Wer einen Garten besitzt, kennt den Anblick: Über Nacht sind wie aus dem Nichts zahlreiche Erdhügel auf dem Rasen erschienen. Die erste Vermutung vieler Gartenbesitzer ist oft, dass eine ganze Familie von kleinen Pelztieren unter der Erde eingezogen sein muss. Doch wer sich fragt: „Wie viele Maulwürfe leben in einem Bau?“, wird von der wissenschaftlichen Antwort meist überrascht sein. In diesem umfassenden Artikel beleuchten wir die faszinierende, aber oft einsame Welt des Europäischen Maulwurfs (Talpa europaea) und erklären, warum die Hügel-Anzahl nichts über die Bewohnerzahl aussagt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Strikte Einzelgänger: In der Regel bewohnt nur ein einziger erwachsener Maulwurf ein Tunnelsystem [1][2].
- Aggressives Revierverhalten: Maulwürfe verteidigen ihr Territorium vehement gegen Artgenossen; Kämpfe können tödlich enden [6].
- Ausnahmen: Nur während der kurzen Paarungszeit im Frühjahr und während der Aufzucht der Jungen befinden sich mehrere Tiere im Bau [1][4].
- Reviergröße: Ein Territorium umfasst je nach Nahrungsangebot zwischen 200 und 2000 Quadratmeter [1].
- Hügel-Täuschung: Ein einzelnes Tier kann pro Tag bis zu 20 Hügel aufwerfen – viele Hügel bedeuten also nicht viele Tiere.
Die Biologie der Einsamkeit: Warum Maulwürfe keine WGs mögen
Der Europäische Maulwurf ist ein Paradebeispiel für einen solitären Lebensstil. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Tiere in sozialen Strukturen leben müssen, um zu überleben, hat sich der Maulwurf perfekt an ein Leben in absoluter Isolation angepasst. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Maulwürfe außerhalb der Fortpflanzungszeit extrem intolerant gegenüber Artgenossen sind [6].
Dieses Verhalten ist primär auf die energetischen Anforderungen des Tieres zurückzuführen. Ein Maulwurf muss täglich etwa 60 bis 100 % seines eigenen Körpergewichts an Nahrung zu sich nehmen [4]. Da die Hauptnahrungsquelle – Regenwürmer und Insektenlarven – im Boden zwar vorhanden, aber begrenzt ist, würde ein geteiltes Tunnelsystem schnell zu einer Nahrungsknappheit führen. Ein Maulwurf „erntet“ sein Tunnelsystem wie ein Bauer sein Feld; er patrouilliert regelmäßig durch die Gänge und frisst alles, was hineinfällt [2].
Warnung: Keine Vergesellschaftung!
Versuche, Maulwürfe in Gefangenschaft gemeinsam zu halten, führen fast unweigerlich zu schweren Beißereien und zum Tod eines oder beider Tiere [6]. Die Tiere kommunizieren über Duftmarken aus ihren Präputialdrüsen, um Reviergrenzen abzustecken und direkte Konfrontationen zu vermeiden [2].
Die Architektur des Baus: Ein Reich für einen Herrscher
Ein Maulwurfsbau ist weit mehr als nur ein paar Löcher im Boden. Es handelt sich um ein komplexes Netzwerk aus verschiedenen Gangtypen, die jeweils spezifische Funktionen erfüllen [3].
Jagdgänge und Oberflächenläufe
Die meisten Gänge befinden sich dicht unter der Oberfläche (ca. 2-5 cm tief). Diese werden oft als „Jagdgänge“ bezeichnet. Hier drückt der Maulwurf die Erde nach oben, was zu den typischen Rissen oder angehobenen Linien im Rasen führt [3]. Diese Gänge dienen dazu, Nahrung zu finden, die sich in der oberen Humusschicht aufhält.
Tiefengänge und das Nest
In tieferen Schichten (bis zu 1 Meter tief) liegen die permanenten Laufgänge und die zentrale Nestkammer, der sogenannte „Kessel“ [3]. Das Nest ist mit trockenem Laub und Gras ausgepolstert und dient als Schlafplatz. In feuchten Gebieten oder bei hohem Grundwasserstand legen Maulwürfe sogenannte „Sumpfburgen“ an – überdimensionale Erdhaufen, die das Nest über das Wasserniveau heben und vor Kälte isolieren [5].
Die Ausnahme: Wenn aus eins zwei (oder mehr) wird
Es gibt nur zwei Phasen im Jahr, in denen die Regel „Ein Bau, ein Maulwurf“ gebrochen wird. Diese Phasen sind für das Überleben der Art essenziell, stellen aber für die beteiligten Tiere einen hohen Stressfaktor dar.
