Sie gießen Ihre geliebte Monstera oder den Ficus auf dem Balkon, heben den Übertopf an und plötzlich wuselt es: Kleine, graue, gepanzerte Tierchen flüchten hektisch vor dem plötzlichen Lichteinfall. Kellerasseln im Blumentopf sind für viele Pflanzenfreunde ein Schreckmoment. Der erste Impuls ist oft Ekel oder die Sorge um die Gesundheit der Pflanze. Doch bevor Sie zu chemischen Bekämpfungsmitteln greifen, lohnt sich ein genauerer Blick. Diese faszinierenden Überlebenskünstler aus der Urzeit sind keine Schädlinge im klassischen Sinn, sondern hochspezialisierte Krebstiere, die in der Blumenerde eine ganz bestimmte ökologische Funktion erfüllen. In diesem umfassenden Ratgeber klären wir, warum Ihr Blumentopf das perfekte Mikroklima für Asseln bietet, wann sie für Ihre Pflanzen zum Problem werden könnten und wie Sie die nützlichen Humusbildner sanft und ökologisch sinnvoll umsiedeln.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Insekten: Kellerasseln (Porcellio scaber) gehören zu den Krebstieren und atmen über Kiemen. Sie benötigen zwingend Feuchtigkeit zum Überleben.
- Nützliche Destruenten: Sie ernähren sich primär von abgestorbenem Pflanzenmaterial und Pilzen, wodurch sie wertvollen Humus für Ihre Pflanzen produzieren.
- Indikator für Staunässe: Ein starker Befall im Blumentopf deutet oft darauf hin, dass die Erde zu nass ist oder Wurzelfäule vorliegt.
- Keine Gefahr für gesunde Pflanzen: Nur bei extremem Nahrungsmangel oder massiver Überpopulation knabbern sie feine, lebende Wurzeln an.
- Sanfte Entfernung: Mit einfachen Hausmitteln (wie einer Kartoffelfalle) lassen sich die Tiere fangen und im Garten oder auf dem Kompost aussetzen.

Warum der Blumentopf eine Oase für Kellerasseln ist
Um zu verstehen, warum sich Kellerasseln ausgerechnet in Ihren Pflanzgefäßen ansiedeln, müssen wir uns die Biologie dieser Tiere ansehen. Obwohl sie vor rund 160 Millionen Jahren den Sprung aus dem Meer an Land geschafft haben, sind sie physiologisch immer noch stark an das Wasser gebunden [5]. Im Gegensatz zu Insekten besitzen Landasseln keine schützende Wachsschicht (Kutikula), die sie vor dem Austrocknen bewahrt [4].
Das Mikroklima: Feuchtigkeit als Überlebenselixier
Kellerasseln atmen über Kiemen, die sich an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) befinden. Damit der Sauerstoffaustausch funktioniert, müssen diese Kiemen permanent von einem feuchten Film umgeben sein [5]. In einer normalen, zentralbeheizten Wohnung würden Kellerasseln innerhalb weniger Stunden austrocknen und sterben. Der Blumentopf – insbesondere der Spalt zwischen dem inneren Plastiktopf und dem Übertopf – bietet hingegen ein ideales, feuchtigkeitsgesättigtes Mikroklima. Wenn Sie Ihre Pflanzen gießen, sammelt sich oft Restwasser im Untersetzer. Die Erde bleibt feucht, die Luftfeuchtigkeit in den Hohlräumen der Erde steigt auf nahezu 100 %. Für die Assel ist Ihr Blumentopf also eine lebensrettende Oase in der Wüste Ihres Wohnzimmers.
