahtwurmpopulation in den Folgejahren.
Wie genau funktioniert die Biofumigation?
Die Pflanzen (z.B. Gelbsenf) werden zur Blütezeit extrem fein gehäckselt. Dadurch reagieren pflanzeneigene Stoffe (Glucosinolate) mit Enzymen zu giftigen Isothiocyanaten. Das Häckselgut muss sofort luftdicht in den feuchten Boden eingearbeitet und angewalzt werden, damit das Gas im Boden bleibt.
Sind Leguminosen eine gute Alternative?
Ja, Leguminosen wie Ackerbohnen oder Eiweißerbsen gelten als ungünstige Wirtspflanzen für Drahtwürmer. Sie töten den Schädling zwar nicht aktiv ab wie die Biofumigation, fördern aber auch nicht dessen Vermehrung und senken so das Befallsrisiko.
Reicht es, den Gelbsenf einfach über den Winter abfrieren zu lassen?
Nein. Wenn der Senf nur abfriert und auf dem Feld liegen bleibt, entweichen die wirksamen Gase in die Luft. Zur Bekämpfung von Drahtwürmern ist die aktive, mechanische Einarbeitung in den Boden zwingend erforderlich.
Fazit
Die Bekämpfung von Drahtwürmern erfordert ein Umdenken in der landwirtschaftlichen Praxis. Da direkte chemische Lösungen wie Fipronil oder Chlorpyrifos der Vergangenheit angehören [7], rückt das Fruchtfolgemanagement in den Mittelpunkt. Die Wahl der richtigen Gründüngung gegen Drahtwürmer ist dabei entscheidend. Wer auf Kleegras verzichtet und stattdessen auf die aktive Biofumigation mit Gelbsenf oder Ölrettich setzt, nutzt die Biologie der Natur zu seinem Vorteil. Kombiniert mit einer gezielten, flachen Bodenbearbeitung im Spätsommer lässt sich der Befallsdruck so weit senken, dass auch empfindliche Kulturen wie Kartoffeln wieder wirtschaftlich sicher angebaut werden können.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Ritter, C. & Katroschan, K.-U. (2011). Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV (GKZ).
- swisspatat (2022). Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. Arbeitsgruppe Anbau & Qualität swisspatat, Agroscope.
- Guyer, A., Baur, B. & Grabenweger, G. (2020). Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118/2020.
- Lehmhus, J. & Niepold, F. (2013). New finds of the click beetle Agriotes sordidus (Illiger, 1807) and an overview on its current distribution in Germany. Journal für Kulturpflanzen, 65 (8).
- Lerche, S. et al. (2013). Untersuchungen zum Auftreten von Strauzia longipennis Wied. in Berlin und im Bundesland Brandenburg. Journal für Kulturpflanzen, 65 (8).
- AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.).
- Agroscope (2024). Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen. Agrarforschung Schweiz.