1. Die Paarungszeit (Februar bis April)
Im Frühjahr verlassen die Männchen ihre angestammten Reviere und graben lange, gerade „Brunstgänge“, um die Territorien der Weibchen zu finden [1][3]. In dieser Zeit kann es vorkommen, dass sich ein Männchen für kurze Zeit (oft nur 1-2 Tage) im Bau eines Weibchens aufhält [1]. Sobald die Paarung vollzogen ist, wird das Männchen jedoch wieder vertrieben oder verlässt den Bau freiwillig, um nach weiteren Partnerinnen zu suchen.
2. Die Aufzucht der Jungen
Nach einer Tragzeit von etwa vier Wochen kommen 3 bis 7 Junge zur Welt [3]. Diese sind zunächst nackt und blind. In den ersten Wochen leben sie gemeinsam mit der Mutter im Nest und werden gesäugt. Nach etwa vier bis fünf Wochen beginnen sie, feste Nahrung zu fressen, und nach etwa zwei Monaten werden sie von der Mutter aus dem Bau vertrieben [4]. Dies ist die gefährlichste Zeit im Leben eines Maulwurfs, da die Jungtiere nun oberirdisch nach einem eigenen, unbesetzten Revier suchen müssen [1].
Profi-Tipp: Maulwurfshügel zählen
Wenn Sie wissen wollen, wie viele Maulwürfe Sie haben, beobachten Sie die Aktivität. Entstehen Hügel an verschiedenen Enden des Gartens gleichzeitig? Dann könnten es zwei Tiere sein. Wandert die Hügelkette jedoch kontinuierlich fort, handelt es sich fast immer um einen einzelnen, sehr fleißigen „Tunnelbauer“.
Reviergrößen und Populationsdichte
Wie viel Platz braucht ein Maulwurf? Das hängt stark von der Bodenqualität ab. In nährstoffreichen Weiden mit vielen Regenwürmern kann ein Revier nur 200 m² groß sein [1]. In kargen Mittelgebirgslagen oder sauren Waldböden muss ein Tier bis zu 3000 m² durchgraben, um satt zu werden [4].
Auf einem typischen Wohngrundstück von 600-800 m² lebt daher in 95 % der Fälle nur ein einziger Maulwurf. Die schiere Menge an Hügeln (oft 30 oder mehr) ist lediglich ein Zeichen für die Effizienz des Tieres beim Ausbau seines Jagdsystems, nicht für eine Überpopulation.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können zwei Maulwürfe friedlich zusammenleben?
Nein, erwachsene Maulwürfe sind strikte Einzelgänger und extrem territorial. Begegnungen außerhalb der Paarungszeit führen zu heftigen Kämpfen.
Warum habe ich so viele Hügel, wenn nur ein Maulwurf da ist?
Ein Maulwurf muss überschüssige Erde aus dem Bau schaffen, um Gänge frei zu halten. Ein einzelnes Tier kann pro Tag viele Kilo Erde bewegen und dabei dutzende Hügel aufwerfen.
Wann verlassen die Jungen den Bau der Mutter?
Nach etwa 8 bis 10 Wochen werden die Jungtiere von der Mutter vertrieben und müssen sich ein eigenes Revier suchen.
Gibt es Maulwurfs-Familien?
Nur temporär während der Aufzucht der Jungen im Frühsommer. Eine dauerhafte Familienstruktur existiert bei Maulwürfen nicht.
Wie erkenne ich, ob der Maulwurf weg ist?
Wenn über mehrere Tage keine neuen Hügel entstehen und die alten Gänge bei der „Vergrämungsprobe“ nicht repariert werden, ist das Tier wahrscheinlich weitergezogen.
Fazit
Die Antwort auf die Frage „Wie viele Maulwürfe leben in einem Bau?“ ist fast immer: Einer. Diese Erkenntnis sollte Gartenbesitzern den Schrecken nehmen. Sie kämpfen nicht gegen eine Armee, sondern gegen einen einzelnen, hochspezialisierten Arbeiter, der zudem nützliche Dienste leistet, indem er Schädlinge wie Engerlinge und Schnecken frisst [3]. Da der Maulwurf unter Naturschutz steht, ist Geduld oft die beste Strategie – oder sanfte Methoden zur Vergrämung, falls die Hügel zu sehr stören.
Quellenverzeichnis
- Lund, M. (1976). Control of the European Mole, Talpa europaea. Danish Pest Infestation Laboratory.
- du Bois, T.M.E. (2013). Molehill Mayhem: A literature review on activity in Talpa europaea. University Utrecht.
- Naturschutzbund Österreich (2020). Tier des Jahres: Europäischer Maulwurf. Natur & Land, Heft 1-2020.
- Plass, J. (2008). Der Eurasische Maulwurf (Talpa europaea). Biologiezentrum Linz.
- Johannesson-Groß, K. (1985). Der Maulwurf als Bewohner von Flußauen. Naturschutz in Nordhessen.
- Mühlbauer, S. & Witte, G.R. (1978). Beiträge zur Käfighaltung von Maulwürfen. Philippia, Kassel.