Es ist ein klassisches Szenario im heimischen Garten: Die Sonne scheint, die Abdeckung des Sandkastens wird zurückgeschlagen, und plötzlich wimmelt es in den Ecken und am Holzrand von kleinen, grauen, gepanzerten Tierchen. Kellerasseln im Sandkasten sind für viele Eltern im ersten Moment ein Schreck. Doch bevor Sie zu drastischen Maßnahmen greifen, lohnt sich ein genauerer Blick auf diese faszinierenden Lebewesen. Warum zieht ausgerechnet der Spielbereich der Kinder diese Tiere so magisch an? Die Antwort liegt in der einzigartigen, Jahrmillionen alten Biologie der Asseln, die eigentlich gar keine Insekten, sondern Krebstiere sind.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Insekten: Kellerasseln (Porcellio scaber) gehören zu den Krebstieren und atmen über Kiemen.
- Feuchtigkeitsliebend: Da ihnen eine schützende Wachsschicht auf dem Panzer fehlt, trocknen sie schnell aus. Der feuchte Sand unter einer Abdeckung ist ihr ideales Mikroklima.
- Völlig harmlos: Sie beißen nicht, stechen nicht und übertragen keine Krankheiten auf Kinder.
- Nützliche Helfer: Als Destruenten fressen sie morsches Holz (z. B. die Sandkasten-Umrandung) und totes Laub. Sie bilden wertvollen Humus.
- Sanfte Entfernung: Mit halbierten Kartoffeln oder feuchtem Zeitungspapier lassen sie sich anlocken und auf den Kompost umsiedeln.

Warum der Sandkasten ein Magnet für Kellerasseln ist
Um zu verstehen, warum sich Kellerasseln ausgerechnet im Sandkasten so wohlfühlen, muss man ihre evolutionäre Herkunft betrachten. Landasseln (Oniscoidea) sind vor etwa 160 Millionen Jahren aus dem Meer an Land gegangen [2]. Obwohl sie terrestrische Lebensräume erobert haben, sind sie physiologisch immer noch stark an Wasser gebunden.
Im Gegensatz zu Insekten fehlt den Asseln eine isolierende Wachsschicht (Lipidschicht) auf ihrem Chitinpanzer [1]. Das bedeutet, dass Wasser ungehindert durch ihre Körperoberfläche verdunsten kann. Ein Sandkasten bietet oft die perfekte Kombination aus drei lebenswichtigen Faktoren für die Kellerassel:
- Hohe Luftfeuchtigkeit: Spielsand wird oft feucht gehalten, damit er sich besser formen lässt. Wird der Sandkasten abends mit einer Plane oder einem Holzdeckel verschlossen, entsteht darunter ein feuchtes, fast tropisches Mikroklima.
- Dunkelheit: Kellerasseln zeigen eine sogenannte negative Phototaxis [3]. Das bedeutet, sie fliehen aktiv vor Licht, da Licht in der Natur meist mit Sonnen- und Hitzeeinwirkung (und damit Austrocknungsgefahr) einhergeht. Unter Spielzeug, Eimern oder der Abdeckung finden sie ideale Dunkelheit.
- Nahrungsangebot: Die meisten Sandkästen haben eine Umrandung aus Holz. Wenn dieses Holz durch die ständige Feuchtigkeit beginnt, leicht morsch zu werden oder von Pilzen besiedelt wird, ist der Tisch für die Asseln gedeckt. Auch hineingewehtes Herbstlaub dient als Nahrungsquelle.
Asseln zeigen ein Verhalten namens Thigmokinese [3]. Sie verringern ihre Bewegung, sobald sie physischen Kontakt zu Gegenständen oder Artgenossen haben. Deshalb findet man sie im Sandkasten oft in dichten Trauben (Aggregationen) in den Ecken oder direkt an die Holzbretter gepresst. Dieses Zusammenkuscheln reduziert die Oberfläche, die der Luft ausgesetzt ist, und schützt die Gruppe vor dem Austrocknen [4].