Nahrungsangebot: Ein Buffet aus abgestorbener Organik
Kellerasseln sind sogenannte Saprophagen und Detritivoren [6]. Das bedeutet, sie ernähren sich von totem, organischem Material. Blumenerde besteht zu einem großen Teil aus Torf, Kompost, Rindenhumus und Holzfasern. Hinzu kommen herabgefallene Blätter der Zimmerpflanze oder feine Wurzeln, die auf natürliche Weise absterben. Für die Kellerassel ist der Blumentopf ein reich gedeckter Tisch. Sie zersetzen dieses Material und machen die darin gebundenen Nährstoffe wieder für die Pflanze verfügbar [5]. In der Natur sind sie unverzichtbare Humusbildner; im Blumentopf übernehmen sie im Grunde dieselbe Funktion im Miniaturformat.
Thigmotaxis und negative Phototaxis: Der Drang nach Dunkelheit und Enge
Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kellerasseln ein stark ausgeprägtes thigmotaktisches Verhalten zeigen [1]. Das bedeutet, sie suchen aktiv den physischen Kontakt zu Oberflächen. Der enge Raum zwischen Wurzelballen und Topfinnenwand befriedigt dieses Bedürfnis perfekt. Zudem weisen sie eine negative Phototaxis auf – sie fliehen vor Licht [1, 6]. Die dunkle Erde im Blumentopf schützt sie nicht nur vor Austrocknung, sondern auch vor potenziellen Fressfeinden. Wenn Sie den Topf anheben, bricht Licht in ihr Versteck, was den typischen Fluchtreflex auslöst.

Sind Kellerasseln schädlich für die Pflanze?
Die wichtigste Nachricht vorab: Kellerasseln sind keine Pflanzenschädlinge im Sinne von Blattläusen oder Spinnmilben. Sie saugen keinen Pflanzensaft und fressen in der Regel keine gesunden, grünen Blätter. Dennoch kann ihre Anwesenheit im Blumentopf problematisch werden, wenn bestimmte Bedingungen eintreten.
Achtung: Wann Asseln zum Problem werden
Wenn die Population der Asseln im begrenzten Raum des Blumentopfs zu groß wird und das Angebot an abgestorbenem Pflanzenmaterial erschöpft ist, können sie aus Nahrungsmangel auf lebendes Gewebe ausweichen. In solchen Fällen knabbern sie feine Haarwurzeln, frisch gekeimte Sämlinge oder bodennahe, weiche Pflanzentriebe an. Dies ist jedoch eine Verzweiflungstat der Tiere und nicht ihr normales Fressverhalten.
Die Assel als Bioindikator für Pflegefehler
Viel relevanter als der direkte Fraßschaden ist das, was die Anwesenheit der Kellerasseln über den Zustand Ihrer Pflanze aussagt. Asseln siedeln sich nur dort in großen Mengen an, wo es dauerhaft sehr feucht ist und wo viel organisches Material verrottet. Ein starker Befall im Blumentopf ist daher oft ein Symptom für Staunässe und beginnende Wurzelfäule. Die Asseln werden von dem fauligen Geruch der verrottenden Wurzeln angelockt und fressen das kranke Gewebe. Wenn Sie also viele Asseln in der Erde finden, sollten Sie dringend das Gießverhalten überprüfen und den Wurzelballen auf Fäulnis kontrollieren.
Das Aggregationsverhalten: Warum sind es immer so viele?
Wer eine Kellerassel im Blumentopf findet, findet meistens gleich zwanzig. Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern eine überlebenswichtige Strategie der Krebstiere. Forschungen zeigen, dass die Aggregation (Gruppenbildung) bei Asseln stark durch soziale Interaktionen und Pheromone gesteuert wird [1, 2].
Durch das Zusammenrotten in dichten Clustern reduzieren die Tiere ihre Gesamtoberfläche im Verhältnis zum Volumen. Dies minimiert den Wasserverlust durch Verdunstung drastisch [1, 3]. Asseln scheiden zudem über ihren Kot Aggregationspheromone aus, die Artgenossen signalisieren: "Hier ist ein sicherer, feuchter Ort mit Nahrungsangebot" [1, 6]. Im begrenzten Habitat eines Blumentopfs führt dies schnell dazu, dass sich alle in der Umgebung befindlichen Asseln genau unter diesem einen Topf oder in dessen Erde versammeln. Studien haben gezeigt, dass solche Aggregationen sehr stabil sind und die Tiere selbst suboptimale Bedingungen in Kauf nehmen, solange sie in der schützenden Gruppe bleiben können [1].

