Ein dunkler Fleck an der Wand, ein modriger Geruch im Zimmer – Schimmelbefall ist für jeden Mieter und Hauseigentümer ein Schockszenario. Die erste Reaktion ist oft intuitiv: Schnell den Pinsel schwingen, Farbe drüber und das Problem ist aus den Augen, aus dem Sinn. Doch genau hier liegt einer der gefährlichsten Irrtümer im Umgang mit Feuchtigkeitsschäden. Schimmel einfach zu überstreichen ist vergleichbar mit dem Überkleben der Ölkontrollleuchte im Auto: Die Warnung ist weg, aber der Motorschaden rückt unaufhaltsam näher. In diesem Artikel erfahren Sie detailliert, warum das bloße Überstreichen nicht nur nutzlos, sondern gesundheitsschädlich ist, welche bauphysikalischen Prozesse dahinterstecken und wie Sie das Problem nachhaltig und fachgerecht lösen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Nicht einfach überstreichen: Herkömmliche Wandfarbe tötet den Pilz nicht ab, sondern versiegelt Feuchtigkeit und bietet oft neuen Nährboden.
- Gesundheitsgefahr: Unter der Farbschicht wächst der Pilz weiter und kann unsichtbar Sporen und MVOCs (gasförmige Stoffwechselprodukte) ausgasen.
- Ursachenforschung ist Pflicht: Ohne die Beseitigung der Feuchtigkeitsursache (Kondensation, bauliche Mängel) kommt der Schimmel immer wieder.
- Richtige Materialien: Nutzen Sie nach der Sanierung diffusionsoffene Mineralfarben (Kalk- oder Silikatfarben) statt Dispersionsfarben.
- Fachgerechte Sanierung: Befallene Materialien wie Tapeten müssen entfernt, der Untergrund desinfiziert und getrocknet werden.
Warum "Farbe drüber" keine Lösung ist
Der Wunsch nach einer schnellen optischen Korrektur ist verständlich, doch bauphysikalisch und mikrobiologisch ist das Überstreichen von aktivem Schimmelbefall fatal. Schimmelpilze sind komplexe Organismen. Was wir als schwarzen oder grünen Fleck auf der Tapete sehen, sind lediglich die Sporenträger (Konidienträger) und Sporen. Das eigentliche Lebewesen, das Myzel (ein feines Wurzelgeflecht), durchzieht den Untergrund oft viel tiefer und weitflächiger, als es das bloße Auge erkennen kann[1].
Wenn Sie nun eine herkömmliche Dispersionsfarbe auf diesen Befall auftragen, passieren zwei Dinge:
- Versiegelung der Feuchtigkeit: Viele Standardfarben bilden einen Film, der die "Atmung" der Wand (Dampfdiffusion) einschränkt. Die Feuchtigkeit, die den Schimmel erst ermöglicht hat, wird in der Wand eingeschlossen. Dies schafft ein ideales Mikroklima für das weitere Wachstum des Myzels unter der Farbschicht.
- Neue Nährstoffe: Dispersionsfarben enthalten organische Bindemittel und Füllstoffe. Für den Schimmelpilz ist das wie "Fast Food". Er wächst durch die neue Farbschicht hindurch und blüht oft nach wenigen Wochen stärker auf als zuvor.
Warnung: Der "Iceberg-Effekt"
Durch das Überstreichen machen Sie den Befall unsichtbar, aber nicht unschädlich. Der Pilz kann sich unbemerkt hinter der Farbe oder Tapete ausbreiten und dabei weiterhin gesundheitsschädliche Stoffwechselprodukte (Mykotoxine und MVOCs) an die Raumluft abgeben, die unter anderem Kopfschmerzen und Reizungen der Schleimhäute verursachen können[2].
Gesundheitliche Risiken durch verdeckten Schimmel
Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und das Umweltbundesamt weisen immer wieder darauf hin, dass Schimmelpilze in Innenräumen ein ernstzunehmendes Hygienerisiko darstellen. Auch wenn der Fleck überstrichen ist, bleibt die Biomasse aktiv oder zersetzt sich. Dabei werden nicht nur Sporen freigesetzt, wenn der Pilz wieder durchbricht, sondern auch mikrobielle flüchtige organische Verbindungen (MVOC). Diese sind für den typischen modrigen Geruch verantwortlich und können auch ohne sichtbaren Befall zu gesundheitlichen Beschwerden führen[2].
