Wer eine Kellerassel (Porcellio scaber) in den eigenen vier Wänden entdeckt, findet sie fast immer an denselben Orten: unter feuchten Blumentöpfen, in dunklen Kellerecken oder in der Nähe von undichten Rohren. Diese Standortwahl ist kein Zufall, sondern eine absolute Überlebensnotwendigkeit. Obwohl Kellerasseln seit rund 160 Millionen Jahren an Land leben, sind sie biologisch gesehen Krebstiere geblieben. Ihr gesamter Organismus, ihr Verhalten und ihre Anatomie sind auf eine einzige Ressource ausgerichtet: Feuchtigkeit. Ohne eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit vertrocknen diese faszinierenden Destruenten innerhalb kürzester Zeit. Doch wie genau schaffen es Krebse, an Land zu atmen? Und warum ist ihr Auftreten im Haus ein unbestechlicher Indikator für bauliche Mängel?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Krebse an Land: Kellerasseln atmen primär über Kiemen, die zwingend von einem Feuchtigkeitsfilm umgeben sein müssen.
- Fehlender Verdunstungsschutz: Im Gegensatz zu Insekten fehlt Asseln eine schützende Wachsschicht (Kutikula) auf dem Panzer, weshalb sie extrem schnell austrocknen.
- Geniales Wasserleitsystem: Sie nutzen körpereigene Ausscheidungen (ammoniakhaltigen Harn), um ihre Kiemen an Land feucht zu halten.
- Schwarmintelligenz gegen Trockenheit: Durch Zusammenrotten (Aggregation) reduzieren Kellerasseln ihre Gesamtoberfläche und minimieren so den Wasserverlust.
- Bioindikatoren im Haus: Ein starker Befall in Wohnräumen deutet fast immer auf ein unentdecktes Feuchtigkeitsproblem (z.B. Schimmelgefahr, Rohrbruch) hin.
Der evolutionäre Kompromiss: Warum Kellerasseln so anfällig für Trockenheit sind
Um die extreme Abhängigkeit der Kellerasseln von Feuchtigkeit zu verstehen, muss man einen Blick auf ihre Evolution werfen. Landasseln (Oniscidea) gehören zur Ordnung der Isopoda (Gleichfüßer) und sind die einzige Gruppe der Krebstiere, die den Schritt vom Wasser auf das Land dauerhaft und erfolgreich gemeistert hat [1]. Dieser Landgang brachte jedoch anatomische Kompromisse mit sich.
Insekten haben im Laufe ihrer Evolution eine wachsartige Schicht (Kutikula) auf ihrem Exoskelett entwickelt, die sie nahezu perfekt vor dem Austrocknen schützt. Den Kellerasseln fehlt diese isolierende Wachsschicht [1, 3]. Ihr Panzer bietet zwar Schutz vor mechanischen Einflüssen, ist aber hochgradig wasserdurchlässig. Wasser verdunstet direkt über ihre Körperoberfläche (tegumentale Transpiration). Sobald die relative Luftfeuchtigkeit in ihrer Umgebung sinkt, verlieren sie rapide an Körperwasser. Dies erklärt, warum man Kellerasseln niemals in der prallen Mittagssonne auf trockenem Asphalt antrifft, sondern stets verborgen unter Laub, Totholz oder Steinen [3].

Atmung an Land: Kiemen, Tracheenlungen und das Wasserleitsystem
Das faszinierendste Merkmal der Kellerasseln im Zusammenhang mit Feuchtigkeit ist ihre Atmung. Da sie Krebse sind, atmen sie primär über Kiemen. Diese Kiemen sitzen an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) auf der Bauchseite der Tiere [2]. Kiemen funktionieren physikalisch nur, wenn sie von Wasser umgeben sind, da der Sauerstoffaustausch durch Diffusion aus dem Wasser in den Körper stattfindet.
Das körpereigene Wasserleitsystem
Wie hält ein Tier, das an Land lebt, seine Kiemen feucht? Die Natur hat hierfür bei den Asseln ein hochkomplexes Wasserleitsystem entwickelt. Laut der Biologin Prof. Dr. Gela Preisfeld von der Bergischen Universität Wuppertal besitzen Asseln kleine Rinnen an der Bauch- und Rückenseite, die Wasser leiten können [2].
Der Clou liegt in der Herkunft dieses Wassers: Die Assel sondert aus einer Drüse im Kopfbereich ein Sekret ab, das unserem Harn entspricht und giftige Stickstoffverbindungen (Ammoniak) enthält. Dieses Sekret fließt durch die Rinnen des Leitsystems. Der Ammoniak verdunstet an der Luft (was gleichzeitig Raubtiere abschrecken kann [3]), und das nun ammoniakfreie Wasser fließt weiter zu den Pleopoden, um die Kiemen zu benetzen. Überschüssiges Wasser wird zum After geleitet und vom Körper wieder aufgenommen [2]. Durch dieses geschlossene Recycling-System können Kellerasseln auch in Phasen überleben, in denen keine externe Feuchtigkeit (wie Tautropfen) zur Verfügung steht.
