Wenn man einen feuchten Stein im Garten anhebt oder einen alten Blumentopf im Keller verschiebt, wuselt es oft sofort los: Kellerasseln (Porcellio scaber) suchen hastig das Weite. Da diese kleinen Krebstiere scheinbar allgegenwärtig sind, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie lange leben Kellerasseln eigentlich? Sind es kurzlebige Eintagsfliegen der Bodenfauna oder zähe Überlebenskünstler, die uns über Jahre hinweg im Garten begleiten? Die Antwort ist verblüffend: Für ein so kleines, bodenbewohnendes Tier haben Kellerasseln eine erstaunlich hohe potenzielle Lebenserwartung, die jedoch in der rauen Realität der Natur durch eine extreme Kindersterblichkeit und zahlreiche Fressfeinde stark relativiert wird.
Das Wichtigste auf einen Blick: Wie lange leben Kellerasseln?
- Durchschnittliche Lebenserwartung: Die meisten Kellerasseln leben unter normalen Bedingungen etwa 2 bis 3 Jahre [1].
- Maximales Alter: Unter optimalen, geschützten Bedingungen können sie ein Alter von bis zu 5 Jahren erreichen [2].
- Extreme Kindersterblichkeit: Bis zu 90 % der Jungtiere sterben bereits im ersten Lebensmonat, nachdem sie die Bruttasche der Mutter verlassen haben [2].
- Späte Geschlechtsreife: Es dauert 14 bis 22 Monate und rund 14 Häutungen, bis eine Kellerassel überhaupt erwachsen und fortpflanzungsfähig ist [1].
Die durchschnittliche und maximale Lebensdauer von Porcellio scaber
Um die Frage "Wie lange leben Kellerasseln?" präzise zu beantworten, muss man zwischen der potenziellen biologischen Lebensspanne und der tatsächlichen Lebenserwartung in freier Wildbahn unterscheiden. Biologisch gesehen sind terrestrische Isopoden (Landasseln) auf Langlebigkeit ausgelegt. Wissenschaftliche Beobachtungen zeigen, dass die Tiere im Durchschnitt zwei bis drei Jahre alt werden [1]. In geschützten Laborumgebungen oder Terrarien, wo Fressfeinde und extreme Wetterbedingungen fehlen, wurde sogar eine maximale Lebensdauer von bis zu fünf Jahren dokumentiert [2].
Diese für ein wirbelloses Kleintier beachtliche Lebensdauer ist eng mit ihrem langsamen Stoffwechsel und ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit verknüpft. Im Gegensatz zu vielen Insekten, die innerhalb weniger Wochen vom Ei zum adulten Tier heranwachsen, sterben und den Zyklus abschließen, lassen sich Kellerasseln Zeit. Sie investieren viel Energie in ihr Wachstum und ihren Panzeraufbau.
Kellerasseln gehören nicht zu den Insekten, sondern zu den Krebstieren (Crustacea). Dass sie als Krebse den Landgang gemeistert haben, spiegelt sich in ihrer gesamten Biologie wider – von der Atmung über Kiemen bis hin zu ihrer Fortpflanzung, die maßgeblich bestimmt, wie alt sie werden können.

Der Lebenszyklus: Von der "Aquariengebärstube" bis zum Senior
Die Lebensuhr einer Kellerassel beginnt auf eine für Landtiere höchst ungewöhnliche Weise. Da sie Krebstiere sind, benötigen ihre Eier zur Entwicklung ein wässriges Milieu. Das Weibchen hat dafür eine faszinierende evolutionäre Lösung entwickelt: das Marsupium (Bruttasche).
1. Die embryonale Phase in der Bruttasche (ca. 35 Tage)
Nach der Befruchtung im Frühjahr oder Sommer trägt das Weibchen die Eier (zwischen 12 und 36 Stück pro Brut) in einer flüssigkeitsgefüllten Bauchtasche zwischen den Laufbeinen [2]. Die Biologin Prof. Dr. Gela Preisfeld bezeichnet dies treffend als "Aquariengebärstube" [1]. In diesem geschützten, feuchten Raum schlüpfen die Larven. Diese Phase dauert durchschnittlich 35 Tage. Das Muttertier schützt die Brut in dieser Zeit aktiv vor Austrocknung.
2. Das Mancae-Stadium: Die ersten gefährlichen Wochen
Wenn die Jungtiere das Marsupium verlassen, werden sie als Mancae bezeichnet. Sie sind weich, weißlich und besitzen erst sechs Laufbeinpaare [2]. Erst nach der ersten Häutung außerhalb der Bruttasche entwickelt sich das siebte Beinpaar, und sie gelten als juvenile Asseln. In dieser Phase entscheidet sich für die meisten Tiere, wie lange sie leben werden: Bis zu 90 % der Jungtiere sterben innerhalb des ersten Monats [2]. Ihr Panzer ist noch zu weich, sie trocknen extrem schnell aus und sind leichte Beute für nahezu jeden Prädator.
