Wer morgens im Garten steht und die frischen Erdhügel auf dem Rasen entdeckt, reagiert oft mit Frust. Doch hinter den Kulissen der Erdoberfläche verbirgt sich ein faszinierendes Lebewesen, das oft missverstanden wird. Entgegen der landläufigen Meinung ist der Maulwurf (Talpa europaea) kein Pflanzenfresser, der es auf Ihre mühsam gezüchteten Wurzeln abgesehen hat. Tatsächlich ist er ein hochspezialisierter Jäger mit einem enormen Energiebedarf. In diesem umfassenden Guide erfahren Sie alles über den Speiseplan dieses nützlichen Säugetiers, warum er für das ökologische Gleichgewicht unverzichtbar ist und wie er seine Beute im Verborgenen aufspürt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Reiner Fleischfresser: Maulwürfe fressen keine Pflanzen, Wurzeln oder Knollen [1].
- Hauptnahrung: Regenwürmer machen den Großteil der Nahrung aus, ergänzt durch Insektenlarven und kleine Wirbeltiere [3].
- Enormer Hunger: Ein Maulwurf muss täglich etwa 60 % bis 100 % seines eigenen Körpergewichts fressen [3].
- Vorratskammern: Für den Winter legen sie Depots mit gelähmten Regenwürmern an [1].
- Nützlingsstatus: Sie vertilgen Schädlinge wie Engerlinge, Drahtwürmer und Schnecken [4].
Der Maulwurf: Ein Jäger, kein Gärtner
Eines der hartnäckigsten Vorurteile gegenüber dem Maulwurf ist, dass er Wurzeln anknabbert. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch eindeutig, dass die europäische Art (Talpa europaea) strikt karnivor lebt [1]. Während einige amerikanische Maulwurfsarten gelegentlich bis zu 20 % pflanzliches Material zu sich nehmen, rührt unser heimischer Nützling keine einzige Wurzel an [1]. Wenn Pflanzen in der Nähe von Maulwurfshügeln absterben, liegt das meist an den untergrabenen Wurzeln, die den Kontakt zum Boden verlieren, oder an Wühlmäusen, die die Tunnel des Maulwurfs nutzen.
Warum der Maulwurf so viel fressen muss
Der Stoffwechsel des Maulwurfs ist ein biologisches Hochleistungssystem. Aufgrund seiner ständigen Grabtätigkeit verbraucht er enorme Mengen an Energie. Ein Maulwurf kann kaum länger als 10 bis 12 Stunden ohne Nahrung überleben [6]. In Gefangenschaft wurde beobachtet, dass Tiere bereits nach kurzer Fastenzeit massiv an Gewicht verlieren – in einem Fall 10 Gramm innerhalb von weniger als 96 Stunden [6]. Pro Jahr vertilgt ein einzelnes Tier etwa 30 Kilogramm Nahrung [4]. Dies entspricht einer gewaltigen Menge an Insekten und Würmern, die er aus dem Boden filtert.
Achtung: Verwechslungsgefahr!
Wenn Ihre Möhren oder Blumenzwiebeln angefressen sind, ist der Täter mit Sicherheit die Wühlmaus. Der Maulwurf nutzt zwar dieselben Gänge, jagt dort aber nur die Insekten, die die Wurzeln schädigen würden.
Der Speiseplan im Detail: Was steht auf der Karte?
Der Maulwurf ist nicht wählerisch, solange es sich um tierisches Eiweiß handelt. Sein Jagdrevier ist sein Tunnelsystem, das als gigantische Fallgrube fungiert. Alles, was in die Gänge fällt oder beim Graben entdeckt wird, wird verspeist.
1. Der Regenwurm – Die Leibspeise
Regenwürmer (Lumbricidae) bilden das Rückgrat der Ernährung. Sie sind proteinreich und in gesunden Böden reichlich vorhanden. Interessanterweise ist der Maulwurf ein strategischer Jäger: Er beißt den Regenwürmern in die vorderen Segmente, um das Nervenzentrum zu lähmen [1][3]. Der Wurm bleibt am Leben, kann aber nicht mehr fliehen. So entstehen die berühmten Vorratskammern, in denen hunderte gelähmte Würmer für nahrungsarme Zeiten gelagert werden [3].
2. Insektenlarven und Käfer
Für Gärtner ist der Maulwurf ein Segen, da er viele gefürchtete Schädlinge vertilgt. Dazu gehören:
- Engerlinge: Die Larven von Mai- und Junikäfern.
- Drahtwürmer: Die Larven der Schnellkäfer, die sonst Kartoffeln schädigen.
- Schnakenlarven (Tipula): Diese fressen oft an Rasenwurzeln.
- Laufkäfer und deren Larven: Ein proteinreicher Snack zwischendurch [4].
