Es ist ein klassisches Szenario, das viele Mieter und Hausbesitzer fürchten: Sie beschließen, das Schlafzimmer umzugestalten oder den Frühjahrsputz gründlich durchzuführen, rücken den schweren Kleiderschrank von der Außenwand ab und entdecken dahinter einen Albtraum. Ein pelziger, oft schwarzer oder grünlicher Belag zieht sich über die Tapete und die Rückwand des Möbelstücks. Schimmel hinter dem Schrank ist nicht nur ein ästhetisches Ärgernis und ein Grund für unangenehme Gerüche, sondern stellt auch ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar und kann die Bausubstanz nachhaltig schädigen. Doch warum bildet sich ausgerechnet dort Schimmel, wo man ihn nicht sieht? Wie gefährlich ist er wirklich und welche rechtlichen Konsequenzen ergeben sich daraus? In diesem umfassenden Artikel gehen wir den physikalischen und biologischen Ursachen auf den Grund, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Standards und Richtlinien.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ursache Nr. 1: Möbel an Außenwänden wirken wie eine Innendämmung, senken die Wandtemperatur und erhöhen die relative Feuchte im Zwischenraum.
- Gesundheitsrisiko: Schimmelpilze werden in Risikogruppen (RG 1-4) eingeteilt; Arten wie Stachybotrys chartarum oder Aspergillus fumigatus gelten als besonders problematisch.
- Wachstumsbedingungen: Bereits ab einer relativen Luftfeuchte von 80 % an der Materialoberfläche kann Schimmelwachstum beginnen – flüssiges Wasser ist nicht zwingend nötig.
- Rechtliches: Schimmelbefall kann zu Mietminderungen führen, wobei die Spanne je nach Schweregrad zwischen 10 % und 100 % liegen kann.
- Sanierung: Poröse Materialien (Tapeten, Gipskarton) müssen bei Befall meist entfernt werden; glatte Flächen lassen sich reinigen.
Die Physik des Schimmels: Warum gerade hinter dem Schrank?
Um das Phänomen des Schimmelbefalls hinter Möbeln zu verstehen, muss man die bauphysikalischen Zusammenhänge betrachten. Ein Schrank, der direkt vor einer Außenwand steht, unterbindet die Luftzirkulation. Die warme Raumluft, die normalerweise an der Wand entlangstreicht und diese erwärmt, gelangt nicht mehr in ausreichendem Maße hinter das Möbelstück. Die Folge ist ein Absinken der Oberflächentemperatur der Wand hinter dem Schrank[1].
In wissenschaftlichen Untersuchungen, wie sie im WTA-Merkblatt E-6-3 dokumentiert sind, wird deutlich, dass Möbelstücke an Außenwänden den Wärmeübergangswiderstand drastisch verändern. Dies führt dazu, dass die Wand hinter dem Möbelstück deutlich kühler ist als die freie Wandfläche. Kühlt Luft ab, steigt ihre relative Feuchtigkeit, da kalte Luft weniger Wasserdampf speichern kann als warme. Sobald die relative Luftfeuchte an der Wandoberfläche dauerhaft etwa 80 % überschreitet, sind die Wachstumsbedingungen für fast alle Schimmelpilzarten erreicht[1].
Das Isoplethenmodell und der Biohygrothermische Ansatz
Experten nutzen sogenannte Isoplethensysteme, um das Schimmelrisiko vorherzusagen. Diese Diagramme zeigen Linien gleichen Wachstums in Abhängigkeit von Temperatur und Feuchte. Interessant ist hierbei, dass Schimmelpilze nicht zwingend flüssiges Wasser (Kondensat) benötigen. Viele Arten sind xerophil, das heißt, sie können bereits bei einer relativen Feuchte von unter 85 % wachsen, einige sogar ab 70 %[1]. Das WTA-Merkblatt unterscheidet hierbei verschiedene Substratgruppen:
- Substratgruppe I: Biologisch gut verwertbare Substrate wie Tapeten, Gipskarton und verschmutzte Oberflächen. Hier wächst Schimmel besonders schnell.
- Substratgruppe II: Biologisch kaum verwertbare Substrate wie mineralische Baustoffe (Putz, Beton), sofern sie sauber sind.
Da hinter Schränken oft Tapeten (Substratgruppe I) vorhanden sind und sich dort zusätzlich Hausstaub (Nährboden) ansammelt, finden Sporen hier ein ideales "Buffet" vor. Simulationen zeigen, dass hinter einer Möblierung an der Außenwand eine rasche Sporenauskeimung stattfinden kann, während an einer freien Wandfläche unter gleichen Raumbedingungen kein Wachstum prognostiziert wird[1].