Wussten Sie schon? Die Tracheenlunge
Als zusätzliche Anpassung an das Landleben haben heimische Kellerasseln sogenannte Tracheenlungen entwickelt. Diese sitzen ebenfalls an den Hinterbeinen. Hebt die Assel ihren Hinterleib leicht an, kann Luft eindringen; senkt sie ihn ab, entweicht die verbrauchte Luft. Sie verfügen somit über zwei parallele Systeme zur Sauerstoffaufnahme [2]. Dennoch bleiben die Kiemen und damit die Notwendigkeit von Feuchtigkeit essenziell.

Verhaltensbiologie: Wie Asseln aktiv vor dem Austrocknen fliehen
Da der Körperbau der Kellerassel nur bedingt vor Austrocknung schützt, muss das Verhalten dieses Defizit ausgleichen. Asseln sind Meister der Mikroklima-Suche. Ihr gesamtes Verhaltensrepertoire wird von Feuchtigkeits- und Temperaturgradienten gesteuert.
Negative Phototaxis und Thigmokinese
Kellerasseln zeigen eine ausgeprägte negative Phototaxis: Sie bewegen sich aktiv vom Licht weg [3]. Licht bedeutet in der Natur meist Sonneneinstrahlung, was wiederum Wärme und Trockenheit (erhöhte Verdunstungsrate) nach sich zieht. Zudem zeigen sie ein Verhalten namens Thigmokinese. Das bedeutet, dass sich ihre Bewegungsaktivität verringert, sobald sie physischen Kontakt zu Objekten (oder Artgenossen) haben [3]. Wenn eine Assel unter einen Stein kriecht und den Kontakt am Rücken spürt, bleibt sie stehen. Dies hält sie automatisch in engen, geschützten und meist feuchten Spalten.
Aggregation: Schwarmverhalten als Feuchtigkeitsspeicher
Ein besonders faszinierendes Phänomen ist die Aggregation (Gruppenbildung). Wenn Sie einen Blumentopf anheben, finden Sie selten eine einzelne Assel, sondern meist einen dichten Haufen. Studien zeigen, dass dieses Zusammenrotten ein direkter Schutzmechanismus gegen Austrocknung ist [4, 5].
Indem sich die Tiere dicht aneinanderdrängen, verringern sie die dem Luftstrom ausgesetzte Gesamtoberfläche der Gruppe drastisch. Innerhalb dieses "Assel-Haufens" entsteht ein eigenes Mikroklima mit deutlich höherer Luftfeuchtigkeit. Forschungen von Devigne et al. (2011) belegen, dass die Aggregation bei Asseln so stark ausgeprägt ist, dass der soziale Trieb (die Anziehung zu Artgenossen) manchmal sogar individuelle Präferenzen überwiegt. Asseln rotten sich extrem schnell zusammen (oft in weniger als 10 Minuten), um Wasserverluste zu minimieren [4]. Interessanterweise sinkt der relative Nutzen der Wasserersparnis, wenn der Cluster zu groß wird (ab ca. 60-70 Tieren), weshalb sich dann oft sekundäre, kleinere Gruppen bilden [5].
Morphologische Unterschiede: Nicht jede Assel trocknet gleich schnell aus
Obwohl alle Landasseln feuchtigkeitsliebend sind, gibt es feine Abstufungen in ihrer Toleranz gegenüber Trockenheit. Diese Toleranz korreliert direkt mit der Dicke ihres Panzers (Kutikula). Eine vergleichende Studie von Csonka et al. (2018) untersuchte die Austrocknungsresistenz verschiedener Asselarten bei unterschiedlichen Luftfeuchtigkeiten (30%, 75% und 100%) [6].
Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass die Rollassel (Armadillidium vulgare) – die sich bei Gefahr zu einer Kugel zusammenrollen kann – eine signifikant dickere Kutikula besitzt als die gewöhnliche Kellerassel (Porcellio scaber). Dementsprechend wies die Rollassel bei extremer Trockenheit (30% relative Luftfeuchtigkeit) die geringste Wasserverlustrate auf und überlebte länger. Arten aus feuchten Waldhabitaten (wie Protracheoniscus politus) hatten den dünnsten Panzer und starben unter trockenen Bedingungen am schnellsten [6]. Das bedeutet: Wenn Sie Asseln in etwas trockeneren Bereichen Ihres Hauses finden, handelt es sich wahrscheinlicher um Rollasseln als um klassische Kellerasseln.

Kellerasseln als Bioindikatoren für Feuchtigkeitsschäden im Haus
Aus dem bisherigen Wissen ergibt sich eine klare Schlussfolgerung für Hausbesitzer und Mieter: Kellerasseln sind hervorragende, kostenlose Bioindikatoren für das Raumklima. Da sie in trockenen Räumen (wie normal beheizten Wohnzimmern) innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen vertrocknen würden, ist ihr dauerhaftes Überleben an einen Ort mit permanent hoher Feuchtigkeit gebunden.