Kellerasseln aus dem Blumentopf entfernen: Sanfte Methoden
Da Kellerasseln nützliche Tiere sind, die im Garten wertvolle Dienste bei der Kompostierung leisten, verbietet sich der Einsatz von Insektiziden oder chemischen Giften. Zudem greifen Insektizide oft nicht, da Asseln Krebstiere sind. Die Entfernung sollte daher immer auf mechanischem oder ökologischem Weg erfolgen.
Methode 1: Die Kartoffel- oder Möhrenfalle
Dies ist die effektivste und schonendste Methode, um Asseln aus einem Blumentopf abzusammeln. Asseln lieben feuchtes, stärkehaltiges Gemüse.
- Schneiden Sie eine rohe Kartoffel oder Möhre in der Mitte durch.
- Höhlen Sie die Schnittfläche leicht aus, sodass eine kleine Kuppel entsteht.
- Legen Sie die Kartoffelhälfte mit der ausgehöhlten Seite nach unten abends auf die Blumenerde.
- Die Asseln werden über Nacht von der Feuchtigkeit und der Nahrung angelockt und versammeln sich unter und in der Kartoffel.
- Am nächsten Morgen können Sie die Kartoffel samt den Asseln anheben und die Tiere im Garten oder auf dem Kompost aussetzen [4].
Methode 2: Umtopfen und Wurzelsanierung
Wenn der Befall massiv ist, ist die Blumenerde meist bereits stark zersetzt oder zu nass. Hier hilft nur ein kompletter Substratwechsel:
- Heben Sie die Pflanze aus dem Topf und schütteln Sie die alte Erde vorsichtig ab.
- Spülen Sie den Wurzelballen bei Bedarf mit lauwarmem Wasser ab, um alle Asseln und deren Eier zu entfernen.
- Kontrollieren Sie die Wurzeln: Schneiden Sie matschige, braune oder faulig riechende Wurzelteile mit einer desinfizierten Schere ab.
- Pflanzen Sie das Gewächs in frische, strukturstabile und gut durchlässige Blumenerde.
- Reinigen Sie den Übertopf gründlich, bevor Sie den Pflanztopf wieder hineinstellen.
Methode 3: Das Mikroklima verändern (Austrocknen)
Da Asseln extrem anfällig für Austrocknung sind [3], können Sie ihnen den Lebensraum im Blumentopf ungemütlich machen. Lassen Sie die oberste Erdschicht zwischen den Wassergaben gut abtrocknen. Gießen Sie die Pflanze für einige Zeit nur von unten (über den Untersetzer) und gießen Sie überschüssiges Wasser nach 20 Minuten konsequent ab. Wenn die Oberfläche der Erde trocken ist, verschwinden die Asseln meist von selbst oder sterben ab, da ihr Wasserleitungssystem nicht mehr funktioniert [5].
Vorbeugung: So bleibt der Blumentopf asselfrei
Damit sich die kleinen Krebstiere gar nicht erst in Ihren Zimmer- oder Balkonpflanzen einnisten, können Sie einige einfache präventive Maßnahmen ergreifen:
- Staunässe vermeiden: Achten Sie auf eine gute Drainage. Verwenden Sie Töpfe mit Abflusslöchern und legen Sie am Boden eine Schicht Blähton an.
- Hygiene auf der Erde: Entfernen Sie herabgefallene, welke Blätter und abgestorbene Pflanzenteile regelmäßig von der Erdoberfläche. So entziehen Sie den Asseln die Nahrungsgrundlage.
