Wer einen Blumentopf anhebt, einen alten Holzscheit umdreht oder im Herbstlaub gräbt, kennt das Bild: Dutzende kleiner, grauer, gepanzerter Tierchen wuseln hektisch durcheinander und suchen Schutz in der Dunkelheit. Für viele Gartenbesitzer und Hausbewohner ist der erste Impuls oft Ekel oder der Griff zum Besen. Doch bevor Sie die kleinen Krabbler aus Ihrem Garten verbannen, stellt sich eine essenzielle ökologische Frage: Sind Kellerasseln nützlich? Die Antwort der Wissenschaft ist ein klares und unmissverständliches Ja. Weit entfernt davon, Schädlinge zu sein, sind Kellerasseln (Porcellio scaber) hochkomplexe, an das Landleben angepasste Krebstiere, die in unseren Ökosystemen unverzichtbare Dienstleistungen erbringen. Ohne sie würden unsere Gärten im eigenen Abfall ersticken.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Insekten: Kellerasseln gehören zu den Krebstieren (Crustacea) und atmen über Kiemen sowie spezielle Tracheenlungen.
- Perfekte Recycler: Als sogenannte Destruenten zersetzen sie totes organisches Material (Laub, Holz) und sind maßgeblich an der Humusbildung beteiligt.
- Lebende Messstationen: Sie speichern Schwermetalle in ihrem Körper und dienen der Wissenschaft als Bioindikatoren für die Bodenqualität.
- Wichtige Nahrungsquelle: Für Igel, Vögel, Spitzmäuse und spezialisierte Spinnenarten sind sie eine essenzielle Beute.
- Völlig harmlos: Sie übertragen keine Krankheiten, beißen nicht und richten an lebenden, gesunden Pflanzen keinen nennenswerten Schaden an.

Die ultimativen Recycler: Warum Kellerasseln im Garten unverzichtbar sind
Um zu verstehen, warum Kellerasseln nützlich sind, muss man sich ihre Rolle im Nahrungsnetz ansehen. In der Ökologie werden sie als Destruenten (Zersetzer) eingestuft [2]. Während Pflanzen Biomasse aufbauen (Produzenten) und Tiere diese fressen (Konsumenten), sind es die Destruenten, die den Kreislauf schließen. Ohne sie würden sich abgestorbene Pflanzenteile, Totholz und Falllaub meterhoch türmen.
Meister der Zellulose-Verdauung
Die Hauptnahrung der Kellerassel besteht aus abgestorbener organischer Substanz, sogenanntem Detritus. Dazu gehören morsches, oft mit Pilzen befallenes Holz, verrottende Blätter und andere pflanzliche Abfälle [1]. Pflanzliches Material besteht zu einem großen Teil aus Zellulose und Lignin – Stoffe, die für die meisten Tiere extrem schwer verdaulich sind. Die Kellerassel hat dieses Problem durch eine faszinierende Symbiose gelöst: In ihrem Verdauungstrakt (genauer im Hepatopankreas) leben endosymbiontische Bakterien (wie Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis), die ihr bei der Aufspaltung dieser zähen Pflanzenfasern helfen [3].
Koprophagie: Warum Asseln ihren eigenen Kot fressen
Ein Verhalten, das auf den ersten Blick abstoßend wirken mag, unterstreicht die extreme Effizienz dieser Tiere: Kellerasseln sind koprophag, das heißt, sie fressen ihren eigenen Kot [3]. Dies hat zwei entscheidende Gründe:
- Maximale Nährstoffausbeute: Beim ersten Durchlauf durch den Darm wird pflanzliches Material oft nur unzureichend zersetzt. Durch den erneuten Verzehr, angereichert mit Mikroorganismen aus dem Boden, können die Asseln verbliebene Nährstoffe restlos extrahieren [2].
- Kupfer-Recycling: Im Gegensatz zu Wirbeltieren, deren Blut auf Eisen basiert (Hämoglobin), nutzen Krebstiere wie die Assel Hämocyanin zum Sauerstofftransport. Hämocyanin benötigt Kupfer. Da Kupfer in terrestrischen Lebensräumen oft Mangelware ist, recyceln die Asseln dieses lebenswichtige Spurenelement durch den Verzehr ihrer eigenen Ausscheidungen [3].
Praxis-Tipp für den Kompost
Wenn Sie einen Komposthaufen im Garten haben, sind Kellerasseln Ihre besten Mitarbeiter. Sie zerkleinern das grobe Material mechanisch und vergrößern so die Oberfläche für Bakterien und Pilze. Ihr Kot ist extrem nährstoffreich und bildet die Grundlage für feinsten, fruchtbaren Humus. Finden Sie Asseln im Haus, setzen Sie diese am besten direkt auf dem Kompost aus [1].
Bioindikatoren: Was Kellerasseln über unsere Umwelt verraten
Die Nützlichkeit der Kellerassel beschränkt sich nicht nur auf die Humusbildung. In der modernen Umweltforschung und Ökotoxikologie spielen sie eine herausragende Rolle als Bioindikatoren. Wissenschaftler nutzen sie, um die Belastung von Böden mit Schadstoffen, insbesondere Schwermetallen, zu messen [2].