Achtung: Taupunktunterschreitung
Wenn die Wandtemperatur so weit sinkt, dass der Taupunkt erreicht wird, fällt Wasser aus der Luft als Kondensat aus. Dies geschieht häufig in Ecken oder eben hinter großen Schränken. Ein dauerhaft feuchtes Milieu führt nicht nur zu Schimmel, sondern auch zu Bakterienwachstum und Materialzerstörung.
Biologische Grundlagen und Gesundheitsrisiken
Schimmelpilze sind ein natürlicher Teil unserer Umwelt. Ihre Sporen sind ubiquitär, also fast überall vorhanden. Zum Problem werden sie erst, wenn sie im Innenraum eine Quelle finden, sich vermehren und die Konzentration in der Raumluft die der Außenluft signifikant übersteigt. Die Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 460) klassifiziert Pilze in Risikogruppen (RG), um ihr Gefährdungspotenzial für den Menschen einzuschätzen[2].
Klassifizierung der Gefahr
Für den gesunden Arbeitnehmer oder Bewohner ist meist das Infektionsrisiko das Kriterium für die Einstufung. Die meisten Schimmelpilze im Innenraum gehören zur Risikogruppe 1 (unwahrscheinlich, dass sie Krankheiten verursachen) oder Risikogruppe 2 (können Krankheiten verursachen, Verbreitung in der Bevölkerung ist aber unwahrscheinlich; wirksame Vorbeugung oder Behandlung ist möglich)[2].
Zu den relevanten Arten, die häufig bei Feuchteschäden auftreten und als Indikatororganismen gelten, zählen laut Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und TRBA 460:
- Stachybotrys chartarum: Dieser Pilz produziert Mykotoxine (Satratoxine) und gilt als besonders problematisch. Er benötigt sehr feuchte, zellulosehaltige Materialien (wie die Rückwand des Schrankes oder Gipskarton) und weist auf einen massiven Feuchteschaden hin[3].
- Aspergillus fumigatus: Eingestuft in Risikogruppe 2, kann dieser Pilz bei immungeschwächten Personen schwere Infektionen (Aspergillosen) der Lunge verursachen[2].
- Aspergillus versicolor: Ein häufiger Indikator für Feuchteschäden in Innenräumen, der das Toxin Sterigmatocystin produzieren kann[3].
Gesundheitliche Auswirkungen auf Bewohner
Die gesundheitlichen Folgen von Schimmel hinter dem Schrank sind vielfältig und hängen stark von der individuellen Disposition der Bewohner ab. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg unterscheidet in seinem Bericht verschiedene Wirkungsweisen[3]:
- Allergische Wirkung: Dies ist die häufigste Reaktion. Schimmelpilzsporen können Typ-I-Allergien (Soforttyp) wie Schnupfen, Asthma oder Bindehautentzündungen auslösen. Etwa 5 % der Bevölkerung in Deutschland sind gegen Schimmelpilze sensibilisiert.
- Toxische Wirkung: Stoffwechselprodukte (Mykotoxine) und Zellwandbestandteile (Glukane) können toxisch wirken. Symptome können Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schleimhautreizungen sein ("Sick-Building-Syndrome").
- Geruchsbelästigung: Schimmelpilze produzieren flüchtige organische Verbindungen (MVOC), die den typischen muffigen, erdigen Geruch verursachen. Diese Gerüche können die Lebensqualität massiv einschränken.
Besonders gefährdet sind Kinder, ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem oder bestehenden Atemwegserkrankungen. Studien zeigen, dass Kinder in feuchten Wohnungen häufiger an Husten und Asthma leiden[3].
Erkennung und Diagnose: Den verdeckten Feind finden
Da der Schimmel hinter dem Schrank oft optisch nicht sofort wahrnehmbar ist, sind andere Indizien entscheidend. Ein muffig-modriger Geruch ist oft das erste Warnsignal. Auch das Auftreten von Silberfischchen oder Staubläusen kann auf eine erhöhte Feuchtigkeit hindeuten. Gesundheitliche Beschwerden, die sich bessern, wenn man die Wohnung verlässt, sind ebenfalls ein Alarmzeichen[3].
Messmethoden für den Hausgebrauch und Profis
Um Gewissheit zu erlangen, gibt es verschiedene Methoden. Für den Laien sind einfache Sedimentationsplatten (Nährböden, auf denen Sporen aus der Luft sedimentieren) erhältlich. Diese geben einen ersten groben Überblick über die kultivierbaren Pilze in der Raumluft. Allerdings weist das Umweltbundesamt darauf hin, dass Sedimentationsverfahren nur bedingt quantitative Aussagen zulassen, da sie stark von der Luftbewegung abhängen[5].