Sind Kellerasseln gefährlich für mein Kind?
Die wichtigste Nachricht für besorgte Eltern vorweg: Kellerasseln sind für Menschen und Haustiere absolut ungefährlich. Sie besitzen weder Giftstacheln noch Beißwerkzeuge, die die menschliche Haut durchdringen könnten. Auch als Krankheitsüberträger spielen sie keine Rolle.
Tatsächlich sind sie äußerst reinliche Tiere. Ein interessanter Aspekt ihrer Biologie ist jedoch ihre Fähigkeit zur Bioakkumulation. Wissenschaftler nutzen Kellerasseln als Testorganismen, um die Schwermetallbelastung von Böden zu messen [2]. Die Tiere speichern Stoffe wie Kupfer, Zink, Blei und Cadmium in speziellen Bläschen in ihrer Mitteldarmdrüse (Hepatopankreas), anstatt sie auszuscheiden. Das macht sie zu hervorragenden Bioindikatoren. Für Ihr Kind im Sandkasten hat dies jedoch keine Relevanz, es sei denn, das Kind würde Hunderte von Asseln essen – was ohnehin verhindert werden sollte.

Die faszinierende Biologie: Kiemenatmung im trockenen Sand
Wenn man ein Kind im Sandkasten beim Beobachten der Asseln begleitet, kann man eine wunderbare Biologiestunde daraus machen. Wie atmet ein Krebs an Land? Kellerasseln atmen primär über Kiemen, die an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) sitzen [1]. Damit diese Kiemen funktionieren, müssen sie stets von einem feuchten Film umgeben sein.
Um dies an Land zu gewährleisten, hat die Kellerassel ein geniales, in der Natur einmaliges Wasserleitungssystem entwickelt [2]. An der Bauchseite der Tiere verlaufen feine Rinnen. Aus einer Drüse am Kopf sondern die Asseln ein Sekret ab (ähnlich unserem Urin), das stark ammoniakhaltig ist. Dieses Sekret fließt durch die Rinnen in Richtung der Kiemen. Auf dem Weg dorthin verdunstet das giftige Ammoniakgas, und das gereinigte Wasser benetzt die Kiemen. Überschüssiges Wasser wird am After sogar wieder in den Körper aufgenommen. Dieses System ermöglicht es ihnen, auch kurze Trockenperioden im Sandkasten zu überstehen, solange sie sich rechtzeitig wieder in feuchte Ecken zurückziehen können.
Das "Aquarium" am Bauch: Wie Asseln sich vermehren
Ein weiterer Grund, warum Asseln feuchte Orte wie den Sandkasten aufsuchen, ist ihre Fortpflanzung. Auch hier zeigt sich ihre marine Herkunft. Nach der Befruchtung legen die Weibchen ihre Eier nicht einfach in den Sand. Sie bilden an ihrer Bauchseite eine flüssigkeitsgefüllte Bruttasche, das sogenannte Marsupium [2].
In diesem körpereigenen "Aquarium" entwickeln sich die Eier zu winzigen, weißen Larven (Mancae). Diese Larven haben zunächst nur sechs Beinpaare. Erst nach der ersten Häutung außerhalb der Bruttasche wächst das siebte Beinpaar heran [1]. Wenn Sie also im Sandkasten winzige, fast durchsichtige Asseln sehen, handelt es sich um frisch geschlüpfte Jungtiere, die die feuchte Umgebung des Sandes dringend zum Überleben brauchen.
Was fressen Kellerasseln im Sandkasten?
Kellerasseln fressen keinen Sand und haben auch kein Interesse an Plastikspielzeug. Sie sind sogenannte Destruenten (Zersetzer) und ernähren sich saprophag (von totem organischem Material) und mykophag (von Pilzen) [3].