Besonders gefährdet sind immungeschwächte Personen, Allergiker und Asthmatiker. Schimmelpilze der Risikogruppe 2 (nach TRBA 460), wie beispielsweise Aspergillus fumigatus, können bei empfindlichen Personen Infektionen auslösen oder allergische Reaktionen verstärken[3]. Ein einfaches Überstreichen verhindert diese Exposition nicht dauerhaft.
Spezialfarben und "Anti-Schimmel-Farben": Sinnvoll oder Marketing?
Im Baumarkt finden sich zahlreiche Produkte, die als "Anti-Schimmel-Farbe" oder "Schimmelschutzfarbe" beworben werden. Hier muss differenziert werden:
1. Farben mit Fungiziden
Viele dieser Farben sind herkömmliche Dispersionsfarben, denen pilzabtötende Chemikalien (Fungizide) beigemischt wurden. Das Problem: Diese Wirkstoffe waschen sich mit der Zeit aus oder bauen sich ab (Ausgasung). Die Schutzwirkung ist also zeitlich begrenzt. Zudem belasten diese Ausgasungen die Innenraumluft und können bei sensiblen Bewohnern ebenfalls zu Reizungen führen. Der Leitfaden des Umweltbundesamtes rät vom dauerhaften Einsatz von Fungiziden in Innenräumen ab, da dies keine nachhaltige Ursachenbekämpfung darstellt[1].
2. Mineralische Farben (Kalk- und Silikatfarben)
Eine deutlich bessere und nachhaltigere Alternative stellen rein mineralische Farben dar. Sie wirken nicht durch zugesetzte Gifte, sondern durch ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften:
- Hoher pH-Wert (Alkalität): Schimmelpilze bevorzugen ein leicht saures Milieu (pH 4,5 bis 6,5). Kalkfarben und Silikatfarben haben einen sehr hohen pH-Wert (oft über 11), auf dem Schimmel schlichtweg nicht wachsen kann.
- Diffusionsoffenheit: Diese Farben sind hochgradig wasserdampfdurchlässig. Feuchtigkeit wird nicht in der Wand eingesperrt, sondern kann von der Wand aufgenommen und schnell wieder an die Raumluft abgegeben werden. Dies entzieht dem Pilz die wichtigste Lebensgrundlage: Wasser[4].
Experten-Tipp: Die richtige Wahl
Verwenden Sie zur Renovierung nach einer Schimmelsanierung reine Silikatfarbe (keine Dispersionssilikatfarbe mit hohem Kunststoffanteil) oder Sumpfkalkfarbe. Diese sind kapillaraktiv und verhindern physikalisch neuen Befall, ohne die Raumluft mit Bioziden zu belasten.
Schritt-für-Schritt-Anleitung: So sanieren Sie richtig
Statt den Schimmel einfach zu überstreichen, müssen Sie systematisch vorgehen. Die Sanierung sollte gemäß den Empfehlungen des Umweltbundesamtes und der Berufsgenossenschaften erfolgen, um eine Gesundheitsgefährdung zu vermeiden.
Schritt 1: Ursache finden und beheben
Bevor Sie irgendeine Maßnahme an der Wand ergreifen, müssen Sie wissen, woher die Feuchtigkeit kommt. Ohne Trockenlegung kommt der Schimmel zu 100% wieder.
Mögliche Ursachen sind:
- Kondensationsfeuchte: Hohe Luftfeuchtigkeit trifft auf kalte Außenwände (Wärmebrücken). Hier hilft oft besseres Lüften und Heizen sowie Innendämmung (z.B. mit Kalziumsilikatplatten).
- Bauliche Mängel: Risse im Mauerwerk, defekte Dachrinnen, aufsteigende Feuchtigkeit aus dem Keller oder Leckagen in Wasserleitungen[5].