Genauere Ergebnisse liefern:
- Materialproben: Ein Stück der befallenen Tapete oder ein Abklatschpräparat (Klebefilm) wird im Labor untersucht. Dies ermöglicht die genaue Bestimmung der Art und ob der Befall aktiv ist[3].
- Luftkeimsammlung: Hierbei wird ein definiertes Luftvolumen auf einen Nährboden gesaugt. Dies ist der Goldstandard für quantitative Aussagen zur Sporenbelastung[3].
- MVOC-Messung: Die Messung der mikrobiellen flüchtigen organischen Verbindungen kann Hinweise auf verdeckte Schäden (wie hinter dem Schrank) geben, auch wenn noch keine Sporen in der Luft sind[3].
Rechtliche Situation: Mietminderung bei Schimmel
Ist der Schimmel erst einmal da, stellt sich für Mieter oft die Frage nach der Mietminderung. Die Rechtsprechung ist hier sehr einzelfallbezogen, aber es gibt Richtwerte. Grundsätzlich gilt: Der Vermieter muss beweisen, dass der Mangel nicht aus der Bausubstanz herrührt, sondern durch falsches Nutzerverhalten verursacht wurde. Gelingt ihm dieser Beweis nicht oder liegt ein Baumangel vor (z.B. Wärmebrücken), ist eine Minderung möglich.
Die Höhe der Minderung hängt vom Ausmaß der Beeinträchtigung ab:
- 100 % Mietminderung: Bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung. Ein Urteil des AG Charlottenburg bestätigte dies bei einer Familie, deren Kinder durch Schimmel Lungenentzündungen erlitten[4].
- 80 % Mietminderung: Bei erheblicher Durchfeuchtung und Schimmelbefall in Küche, Wohn- und Schlafzimmer, die die Wohnung fast unbewohnbar machen (LG Berlin)[4].
- 20 % Mietminderung: Bei Schimmelbefall in mehreren Räumen (Wohn-, Schlaf- und Badezimmer), selbst wenn der Mieter durch Trocknen von Wäsche in der Wohnung eine Mitschuld trägt, aber Baumängel überwiegen[4].
- 10 % Mietminderung: Bei kleineren Schimmelflecken oder wenn dem Mieter eine Mitschuld (z.B. unzureichendes Lüften nach Fenstertausch) zugesprochen wird[4].
Handlungsempfehlung: Entfernung und Sanierung
Wurde Schimmel hinter dem Schrank entdeckt, ist schnelles Handeln gefragt. Die Sanierung sollte jedoch überlegt erfolgen, um eine Verteilung der Sporen in der ganzen Wohnung zu verhindern.
Schritt 1: Schutzmaßnahmen
Bevor Sie den Schrank abrücken oder den Schimmel entfernen, müssen Sie sich schützen. Tragen Sie Handschuhe, eine Schutzbrille und eine Atemschutzmaske (mindestens FFP2, besser FFP3). Schließen Sie die Türen zu anderen Räumen und öffnen Sie das Fenster im betroffenen Raum[3].
Schritt 2: Materialbewertung und Entfernung
Die Art der Entfernung hängt vom Untergrund ab:
- Glatte Oberflächen (Schrankrückwand beschichtet, Glas, Metall): Diese können meist mit Wasser und Haushaltsreiniger abgewaschen und anschließend desinfiziert werden. Hierfür eignet sich 70-80%iger Ethylalkohol oder spezielle chlorhaltige Schimmelentferner (Vorsicht: Bleichwirkung!)[3].
- Poröse Materialien (Tapete, Gipskarton, unbeschichtetes Holz): Hier dringt das Myzel des Pilzes tief ein. Eine oberflächliche Reinigung reicht nicht aus. Befallene Tapeten müssen angefeuchtet (um Sporenflug zu minimieren) und entfernt werden. Gipskartonplatten müssen bei tiefem Befall oft ausgetauscht werden[3].
Profi-Tipp zur Reinigung
Verwenden Sie bei der Reinigung keine trockenen Tücher oder Besen, da diese die Sporen aufwirbeln. Nutzen Sie feuchte Tücher, die Sie nach Gebrauch sofort entsorgen, oder einen Industriestaubsauger mit HEPA-Filter[3].
Schritt 3: Ursachenbeseitigung
Die Entfernung des Schimmels ist nur eine Symptombekämpfung. Ohne Beseitigung der Feuchtigkeitsursache wird der Schimmel wiederkommen. Maßnahmen umfassen:
- Verbesserung der Wärmedämmung der Außenwand (um die Oberflächentemperatur zu erhöhen).