Im Ökosystem Sandkasten finden sie meist folgende Nahrungsquellen:
- Morsches Holz: Die Holzumrandung des Sandkastens, die ständigen Wechseln von Nässe und Trockenheit ausgesetzt ist, wird oft von mikroskopisch kleinen Pilzen besiedelt. Die Asseln weiden diese Pilzrasen ab und fressen das aufgeweichte Holz.
- Herbstlaub und Pflanzenreste: Blätter, die in den Sandkasten wehen und dort verrotten, sind ein Festmahl für die Krebstiere.
- Koprophagie: Ein etwas unappetitliches, aber lebenswichtiges Detail – Asseln fressen ihren eigenen Kot [3]. Dies tun sie, um wichtige Bakterien im Darm zu behalten, die Zellulose abbauen, und um Kupfer zurückzugewinnen, das sie für ihren blauen Blutfarbstoff (Hämocyanin) benötigen.
Da Kellerasseln völlig harmlos sind und der Sandkasten der Spielbereich Ihres Kindes ist, sollten Sie niemals Insektizide oder chemische Schädlingsbekämpfungsmittel einsetzen. Die gesundheitliche Gefahr durch das Gift für Ihr Kind ist um ein Vielfaches höher als die bloße Anwesenheit der Krebstiere.

Sanfte und ökologische Methoden zur Entfernung
Auch wenn die Tiere nützlich sind, ist es verständlich, wenn Kinder sich ekeln oder Eltern den Sandkasten lieber asselfrei halten möchten. Da Kellerasseln wichtige Humusbildner sind [1], ist das Ziel nicht ihre Vernichtung, sondern ihre Umsiedlung. Der ideale neue Lebensraum für sie ist der heimische Komposthaufen.
1. Die Kartoffel-Falle
Höhlen Sie eine rohe Kartoffel leicht aus und legen Sie sie mit der angeschnittenen Seite nach unten abends in den Sandkasten, am besten in eine Ecke nahe der Holzumrandung. Die Feuchtigkeit und Stärke der Kartoffel ziehen die Asseln über Nacht magisch an. Am nächsten Morgen können Sie die Kartoffel samt der daran haftenden Asseln einfach anheben und auf dem Kompost entsorgen.
2. Das feuchte Zeitungspapier
Nehmen Sie ein paar Seiten alte Tageszeitung, knüllen Sie diese leicht zusammen und befeuchten Sie sie mit Wasser. Legen Sie das Papier über Nacht in den Sandkasten. Die Asseln werden die Dunkelheit und Feuchtigkeit der Papierfalten als perfektes Versteck nutzen. Morgens nehmen Sie das Papierbündel und schütteln es über dem Kompost oder unter einer Hecke aus.
3. Sand durchtrocknen lassen
Da Asseln ohne Feuchtigkeit nicht überleben können, ist die effektivste Methode, ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen. Lassen Sie den Sandkasten an heißen, sonnigen Tagen offen. Wenden Sie den Sand mit einer Schaufel gründlich durch, damit auch die tieferen, feuchten Schichten an die Oberfläche kommen und trocknen. Die Asseln werden bei zunehmender Trockenheit von ganz allein das Weite suchen und in feuchtere Gartenbereiche abwandern.
Prävention: So bleibt der Sandkasten asselfrei
Wenn Sie die Asseln erfolgreich umgesiedelt haben, können Sie mit ein paar einfachen baulichen und pflegerischen Maßnahmen verhindern, dass sie in großer Zahl zurückkehren:
- Die richtige Abdeckung: Verwenden Sie keine komplett luftdichten Plastikplanen, die auf dem Sand aufliegen. Diese fördern Staunässe und Schimmelbildung. Besser sind wasserdurchlässige, aber schmutzabweisende Netze oder Holzdeckel mit Belüftungsschlitzen, die eine Luftzirkulation ermöglichen.
- Holzpflege: Kontrollieren Sie die Holzumrandung des Sandkastens regelmäßig. Morsches Holz sollte ausgetauscht werden. Behandeln Sie das Holz mit kindergerechten, ökologischen Lasuren, um das Eindringen von Feuchtigkeit und holzzersetzenden Pilzen zu verhindern.