Schritt 2: Arbeitsschutz beachten
Beim Entfernen von Schimmel werden Milliarden von Sporen aufgewirbelt. Schützen Sie sich! Tragen Sie eine Atemschutzmaske (FFP2 oder FFP3), eine Schutzbrille und Einweghandschuhe. Schließen Sie die Türen zu anderen Wohnräumen, um die Sporen nicht in der ganzen Wohnung zu verteilen[4].
Schritt 3: Befallenes Material entfernen
Ein einfaches Abwaschen reicht bei porösen Untergründen nicht aus.
- Tapeten: Müssen im befallenen Bereich großzügig entfernt werden. Der Schimmel sitzt oft im Kleister und auf der Rückseite der Tapete.
- Putz: Ist der Putz betroffen (erkennbar daran, dass er weich ist oder der Schimmel nach Entfernen der Tapete sichtbar bleibt), muss er abgestemmt werden.
- Silikonfugen: Sind diese schwarz verfärbt, ist das Myzel in den Kunststoff eingewachsen. Die Fugen müssen komplett herausgeschnitten und erneuert werden.
Schritt 4: Desinfektion und Reinigung
Glatte Oberflächen und der freigelegte Putz sollten gereinigt werden.
- Alkohol (70-80%): Isopropanol oder Ethanol sind effektiv, verdunsten rückstandsfrei und sind für den Innenraum geeignet. Achtung: Brandgefahr! Gut lüften.
- Wasserstoffperoxid: Wirkt oxidierend und bleichend, zerfällt in Wasser und Sauerstoff und ist daher ökologisch unbedenklich.
- Vermeiden Sie Essig: Essig neutralisiert alkalische Untergründe (Kalk) und liefert durch organische Rückstände neuen Nährboden für Schimmel[1].
Schritt 5: Trocknung und Neuaufbau
Lassen Sie die behandelte Stelle vollständig austrocknen. Erst dann sollte der Neuaufbau erfolgen. Verwenden Sie hierfür mineralische Spachtelmassen und Farben (Kalkputz, Silikatfarbe), um die Wand diffusionsoffen und alkalisch zu halten.
Wann muss der Fachmann ran?
Nicht jeden Schimmelbefall können und sollten Sie selbst entfernen. Das Umweltbundesamt kategorisiert Schimmelschäden in drei Kategorien.
- Kategorie 1 (Bagatellschäden): Oberflächlicher Befall kleiner als 0,5 m² (z.B. in einer Fensternische). Hier können Sie unter Schutzmaßnahmen selbst tätig werden.
- Kategorie 2 (Mittlerer Schaden): Befall zwischen 0,5 m² und 10 m². Hier ist Fachwissen gefragt, die Ursache muss zwingend geklärt werden.
- Kategorie 3 (Großschaden): Befall über 10 m² oder Befall in der Konstruktion. Hier müssen spezialisierte Sanierungsfirmen arbeiten, oft unter Abschottung des Bereichs (Schwarz-Weiß-Bereich)[1].
Prävention: Damit der Pinsel im Schrank bleiben kann
Das beste Mittel gegen Schimmel ist, ihm die Lebensgrundlage zu entziehen: Feuchtigkeit. Um das Risiko eines erneuten Befalls zu minimieren, sollten folgende Punkte beachtet werden:
Richtiges Lüften und Heizen
Die DIN 4108-2 gibt Hinweise zum Mindestwärmeschutz und zur Vermeidung von Schimmelpilzbildung. In Wohnräumen sollte die relative Luftfeuchtigkeit dauerhaft nicht über 60% liegen. An kalten Außenwandoberflächen darf die relative Luftfeuchte 80% nicht überschreiten, da sonst Schimmelwachstum auch ohne sichtbares Kondenswasser möglich ist (Kapillarkondensation)[5].
- Stoßlüften: 3-4 mal täglich für 5-10 Minuten die Fenster weit öffnen (Durchzug), statt sie dauerhaft auf Kipp zu stellen. Kipplüftung kühlt die Fensterlaibung aus und fördert Schimmel.
- Gleichmäßig heizen: Auch ungenutzte Räume sollten nicht zu stark auskühlen, da sonst warme, feuchte Luft aus anderen Räumen dort an den Wänden kondensiert.