3. Die lange Jugend: 14 Häutungen bis zur Geschlechtsreife
Überlebt eine junge Kellerassel den ersten Monat, steht ihr eine lange Jugend bevor. Da ihr Außenskelett starr ist, müssen sie sich wachsen, indem sie sich häuten. Bis eine Kellerassel geschlechtsreif ist, sind circa 14 Häutungen erforderlich [3]. Dieser Prozess dauert zwischen 14 und 22 Monaten [2]. Das bedeutet: Eine Kellerassel verbringt fast die Hälfte ihrer durchschnittlichen Lebensdauer nur damit, erwachsen zu werden!
Interessant dabei: Die abgestoßene Haut (Exuvie) wird meist sofort wieder aufgefressen. Sie enthält wertvolles Kalzium, das die Assel dringend benötigt, um den neuen Panzer auszuhärten [1].
4. Das adulte Alter und die Fortpflanzung
Sobald sie ausgewachsen sind (ca. 15 bis 18 mm groß), beginnt die reproduktive Phase. Weibchen können ein bis drei Bruten pro Jahr hervorbringen. Obwohl sie theoretisch mehrere Jahre fortpflanzungsfähig bleiben könnten (Semelparität vs. Iteroparität), überleben viele Weibchen in der Natur nicht lange genug, um in mehreren aufeinanderfolgenden Saisons zu brüten [2].

Was verkürzt die Lebensdauer von Kellerasseln?
Dass nur wenige Kellerasseln ihr maximales Alter von 5 Jahren erreichen, liegt an einer Vielzahl von abiotischen und biotischen Stressfaktoren in ihrem Lebensraum.
Austrocknung: Der größte Feind der Landassel
Der limitierende Faktor Nummer eins für ein langes Asselleben ist Feuchtigkeitsmangel. Im Gegensatz zu Insekten fehlt den Kellerasseln eine isolierende Wachsschicht (Lipidschicht) auf ihrem Chitinpanzer [4]. Dadurch verdunstet Wasser kontinuierlich über ihre Körperoberfläche. Zudem atmen sie über Kiemen an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden), die stets feucht gehalten werden müssen, um Sauerstoff aus der Luft aufnehmen zu können [1]. Verirrt sich eine Kellerassel in eine trockene Wohnung, sinkt ihre verbleibende Lebensdauer auf wenige Stunden bis Tage.
Spezialisierte Fressfeinde
Kellerasseln stehen weit unten in der Nahrungskette. Sie dienen Vögeln, Spitzmäusen, Kröten, Laufkäfern und Hundertfüßern als wichtige Nahrungsquelle. Ein besonders spezialisierter Feind, der die Lebenserwartung von Asseln drastisch senkt, ist der Große Asseljäger (Dysdera crocata). Diese Webspinne hat extrem verlängerte und kräftige Kieferklauen (Cheliceren), mit denen sie den harten Chitinpanzer der Kellerasseln mühelos durchdringen kann [2].
Parasiten und tödliche Viren
Auch mikroskopisch kleine Feinde beenden das Leben von Kellerasseln vorzeitig. Ein faszinierendes, wenn auch tödliches Phänomen ist die Infektion mit dem Iridovirus (IIV Typ 31). Dieses Virus bildet kristalline Strukturen im Gewebe der Assel, was dazu führt, dass sich das Tier leuchtend blau oder violett verfärbt. Eine solche Infektion verläuft in der Regel tödlich [2]. Zudem werden sie oft von parasitären Fliegen (z.B. Melanophora roralis) befallen, deren Maden sich in der Assel entwickeln und diese während der Verpuppung töten.

Überlebensstrategien: Wie Kellerasseln ihr Leben aktiv verlängern
Um trotz all dieser Widrigkeiten 2 bis 3 Jahre alt zu werden, haben Kellerasseln im Laufe der Evolution erstaunliche Verhaltensweisen und physiologische Tricks entwickelt.
Aggregation: Kuscheln fürs Überleben
Kellerasseln sind stark thigmotaktisch (sie suchen Körperkontakt) und weisen eine negative Phototaxis auf (sie fliehen vor Licht). Studien zeigen, dass das Zusammenrotten (Aggregation) in dunklen, feuchten Verstecken kein Zufall ist, sondern eine überlebenswichtige soziale Interaktion. Durch die Bildung von dichten Gruppen reduzieren sie die exponierte Körperoberfläche und senken den Wasserverlust der gesamten Gruppe signifikant [5]. Eine Studie belegt, dass diese Inter-Attraktion (gegenseitige Anziehung) so stark ist, dass Asseln sogar suboptimale Verstecke wählen, solange sie dort in der Gruppe bleiben können [6]. Wer in der Gruppe bleibt, lebt länger.