- Mineralische Abdeckung: Eine dünne Schicht aus feinem Kies, Sand oder Blähton auf der Blumenerde erschwert den Asseln das Graben und hält die Oberfläche trocken.
- Töpfe aufbocken: Stellen Sie Pflanztöpfe auf dem Balkon oder der Terrasse auf kleine Füßchen (Pot Feet). So kann die Luft unter dem Topf zirkulieren, und es entsteht kein dunkles, feuchtes Versteck.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können sich Kellerasseln aus dem Blumentopf in der Wohnung ausbreiten?
Nein, in der Regel nicht. Normale Wohnräume sind für Kellerasseln viel zu trocken. Sie besitzen keinen Verdunstungsschutz und würden außerhalb des feuchten Blumentopf-Mikroklimas innerhalb kurzer Zeit vertrocknen.
Sind Kellerasseln Insekten?
Nein, Kellerasseln (Isopoda) gehören zu den Höheren Krebsen. Sie haben 14 Beine (7 Beinpaare) und atmen über Kiemen, weshalb sie zwingend auf Feuchtigkeit angewiesen sind.
Fressen Kellerasseln die Wurzeln meiner Pflanzen?
Grundsätzlich ernähren sie sich von totem, organischem Material. Nur bei extremer Überpopulation und Nahrungsmangel im Topf können sie feine, lebende Wurzeln oder Keimlinge anknabbern.
Warum rollen sich die Asseln in meinem Blumentopf nicht zusammen?
Die Fähigkeit, sich bei Gefahr zu einer perfekten Kugel zusammenzurollen, besitzt nur die Rollassel (Armadillidium vulgare). Die häufiger vorkommende Kellerassel (Porcellio scaber) und die Mauerassel können sich nicht einrollen, sondern stellen sich tot oder flüchten.
Sollte ich Insektizide gegen Asseln in der Blumenerde einsetzen?
Auf keinen Fall. Insektizide sind oft wirkungslos, da Asseln Krebstiere sind. Zudem sind sie nützliche Humusbildner. Mechanische Methoden wie Kartoffelfallen oder das Umtopfen der Pflanze sind völlig ausreichend und umweltschonend.
Fazit
Kellerasseln im Blumentopf sind kein Grund zur Panik. Die kleinen Krebstiere sind faszinierende Überlebenskünstler, die in der Natur eine unverzichtbare Rolle bei der Zersetzung von organischem Material spielen. In Ihren Pflanzgefäßen tauchen sie nur auf, wenn sie dort ideale Bedingungen vorfinden: Dunkelheit, ein Überangebot an abgestorbenem Pflanzenmaterial und vor allem ein hohes Maß an Feuchtigkeit. Betrachten Sie die Asseln als nützliche kleine Helfer und Bioindikatoren. Zeigen sie sich in Massen, ist es an der Zeit, das Gießverhalten zu drosseln und die Wurzelgesundheit Ihrer Pflanze zu überprüfen. Mit einfachen Hausmitteln wie der Kartoffelfalle lassen sich die Tiere problemlos einfangen und dorthin bringen, wo sie hingehören und den größten Nutzen entfalten: auf den heimischen Komposthaufen.
Quellenverzeichnis
- Devigne, C., Broly, P., & Deneubourg, J.-L. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE, 6(2), e17389.
- Broly, P., Mullier, R., Deneubourg, J.-L., & Devigne, C. (2012). Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys, 176, 133–144.
- Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., & Hornung, E. (2018). Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys, 801, 481–499.
- Umweltbundesamt. Kellerassel: Aussehen und Vorkommen. Abgerufen von https://www.umweltbundesamt.de/kellerassel
- Preisfeld, G. (2025). Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Bergische Universität Wuppertal. Abgerufen von https://www.uni-wuppertal.de/de/third-mission/wissenschaftskommunikation/transfergeschichten/2025/kellerasseln/
- Animal Diversity Web. Porcellio scaber. University of Michigan. Abgerufen von https://animaldiversity.org/accounts/Porcellio_scaber/