Möblierung an Außenwänden
Stellen Sie große Schränke nicht direkt an ungedämmte Außenwände. Ein Abstand von 5-10 cm ist notwendig, damit die warme Raumluft hinter dem Schrank zirkulieren kann. Ohne diese Zirkulation kühlt die Wand hinter dem Möbelstück ab, der Taupunkt wird unterschritten und es bildet sich unbemerkt Schimmel[1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich Schimmel mit Isolierfarbe überstreichen?
Isolierfarbe oder Absperrfarbe ist gedacht für Wasserflecken, Nikotin oder Ruß, um ein Durchschlagen zu verhindern. Auf Schimmel hat sie nichts zu suchen. Sie sperrt den Schimmel zwar optisch weg, konserviert aber die Feuchtigkeit in der Wand. Der Schimmel wächst dahinter weiter und zerstört die Bausubstanz. Isolierfarbe darf nur auf absolut trockenen, sanierten und schimmelfreien Untergründen verwendet werden.
Hilft Essig gegen Schimmel vor dem Streichen?
Nein. Essig ist sauer, aber viele Baustoffe (Kalk, Putz) sind alkalisch und neutralisieren die Säure sofort. Zudem enthält Haushaltsessig organische Stoffe, die dem Pilz nach dem Verdunsten der Säure als Nährstoff dienen können. Verwenden Sie stattdessen 70-80%igen Alkohol (Isopropanol) oder Wasserstoffperoxid[1].
Ist Chlorreiniger eine gute Vorbereitung zum Streichen?
Chlorreiniger (Natriumhypochlorit) bleicht den Schimmel und tötet ihn oberflächlich ab. Die optische Wirkung ist sofort sichtbar. Allerdings sind die chlorhaltigen Dämpfe gesundheitsschädlich und reizen die Atemwege. Zudem dringen diese Reiniger oft nicht tief genug in poröse Wände ein, um das Wurzelwerk des Pilzes zu zerstören. Für eine nachhaltige Sanierung ist das Entfernen des Materials (Tapete/Putz) sicherer.
Warum kommt der Schimmel nach dem Streichen wieder?
Wenn der Schimmel nach dem Streichen wieder durchkommt (oft als "Stockflecken"), wurde die Ursache nicht behoben. Entweder ist die Wand noch feucht, die Tapete wurde nicht entfernt, oder es wird weiterhin falsch gelüftet. Die Farbe bietet dann auf dem feuchten Untergrund neue Nahrung.
Muss der Vermieter informiert werden?
Ja. Schimmel ist ein Mangel an der Mietsache. Sie sind verpflichtet, diesen dem Vermieter unverzüglich zu melden, um Folgeschäden zu vermeiden. Eigenmächtiges Überstreichen kann als vertragswidriges Verhalten ausgelegt werden und zu Schadensersatzforderungen führen, wenn dadurch die Bausubstanz geschädigt wird oder die Ursachenforschung erschwert wird.
Fazit
Schimmel einfach zu überstreichen ist eine kosmetische Maßnahme mit gefährlichen Nebenwirkungen. Sie riskieren Ihre Gesundheit durch unsichtbare Sporenbelastung und riskieren teure Folgeschäden an der Bausubstanz. Der einzig richtige Weg ist die dreistufige Vorgehensweise: Ursache finden, Befall vollständig entfernen (nicht nur abtöten), und anschließend mit geeigneten, diffusionsoffenen Materialien neu aufbauen.
Investieren Sie lieber Zeit und Mühe in eine echte Sanierung, als Geld in teure "Wunderfarben", die das Problem nur verstecken. Wenn Sie unsicher sind, wie tief der Befall geht oder woher die Feuchtigkeit kommt, ziehen Sie unbedingt einen Sachverständigen oder Fachbetrieb zu Rate. Ihre Lunge und Ihr Haus werden es Ihnen danken.
Quellen und Referenzen
- Umweltbundesamt (UBA), "Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden", 2017.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen - Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", 2004 (Stand 2023).
- TRBA 460, "Einstufung von Pilzen in Risikogruppen", Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), 2016.
- Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen (Biostoffverordnung - BioStoffV), Anhang II (Schutzmaßnahmen).
- DIN 4108-2:2013-02, "Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden - Teil 2: Mindestanforderungen an den Wärmeschutz".
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