Das interne Wasser-Recycling-System
Ein Meisterwerk der Anpassung an das Landleben ist ihr Wasserleitsystem. Kellerasseln scheiden flüssigen Harn (der giftiges Ammoniak enthält) über Drüsen am Kopf aus. Dieser Harn fließt über spezielle Rinnen am Panzer entlang in Richtung der Kiemen am Hinterleib. Auf dem Weg verdunstet das giftige Ammoniak. Das nun saubere Wasser befeuchtet die Kiemen, sodass die Assel atmen kann. Überschüssiges Wasser fließt weiter zum After und wird vom Körper wieder resorbiert [1]. Dieses Recycling schützt sie massiv vor dem Austrocknen.
Koprophagie: Den eigenen Kot fressen
Was für uns unappetitlich klingt, ist für die Lebenserwartung der Assel essenziell: Sie fressen ihren eigenen Kot (Koprophagie). Da ihr Blut auf Hämocyanin (kupferbasiert) statt auf Hämoglobin (eisenbasiert) aufbaut, haben sie einen hohen Kupferbedarf. Durch das mehrfache Verdauen ihrer Nahrung recyceln sie wertvolles Kupfer. Zudem nehmen sie so lebenswichtige endosymbiotische Bakterien wieder auf, die sie benötigen, um Zellulose aus abgestorbenem Holz und Laub aufzuspalten [2].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie alt werden Kellerasseln maximal?
Unter optimalen, geschützten Bedingungen (ohne Fressfeinde und bei perfekter Feuchtigkeit) können Kellerasseln ein maximales Alter von bis zu 5 Jahren erreichen. In der freien Natur liegt der Durchschnitt jedoch eher bei 2 bis 3 Jahren.
Wie lange überleben Kellerasseln in der Wohnung?
In normal beheizten und trockenen Wohnräumen überleben Kellerasseln meist nur wenige Stunden bis maximal wenige Tage. Da ihnen eine schützende Wachsschicht auf dem Panzer fehlt, trocknen sie bei geringer Luftfeuchtigkeit extrem schnell aus und sterben.
Sterben Kellerasseln im Winter?
Nein, Kellerasseln sterben im Winter nicht zwangsläufig. Sie fallen in eine Kältestarre (Winterruhe) und ziehen sich dafür tief in den Boden, unter dicke Laubschichten, in Komposthaufen oder in frostfreie Keller zurück, um die kalte Jahreszeit zu überdauern.
Wie oft häuten sich Kellerasseln in ihrem Leben?
Bis eine Kellerassel ihre Geschlechtsreife erreicht (nach ca. 1 bis 2 Jahren), häutet sie sich etwa 14 Mal. Da ihr starrer Chitinpanzer nicht mitwächst, ist die Häutung zwingend notwendig für das Wachstum. Auch als erwachsene Tiere häuten sie sich gelegentlich weiter.
Warum sterben so viele junge Kellerasseln?
Die Sterblichkeitsrate im ersten Lebensmonat liegt bei bis zu 90 %. Die Jungtiere (Mancae) haben einen noch sehr weichen Panzer, trocknen extrem schnell aus und sind aufgrund ihrer geringen Größe eine leichte Beute für nahezu alle Insektenfresser und Spinnen.
Fazit: Zähe Überlebenskünstler mit schwerem Start
Die Frage "Wie lange leben Kellerasseln?" offenbart die erstaunliche Biologie dieser kleinen Krebstiere. Mit einer potenziellen Lebensdauer von bis zu 5 Jahren und einem Durchschnitt von 2 bis 3 Jahren werden sie deutlich älter als viele Insekten in unserem Garten. Dieser Langlebigkeit steht jedoch ein extrem harter Start ins Leben gegenüber, bei dem 90 % der Jungtiere den ersten Monat nicht überstehen.
Dass sie überhaupt so alt werden können, verdanken sie brillanten evolutionären Anpassungen: der Bruttasche für den Nachwuchs, dem ausgeklügelten Wasser-Recycling-System und ihrem ausgeprägten Sozialverhalten, sich in feuchten Verstecken zusammenzurotten. Wenn Sie also das nächste Mal eine Kellerassel im Garten oder Keller entdecken, denken Sie daran: Dieses kleine Tier hat möglicherweise schon zwei Jahre voller Gefahren, Häutungen und Trockenperioden überstanden. Als essenzielle Humusbildner und Zersetzer von Totholz verdienen sie unseren Respekt – setzen Sie verirrte Tiere am besten einfach schonend nach draußen auf den Kompost.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Preisfeld, G. (o.J.). Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Bergische Universität Wuppertal.
- Riggio, C. & Wright, J. (o.J.). Porcellio scaber (Common rough woodlouse). Animal Diversity Web (ADW), University of Michigan.
- Lange, J. (o.J.). Die Kellerassel (Porcellio scaber). Ökologischer Lehrgarten, Pädagogische Hochschule Karlsruhe.
- Umweltbundesamt (o.J.). Kellerassel: Aussehen und Vorkommen.
- Broly, P., et al. (2012). Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
- Devigne, C., et al. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.