Wenn wir einen Stein im Garten anheben oder einen alten Blumentopf auf der Terrasse verschieben, wuselt es oft darunter: Kellerasseln (Porcellio scaber) suchen schnell das Weite. Doch so alltäglich diese kleinen Krebstiere auch erscheinen mögen, ihre Kellerasseln Fortpflanzung birgt ein faszinierendes evolutionäres Geheimnis. Als Lebewesen, deren Vorfahren aus dem Meer stammen, standen sie beim Landgang vor einem massiven Problem: Wie schützt man den empfindlichen Nachwuchs vor dem Austrocknen an der Luft? Die Natur hat hierfür eine geniale Lösung gefunden, die an Beuteltiere erinnert und den Asseln das Überleben fernab von Gewässern ermöglichte [1].
In diesem umfassenden Artikel tauchen wir tief in die Fortpflanzungsbiologie der Kellerassel ein. Wir beleuchten das komplexe Paarungsverhalten, werfen einen Blick in die einzigartige "Aquariengebärstube" und verfolgen den Weg der Jungtiere von der Larve bis zur geschlechtsreifen Assel.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Evolutionäres Wunder: Weibchen besitzen eine flüssigkeitsgefüllte Bauchtasche (Marsupium), in der sich die Eier wie in einem winzigen Aquarium entwickeln.
- Polyandrie: Ein Weibchen paart sich oft mit mehreren Männchen, was zu einer hohen genetischen Vielfalt innerhalb eines einzigen Wurfes führt.
- Mancae-Stadium: Frisch geschlüpfte Jungtiere (Mancae) sehen aus wie Miniatur-Asseln, besitzen aber zunächst nur sechs statt der üblichen sieben Beinpaare.
- Entwicklung: Bis zur Geschlechtsreife, die nach etwa 14 bis 22 Monaten erreicht wird, häuten sich die Tiere bis zu 14 Mal.

Vom Meer ans Land: Die evolutionäre Meisterleistung der Fortpflanzung
Um die Fortpflanzung der Kellerasseln zu verstehen, muss man sich ihre Herkunft vergegenwärtigen. Asseln (Isopoda) gehören zu den Krebstieren (Crustacea) und nicht, wie oft fälschlich angenommen, zu den Insekten. Während die meisten Krebse im Wasser leben, haben die Landasseln (Oniscidea) vor rund 160 Millionen Jahren den Schritt an Land gewagt [1]. Dieser Landgang brachte jedoch eine massive Herausforderung für die Fortpflanzung mit sich: Krebseier und -larven benötigen zwingend eine wässrige Umgebung, um sich zu entwickeln.
Die Lösung der Kellerassel ist ein morphologisches Wunderwerk: das Marsupium (die Bruttasche). Ähnlich wie bei Beutelsäugetieren (z.B. Kängurus) verlagert die Assel die Entwicklung ihres Nachwuchses in eine geschützte Tasche am eigenen Körper. Diese Bauchtasche bildet sich bei den Weibchen erst mit der Geschlechtsreife nach der zweiten Häutung zwischen den Laufbeinen auf der Bauchseite [1].
💡 Die Aquariengebärstube
Das Faszinierende am Marsupium ist, dass das Weibchen ein spezielles wässriges Sekret absondert, das diese Tasche füllt. Die befruchteten Eier liegen somit buchstäblich in einem winzigen, tragbaren Aquarium. Die Larven entwickeln sich also in einem wässrigen Milieu, obwohl die Elterntiere an Land leben. Dies ist eine der bemerkenswertesten Anpassungen an das terrestrische Leben im gesamten Tierreich [1].

Der Paarungsakt: Wie vermehren sich Kellerasseln?
Die Fortpflanzungssaison der Kellerasseln fällt in der Regel in die wärmeren Frühlings- und Sommermonate. Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, beginnen die Tiere mit der Paarung. Der Paarungsakt selbst ist ein taktiler und chemisch gesteuerter Prozess. Asseln kommunizieren stark über Pheromone und Berührungen (Thigmokinese) [2].