- Entfernung der Möblierung von der Außenwand.
- Installation einer kontrollierten Wohnraumlüftung.
Prävention: So bleibt die Wand trocken
Die effektivste Maßnahme gegen Schimmel hinter Schränken ist die richtige Platzierung der Möbel und ein angepasstes Heiz- und Lüftungsverhalten.
Möbel richtig stellen
Vermeiden Sie es generell, große Schränke an Außenwände zu stellen, besonders in Altbauten mit schlechter Dämmung. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, halten Sie einen Mindestabstand von 5 bis 10 cm zur Wand ein. Dies ermöglicht eine minimale Luftzirkulation hinter dem Möbelstück ("Hinterlüftung"), die hilft, die Wandtemperatur anzuheben und Feuchtigkeit abzutransportieren[1]. Schränke mit Füßen sind besser als solche mit geschlossenem Sockel, da die Luft auch von unten nachströmen kann.
Heizen und Lüften
Warme Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf. Kühle Räume (z.B. Schlafzimmer) sind daher gefährdeter. Halten Sie die Türen zwischen unterschiedlich beheizten Räumen geschlossen, damit feuchte Warmluft nicht in das kalte Schlafzimmer gelangt und dort an den Wänden kondensiert. Lüften Sie mehrmals täglich per Stoßlüftung (Fenster ganz auf für 5-10 Minuten), um die feuchte Raumluft gegen trockene Außenluft auszutauschen. Dauerhaft gekippte Fenster sind im Winter kontraproduktiv, da sie die Fensterlaibung stark auskühlen und Schimmel begünstigen[1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Kann ich Schimmel hinter dem Schrank einfach überstreichen?
Nein. Überstreichen tötet den Pilz nicht ab und beseitigt nicht die Ursache. Der Schimmel wird durch die Farbe wachsen oder die Farbe wird abblättern. Zudem bleiben allergene Bestandteile erhalten. Der Befall muss entfernt werden[3].
2. Reicht es, den Schrank 2 cm von der Wand abzurücken?
In der Regel nicht. Um eine effektive Luftzirkulation hinter einem großen Möbelstück zu gewährleisten, empfehlen Experten einen Abstand von mindestens 5 cm, besser 10 cm, besonders bei schlecht gedämmten Außenwänden[1].
3. Ist Essig ein gutes Hausmittel gegen Schimmel?
Nein, Essig sollte nicht auf kalkhaltigen Wänden (Putz, Beton) verwendet werden. Der Essig neutralisiert das alkalische (schimmelhemmende) Milieu des Putzes und die organischen Bestandteile des Essigs können dem Pilz sogar als Nährstoff dienen. Besser ist 70-80%iger Alkohol (Ethanol oder Isopropanol)[3].
4. Wer zahlt für die Beseitigung von Schimmel in der Mietwohnung?
Das hängt von der Ursache ab. Liegt ein Baumangel vor (z.B. Wärmebrücke, Risse in der Fassade), zahlt der Vermieter. Liegt die Ursache im falschen Lüftungs- und Heizverhalten des Mieters (z.B. Schrank direkt an Außenwand, keine Lüftung), muss der Mieter für den Schaden aufkommen. Oft ist es eine Mischung aus beidem, was zu anteiligen Kostenübernahmen führen kann[4].
5. Wie erkenne ich, ob der Schimmel meine Gesundheit beeinträchtigt?
Symptome wie ständiger Schnupfen, Husten, Kopfschmerzen oder Müdigkeit, die sich bessern, wenn Sie die Wohnung für längere Zeit verlassen, können ein Indiz sein. Ein Arzt (Umweltmediziner oder Allergologe) kann durch Tests (z.B. Prick-Test oder Blutuntersuchung auf IgE-Antikörper) feststellen, ob eine Sensibilisierung vorliegt[3].
Fazit
Schimmel hinter dem Schrank ist ein komplexes Problem, das aus dem Zusammenspiel von Bauphysik (kalte Außenwände), Möblierung (fehlende Luftzirkulation) und Nutzerverhalten (Feuchtigkeitsproduktion) entsteht. Die gesundheitlichen Risiken durch Allergene und Toxine sind real und sollten nicht unterschätzt werden. Während kleine Befallsstellen oft selbst saniert werden können, erfordern große Schäden professionelle Hilfe und eine Analyse der baulichen Ursachen. Prävention durch Abstandshaltung der Möbel und korrektes Lüften ist der
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