Achtung: Was ein Assel-Befall im Wohnraum bedeutet
Finden Sie regelmäßig lebende Kellerasseln in Räumen, die eigentlich trocken sein sollten (Schlafzimmer, Erdgeschoss, hinter Fußleisten), ist dies ein Alarmsignal für versteckte Feuchtigkeit. Mögliche Ursachen sind:
- Kondenswasserbildung durch falsches Lüftungsverhalten (Gefahr von Schimmelbildung!).
- Aufsteigende Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk (defekte Horizontalsperre).
- Mikro-Leckagen an Wasser- oder Heizungsrohren in der Wand.
- Undichte Fugen an Fenstern oder Terrassentüren, durch die Regenwasser eindringt.
Die Bekämpfung von Kellerasseln mit chemischen Mitteln ist im Haus daher meist sinnlos und bekämpft nur das Symptom. Sobald die Feuchtigkeitsquelle beseitigt wird (z.B. durch Heizen, Stoßlüften oder das Reparieren eines Rohrs), verschwindet der Lebensraum der Asseln. Sie wandern entweder ab oder vertrocknen. Im Garten oder auf dem Kompost hingegen sind sie als Humusbildner (Destruenten) extrem nützlich und sollten dort belassen werden [1, 2].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum finde ich oft vertrocknete, tote Kellerasseln im Haus?
Kellerasseln verirren sich oft auf der Suche nach Nahrung oder Dunkelheit in Wohnräume. Da ihnen eine schützende Wachsschicht auf dem Panzer fehlt, verdunstet ihr Körperwasser in normal beheizten, trockenen Räumen extrem schnell. Sie vertrocknen buchstäblich auf dem Weg zurück in ihr feuchtes Versteck.
Wie viel Luftfeuchtigkeit brauchen Kellerasseln zum Überleben?
Kellerasseln benötigen dauerhaft eine relative Luftfeuchtigkeit von mindestens 70 Prozent, idealerweise sogar nahe 100 Prozent in ihren direkten Mikroverstecken. Bei Werten unter 50 Prozent können sie nur kurze Zeit überleben, da ihre Kiemenatmung sonst versagt.
Trinken Kellerasseln Wasser?
Ja, Kellerasseln können flüssiges Wasser direkt über ihren Mund oder After aufnehmen. Zudem können sie Wasserdampf aus einer stark gesättigten Umgebungsluft absorbieren, um ihren Wasserhaushalt schnell wieder auszugleichen.
Können Kellerasseln im Wasser ertrinken?
Obwohl sie Kiemen haben, sind Landasseln an das Leben an Land angepasst. Sie tolerieren zwar kurzzeitige Überschwemmungen, können aber auf Dauer im Wasser ertrinken, da ihr Atmungssystem auf den Gasaustausch in feuchter Luft spezialisiert ist.
Sind Kellerasseln ein sicheres Zeichen für Schimmel?
Sie sind kein direkter Beweis für Schimmel, aber ein starker Indikator für die Bedingungen, unter denen Schimmel wächst. Wo es feucht genug für Kellerasseln ist, ist es meist auch feucht genug für Schimmelpilze. Zudem fressen Asseln unter anderem Pilzgeflechte.
Fazit
Die Beziehung zwischen Kellerasseln und Feuchtigkeit ist eine der faszinierendsten Überlebensgeschichten der Natur. Als Krebstiere, die das Meer verlassen haben, wandeln sie auf einem schmalen Grat zwischen Ersticken und Vertrocknen. Ihr geniales Wasserleitsystem, ihre Kiemenatmung und ihr soziales Schwarmverhalten ermöglichen es ihnen, terrestrische Lebensräume zu erobern. Für uns Menschen sind sie dabei nützliche Helfer: Im Garten zersetzen sie totes Material zu wertvollem Humus, und im Haus fungieren sie als sensible Frühwarnsysteme für Feuchtigkeitsschäden. Wenn Sie das nächste Mal eine Assel im Keller sehen, betrachten Sie sie nicht als Schädling, sondern als ein kleines, hochspezialisiertes Krebstier auf der ständigen Suche nach dem rettenden Tropfen Wasser.
Quellenverzeichnis
- Umweltbundesamt: Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. (Abgerufen aus bereitgestellten Dokumenten).
- Bergische Universität Wuppertal / Prof. Dr. Gela Preisfeld: Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. (Abgerufen aus bereitgestellten Dokumenten).
- Animal Diversity Web: Porcellio scaber - Habitat, Physical Description & Behavior. (Abgerufen aus bereitgestellten Dokumenten).
- Devigne C, Broly P, Deneubourg J-L (2011): Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
- Broly P, Mullier R, Deneubourg J-L, Devigne C (2012): Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
- Csonka D, Halasy K, Buczkó K, Hornung E (2018): Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.
- Paoletti MG, Hassall M (1999): Woodlice (Isopoda: Oniscidea): their potential for assessing sustainability and use as bioindicators. Agriculture, Ecosystems and Environment 74: 157–165.