Polyandrie: Ein Weibchen, viele Väter
Ein besonders interessanter Aspekt der Kellerasseln Fortpflanzung ist ihr Paarungssystem. Porcellio scaber ist polyandrisch. Das bedeutet, dass sich ein Weibchen während einer Fortpflanzungsperiode mit mehreren Männchen paart. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bei über 80 % der Bruten eine sogenannte multiple Vaterschaft vorliegt [2]. Die Spermien verschiedener Männchen werden im Körper des Weibchens gemischt, bevor die Eier befruchtet werden. Diese Strategie erhöht die genetische Diversität der Nachkommen enorm und macht die Population widerstandsfähiger gegen Umwelteinflüsse und Krankheiten (wie beispielsweise das Iridovirus oder Wolbachia-Bakterien) [2].
Der Ablauf der Kopulation
Hat ein Männchen ein paarungsbereites Weibchen gefunden, klettert es auf ihren Rücken und klammert sich fest. Das Männchen besitzt spezielle Kopulationsorgane, die aus umgewandelten Hinterleibsbeinen (Pleopoden) bestehen. Mit diesen überträgt es die Spermien in die weiblichen Geschlechtsöffnungen. Nach der Paarung zeigt das Männchen keinerlei weiteres elterliches Investment; die gesamte Last der Brutpflege liegt beim Weibchen [2].
Trächtigkeit und das Leben im Marsupium
Nach der Befruchtung wandern die Eier in das flüssigkeitsgefüllte Marsupium. Eine weibliche Kellerassel kann pro Jahr ein bis drei Bruten aufziehen. Die Anzahl der Eier pro Brut variiert stark und liegt meist zwischen 12 und 36 Stück [2]. Die Trächtigkeit, also die Zeit, in der das Weibchen die Eier und später die schlüpfenden Larven in der Bauchtasche trägt, dauert durchschnittlich etwa 35 Tage.
Während dieser Zeit ist das Weibchen besonders anfällig. Das zusätzliche Gewicht und der erhöhte Wasserbedarf (um das Marsupium feucht zu halten) zwingen das Weibchen, sich in besonders feuchten, dunklen und sicheren Mikrohabitaten aufzuhalten. Die Flüssigkeit in der Bruttasche schützt die Eier nicht nur vor dem Austrocknen, sondern versorgt sie auch mit Sauerstoff und Nährstoffen [1].
Von der Larve zur erwachsenen Assel: Die Mancae-Stadien
Kellerasseln durchlaufen eine direkte Entwicklung. Das bedeutet, es gibt kein Puppenstadium wie bei vielen Insekten. Die Entwicklung umfasst 15 bis 20 anerkannte Stadien, die durch Häutungen voneinander getrennt sind [2].
Das Geheimnis des fehlenden Beinpaares
Wenn die Jungtiere aus den Eiern schlüpfen, befinden sie sich noch immer im Marsupium der Mutter. In diesem Stadium werden sie als Mancae bezeichnet. Es gibt zwei Manca-Stadien innerhalb der Bruttasche und zwei weitere, nachdem sie die Tasche verlassen haben. Die Mancae sind winzig, weich, weißlich-transparent und weisen eine anatomische Besonderheit auf: Sie sehen zwar aus wie Miniatur-Ausgaben der erwachsenen Tiere, besitzen aber nur sechs statt der üblichen sieben Laufbeinpaare [3].
Erst nach ihrer ersten Häutung außerhalb der mütterlichen Bruttasche entwickelt sich das siebte Beinpaar. Ab diesem Zeitpunkt werden sie als juvenile (jugendliche) Asseln bezeichnet [2].
⚠️ Hohe Sterblichkeitsrate bei Jungtieren
Obwohl das Marsupium einen hervorragenden Start ins Leben bietet, ist die Welt außerhalb der Bruttasche gefährlich. Bis zu 90 % der Jungtiere sterben innerhalb des ersten Monats, nachdem sie die schützende Bauchtasche der Mutter verlassen haben. Austrocknung (Desikkation) und Fressfeinde wie Spinnen (z.B. der Asseljäger Dysdera crocata) oder Hundertfüßer fordern einen hohen Tribut [2].