- Sauberkeit: Entfernen Sie regelmäßig hineingefallenes Laub, Äste und andere organische Materialien. Ohne Futterquelle ist der Sandkasten für Asseln uninteressant.
- Drainage: Achten Sie beim Bau eines Sandkastens auf eine gute Drainage (z. B. eine Schicht Kies unter dem Sand und ein wasserdurchlässiges Unkrautvlies), damit Regenwasser schnell abfließen kann und der Sand nicht dauerhaft nass bleibt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum sind so viele Kellerasseln im Sandkasten?
Sandkästen bieten durch feuchten Sand, Dunkelheit unter der Abdeckung und morsches Holz am Rand ideale Lebensbedingungen. Da Kellerasseln über Kiemen atmen, sind sie auf diese hohe Luftfeuchtigkeit zwingend angewiesen, um nicht auszutrocknen.
Können Kellerasseln Kinder beißen oder stechen?
Nein. Kellerasseln haben weder Giftstacheln noch Beißwerkzeuge, die menschliche Haut verletzen könnten. Sie sind für Kinder und Haustiere vollkommen harmlos und übertragen keine Krankheiten.
Fressen Kellerasseln den Sand?
Nein, Kellerasseln interessieren sich nicht für den Sand selbst. Sie fressen totes organisches Material wie verrottendes Laub, Pilze und das morsche Holz der Sandkasten-Umrandung.
Wie bekomme ich die Asseln aus dem Sandkasten, ohne Gift zu verwenden?
Legen Sie über Nacht eine ausgehöhlte Kartoffel oder feuchtes Zeitungspapier in den Sandkasten. Die Asseln sammeln sich dort und können am nächsten Morgen einfach auf den Komposthaufen umgesiedelt werden. Zudem hilft es, den Sand tagsüber in der Sonne durchtrocknen zu lassen.
Sind Kellerasseln Insekten?
Nein, Kellerasseln gehören zur Klasse der Höheren Krebse (Malacostraca) und zur Ordnung der Isopoda (Gleichfüßer). Sie sind die einzigen Krebstiere, die sich dauerhaft an ein Leben an Land angepasst haben.
Fazit
Kellerasseln im Sandkasten sind kein Zeichen von mangelnder Hygiene, sondern lediglich ein Beweis dafür, dass in Ihrem Garten ein funktionierendes Mikroklima herrscht. Die kleinen Krebstiere suchen dort Schutz vor dem Austrocknen und ernähren sich von verrottendem Holz und Laub. Da sie für Kinder absolut ungefährlich sind und als Humusbildner eine wichtige ökologische Rolle spielen, sollten sie keinesfalls mit chemischen Mitteln bekämpft werden. Nutzen Sie stattdessen einfache Hausmittel wie die Kartoffel-Falle, um sie sanft auf den Kompost umzusiedeln. Wenn Sie den Sand regelmäßig wenden, trocknen lassen und die Holzumrandung intakt halten, wird der Sandkasten schnell wieder zum ungestörten Spielparadies für Ihre Kinder – ganz ohne ungebetene, gepanzerte Gäste.
Quellenverzeichnis
- Umweltbundesamt: Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Informationen zur Biologie, Kiemenatmung und Bedeutung als Humusbildner.
- Bergische Universität Wuppertal (Prof. Dr. Gela Preisfeld): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftliche Details zu Marsupium, Wasserleitsystem und Bioakkumulation.
- Animal Diversity Web: Porcellio scaber (Common rough woodlouse). Daten zu Verhalten, Thigmokinese, negativer Phototaxis und Koprophagie.
- ZooKeys / PLoS ONE: Morphological traits and desiccation resistance in woodlice / Aggregation in woodlice. Studien zum Austrocknungsschutz und Aggregationsverhalten von Landasseln.