Lebende Schadstoffspeicher
Kellerasseln haben die bemerkenswerte Eigenschaft, Schwermetalle wie Zink, Blei, Cadmium und Kupfer in extrem hohen Konzentrationen in ihrem Körper anzureichern, ohne daran sofort zu sterben. Etwa 90 % aller Metallionen, die eine Assel aufnimmt, werden in speziellen Vesikeln (Lysosomen) im Hepatopankreas (der Mitteldarmdrüse) isoliert und unschädlich gemacht [2].
Dieser Mechanismus ist eigentlich ein evolutionäres Relikt: Um auf dem Land zu überleben und ihren Chitinpanzer zu härten, müssen Asseln Kalzium aus der Nahrung extrem effizient speichern. Das System, das Kalzium aus der Nahrung filtert und speichert, greift jedoch auch bei toxischen Schwermetallen. Für Forscher ist dies ein Glücksfall: Anstatt aufwendige chemische Bodenanalysen durchzuführen, können sie die Schadstoffbelastung eines Areals (z. B. in Industriegebieten oder an Straßenrändern) bestimmen, indem sie die Schwermetallkonzentration in den dort lebenden Kellerasseln analysieren [3].
Ein unverzichtbares Glied in der Nahrungskette
Ein Ökosystem funktioniert nur, wenn Energie von einer Ebene zur nächsten weitergegeben wird. Kellerasseln wandeln schwer verdauliches Totholz in hochwertiges tierisches Protein um. Damit bilden sie die Nahrungsgrundlage für unzählige andere Tierarten.
Zu ihren natürlichen Fressfeinden gehören [2, 3]:
- Spitzmäuse und Igel: Für diese insekten- und kleintierfressenden Säugetiere sind Asseln eine leichte und nahrhafte Beute.
- Vögel: Viele Bodenbrüter und Singvögel suchen im Laub nach den kleinen Krebstieren.
- Amphibien und Reptilien: Kröten, Frösche und Eidechsen verschmähen eine vorbeikrabbelnde Assel nicht.
- Spezialisierte Spinnen: Ein faszinierendes Beispiel ist der Große Asseljäger (Dysdera crocata). Diese Webspinne hat extrem verlängerte und stark gebogene Kieferklauen (Cheliceren), die speziell dafür evolutionär geformt wurden, den harten Chitinpanzer der Kellerassel zu durchdringen [3]. Ohne Asseln könnte diese Spinnenart nicht überleben.
Faszinierende Biologie: Wie Krebse das Land eroberten
Um zu verstehen, warum Kellerasseln genau dort nützlich sind, wo sie sich aufhalten (in feuchtem Laub, unter Steinen, im Kompost), muss man ihre evolutionäre Herkunft betrachten. Asseln (Isopoda) sind die einzige Gruppe der Krebstiere, die den Schritt vom Meer auf das trockene Land dauerhaft und in großer Artenvielfalt (weltweit ca. 10.000 Arten, davon 49 in Deutschland) geschafft hat [2]. Dieser Landgang erforderte extreme physiologische und verhaltensbiologische Anpassungen.
Atmung: Kiemen und Lungen zugleich
Kellerasseln atmen primär immer noch über Kiemen, die an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) sitzen. Kiemen funktionieren jedoch nur, wenn sie feucht sind. Um an Land nicht zu ersticken, hat die Kellerassel ein geniales Wasserleitsystem entwickelt. Eine Drüse am Kopf sondert ein Sekret ab (vergleichbar mit Urin), das über feine Rinnen am Körper zu den Kiemen geleitet wird. Das im Sekret enthaltene giftige Ammoniak verdunstet auf dem Weg, und das gereinigte Wasser befeuchtet die Kiemen [2]. Zusätzlich besitzen heimische Kellerasseln sogenannte Tracheenlungen (weiße Flecken am Hinterleib), mit denen sie Sauerstoff direkt aus der Luft aufnehmen können [2, 3].
Schutz vor Austrocknung: Warum sie sich zusammenrotten
Das größte Problem der Kellerassel an Land ist die Austrocknung (Desikkation). Im Gegensatz zu Insekten fehlt ihrem Chitinpanzer eine isolierende Wachsschicht [1]. Die Dicke der Kutikula (des Panzers) spielt zwar eine Rolle beim Schutz vor Wasserverlust [6], reicht aber allein nicht aus. Daher sind Asseln stark an dunkle, feuchte Mikroklimata gebunden (negative Phototaxis) [3].
Ein weiterer genialer Überlebensmechanismus ist ihr Sozialverhalten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kellerasseln ein starkes Aggregationsverhalten (Gruppenbildung) aufweisen. Durch Pheromone im Kot und direkte soziale Interaktion (Thigmokinese – die Beruhigung bei Körperkontakt) rotten sie sich in dichten Gruppen zusammen [4, 5]. In der Mitte eines solchen Assel-Haufens entsteht ein Mikroklima mit deutlich höherer Luftfeuchtigkeit, was den Wasserverlust des Einzelnen drastisch reduziert [4]. Dieses Verhalten erklärt, warum man unter einem Stein meist nicht eine, sondern gleich Dutzende Asseln findet.