Wachstum durch Häutung: Ein lebenslanger Prozess
Da der Chitinpanzer der Kellerasseln nicht mitwächst, müssen sich die Tiere regelmäßig häuten. Bis eine Kellerassel die Geschlechtsreife erreicht, sind etwa 14 Häutungen erforderlich [4]. Dieser Prozess zieht sich über 14 bis 22 Monate hin, was für ein so kleines Tier eine erstaunlich lange Jugendphase bedeutet [2].
Die Häutung verläuft bei Asseln in zwei Phasen: Zuerst wird die hintere Körperhälfte gehäutet, einige Tage später folgt die vordere Hälfte. Dies hat den Vorteil, dass das Tier während des verwundbaren Häutungsprozesses zumindest teilweise beweglich bleibt. Die abgestoßene Haut (Exuvie) wird von den Asseln meist direkt im Anschluss aufgefressen. Dies ist kein Zeichen von Hunger, sondern eine lebenswichtige Strategie zur Rückgewinnung von Nährstoffen, insbesondere von Kalzium, das für die Aushärtung des neuen Panzers dringend benötigt wird [1] [4].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie oft vermehren sich Kellerasseln im Jahr?
Kellerasseln vermehren sich in der Regel ein- bis dreimal pro Jahr. Die Fortpflanzungsphase fällt hauptsächlich in die wärmeren Frühlings- und Sommermonate, wenn die Umweltbedingungen optimal sind.
Wie viele Nachkommen bekommt eine Kellerassel?
Ein Weibchen bringt pro Brut durchschnittlich zwischen 12 und 36 Jungtiere zur Welt. Diese entwickeln sich geschützt in der flüssigkeitsgefüllten Bauchtasche (Marsupium) der Mutter.
Legen Kellerasseln Eier?
Ja, Kellerasseln legen Eier. Diese werden jedoch nicht in der Umgebung abgelegt, sondern verbleiben in einer speziellen Bruttasche am Bauch des Weibchens, wo sie sich in einem wässrigen Milieu zu Larven entwickeln.
Wie lange dauert die Trächtigkeit bei Kellerasseln?
Die Trächtigkeit, also die Zeit, in der das Weibchen die Eier und Larven in der Bauchtasche trägt, dauert im Durchschnitt etwa 35 Tage.
Wie sehen junge Kellerasseln aus?
Frisch geschlüpfte Kellerasseln (Mancae) sind weißlich-transparent und sehen aus wie winzige Versionen der erwachsenen Tiere. Ein entscheidender Unterschied ist jedoch, dass sie anfangs nur sechs statt sieben Beinpaare besitzen.
Fazit
Die Kellerasseln Fortpflanzung ist ein beeindruckendes Beispiel evolutionärer Anpassung. Der Übergang vom Wasser- zum Landleben erforderte drastische Maßnahmen, um den Nachwuchs vor dem Austrocknen zu schützen. Mit der Entwicklung des Marsupiums – einer tragbaren, flüssigkeitsgefüllten Gebärstube – haben diese kleinen Krebstiere das Problem meisterhaft gelöst. Von der polyandrischen Paarung über die schützende Trächtigkeit bis hin zu den sechsbeinigen Mancae-Stadien zeigt sich, wie komplex und faszinierend das Leben direkt unter unseren Füßen sein kann. Wenn Sie das nächste Mal eine Assel im Garten entdecken, sehen Sie sie vielleicht mit anderen Augen: als einen hochspezialisierten Überlebenskünstler mit einer Fortpflanzungsstrategie, die ihresgleichen sucht.
Quellenverzeichnis
- Preisfeld, G. (2025). Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Bergische Universität Wuppertal.
- Riggio, C. & Wright, J. (2013). Porcellio scaber. Animal Diversity Web (University of Michigan).
- Umweltbundesamt. Kellerassel: Aussehen und Vorkommen.
- Lange, J. Die Kellerassel (Porcellio scaber). Ökologischer Lehrgarten, Pädagogische Hochschule Karlsruhe.