3. Kleine Wirbeltiere und Exoten
Gelegentlich zeigt der Maulwurf seine räuberische Seite gegenüber größeren Tieren. Es wurde berichtet, dass er Frösche, Eidechsen oder sogar junge Mäuse frisst, wenn diese in seine Gänge geraten [1]. Auch Schnecken und Hundertfüßer werden nicht verschmäht. In Laborstudien akzeptierten Maulwürfe sogar Schweineherz und Eintagsküken als Ersatznahrung, was ihre Anpassungsfähigkeit als Fleischfresser unterstreicht [6].

Jagdstrategien: Wie findet der Maulwurf sein Futter?
Da der Maulwurf fast blind ist (er nimmt nur Hell-Dunkel-Unterschiede wahr [5]), verlässt er sich auf seine anderen Sinne. Seine Schnauze ist mit tausenden hochempfindlichen Tastorganen, den sogenannten Eimerschen Organen, ausgestattet [13].
Profi-Tipp: Bodenqualität erkennen
Ein Maulwurf im Garten ist ein Kompliment für Ihren Boden! Er siedelt sich nur dort an, wo die Bodenfauna reichhaltig und der Boden gesund ist. Viele Maulwurfshügel deuten auf eine hohe Anzahl an Regenwürmern hin [2].
Zusätzlich zu seinem Tastsinn verfügt der Maulwurf über ein exzellentes Gehör und einen feinen Geruchssinn. Er kann Vibrationen im Boden wahrnehmen, die durch die Bewegung von Würmern oder Insekten verursacht werden. Sein Tunnelsystem patrouilliert er regelmäßig ab, um hineingefallene Beute einzusammeln [13]. In feuchten Gebieten oder bei Hochwasser zeigt er sich zudem als geschickter Schwimmer, um neue Jagdgründe zu erschließen [5].

Saisonale Unterschiede im Speiseplan
Die Verfügbarkeit von Nahrung ändert sich mit den Jahreszeiten. Im Frühjahr und Herbst, wenn der Boden feucht ist, halten sich Regenwürmer in den oberen Erdschichten auf. Dies ist die Zeit der höchsten Aktivität des Maulwurfs [2]. Im trockenen Sommer oder im tiefen Winter ziehen sich die Würmer in tiefere Schichten zurück. Der Maulwurf folgt ihnen und gräbt dann tiefere Jagdgänge, die oft weit unter der Frostgrenze liegen [1].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Fressen Maulwürfe Wurzeln oder Möhren?
Nein, Maulwürfe sind reine Fleischfresser. Sie ernähren sich von Würmern und Insekten. Schäden an Wurzeln stammen meist von Wühlmäusen.
Wie viel frisst ein Maulwurf pro Tag?
Ein Maulwurf muss täglich etwa 60 % bis 100 % seines Körpergewichts fressen, um seinen hohen Energiebedarf zu decken.
Trinken Maulwürfe auch Wasser?
Ja, Maulwürfe trinken Wasser. In Gefangenschaft wurde ein täglicher Bedarf von etwa 2,3 ml gemessen. In der Natur lecken sie oft Tau von Blättern.
Was passiert, wenn ein Maulwurf nichts zu fressen findet?
Aufgrund seines extrem schnellen Stoffwechsels verhungert ein Maulwurf bereits nach etwa 10 bis 12 Stunden ohne Nahrung.
Fressen Maulwürfe auch Schnecken?
Ja, Schnecken gehören ebenfalls zum Speiseplan des Maulwurfs und werden regelmäßig vertilgt.
Fazit
Der Maulwurf ist ein faszinierender Bewohner unserer Gärten, der weit mehr Nutzen bringt als Schaden. Als unermüdlicher Jäger von Schädlingen wie Engerlingen und Drahtwürmern schützt er unsere Pflanzen indirekt vor Fraßschäden. Sein Speiseplan, der primär aus Regenwürmern besteht, zwingt ihn zu einer ständigen Lockerung und Belüftung des Bodens. Wer den Maulwurf als das sieht, was er ist – ein fleißiger Fleischfresser und Indikator für ein gesundes Ökosystem – kann die Hügel im Garten vielleicht mit etwas mehr Gelassenheit betrachten. Schützen wir diesen kleinen Jäger, denn er ist einer der effektivsten biologischen Schädlingsbekämpfer, die wir haben.
Quellenverzeichnis
- Lund, M. (1976): CONTROL OF THE EUROPEAN MOLE, Talpa europaea. Danish Pest Infestation Laboratory.
- du Bois, T.M.E. (2013): Molehill Mayhem: A literature review on activity in Talpa europaea. University Utrecht.
- Plass, J. (2008): Der Eurasische Maulwurf Talpa europaea. Biologiezentrum Linz.
- Naturschutzbund Österreich (2020): Tier des Jahres 2020: Europäischer Maulwurf.
- Johannesson-Groß, K. (1985): Der Maulwurf als Bewohner von Flußauen. Naturschutz in Nordhessen.
- Mühlbauer, S. & Witte, G.R. (1978): Beiträge zur Käfighaltung von Maulwürfen. Gesamthochschule Kassel.