Die Aquariengebärstube (Marsupium)
Auch die Fortpflanzung zeigt den Spagat zwischen Wasser und Land. Weibliche Kellerasseln bilden nach der Häutung eine flüssigkeitsgefüllte Bauchtasche (Marsupium) zwischen den Laufbeinen aus. In diesem "tragbaren Aquarium" entwickeln sich die Eier und die ersten Larvenstadien (Mancae), geschützt vor der trockenen Landluft [2, 3].
Kellerasseln im Haus: Ein Warnsignal, kein Schädlingsbefall
Trotz all ihrer Nützlichkeit im Garten löst das Auftauchen von Kellerasseln in den eigenen vier Wänden oft Panik aus. Hier gilt es, Ruhe zu bewahren. Kellerasseln sind keine Schädlinge im klassischen Sinn. Sie fressen keine intakten Lebensmittelvorräte an, zerstören keine Möbel, stechen nicht und übertragen keine Krankheiten für den Menschen.
Wenn Sie vermehrt Kellerasseln im Haus (meist im Keller, Bad oder Waschraum) finden, sollten Sie dies als nützliches Warnsignal der Natur verstehen. Da Asseln zwingend eine hohe Luftfeuchtigkeit zum Überleben und Atmen benötigen, deutet ihr dauerhaftes Überleben in Innenräumen auf ein Feuchtigkeitsproblem hin. Oft sind undichte Rohre, mangelnde Lüftung oder aufsteigende Feuchtigkeit im Mauerwerk die Ursache. Behebt man das Feuchtigkeitsproblem, verschwinden die Asseln von ganz allein, da sie in trockener Heizungsluft schnell vertrocknen würden.
Was tun mit Asseln im Haus?
Verzichten Sie auf chemische Insektizide (die ohnehin oft schlecht gegen Krebstiere wirken). Fegen Sie die Tiere einfach auf ein Kehrblech oder fangen Sie sie mit einem Glas ein und setzen Sie sie nach draußen ins feuchte Laub oder auf den Kompost. Dort können sie ihre nützliche Arbeit als Humusbildner fortsetzen [1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind Kellerasseln nützlich oder schädlich?
Kellerasseln sind extrem nützlich. Sie zersetzen totes Pflanzenmaterial und Totholz, wandeln es in wertvollen Humus um und dienen als wichtige Nahrungsquelle für Vögel, Igel und Spitzmäuse. Sie sind keine Schädlinge.
Sind Kellerasseln Insekten?
Nein, Kellerasseln gehören zu den Krebstieren (Crustacea). Sie sind die einzige Gruppe der Krebse, die sich dauerhaft an ein Leben an Land angepasst hat. Sie besitzen 14 Beine (7 Paare), während Insekten nur 6 Beine haben.
Können Kellerasseln beißen oder Krankheiten übertragen?
Nein, Kellerasseln sind für Menschen und Haustiere völlig harmlos. Sie können nicht beißen, stechen nicht und übertragen keine für den Menschen gefährlichen Krankheitserreger.
Warum fressen Kellerasseln ihren eigenen Kot?
Dieses Verhalten (Koprophagie) dient der maximalen Nährstoffausbeute. Da pflanzliche Kost schwer verdaulich ist, extrahieren sie beim zweiten Durchgang restliche Nährstoffe und recyceln lebenswichtiges Kupfer für ihren Sauerstofftransport im Blut.
Was bedeutet es, wenn ich Kellerasseln in der Wohnung habe?
Da Kellerasseln über Kiemen atmen, benötigen sie zwingend eine hohe Luftfeuchtigkeit. Ein dauerhaftes Auftreten im Haus ist ein starker Indikator für ein Feuchtigkeitsproblem (z.B. undichte Rohre oder Schimmelgefahr) in den entsprechenden Räumen.
Fazit: Respekt für die kleinen Landkrebse
Die Frage "Sind Kellerasseln nützlich?" lässt sich abschließend nur mit höchster Anerkennung für diese Tiere beantworten. Als Überlebenskünstler, die den Sprung aus dem Meer in unsere Gärten geschafft haben, leisten sie Schwerstarbeit. Sie räumen auf, produzieren fruchtbare Erde, binden Schadstoffe und ernähren eine Vielzahl anderer Gartentiere. Wer einen naturnahen, gesunden Garten pflegen möchte, sollte sich über jede Assel unter dem Blumentopf freuen. Wenn Sie das nächste Mal eine Kellerassel sehen, betrachten Sie sie nicht als Ungeziefer, sondern als das, was sie wirklich ist: ein winziger, hochgradig nützlicher Krebs, der unermüdlich für das ökologische Gleichgewicht arbeitet.
Wissenschaftliche Quellen
- Umweltbundesamt (UBA): Die Kellerassel - Aussehen und Vorkommen.
- Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen.
- Animal Diversity Web (University of Michigan): Porcellio scaber (Common rough woodlouse).
- Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011): Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
- Broly, P., Mullier, R., Deneubourg, J.-L., Devigne, C. (2012): Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
- Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., Hornung, E. (2018): Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.